Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
18.04.2018 Von: Pia Meier, Lorenz Steinmann

Züriberg, Zürich 2, Zürich Nord, Zürich West

«Ich beginne eine Ausbildung zum Mediator»


Stadtrat Andres Türler will Mediator werden.

Stadtrat Andres Türler (60) tritt nach 16 Jahren als Vorsteher der industriellen Betriebe zurück. Er erklärt, warum er nie Stadtpräsident werden wollte, was er als FDP-Vertreter gut findet am staatlichen Glasfasernetz – und dass er wohl eine Beratungsfirma gründen wird.

Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Rücktritt von Andres Türler aus dem Stadtrat. Diese Woche wurde er im Gemeinderat offiziell verabschiedet. In aufgeräumter Stimmung stellte sich der Höngger vergangenen Freitag den Fragen der Lokalinfo.

Andres Türler, Sie sind in Quebec in Kanada geboren. Kehren Sie nun dorthin zurück?
Meine Mutter kommt aus Kilchberg, mein Vater aus Zollikon. Aber kennen gelernt haben sie sich im Schweizerverein in Kanada. Mein Erinnerungswert an Kanada ist aber tief, ich lebte nur die ersten drei Lebensmonate dort. Dann kamen wir auf dem Seeweg in die Schweiz.

Ist die Chance demnach klein, dass Sie nach Kanada auswandern?
Die Chance ist gleich null. Ich war schon in meinem Beruf vor dem Stadtrat an die Schweiz gebunden – als Staatsanwalt.

Wie sieht es denn nach dem Rücktritt aus? Man munkelt, dass Sie sich selbstständig machen werden?
Ich bin als Stadtrat auch schon selbstständig (lacht). Seit 16 Jahren bin ich an der Schnittstelle von Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Früher hörte ich auf ältere, erfahrene Kollegen, und heute werde ich immer mehr angefragt, um zu Problemlösungen beizutragen. Das möchte ich auch nach meinem Rücktritt machen.

Haben Sie auch Mandate in Aussicht?
Einigermassen sicher ist, dass ich Präsident der Schützengesellschaft der Stadt Zürich werde. Immerhin ein KMU. Zudem steht die aufwendige Renovation des denkmalgeschützten Schützenhauses Albisgütli an.

Was machen Sie mit der kommenden Freizeit?
Ich werde eine Ausbildung zum Mediator beginnen, ich möchte die Seite wechseln und wieder einmal etwas lernen. Als Mediator hoffe ich, zu Problemlösungen beizutragen. Und: Ich habe zu Hause eine bestens eingerichtete Holzwerkstatt. Ich arbeite sehr gerne mit den Händen, hatte bisher einfach zu wenig Zeit.

Zu Ihrer Karriere als Stadtrat. Gewählt wurden Sie 2002 im 2. Wahlgang.
2002 profitierte ich von der Konstellation, da drei Stadträte zurücktraten: Küng, Estermann und Wagner. Ich holte damals den dritten Sitz für die FDP – den «Bambeli-Sitz», der zwischen der FDP, den Grünen und der CVP hin- und herpendelt.

Vor vier Jahren erhielten Sie dann am meisten Stimmen. Warum dieser Erfolg?
Man sollte sich nicht zu viel darauf einbilden. Wenn man bei den Wahlen nicht gerade durchgereicht wird und die Wiederwahl nur knapp schafft, ist der Rang irrelevant. Es zahlt sich bestimmt aus, dass ich stets versucht habe, ehrliche und seriöse Arbeit abzuliefern.

16 Jahre sind Sie Stadtrat. Unser erster Gedanke: Das Tram Zürich-West war ein Riesenerfolg, die geplante Verschiebung des Trams 2 ein Flop.
Es ist Realpolitik, ich empfand es nie als Niederlage, dass die Verbindung zum Bahnhof Altstetten nicht gebaut wird. Dass der «Zweier» nun keine Anbindung hat an den Bahnhof Altstetten, finde ich nach wie vor falsch. Es gab ein paar Lokalmatadoren, die ihr Revival hatten. So wird der Bahnhof Altstetten spätestens mit dem Tram Nr. 1 via Hohlstrasse mit der Innenstadt verbunden.

Der Ersatz des Trams 2000 durch das Flexitytram von Bombardier stand unter keinem guten Stern. Nun wird das Tram in Wien produziert und per Lastwagen nach Zürich gekarrt. Ist das nicht irgendwie typisch für den Fehlentscheid?
(Seufzt). Wir bekamen bei der Submissionsbeschwerde zu 100 Prozent recht. Wir waren aber die Leidtragenden, weil der Rechtsweg beschritten wurde. Das brauchte viel Zeit. Dass die Trams im Ausland produziert werden, darauf hatten wir keinen Einfluss. Und wie die Lieferung ausschaut, ist noch offen, da haben wir ebenfalls keinen Einfluss.

Sie wollten aus dem EWZ 2016 eine öffentlich-rechtliche Anstalt machen und scheiterten im Gemeinderat klar, nachdem das Volk schon im Jahr 2000 Nein sagte zu einer Privatisierung. Warum die Zwängerei?
Es ging nie um eine Privatisierung, aber wir sind in die ideologische Falle getrampt. Das EWZ muss mit den neuen Regulierungen flexibel handeln können. Mittlerweile sind zwei Drittel des von EWZ abgesetzten Stroms auf dem freien Markt. So müssen wir mit Krücken weitermachen wie etwa mit dem 200-Millionen-Rahmenkredit für erneuerbare Energie, zu dem das Volk vor kurzem Ja sagte.

Wieso Krücken?
Bei einer öffentlich-rechtlichen Anstalt sitzen fachlich qualifizierte Leute in der Führung. So aber muss der Stadtrat entscheiden, der nach andern Kriterien gewählt wurde. Aber der Gemeinderat hat die Vorlage ja nicht abgelehnt, er ist lediglich darauf nicht eingetreten. Das heisst, man könnte sie wieder aus der Schublade nehmen.

Beim erneuerbaren Stromangebot leisteten Sie Pionierarbeit.
Wir legten in der Stadt Zürich die Energiepolitik vor, die nun die Schweiz verfolgt. Wir waren schweizweit die Ersten, die erneuerbaren Strom verkauften. Zuerst sagten alle, wir spinnen. Heute machen das alle so.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des Strompreises ein?
Im Moment steigt er leicht. Meine These: Man setzt künftig viel mehr auf dezentrale Stromerzeugung, zum Beispiel auf den Dächern. Es wird zudem alles flexibler mit viel mehr IT-Komponenten. Für uns Kleinkunden wird es einmal sein wie mit dem Handy. Wir zahlen eine Art Versicherungsprämie, dass wir immer Strom haben. Denn teuer ist das Netz, nicht der Strom.

Trotz den Stromsparbemühungen bleibt die Verankerung der 2000- Watt-Gesellschaft in der Gemeindeordnung doch nur ein PR-Vehikel und ist nie erreichbar.
Sicher nicht! Wer sich nicht auf den Weg macht, kommt auch nicht ans Ziel. Die Frage ist nur noch, wann wir es erreichen. Beim Strom sind wir sauber auf dem Absenkpfad. Ein Problem sind die überalterten Häuser mit fehlender Isolation. Die beste Kilowattstunde ist jene, die man nicht gebraucht hat. Auch gut sind CO2-neutrale Energien wie Biogas und Erdwärme.

Das Glasfasernetz von EWZ ist ein Erfolg. Aber es widerspricht dem liberalen Gedanken, dass der Markt es richten soll. Private können das ebenso gut.
Für mich gehört das Glasfasernetz in die Hand der Allgemeinheit wie Wasser- und Stromleitungen, der öffentliche Verkehr und das Strassennetz, denn es ist eine volkswirtschaftlich wichtige Infrastruktur. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Die Nutzung überlassen wir im Gegensatz zu anderen Stadtwerken wie Bern den Privaten. Auf dem Netz muss der Wettbewerb stattfinden.

Sie waren immer Vorsteher der Industriellen Betriebe. War dies eigentlich Ihr Wunschdepartement?
Ich war 2002 der jüngste neue Stadtrat, hatte das tiefste Resultat und musste nehmen, was übrig blieb. Ich hatte keine Ahnung vom DIB. Ich finde, das ist eine gute Voraussetzung.

Es gilt nicht als Prestigedepartement.
Als Stadtrat sollte man Generalist und nicht besserer Verwaltungsmitarbeiter sein. Man muss den Blick fürs Ganze haben.

Und die Option Stadtpräsidium? Von Ihrer offenen Art her könnten Sie Corine Mauch locker das Wasser reichen, oder?
Die politische Mehrheit im Stadtrat muss auch das Präsidium stellen, Punkt. Es wäre doch höchst unglaubwürdig, wenn die Minderheit nach den Stadtratssitzungen die Mehrheitsmeinung vertreten müsste. So war das nie ein Thema für mich.

Mussten Sie sich wegen des Kollegialitätsprinzips oft zurücknehmen?
Wer als Stadtrat in einem wichtigen Thema eine abweichende Meinung vertreten will, muss dies anmelden – für den Fall, dass er von den Medien gefragt wird. Aber ich bin nie gefragt worden (lacht).

Fühlten Sie sich nie einsam?
Nein. Aber: Man kann nie die reine Lehre durchbringen. So waren wir immer ein geschlossen auftretendes Team, trotz den vielen Einzelmasken, die in ihren Parteien gross wurden. Das war in den 1990er-Jahren noch anders, als die Stadträte öffentlich gegeneinander stritten. Damals ging es der Stadt schlecht. Man denke zum Beispiel an die Bau- und Zonenordnung BZO, die Finanzen oder die Drogenpolitik.

Und die Initiative 7 statt 9 Stadträte?
(Verwirft die Hände). Da bin ich total dagegen. Sonst haben wir Zustände wie im Bundesrat, der zeitlich keine Möglichkeit hat, sich in Sachgeschäfte zu vertiefen. Deshalb braucht es dort viele Verwaltungsmitarbeitende.

Was würde denn ändern?
In Zürich würde sieben statt neun Stadträte nur funktionieren, wenn sich die Stadtverwaltung auf das beschränken könnte, was hoheitlich vorgeschrieben ist. Nicht mehr dabei wären dann etwa die Spitäler und eine Reihe von weiteren Werken und Dienstabteilungen. Ohne diese Reduktion braucht es analog wie zum Beispiel beim Bund viele zusätzliche Verwaltungsmitarbeitende.

Es heisst, dass Sie gegen das neue Fussballstadion sind.
(Runzelt die Stirn) Meine persönliche Meinung äussere ich nicht öffentlich. Ich vertrete die Stadtratsmeinung gemäss dem Kollegialitätsprinzip.

Und nach Ihrem Rücktritt?
Ich werde nicht den Fehler machen, mich nach meinem Rücktritt in Stadtratsgeschäfte einzumischen, mit Kolumnen oder so. Ich habe es auf der Latte, wenn alte Chläuse jenen reinreden wollen, die in der Verantwortung und am Ruder sind.



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