Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
26.04.2018 Von: Annina Just

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

«Wir haben bewiesen, dass es funktioniert»


Der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger war mit seinen Kadermitarbeitern Esther Arnet und Jürg Christen (v.l.) letzte Woche in Küsnacht zu Gast. Moderiert und organisiert wurde der Anlass zur Sanierung der Bellerivestrasse von Pia Guggenbühl (ganz rechts). Foto: Annina Just

Dass die Sanierung der Bellerivestrasse im Jahr 2020 starten kann, ist höchst unwahrscheinlich. Trotzdem versuchte der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger letzte Woche an der Goldküste, die Angst vor einem Verkehrschaos zu mindern – gelungen ist dies nur halbwegs.

«Ich hoffe, du bist an diesem wunderschönen Abend mit dem Schiff gekommen », meinte Pia Guggenbühl (FDP), neu gewählte Küsnachter Gemeinderätin und Organisatorin des Anlasses, zu Filippo Leutenegger (FDP), als sie den Zürcher Stadtrat letzte Woche in Küsnacht begrüsste. Dieser verneinte und kam schnell aufs Thema zu sprechen. «Die Bellerivestrasse macht Bauchweh», so der Tiefbauvorsteher der Stadt Zürich. Doch das Schiff wurde auch später wieder zum Thema: Ob man während der Bauzeit auf eine Fähre zwischen Wollishofen und Tiefenbrunnen ausweichen kann, wieso ein Seetunnel keine Diskussion ist und ob es Schleichwege durchs Seefeld geben wird, dies waren nur einige der Fragen, die im weiteren Verlauf des Abends beschäftigten.

«Autobahneffekt»
Wann die geplante 64-Millionen-Franken teure Sanierung der Bellerivestrasse effektiv stattfinden kann, ist indes noch ziemlich unklar. Der ursprünglich geplante Baustart im Sommer 2019 wurde bereits um ein Jahr vorschoben. Und Leutenegger sagte letzten Donnerstag in Küsnacht: «Ich glaube nicht, dass es 2020 sein wird.»
Elf Einsprachen sind während der Planauflage eingegangen. Ausserdem hat der Zürcher Gemeinderat dem Stadtrat eine Motion der GLP überwiesen, die eine Ausarbeitung eines wechselseitigen Verkehrsregimes auf drei Spuren und einer breiten Veloroute auf der vierten Spur verlangt. «Wir müssen diese nun ausarbeiten. Das heisst aber nicht, dass der Kanton diese Variante umsetzten will», erklärte Leutenegger. Vorerst legte er in Küsnacht aber ausführlich dar, weshalb eine Sanierung der Bellerivestrasse nötig ist und wie diese ablaufen soll. Der dringendste Sanierungsposten ist die Kanalisation. Neben der Sanierung der Entwässerungsanlage, der Werkleitungen und des Strassenbelags sollen auch der Zugang zum See und der Hochwasserschutz im Bereich des Hornbachs verbessert werden sowie das Lehnenviadukt im Tiefenbrunnen instand gestellt werden. Ausserdem sollen 82 Liegenschaften Schallschutzfenster erhalten und zwischen Hornbachstrasse 2 und Bellerivestrasse 181 sowie Bellerivestrasse 181 und 189 werden Lärmschutzwände gebaut.
Geplant ist nun, dass der Verkehr während der Bauzeit auf zwei Spuren fliesst, die dritte Spur wird zur Baustelleninstallation genutzt, auf der vierten wird gebaut. «Mit intensivster Bauweise im Zwei- und Dreischichtbetrieb dauern die Arbeiten drei Jahre», hielt Leutenegger fest. Esther Arnet, Direktorin der Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich, erklärte den knapp 50 Interessierten in der Folge das geplante Verkehrsregime im Detail. Demnach soll durch die Reduktion von Fussgängerquerungen und Abbiegern ins Seefeld die Kapazität der heute vierspurigen Strasse erhalten bleiben. Gleichzeitig sei auch die Erschliessung des Quartiers jederzeit sichergestellt. Arnet: «Trotzdem wird es eine schwierige Zeit für alle.»

Keine schwimmende Brücke
Wie Jürg Christen, Projektleiter in der Dienstabteilung Verkehr, erklärte, liegt die Kapazität dieses Verkehrsregimes in der Theorie bei 1800 Fahrzeuge pro Stunde, in der Praxis bei etwa 1600 Fahrzeugen. Christen: «Mit Spitzenzahlen von 1400 Fahrzeugen pro Stunde auf der Bellerivestrasse haben wir noch immer etwas Reserve.» Die Fragen nach Alternativrouten würden sich Automobilisten daher gar nicht stellen müssen, zeigten sich die drei Vertreter des Tiefbauamts überzeugt. Denn auf den verbleibenden Spuren soll der «Autobahneffekt» greifen, wie Leutenegger es ausdrückte. Mit grünen Wellen und weniger Hindernissen soll der Verkehr zügig fliessen.
Nicht allen Anwesenden schien das plausibel. «Das ist absolut blauäugig und völlig unrealistisch», meinte ein Zuhörer und wies darauf hin, dass man schon heute täglich im Stau stehe. Leutenegger konterte damit, dass ein ähnliches Konzept bereits bei der Sanierung des Bellevues angewendet worden sei. «Dort haben wir bewiesen, dass es funktioniert», so der Zürcher Stadtrat. Und Verkehrsexperte Christen legte dar, dass die eigentliche Stauwurzel ohnehin beim Bürkliplatz liege. «Wir haben den Anspruch, auf dem gleichen Niveau wie heute zu bleiben und im Baustellenbereich kein zusätzliches Staupotenzial zu verursachen. » Heisst in etwa: Das Ziel ist nicht kein Stau, sondern nicht mehr Stau als heute.
Im weiteren Verlauf erklärte Leutenegger die Idee einer schwimmenden Pontonbrücke, die vor allem Moderatorin Guggenbühl zu begeistern schien, erneut für tot. Mit Zusatzkosten von 20 Millionen Franken ist sie zu teuer. Diese Variante sei ohnehin nur in Betracht gezogen worden, wenn während der Bauzeit nur eine Spur verfügbar gewesen wäre, erklärte der Tiefbauvorsteher. Ebenfalls keine realistische Option stelle ein Fährbetrieb zwischen Wollishofen und Tiefenbrunnen dar. «Das wäre zwar schön, aber die Nachfrage ist zu gering. » Dies wisse man aus regelmässigen Befragungen, sagte der Stadtrat. Die Betreiber der Fähre zwischen Meilen und Horgen hätten hingegen eine Erhöhung des Takts in Aussicht gestellt. Und auch den Ausbau von ZVV-Verbindungen stellte der FDP-Politiker auf Nachfrage eines Zuhörers in Aussicht. «Wäre es nicht der Moment für eine grössere Lösung, wie den Seetunnel? », wollte eine andere Zuhörerin wissen. Die sei eine Idee, die wohl Träumerei bleibt – für ein solches Milliarden- Projekt fehle der politische Wille, stellte Leutenegger klar.

Begehrlichkeiten verknüpft
Neben der Verkehrsführung wurde aber auch Skepsis geäussert gegenüber den Plänen von links-grünen Stadtpolitikern für die Ziele nach der Sanierung. «Die Hauptsorge ist für mich, wie es nachher weitergeht», meinte etwa die Küsnachter Gemeinderätin Ursula Gross Leemann (FDP). Wenn die Bellerivestrasse zugunsten von Velowegen um eine bis zwei Spuren reduziert würde, sei die Goldküste noch mehr abgeschnitten. Sie erinnerte daran, dass der Bezirk Meilen schon heute keinen Zugang zum Nationalstrassennetz habe. «Und nun will man uns auch nicht mehr durchlassen», so die abtretende Küsnachter Finanzvorsteherin. Stadtrat Leutenegger pflichtete ihr bei: «Da haben wir tatsächlich ein Problem.» Er sei ursprünglich davon ausgegangen, dass es sich um ein reines Sanierungsprojekt handle, nun seien aber andere Begehrlichkeiten damit verknüpft worden.
Insbesondere die Motion der GLP könnte das ganze Projekt um mehrere Jahre verzögern. Der Stadtrat muss nun in spätestens zwei Jahren einen Projektierungskredit für einen dreijährigen Pilotversuch vorlegen. Kommt das Projekt zur Ausarbeitung, beginnt der institutionelle Prozess wieder von vorne. «Wenn das politisch durchgezogen wird, dann passiert noch in sechs Jahren nichts», so Leutenegger. Ob er dann noch Tiefbauvorsteher ist, ist allerdings mehr als fraglich. Zwar äusserte Moderatorin Guggenbühl den Wunsch, dass der FDP-Politiker in «diesem Schlüsseldepartement» verbleibt, doch mit der Neukonstituierung des Stadtrats könnte schon in den nächsten Wochen ein Führungswechsel im Tiefbau anstehen. Die Neo-Stadträtin Karin Rykart wird dabei als wahrscheinlichste Leutenegger- Nachfolgerin gehandelt. Und ob die Grünen-Politikerin ein Ohr für die Sorgen der Goldküsten-Autofahrer hat, ist eine Frage mehr, die momentan offensteht.



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