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16.05.2018 Von: Sabrina von Elten

Züriberg

Wie «La stanza di Zurigo» nach Venedig kam


Maler Zoran Music bei der Arbeit in Zollikon. Fondazione Musei Civici di Venezia

Wie kommt die Ausmalung eines Kellerzimmers einer Zolliker Villa in einen Palazzo in Venedig? Eine Ausstellung im Palazzo Fortuny lässt das Zürcher Gesamtkunstwerk des Malers Zoran Music aus dem Jahr 1949 wieder auferstehen.

Der Palazzo Fortuny liegt ein wenig versteckt am Campo San Beneto in Venedig. Bevor dieser eindrucksvolle venezianische Palast aus dem 15. Jahrhundert 1956 in ein Museum verwandelt wurde, war er das Wohnhaus und gleichzeitig Atelier eines exzentrischen Künstlers und Erfinders mit dem Namen Mariano Fortuny. Im Obergeschoss des Palazzos sind seine Stoffe, Lampen, Theatermodelle, Sammlungs- und Einrichtungsgegenstände zu sehen. In diesem Kontext eingebettet ist die Ausstellung mit dem Titel «La stanza di Zurigo» des slowenisch-italienischen Künstlers Zoran Music (1909–2005).

Poesie der Stille
Das gleissende Licht Venedigs ist im Palazzo Fortuny ausgesperrt. An die schummrige Atmosphäre des ungewöhnlichen Museums müssen sich die Augen des Besuchers erst gewöhnen, wenn er die Ausstellung des Künstlers Zoran Music besucht. Dunkle Deckenbalken, rotes Ziegelmauerwerk, kleinformatige Bilder an den Wänden und in der Mitte ein grosser grauer Kubus, in dessen Innern die Ausmalung des «Zürcher Zimmers» von 1949 rekonstruiert wurde. Ursprünglich befanden sich die Wandmalereien, die hier zu sehen sind, in dem Kellerraum einer Zolliker Villa, die von den beiden Schwestern Charlotte und Nelly Dornacher bewohnt wurde. Dieser Raum, der neben dem Weinkeller lag, sollte dem geselligen Beisammensein dienen, dem Tanz und Gesprächen mit Freunden und Gästen. Durch ein Fenster des rekonstruierten Raums schaut man auf eine gegenüberliegende Nische. Wie eine Art Trompel’oeil- Malerei hat Zoran Music in ihr einen gemalten Ausblick in die Weite geschaffen. Der Blick des Betrachters gleitet von der Loggia des Palazzos Ducale aus durch die gotischen Fensterbögen über das weite Becken von San Marco hinweg auf die im Dunst liegende Insel San Giorgio Maggiore. Gebrochen wird der Blick nur durch eine Säule der Loggia und ein vor der Piazzetta von San Marco liegendes goldgelbes Schiff mit zwei Masten.
Die Ausmalung des «Zürcher Zimmers » von Music ist ein leises, poetisches, fast archaisches Werk. Angeordnet und gerahmt sind die verschiedenen Bilder an der Decke des rekonstruierten Kellerraums wie ein Mosaik. An der Wand bilden sie ein Fries. Music bemalte auch die Tür, wählte die Möblierung aus und entwarf die Vorlagen für die Stickereien der Vorhänge und des Tischtuchs. Die Motive der Decken- und Wandgemälde zeigen Erinnerungen an seine dalmatische Heimat, Bilder aus der Wahlheimat Venedig, Frauenakte, Pferdedarstellungen, eine Hommage an seine Lebenspartnerin Ida Barbarigo und ein Bildnis seiner beiden Zürcher Auftraggeberinnen: der Schwestern Charlotte und Nelly Dornacher.
Es sind innere Bildwelten des Künstlers, die den Okzident und den Orient verbinden und in denen die Seele byzantinischer Ikonen spürbar ist. In zarten Pastelltönen mit stark verdünnten Ölfarben realisierte der Künstler sein Deckengemälde direkt auf Putz. Nur die Wandbilder wurden auf Leinwände gemalt.

Kriegstrauma und neue Lebenslust
Zoran Music, der 1909 in der Nähe von Gorizia geboren wurde, liess sich 1943 in Venedig nieder. Von hier wurde er im Jahr 1944 durch die Gestapo in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Er überlebte die seelischen Gräuel der Internierung. Das heimliche künstlerische Arbeiten half ihm dabei. Einige wenige dieser Zeugnisse des Schreckens aus jener Zeit sind erhalten geblieben, sie werden in einer zeitgleich zur venezianischen Ausstellung stattfindenden Retrospektive des Künstlers im Leopold- Museum in Wien gezeigt.
Die Ausstellung «La stanza di Zurigo » konzentriert sich im Wesentlichen auf das künstlerische Schaffen von Zoran Music in den frühen Nachkriegsjahren. Ein Film zeigt den Kubus im Modell und seinen Aufbau. Die Musik des Films begleitet den Besucher sachte auf seinem Weg durch Musics Werk. Neben dem Kubus mit der Rekonstruktion des Zürcher Zimmers werden kleinformatige Ölgemälde auf ungrundierten Leinwänden, Aquarelle und Radierungen mit Landschaften, Porträts, Pferden und Darstellungen des bäuerlichen Lebens von Music aus den Fünfzigerjahren gezeigt. Sein Verweilen in Zürich im Jahr 1949 ist mit Stadtansichten der Schipfe, der Gleisanlagen des Bahnhofs und der Limmat Richtung Rathausbrücke dokumentiert. In einem separaten Kabinett sind Aquarellstudien für einen Wandteppich mit Geschichten des venezianischen Weltreisenden Marco Polo ausgestellt. Nach diesen Entwürfen realisierte Zoran Music im Jahr 1951 eine monumentale Tapisserie für den Salon eines Transatlantikschiffs der Italian Line.

Ein Zimmer wandert nach Venedig
Zehn Jahre hat es gedauert, bis das «Zürcher Zimmer» nahezu vollständig restauriert werden konnte. Zu verdanken ist die komplizierte Rettung und aufwendige Rekonstruktion des «Zürcher Zimmers» der finanziellen Unterstützung der Stiftung Charlotte und Nelly Dornacher und der weisen Voraussicht und dem unermüdlichen Einsatz von Paolo Cadorin, dem ehemaligen Restaurator des Kunstmuseums Basel. Cadorin war der Schwager von Music. Gemeinsam mit seinen Schülern und der italienischen Restauratorin Pinin Brambilla rettete er das Zürcher Gesamtkunstwerk vor der Zerstörung, der es ansonsten mit dem Abriss des Hauses im Jahr 2008 zum Opfer gefallen wäre. In einem aufwendigen Verfahren wurden die auf Putz gemalten Bilder abgelöst und auf Aluminiumplatten übertragen.
Die Direktorin des Museums Fortuny und Kuratorin der Ausstellung, Daniela Ferretti, hat in Venedig eine sensible Ausstellungsinstallation für Musics Bilder der Nachkriegsjahre geschaffen, die den Besuchern eine intime Begegnung mit der Welt von Zoran Music ermöglicht. «Unsere Einsamkeit begegnet der des Künstlers, und am Ende versteht man, dass die vielen Formen der Einsamkeit ein grosses Gesamtbild ergeben, » sagt Ferretti.



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