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30.05.2018 Von: Sara Sommer

Zürich 2

Erst 18 und alle sind schon so erwachsen


Das «18ni-Fäscht» – die ehemalige Jungbürgerfeier in Wollishofen – ist eine gute Gelegenheit, sich nach der Schule wiederzusehen. Foto: Sara Sommer

Ein Schiff voller Jugendlicher, auf dem kostenlos Wein ausgeschenkt wird. «Das kann unmöglich gut gehen», dachte ich, als ich die Einladung zum Wollishofer «18ni-Fäscht» sah. Ich hätte mit meiner Annahme nicht falscher liegen können. Eine Reportage.

«18ni-Fäscht», so heisst die ehemalige Wollishofer Jungbürgerfeier dieses Jahr. Damit dürfen sich auch Frauen und Jugendliche ohne Schweizer Pass angesprochen fühlen. Zumindest auf der Einladung; auf die Website des Quartiervereins Wollishofen hat es der neue Name noch nicht geschafft. Knapp dreissig junge Erwachsene tauchen auf, um an diesem sommerlichen Donnerstagabend ihren Eintritt in die Volljährigkeit zu feiern – knapp ein Viertel aller Eingeladenen. «Die Feier liegt wieder voll im Trend», sagt Barbara Moll vom Gemeinschaftszentrum (GZ) Wollishofen, das den Anlass gemeinsam mit dem Quartierverein und der Offenen Jugendarbeit OJA organisiert. Man mag es den Veranstaltern gönnen, denn sie legen sich für die jungen Gäste ziemlich ins Zeug: Häppchen auf der Terrasse des GZ, Schiffrundfahrt mit Lasagne, Quiz und Überraschungsgast Preisverleihung und «18ni-Torten». «Der Quartierverein Wollishofen ist einer der letzten in der Stadt Zürich, die überhaupt noch für die Jungbürgerfeier aufkommen», sagt Martin Bürki, der nicht nur den Quartierverein, sondern neu auch den Zürcher Gemeinderat präsidiert. Obwohl der FDP-Mann momentan von einem Event zum nächsten muss, lässt er es sich nicht nehmen, den ganzen Abend mit den neuen, potenziellen Wählerinnen und Wählern zu verbringen.

Keine kaputten Jeans, keine Sprüche

Interessiert das die Jungen überhaupt? Wahlrecht, Politik, Abstimmungen? Sind sie nicht bloss hier, um alte Freunde wiederzusehen und gratis Wein zu trinken? «Ich freue mich, endlich eine Stimme zu haben, um etwas verändern zu können. Vielleicht werde ich einmal Politiker», sagt Mattia, der das Gymi besucht. «Ich habe noch nie in meinem Leben etwas getrunken», sagt Samuel, der neben seiner Lehre für die Nationalmannschaft Unihockey spielt und hinter dem DJ-Pult verschiedener Clubs steht. «Vielleicht nehme ich später ein Glas», sagt Melissa, die gerade mitten in der Lehrabschlussprüfung zur Fachfrau Gesundheit steckt.

Ich schaue mich um. Keine kaputten Jeans, keine heimlich gerollten Joints, keine dazwischengerufenen Sprüche, wenn Überraschungsgast Michael Hochstrasser, Organisator des Open Air Wollishofen, von seinem Engagement erzählt. Stattdessen gepflegte, austauschbare Outfits (Jeans, T-Shirt, Turnschuhe), interessierte Fragen, aufmerksames Zuhören. Die beiden Kapitäne, die mit der Zigi im Mundwinkel an der Reling stehen, wirken dagegen fast schon rebellisch. Sie überlassen Sharona das Steuer, die, obwohl im Jahr 2000 geboren, wegen des 79er-Hits «My Sharona» so heisst. Voller Stolz navigiert sie das vom Betonwerk Kibag zur Verfügung gestellte Party-Boot durch den im Sonnenuntergang glitzernden Zürichsee «Ist Eritrea gross?», fragt sie Aron, der hinter ihr im Kapitänshäuschen steht. «Dreimal so gross wie die Schweiz», sagt er. Und: «Ich bin auch auf einem Schiff hierher gekommen.»

Aron und Samuel aus Eritrea sowie Vinh aus Vietnam werden auch 18 dieses Jahr, an die Urne dürfen sie trotzdem noch nicht. Sie wohnen erst seit ein paar Monaten in Wollishofen. Man merkt, dass sie nicht so richtig dazugehören. Sie haben sich nicht im Sandkasten kennengelernt. Sie treffen hier keine alten Primarschulfreunde. Sie können sich nicht darüber austauschen, wies im Gymi läuft. «Wir müssen zuerst richtig gut Deutsch lernen», sagt Aron. «Dann wollen wir eine Lehre machen und arbeiten.» Als Schreiner, als Elektromonteur und als Krankenpfleger; das der Traum. Dass die drei überhaupt mit an Bord sind, ist keine Selbstverständlichkeit. In vielen Gemeinden ist die Feier nach wie vor den Schweizer Jugendlichen vorbehalten. «Mir ist es sehr wichtig, dass bei diesem Fest alle dabei sein können. Egal, ob sie das Bürgerrecht besitzen oder nicht», sagt Fiametta Jahreiss vom Quartierverein. Sie gesellt sich während der Ansprachen zu den drei Jungs und übersetzt vom Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche.
Unihockey-Spieler Samuel zeichnet derweil einen Pinguin mit Sprechblase aufs Tischtuch: «Now I’m 18!», sagt dieser. «Ich glaube schon, dass sich mit 18 viel verändert», sagt Samuel. Mehr Verantwortung habe man, und man müsse selber Geld verdienen. «Ich habe einfach Angst, dass ich entweder etwas mache, was mir Spass bringt, aber kein Geld oder umgekehrt», sagt der politikinteressierte Mattia.

Nicht erwachsen werden wollen
«Ich werde dieses Jahr zwar volljährig, aber erwachsen werden möchte ich nicht», sagt Gymnasiast Amin. Ich verstehe ihn gut. Erwachsen werden, das heisst zwar mehr Freiheit und mehr Selbstbestimmung, aber auch mehr Eigenverantwortung. Es heisst, zu entscheiden, welche Träume man leben und welche man begraben will. Immer wieder.

Vielleicht habe ich sie deshalb ein bisschen vermisst, die Revoluzzer, die Unbändigen, die, die aus dem Rahmen oder über Bord fallen, die mit den verrückten Ideen. Die, welche die Erwachsenen und die Angepassten an ihre Grenzen, aber oft auch zum Umdenken bringen. Vielleicht haben sie sich versteckt. Vielleicht funktioniert Veränderung heutzutage anders, leiser, angepasster. Vielleicht geht es mich einfach nichts mehr an. Denn die Welt gehört euch, die Zukunft gehört euch, und das ist verdammt richtig so. Macht was draus!



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