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30.05.2018
Zürich West

Wiediker Geschichten vom Damenstift bis zum Stiftzahn


Die Stadtwanderung endete im schönen Schul- und Bethaus an der Schlosstrasse. (Foto: Lisa Maire)

Auf grosses Echo stiess die vom Quartierverein Wiedikon organisierte Stadtführung mit Autorin Barbara Hutzl-Ronge: Gut 60 Interessierte unternahmen mit ihr eine Zeitreise von 500 Jahren zwischen Münsterhof und Wiedikon. 

Lisa Maire

Es mag erstaunen, dass eine Führung zur Geschichte von Wiedikon auf dem Münsterhof beginnt. Barbara Hutzl-Ronge klärte auf: Die Zürcher Autorin, die mit ihrem Buch «Magisches Zürich» einen Bestseller geschrieben hat, wählte diesen Ausgangspunkt, weil hier bis heute die Häuser der Bürger- und Zünfter stehen, die zur Zeit der Reformation vor 500 Jahren über die Geschicke der Stadt bestimmten. Vor allem aber spielt das Fraumünster in der Wiediker Geschichte eine wichtige Rolle: Zu den Reichtümern der früheren Abtei, eines weltlichen, hochadeligen Damenstifts, gehörten nämlich auch Besitzungen im damaligen Dorf Wiedikon. Doch davon später.

Reiche Klöster

Zwingli und die Reformation haben in Zürich die Glaubens- und die Besitzverhältnisse dramatisch verändert. Die Klöster auf Stadtgebiet, auf dem Murerplan grosse «Pflatsche» zwischen den vielen kleinen «Flecken» der Bürgerhäuser, wurden bis 1524 aufgelöst. Die ganze Stadt befand sich nun in der Hand der Bürger, die sich im Gegenzug verpflichteten, für die Armen zu sorgen. So entstanden zwischen Klostermauern auch Waisen- und Armenhäuser oder Spitäler. Gleichzeitig nährten die «geerbten» Klosterbesitze ausserhalb der Stadtmauern den Wunsch nach einer neuen Schanze weiter draussen: Ab 1642 wurde die dritte Stadtbefestigung gebaut. «Ohne es zu merken, haben wir eine Zeitreise von 120 Jahren gemacht», sagte Hutzl-Ronge nach dem Gang über die idyllische Schanzengraben-Promenade. So lange dauerte es nämlich, bis das finanziell ruinöse Bauwerk fertiggestellt werden konnte.

Inzwischen stand die Stadtwandergruppe an der Selnaustrasse, wo sich früher das Zisterzienserinnen-Kloster Selnau befand. Die Ordensfrauen hatten viel Pech: Zuerst wurden Konvent und Kirche bei einer Schlacht arg beschädigt – und dann, nur 35 Jahre nachdem endlich alles wieder aufgebaut war, «kommt der Zwingli und löst das Kloster auf!», so Hutzl-Ronge. Ein Wohnhaus blieb dabei stehen: Es diente fortan als Spital für Pestkranke und später als Obdachlosenasyl. Ganz in dieser Tradition steht heute auch Pfarrer Siebers «Suneboge» auf Klostergebiet an der Gerechtigkeitsgasse.

Wettstreit um höchsten Kirchturm

Einen Erzählstopp weiter, nach dem Gang über die Sihl zum Stauffacher, kamen die Katholiken ins Spiel. Da die damalige Gemeinde Aussersihl im Zuge der Industrialisierung einen gewaltigen Bevölkerungszustrom aus katholischen Gebieten erlebte, wurde 1874 die Kirche St. Peter und Paul gebaut. Gut 20 Jahre später kam ein 60 Meter hoher Kirchturm dazu. Eine solche Machtdemonstration unmittelbar bei ihrem eigenen Bethaus weckte den Ehrgeiz der Reformierten: Sie schrieben einen internationalen Wettbewerb für einen Kirchenbau aus, dessen Turm höher sein musste als der katholische. So bauten Berliner Architekten schliesslich die 80 Meter hohe Kirche St. Jakob.

Nach einer kurzen Tramfahrt war dann Wiediker Boden erreicht. Ganz in der Nähe der Schmiede Wiedikon, an einem schattigen Plätzchen vor der Überbauung «Bühlhof», gab es mehr zur Verbindung zum Fraumünster zu erfahren. Noch im 9. Jahrhundert hatte der reiche Wiediker Gutsbesitzer Perchtolo dem 853 gegründeten Kloster die vier «Höfe der Wiedinger» vermacht, um sich so sein Seelenheil zu sichern. Weil andere Gutbetuchte es ihm gleichtaten, hatten im vorreformatorischen Wiedikon zum Beispiel auch das Augustinerkloster und das Kloster Selnau ihre Höfe, Felder, Wälder.

Späte Verantwortung

An der Zweierstrasse stehen bis heute zwei Häuser, deren Geschichte über 600 Jahre hinweg belegt ist. In einem befindet sich seit 202 Jahren eine Bäckerei. «Die heutigen Inhaber backen gemäss Quartierverein den besten Zopf von ganz Zürich», so Hutzl-Ronge. Im Ganzen befanden sich 26 der 59 Wiediker Häuser in Klosterbesitz und gingen mit der Reformation an die Stadt über, die ihr Herrschaftsgebiet damit beträchtlich erweiterte. Nachdem die Grossvogtei abgeschafft war, erhielt Wiedikon 1799 Gemeindestatus, gab aber 1893 seine Selbstständigkeit wegen argen Finanznöten wieder auf und liess sich der Stadt als Quartier einverleiben. Wer an der Führung teilnahm, weiss nun, dass Wiedikons Eingemeindung vor 125 Jahren nichts als folgerichtig war: «Die Stadt übernahm damit endlich auch die politische Verantwortung für ein Gebiet, das sie schon viel früher enteignet – ergaunert – hatte», so Hutzl-Ronge.

Ein Stiftzahn als Andenken

An der charmant-informativen Stadtwanderung waren auch Urwiediker mit dabei, die sich von den besuchten Örtlichkeiten zu eigenen Zeitreisen anregen liessen. So erinnerte sich etwa auf der Kollerwiese ein älteres Ehepaar beim Blick hinauf zur Bühlkirche an seine kirchliche Hochzeit, zu der das Paar, das nur zivil heiraten wollte, nachträglich vom damaligen Pfarrer überredet wurde.

Auch eine Heimweh-Wiedikerin, die es mit der Heirat nach Affoltern verschlug, hatte beim wunderbar hergerichteten Apéro im Bethaus eine Anekdote auf Lager: An ihrem ersten Schultag im Bühlschulhaus stürzte sie – «weil der Fussboden so gut geölt war» – und schlug sich einen Schneidezahn aus. «Solche Erinnerungen bringt man nicht mehr weg», meinte sie und tippte lachend an ihren Stiftzahn. 



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