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07.06.2018 Von: Toni Spitale

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

«Wir bauten nicht für den Adrenalin-Kick»


Ein kleines bisschen Dschungel-Feeling in Obermeilen: «Brückenbauer» Alain Chervet auf der Hängebrücke über dem Beugenbachtobel. Foto: Toni Spitale

Am 18. Juni wird in Küsnacht über das Projekt Tobelbrücke abgestimmt. In Meilen hängt bereits seit sechs Jahren ein ganz ähnliches Bauwerk. Der «Küsnachter» hat sich vor Ort mit dem Inititanten Alain Chervet unterhalten.

Er möchte natürlich nicht, dass die Küsnachter eine Brücke bauen, meint Alain Chervet mit einem Augenzwinkern. «Dann wäre unsere Hängebrücke nämlich nicht mehr die längste und einzige dieser Bauart im Kanton Zürich.» Im darauffolgenden Satz wird der langjährige Präsident der Wachtvereinigung Obermeilen aber ernst: «Die Küsnachter sollen sich auf die geplante Tobelbrücke freuen dürfen. »
Wie kam Meilen zu seiner Tobelbrücke? 1960 brachte der Verkehrsund Verschönerungsverein erstmals die Idee für einen Wanderweg auf, der das Tobel begehbar machen sollte. Doch das Projekt scheiterte am Kauf eines benötigten Landstücks. Anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens im Jahr 2010 war es dann die Wachtvereinigung Obermeilen, so der Name des Quartiervereins, die sich an die verwunschene, rund 30 Meter tiefe Schlucht wagte.
Schon als Kind habe er die Natur geliebt und sei oftmals im Beugenbachtobel spielen gegangen, erinnert sich der ehemalige Pfadfinder.

Keine negativen Leserbriefe
Anlässlich des runden Jubiläums wollte man etwas Spezielles bieten. Im Auftrag der Wachtvereinigung entwarf der Churer Ingenieur Hans Pfaffen Pläne für eine Brückenverbindung. Das Jubiläumsgeschenk aus dem Quartier mit Auftrag an den Gemeinderat kostete den Jubilar rund 12 000 Franken. Im Dezember 2011 sprach dann die Gemeindeversammlung den Ausführungskredit in der Höhe von 378 000 Franken. Es herrschte grosse Freude, ja gar Volksfeststimmung mit über 500 Besuchern, als die 62 Meter lange Hängebrücke über das Beugenbachtobel im Juni 2012 eingeweiht wurde. In der «NZZ» von damals kann man lesen: «Geplant und gebaut haben sie die Brücke in Windeseile, von Einsprachen keine Spur. Noch nicht einmal ein Verbotsschild für Fährräder hielten sie für nötig; wie wohltuend.»

Natur im Tobel bleibt unberührt
Es habe im Vorfeld der Gemeindeversammlung tatsächlich keinen einzigen negativen Leserbrief gegeben, bestätigt Chervet. Und zum Velofahrverbot meint er: «Da die Brücke in der Nähe von zwei Schulhäusern liegt und für viele Kinder als Schulweg dient, wäre ein Verbot kaum durchsetzbar. »
Elegant und selbstsicher überqueren während dieses Gesprächs mehrere Schüler das Bauwerk zweirädrig – auch das Kreuzen mit Fussgängern verursacht auf dem 1,4 Meter breiten Weg keine Probleme. Etwas ältere Semester hingegen, welche an diesem frühen Nachmittag mit ihren Fahrrädern unterwegs sind, steigen ab und stossen ihre Räder über den sandbeschichteten Holzboden. Das leichte Schaukeln irritiere ihn und das letzte Teilstück auf der Seite des Halten- Quartiers sei ihm zu steil, gesteht ein betagter Velofahrer auf Anfrage.
Die Frage, ob die Natur unter der Brücke gelitten habe, verneint Chervet klar: «Indem eine Brücke über anstatt ein Fussweg durch das Tobel führt, wird die Natur sogar geschützt. » Zwei bis drei Bäume in der Nähe der Brückenlager hätten aus Sicherheitsgründen gefällt werden müssen. Dass zu nächtlicher Stunde laute Partys gefeiert würden, wie man in Küsnacht befürchtet, sei hier bis anhin noch nie vorgekommen. «Unsere Brücke liegt in zwei Wohnquartieren – die soziale Kontrolle funktioniert.»

Liebespaare bereiten Probleme
Auch Klagen bezüglich Littering seien ihm nicht bekannt. An beiden Brückenenden hat die Gemeinde je einen grossen Abfallkübel installiert.
Chervet vermutet, dass nicht zuletzt auch die Schulkinder mithälfen, damit die Brücke sauber bleibe. Denn im Allgemeinen seien Schülerinnen und Schüler sensibilisierter, was das Thema Littering angehe.
Ein kleines, derzeit noch fast unscheinbares Littering-Problem besteht aber dennoch. Verschiedene Liebespaare haben ihren Liebesbeweis mit einem Vorhängeschloss bekundet, von denen gleich mehrere an der Stahlkonstruktion hängen. «Hier greift die Gemeinde rigoros durch – solche Schlösser werden regelmässig entfernt», versichert Chervet.

Belebte Brücke als Prophylaxe
Die Befürchtung einiger besorgter Küsnachter, eine solche Brücke würde zu Suizid verleiten, kann Chervet am Beispiel der Beugentobelbachbrücke nicht teilen: Bislang habe sich noch nie jemand in den Tod gestürzt. Jüngst musste er einmal auf eine verspätete Besuchergruppe warten. Währenddessen habe er sich ein bisschen weit über die Seile gelehnt und ins Tobel geblickt, wie Chervet erzählt. «Mindestens fünf Mal wurde ich von Passanten angesprochen, welche sich vergewisserten, dass ich mir nichts antun wollte.» Eine belebte Brücke sei auch ein Stück weit Selbstmordprophylaxe.

Für Ausflugzwecke ungeeignet
Für den gebürtigen Meilemer hat die Beugentobelbachbrücke die simple Funktion einer Verbindung zwischen A und B. Man habe sie weder für den Adrenalin-Kick einiger Mutiger noch für den Tourismus erstellt. «Sie ist Schulweg, Quartierverbindung und Abkürzung.» Seit ihrer Eröffnung habe sich die Anzahl der sogenannten Elterntaxis spürbar reduziert, weil die Eltern ihre Kinder über die Brücke sicher zur Schule bringen. Zudem seien sich Leute näher gekommen, die sich zuvor kaum oder überhaupt nicht gekannt hätten.
Für Tourismuszwecke wäre die Brücke ohnehin ungeeignet. Einerseits fehlten Parkplätze, und andererseits liege sie auch im falschen Tobel, wie Chervet ausführt. «Als weitherum beliebtes Ausflugsziel ist das grössere Meilener Dorfbachtobel bekannt. Aber dort gibt es keine Hängebrücke. »



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