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27.06.2018
Zürich West, Züriberg, Zürich 2

Gnadenfrist für jüdische Schule läuft ab


«Es trifft zu, dass die Jeschiwe Ketane die einzige jüdische Schule ist, welche die Auflagen des Volksschulamts bislang nicht umsetzt», bestätigt das Kantonale Volksschulamt. Foto: ls.

Viele Jahre zeigte das Kantonale Volksschulamt Verständnis, wenn jüdische Schulen das Volksschulgesetz nicht einhielten. Jetzt läuft für die Sekundarschule «Jeschiwe Ketane» die Gnadenfrist ab. 

Lorenz Steinmann

Seit bald zehn Jahren ist in den meisten Schweizer Kantonen die interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule in Kraft. Die kurz «HarmoS-Konkordat» genannte Vereinbarung, die im Kanton Zürich auf einem Volksentscheid beruht, regelt die einheitlichen Bildungsvorgaben für die obligatorische Schule (Kindergarten, Primarschule und Sekundarstufe 1). Dazu ist auch das seit 2005 geltenden Volksschulgesetz massgebend. Die Vorgaben gelten sowohl für öffentliche als auch für private Schulen. Letztere müssen den Unterricht so gestalten und organisieren, dass die Ziele des Lehrplans erreicht werden können. Sie müssen eine gleichwertige Bildung vermitteln wie die öffentliche Volksschule.
Doch damit begann für gewisse Schulen in Zürich der Stress. Das Zürcher Volksschulamt überprüfte verschiedene Schulen in den letzten Jahren mehrmals, so auch die die Jüdische Schule Knaben, die Jüdische Schule Mädchen, die Jeschiwe Ketane und die Talmud Toire, die zusammen schätzungsweise 600 Schulkinder unterrichten. Die Resultate zeigten, dass einzelne Schulen immer noch keinen Französisch- oder Englischunterricht anbieten sowie zu wenig Sportlektionen, wie die Bildungsdirektion vor zwei Jahren mitteilte. Beim Fach Mensch und Umwelt bestehe zudem Optimierungspotenzial. Gegenüber der Nachrichtenagentur SDA sagte damals Marion Völger, Chefin des Zürcher Volksschulamts, bei der Überprüfung sei es nicht darum gegangen, eine Schule zu schliessen, sondern um die Gleichbehandlung aller privaten Schulen.

Wie «Zürich West» aus verlässlicher Quelle erfahren hat, muss nun eine der erwähnten Schulen über die Klinge springen. Zum Verhängnis wurde der Jeschiwe Ketane der vorgeschriebene Fremdsprachenunterricht, den die Schule nicht stemmen kann. Denn es fehlt an Geld, um das zusätzliche Lehrpersonal zu bezahlen. Auch hier gilt, dass das Lehrpersonal für die Pflichtfächer eine pädagogische Hochschule abgeschlossen haben muss. Und: Wer ein ausländisches Diplom besitzt, muss beweisen, dass er die hiesige Schulsprache auf höchstem Niveau beherrscht. Vor acht Jahren sagte der damalige Chef des Volksschulamts, Martin Wendelspiess, gegenüber «Tachles», es sei für die jüdisch-orthodoxen Schulen unter diesen Auflagen sehr schwierig, fähiges Personal zu finden, da sie es aus ihrem eigenen Umfeld rekrutieren müssen.

Deutlich weniger als 30 Lektionen

Brigitte Mühlemann, stellvertretende Amtschefin im Volksschulamt, bestätigt nun, dass das Volksschulamt verlangt, dass in den Privatschulen rund zwei Drittel der in der Lektionentafel des Lehrplans festgelegten Lektionen unterrichtet werden müssen. Mühlemann: «Dazu gehören neben Mathematik und Deutsch auch Fächer wie Sport, Französisch und Englisch. Daneben können Privatschulen mit anderen Unterrichtsinhalten Schwerpunkte legen.» Mühlemann hält fest: «Bei der Schule Jeschiwe Ketane lag die Anzahl der Wochenlektionen Lehrplanunterricht deutlich zu tief.» Zur Info: der übliche Lehrplan geht von rund 30 Lektionen pro Woche aus. Ein Knackpunkt sei zudem die Vorgabe des HarmoS-Konkordats. Dieses schreibe vor, dass die erste Fremdsprache spätestens ab der 3. Klasse der Primarschule, die zweite spätestens ab der 5. Primarklasse unterrichtet werde. Mühlemann führt weiter aus, dass drei Schulen gegen die Verfügungen des Volksschulamtes rekurrierten – darunter die Jeschiwe Ketane. «Nachdem das Verwaltungsgericht die Beschwerden abgelehnt hat, sind die Auflagen umzusetzen. Ein Staffelungsantrag einer Schule wurde vom Verwaltungsgericht abgewiesen», erklärt Mühlemann. Sie ergänzt: «Es trifft zu, dass die Jeschiwe Ketane die einzige jüdische Schule ist, welche die Auflagen des Volksschulamts bislang nicht umsetzt. Über eine Schliessung der Schule wurde das Volksschulamt bisher aber nicht orientiert». Vom Rektorat war bis Redaktionsschluss niemand für eine Stellungnahme zu erreichen. Wie geht es mit der Jeschiwe Ketane nun weiter? Laut verlässlichen Informationen einer der Schule nahestehenden Person ist geplant, dass fürs kommende Schuljahr die 7.-Klässler in der Talmud Toire – das ist die jüdisch-orthodoxe Primarschule – verbleiben. Die 8.-Klässler dürfen noch in der Jeschiwe Ketane bleiben. Auf das Schuljahr 2019/20 wird die Jeschiwe Ketane dann wohl geschlossen.

Und die Mädchenschule?

Unter Druck steht auch die Mädchenschule mit mehreren hundert Schülerinnen an der Schöntalstrasse im Kreis 4. Das Elektrizitätswerk des Kantons Zürich (EKZ) will anstelle der Schule eine Überbauung realisieren. Der Bautermin: Herbst 2018. Wann muss die Mädchenschule nun raus? Auf Anfrage wollte sich EKZ dazu nicht äussern. Nur so viel: «Wir haben uns mit der Schule darauf geeinigt, in dieser Sache bis auf Weiteres keine Aussagen in den Medien zu treffen.» Demzufolge gab es auch vom Medienbeauftragten der Schule, Sacha Wigdorovits, bis Redaktionsschluss keine Reaktion. So ist es durchaus möglich, dass die Schule noch mindestens ein Schuljahr bleiben kann. Laut Recherchen des
«Zürich West» führte ein Formfehler des EKZ beim Kündigungsschreiben zu dieser für die Mädchenschule willkommenen Verzögerung. (ls.)



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