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27.06.2018 Von: Lisa Maire

Züriberg

Zürcher Bildmaschine erklingt im Gotthard


Tullio Zanovello vor seiner mächtigen Bildmaschine «Reduit», die nun längere Zeit auf dem Gotthardpass zu bestaunen sein wird. Foto: Henrik Nielsen

Wer Bildmaschine hört, denkt vielleicht an Tinguely. Doch mit der ratternden Mechanik einer Heureka haben die Bildmaschinen des Hirslandener Künstlers Tullio Zanovello nichts zu tun. Sie sind so etwas wie bewegte, konzertante Flügelaltäre – etwas Beispielloses.

Wer Tullio Zanovello im Kunterbunt seines Ateliers in Hirslanden stehen und gestikulierend über seinen künstlerischen Werdegang erzählen sieht, begreift schnell: Dieser Mann ist einer, der sich den Künsten und dem Nachdenken darüber mit Haut und Haar verschrieben hat. Einer, für den künstlerisches Vorankommen existenziell ist. Nicht zwingend im pekuniären Sinn. Denn die «grosse Form», die mehr und mehr zu seiner Sache wurde, ist nicht gerade kunstmarktgerecht. Wer hat schon den Platz für ein 1,5 Tonnen schweres, 4,50 Meter hohes und 7 Meter breites Kunstwerk?
Diese Ausmasse hat zumindest «Reduit», Zanovellos grösste Bildmaschine, die er auf Anfrage des Museums Sasso San Gottardo zum Thema Gotthard erschuf – zum Teil im Atelier in Hirslanden, zum Teil in einem grösseren Atelier in Schlieren. Für die bevorstehende Ausstellung musste Zanovello nun sein Riesenbaby, mit dem er drei Jahre lang schwanger gegangen war, wieder in seine Einzelteile zerlegen, auf den Gotthard transportieren und dort neu zusammenbauen. Eine Operation, die ihn ziemlich mitgenommen hat. «Wird das komplexe Konstrukt je wieder so perfekt funktionieren wie zuvor?», lautete seine bange Frage. Heute steht fest: Ja, das tut es. Ab dem 30. Juni kann man sich im Gotthard-Museum davon überzeugen.

Helvetia und Sennentuntschi
«Reduit» ist eine höchst originelle und weltweit einzigartige Angelegenheit. Ein mächtiges Spektakel, in dem sich Zanovellos vielfältige Talente zu einem Gesamtkunstwerk vereinen. Sei es dasjenige als Maler und Plastiker, als Komponist oder als Erzähler und Lyriker. Aufgebaut auf der Grundidee des Flügelaltars, kommt seine Bildmaschine als Bergmassiv mit einer Verkleidung aus schimmerndem Steinfurnier daher. Wird die eingebaute Maschinerie in Gang gesetzt, offenbart sich, begleitet von Musik, das reiche Innenleben des Felsbrockens: Wie von Geisterhand bewegt, geht feierlich eine Tür nach der anderen auf und gibt den Blick auf «Höhlenmalereien» frei: sieben gewaltige Bildszenen zu Geschichte und Mythos des Gotthards. Als letzte öffnet sich im Herzen des «Reduits» eine Tresortür. Dahinter erscheint eine bewegte Skulptur – gestrenge «Helvetia» und laszives «Sennentuntschi » in einem.

Ständiges Hin und Her
24 Minuten dauert es, bis alle von zwölf Motoren gesteuerten Türen aufund wieder zugegangen sind. Die Musikpartitur diene dabei als Skelett für die bewegte Bild- und Lichtszenerie, erklärt der Künstler. Und gibt einen Seufzer von sich: Diese Automatisierung sei eine gewaltige Herausforderung und ohne die Unterstützung von Programmierungsfachleuten nicht zu bewältigen gewesen. Bis die Durchläufe nach seinem Gusto ausgetüftelt waren, musste er sowohl die Musik – eine Eigenkomposition, eingespielt mit dem Konzertchor der Tonhalle und dem Berner Kammerorchester – als auch den Gesangstext unzählige Male umschreiben, Neues dazu komponieren, Unpassendes wegstreichen. Zanovello: «Es war ein ständiges Hin und Her.»

Brüche und Neuorientierungen
Neben der Geschichte des Gotthards, ob als Verkehrsweg oder als militärische Festung, thematisiert Zanovellos Bildmaschine allgemein die Unsicherheiten und Brüchigkeiten des menschlichen Lebens. In die intensive Auseinandersetzung mit dem Berg fliesst auch die Biografie des 55-Jährigen mit ein. In Zürich als Sohn italienischer Gastarbeiter geboren, beschäftigte ihn der Gotthard schon in der Kindheit als «geheimnisvolle Grenze zwischen zwei Welten». Und später als Künstler, Ehemann und Vater zweier Töchter musste er sich wiederholt demselben Konflikt stellen wie die Urner in der berühmten Sage vom Bau der Teufelsbrücke: «Was bin ich bereit zu opfern, um meine Ziele zu erreichen? Und was mute ich damit meiner Familie zu?»
Auch zu Zanovellos künstlerischer Laufbahn gehören Brüche und Neuorientierungen. Die erste Zäsur kam schon in jungen Jahren. Eine ganze Gymizeit lang lebte er seine Begeisterung für die Oper, die «grosse Form» in der Musik – und nervte dabei seine Schulkameraden mit ungezählten Kompositionen, wie er lachend sagt. Doch dann machte er plötzlich Schluss mit der Musik und schrieb sich an der Uni für ein Sprach- und Literaturstudium ein. Der abrupte Entscheid erwies sich im Nachhinein als richtig: Sprache und Literatur, so erkennt der Künstler heute, «waren die Basis für alles andere » – die Musik, die Malerei.
Längere Zeit stand dann das Schreiben im Vordergrund. Durchaus erfolgreich: Seine Kurzgeschichten und Gedichte trugen ihm Preise ein. Doch mit der Zeit genügte ihm das Schreiben alleine nicht mehr: «Es fehlte irgendetwas ». So widmete er sich wieder vermehrt der Malerei, die ihm seit je her leicht von der Hand gegangen war. Doch es fehlte immer noch etwas.

Beflügelnde Flügelaltare
Sein Drang nach künstlerischer Erfüllung war erst gestillt, als er das Triptychon mit seinen Klappflügeln für sich entdeckte – und damit die faszinierende Möglichkeit, beim Malen Geschichten zu erzählen, umfassende Welten darzustellen. Die Entwicklung seiner Flügelbilder zu immer komplexeren Werken, welche die Musik als Leitfaden brauchten, habe sehr viel Spass gemacht, erzählt Zanovello. Trotzdem geriet er plötzlich in eine existenzielle Krise. Er habe einfach seine verschiedenen Arbeitsstile – die Landschaftsbilder, die Triptychen, die Literatur, die Musik – nicht mehr zusammengebracht, stöhnt er. «Es war zu viel Verschiedenes, und doch fühlte ich, dass das alles zusammengehörte.» Dazu kam: Die Arbeit an den Triptychen verschlang zwar viel Geld, verkaufen liessen sich aber allenfalls die Modelle oder die «Schwärme von Bildern», die quasi als Ideenüberschuss bei der Kreation der Triptychen abfielen.

Es geht weiter
Der krisengebeutelte Künstler stand schliesslich vor zwei Optionen: «aufhören oder noch einen draufsetzen!» Er wählte Letzteres – die Automatisierung. Und siehe da: Jetzt fügten sich Bilder, Musik und Literatur zu einer harmonischen Einheit – zu «Bildopern ». So war bald schon «Imago» geboren, seine erste Bildmaschine. Das war 2008. «Reduit» ist Zanovellos sechste Bildmaschine. Und nicht seine letzte. «Sie ist zwar abgeschlossen, aber auch Teil eines neuen, grösseren Projekts», lächelt der Künstler und macht ein geheimnisvolles Gesicht.



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