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11.07.2018 Von: Lorenz Steinmann

Züriberg

«Künstler müssen ihre Seele materialisieren»


Andres Lutz: «Kunst muss etwas Magisches sein. Es muss einen fesseln. Dann bekommen Objekte eine Seele.» Foto: Alfonso Smith

«Der Transfer vom Seelischen ins Materielle ist zentral», so die Aussage des Künstlers und Comedian Andres Lutz («Dr. Lüdi-Show») beim Turmgespräch. Thema war die Frage, wo die Seele in der Kunst zu finden ist.

Wie jeden Monat – ein Turmgespräch in 50 Meter Höhe im St.-Peter-Turm*. Entsprechend tief die Fallhöhe, je nach Thema. Bei der schon fast traditionellen Reihe ging es diesmal um die Seele in der Kunst. Oder war es die Satire? Nein, jenes Thema war vor einigen Monaten Programm, damals mit Andreas Thiel. Doch während jenes Gespräch tiefernst und ironiefrei verlief, waren die heutigen Voraussetzungen anders. Denn eingeladen, neben weiteren Künstlern, Kunstpromotoren und einem Vertreter des Bundesamts für Kultur, war der Künstler und Comedian Andres Lutz (bekannt als «Dr. Lüdi-Show»). Wer seine Auftritte oder Videos gesehen hat, staunt, schmunzelt, lacht. Der «Züritipp» schrieb: «Etwas vom absonderlich Lustigsten, was je auf Zürichs Bühnen geriet.» Und die «Südostschweiz»: «Wer Monty Python vermisst, wird diesen Komiker lieben.»

Realsatire?
Artig, ja fast scheu sass Andres Lutz nun auf seinem Stuhl, um ihn herum acht artverwandte, meist hochgebildete oder dann immerhin kommerziell erfolgreiche Kunstsachverständige, dazu die beiden Organisatoren David Guggenbühl (Inhaber einer Kommunikationsfirma) und Ueli Greminger (Pfarrer zu St. Peter). War es nun Realsatire, mit diesem «Dr. Lüdi » ernsthaft über die Seele in der Kunst zu reden? Absolut nicht.
Auch wenn Andres Lutz sich zuerst zurückhaltend zu erklären, zu rechtfertigen versuchte und einen Bildband mit eigenen Kunstobjekten vorstellte. Ein Kunstprojekt mit 1200 ganz kleinen Figürchen in einer Kirche, was man von Weitem natürlich nicht sah und nur erahnen konnte. Immerhin wurde das Buch dann herumgegeben. So blieb die Seele im Handeln von Andres Lutz vorerst bruchstückhaft. Immerhin bewies Lutz damit Ignoranten wie dem Chronisten, dass er tatsächlich auch bildender Künstler ist – und erst noch ein origineller und erfolgreicher. Nämlich zusammen mit Andres Guggisberg und vor allem mit aufsehenerregenden Objekten. Sie haben ihre Ateliergemeinschaft übrigens in der Binz im Kreis 3.

Gegenstände ohne Seele
Und besagte Seele? Andres Lutz zeigte nun – wieder in einem Buch – eine Fotoserie eines afrikanischen Häuptlings, der Kühlschränke sammelt. Absurd? Für Lutz genau so wenig, wie wenn in einer Züriberg-Villa afrikanische Holzfigürchen stehen – beides ohne Seele. «Die afrikanischen Holzfigürchen sind in dieser Umgebung Dummies, entleerte Gegenstände», so Andres Lutz. «Wir Künstler sollten versuchen, die Seele hineinzubannen. Kunst muss etwas Magisches sein. Es muss einen fesseln. Dann bekommen Objekte eine Seele.» Für bildende Künstler zentral sei die Leistung, etwa Seelisches ins Materielle zu transferieren. Dabei sei die Seele etwas Flüchtiges, genau wie der Humor. «Je näher man rückt, desto weiter weg sind Seele und Humor», so Lutz. Mmmh. Ist das nicht ein bisschen gar akademisch? «Nein, ich glaube an das Archaische», betonte Lutz. Es gehe wirklich darum, als Künstler ein Objekt mit Seele zu stärken. Darum gefalle ihm auch der Begriff «Fetisch» so gut, und zwar nicht sexuell und auch nicht im Aberglauben interpretiert. Ideal sei, dass das Kunstobjekt mit dem Betrachter rede, etwas auslöse. Kein Wunder, spricht man davon, dass einen ein Bild oder ein Musikstück ergriffen habe. Der Unternehmensberater und Sänger Roger Dürr beschrieb, wie unterschiedlich Musikinterpretation sein können. «Wir Musiker versuchen, Seele ins Stück zu bekommen.»

Die materialistische Gesellschaft
Während die Musik etwas Immaterielles ist, stört Andres Lutz, dass unsere Gesellschaft «aufs Granatigste» materialistisch ist. «Wir hatten noch nie so viele materielle Objekte. Ein altes Buch, ein guter Wein. Das belegen wir mit vermeintlicher Seele.» Aber sind das nicht entleerte Gegenstände? Alltagstrash? Objekte müssten berühren, sehnt sich Lutz nach mehr geistiger Nähe. Doch die Ablenkung im Alltag sei riesig. Nicht nur durch das Internet-TV-Portal Netflix mit vielen Parallelwelten. So hätten Erholungsferien mit Yoga und Wellness Hochkonjunktur, auch wenn alles künstlich – und demzufolge seelenlos sei.
Heftig zu diskutieren gab die Frage, wann Kunst eine Seele hat. Sind es die Werke von Rolf Knie? Oder ist es dieser «Kitsch» eben gerade nicht? «Das Werk muss etwas in einem drin auslösen, dann ist es ein gutes Werk mit Seele», so eine der Folgerungen. Andres Lutz hingegen nahm vermeintlich schlechte oder zumindest nicht anerkannte Künstler in Schutz: «Alles ist Geschmacksache.» Lutz bekannte sich dazu, er müsse sich oft gegen seine Angst wehren, dass seine Arbeit «doch ein Seich ist». Denn auch er könne sich dem Ranking und «der Kohle» nicht entziehen. «Das Affentheater des Kunstbetriebs ist Realität», so der 50-jährige Lutz.
Für David Vitali, Leiter der Sektion Kultur und Gesellschaft des Bundesamtes für Kultur und damit wichtiger «Sponsor» der Schweizer Kultur, gilt die Kunst durchaus als Spiegel der Seele. «Mich interessiert, wann ein Werk zum Betrachter spricht», so Vitali. So könne die Seele etwas Banales durchaus zu etwas Speziellem machen.

«Wie frischer Salat»
Ob ein Werk nun beseelt oder nicht – Andres Lutz hat sein Standbein als Comedian. Das gibt ihm sichtlich die Leichtigkeit, sich der bildenden Kunst zu widmen. Das Schlusswort des Turmgesprächs gehörte dem ebenfalls anwesenden Künstler Urs Derendinger. «Beseelte Kunst ist wie frischer Salat. Vier Tage alter Salat ist nicht beseelt.» Es ist ein schönes Bild, aber halt auch vergänglich. Wie so oft auch die beseelte Kunst. Ausser, sie hat richtig viel an Wert gewonnen. An materiellem.



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