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25.07.2018 Von: Lisa Maire

Zürich West

Im zweiten Anlauf zum Vorzeigeprojekt


Alt neben Neu im Werkhof Binz: Architekt Marc Angst und Landschaftsgärtner Maurice Maggi führten durch das verwinkelte Areal. (Foto: mai.)

Die Veranstaltungsreihe «NahReisen» führte im Juli in die Gewerbezone Binz. Genauer gesagt, zum Werkhof an der Grubenstrasse, der unlängst auf recht ungewöhnliche Art und Weise erneuert wurde.

Der Werkhof Binz sei ein Modellbeispiel dafür, wie man Bauten renovieren kann, «ohne dass dem Teufel darob graust», sagte Stefan Ineichen, Projektleiter «NahReisen», zur Begrüssung der zahlreichen Interessierten, die an diesem Abend das erneuerte Werkstattgelände an der Grubenstrasse kennen lernen wollten. Über die Besonderheiten des Projekts informierten beim Rundgang der projektleitende Architekt Marc Angst sowie Landschaftsgärtner Maurice Maggi.

Der Werkhof Binz liegt in Wiedikons Lehmgrubengebiet. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts baute hier eine grosse Ziegelei Lehm ab. Dann siedelten sich verschiedene Handwerksgenossenschaften und andere Gewerbebetriebe an, später kamen Gastarbeiterbaracken ansässiger Bauunternehmen dazu. Gleichzeitig entwickelte sich der Werkhof stärker zu einer kleingewerblich genutzten Nische. «Als wir übernahmen, war das Areal aber immer noch ein Bauwerkhof», so Marc Angst. Der Architekt und sein Team vom Baubüro «in situ» kamen zum Zug, nachdem die neuen Grundbesitzer, die Familie Gablinger von Modissa, ein erstes Überbauungsprojekt verworfen hatten. Denn entgegen eigener Hoffnungen war das Gewerbeareal bei der Zonenplanrevision nicht für eine gemischte Nutzung mit Wohnen freigegeben worden. Modissa entschied deshalb, den Werkhof für eine vorerst 20-jährige kleingewerbliche Zwischennutzung fit zu machen.

Alles Nutzbare genutzt

So erstellten die gleichen Architekten, die für Swiss Life in der Binz bereits die Zwischennutzung «Basislager» (heute nach Altstetten umgezogen) gebaut hatten, schliesslich ein Verdichtungskonzept für das 4000 Quadratmeter grosse Gelände. Und zwar nach dem Prinzip: «Alles, was nutzbar ist, wird genutzt», erklärt Marc Angst. So stehen heute neben den Altbauten neue Häuser aus Holzmodulen, zudem wurde ein Magazingebäude aufgestockt. Nebst der ansässigen Mieterschaft entstand so Platz für 35 neue Ateliers, Denkstuben und Werkstätten. Abgerissen wurde für das Projekt kaum etwas. Dafür umso mehr geflickt und recycelt. Das augenfälligste Beispiel: Die Neubauten erhielten eine Fassadenverkleidung aus altem Dachblech, das aus dem Rückbau von LKW-Schuppen auf dem Werkhof-Gelände stammt. Und im ausgebauten langgezogenen Frontgebäude wurden etwa auch alte Holzböden belassen.

Bei den Neubauten setzten die Architekten auf vorfabrizierte Holzmodule, die in wenigen Tagen aufgestellt werden konnten. Heute bieten sie flexibel nutzbare Atelierräume und Werkstätten aus «einfachen, ehrlichen Materialien» (Angst). Die neuen Arbeitsräumen wurden auf der Basis der Rohbaumiete vergeben. Gemeinsam ist ihnen eine Grundversorgung mit Solarstrom und Internet sowie Gemeinschaftstoiletten im aufgestockten «Turmhaus». Ein Wasseranschluss gehört nicht überall zum Standard – aus Kostengründen: Für das Ende 2016 abgeschlossene Gesamtprojekt stand ein Budget von gerade mal fünf Millionen Franken zur Verfügung.

Geschichte bleibt spürbar

Der Rundgang begann und endete auf dem «Dorfplatz» des Werkhofs – einem zentralen Treffpunkt mit Bänken aus recyceltem Holz und einer Linde. «Überall, wo ich etwas pflanzen darf, pflanze ich eine Sommerlinde», sagte dazu Maurice Maggi. Der stadtbekannte engagierte «Guerilla-Gärtner» (und Koch) konnte seine grünen Ideen im ganzen Aussenraum des Werkhofs verwirklichen. Dabei hatte er schon während der Bauarbeiten ein wachsames Auge auf bestehende Bäume. Neben Eiche und Ahorn lag ihm besonders auch ein prächtiger Feigenbaum am Herzen. Er sei wahrscheinlich von einem Bewohner der früheren Bauarbeiter-Baracken «aus lauter Heimweh» gepflanzt worden, stellt er sich vor. Auf dem Areal sollen zudem Pflanzen wie Holunder, Wildkirsche, Wildrose, Blütenpflanzen, Gräser, Kräuter zu einer «kleinen Wildnis» zusammenwachsen. Auch der Kletterknöterich darf hier, an Atelier-Laubengängen emporrankend, gedeihen oder die junge Aprikose, die ein Bildhauer neben seine Werkstatt pflanzte. Als Substrat für die Dachbegrünung wurden übrigens geschredderte Ziegelsteine verwendet.

Auch dieses Beispiel zeigt: Auf dem neuen Werkhof bleibt die Geschichte des Areals spürbar. Genau dies macht wohl die wohltuende Lebendigkeit aus, die hier herrscht. Dazu gehört, dass auch zu abendlicher Stunde noch manche Türen offen stehen – sei es jene des Fotografen, der Yoga-Lehrerin, des Landschaftsgärtners, Velobauers, Bildhauers – oder der bekannten Malerin Rosina Kuhn, die für die Besucherschar ganz spontan ein paar Flaschen Wein öffnete.

 

Weitere Führungen im Rahmen von Open House Zürich (Architektur für alle) am Wochenende vom 29./30. September. Detaillierte Infos: www.openhouse-zuerich.org.



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