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22.08.2018 Von: Ylva Brunschwiler

Zürich Nord

Das Selbstverständliche schätzen gelernt


Die evangelisch-reformierte Pfarrerin Elke Rüegger-Haller aus Wipkingen und ihr Kollege, Pfarrer Martin Günthardt aus Höngg, zusammen mit den Jugendlichen in Göncruszka. Foto: zvg.

Eine Jugendreise nach Ungarn mit der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde hat Jugendlichen aus Höngg die Augen geöffnet.

Die evangelisch-reformierte Pfarrerin Elke Rüegger-Haller aus Wipkingen und ihr Kollege, Pfarrer Martin Günthardt aus Höngg, organisieren und leiten jedes Jahr eine Jugendreise nach Ungarn. Dabei kommen die Jugendlichen aus Zürich mit Menschen, besonders den Kindern, aus der Gemeinde Göncruszka in Kontakt und lernen während einer Woche ihren Alltag kennen. Dieses Jahr durfte auch ich an dieser spannenden Reise teilnehmen. Sie gehört zu den interessantesten Erfahrungen, die ich je gemacht habe.

Eines der ärmsten Dörfer Ungarns
Göncruszka ist eines der ärmsten Gebiete in Ungarn und befindet sich in der Nähe der slowakischen Grenze. In den letzten paar Jahren ist ein Grossteil der Bevölkerung weggezogen, aufgrund von Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit und fehlender Perspektiven für eine bessere Zukunft. Dagegen hat die Anzahl an Roma drastisch zugenommen. Pfarrer Levente Sohajda und Pfarrerin Zsuzsa Sohajda, die einst in Zürich lebten, haben in Göncruszka eine private Schule gegründet und besitzen eine Imkerei. Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Höngg-Wipkingen West hat sich für eine Gemeindepartnerschaft entschieden. Sie verkauft den Honig der Imkerei von Göncruszka in der Schweiz, und das erlangte Geld schicken sie Pfarrer Sohajda für die Finanzierung der Schule.

Fahrt nach Budapest
Um 21.40 Uhr fuhr unser Nachtzug nach Budapest am Zürich HB ab, und wir wurden im Schlafwagen in 3er-Abteilen untergebracht. In der Schweiz war das feine, regelmässige Rumpeln angenehm. Doch so ab 3 Uhr morgens, als wir uns der ungarischen Grenze näherten, wackelte das Bett und rüttelte wie auf einer Baustelle. Man spürte genau, wo die Schienen zusammengeschweisst worden waren. Als ich am Morgen etwas verschlafen aus dem Fenster schaute, war ich überrascht: Ungarn ist flach. Und ich meine damit, dass die nächste Erhöhung, die man am Horizont sehen konnte, ein simpler Hügel war. Ungefähr so habe ich mir eigentlich immer Holland vorgestellt.

In Budapest angekommen, fuhren wir gleich mit dem nächsten Zug nach Karcag, wo wir um 12.35 Uhr ankamen und von Pfarrer Sohajda nach Berekfürdö abgeholt wurden. Dort trafen wir Leute aus der Kirchgemeinde Göncruszka, die im Thermalbad-Dorf Berekfürdö gerade eine Jubiläumsfeier «500 Jahre Reformation in Ungarn» abhielten.

Whirlpool mit Villa in Göncruszka
Nach einer Nacht in Berekfürdö fuhren wir mit den Leuten von der Kirchgemeinde ins Dorf Göncruszka. Der Reisecar war ziemlich alt, und die Sitze waren kaputt. Auf der Fahrt sah ich viele Häuser, bei denen der Verputz abgeblättert und die Dächer eingestürzt waren. Deshalb klappte mir die Kinnlade runter, als wir bei unserer Unterkunft ankamen – besser gesagt, bei unserer modernen Villa: Sie steht auf einem riesigen Grundstück, und im Garten gibt es sogar einen Whirlpool. Ich freute mich zwar extrem, wunderte mich aber gleichzeitig auch sehr. Wir sind in einem der ärmsten Dörfer in Ungarn und schlafen in einer Villa. Rundherum wohnen Roma. Ergibt das Sinn?

Am ersten Abend kamen ein paar Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse von Göncruszka mit ihrer Lehrerin zu uns in die Villa. Wir stellten uns gegenseitig vor und spielten Karten. Die Lehrerin konnte Deutsch, und die Kinder konnten ziemlich gut Englisch. Wir verstanden uns aber auch mit Körpersprache ganz gut. Im September wird diese Klasse zu uns in die Schweiz kommen, um zu schauen, wie wir leben. Mir fiel auf, dass die Schülerinnen und Schüler ein ganz anderes Verhältnis zu ihren Lehrpersonen haben als wir. Man könnte es mit unserem Verhältnis zu Göttis und Gotten vergleichen.

Die etwas andere Schule
Am nächsten Morgen besuchten wir zum ersten Mal die Schule. Dort versammelten sich wie jeden Tag alle zuerst in der Turnhalle – ein etwas grösseres Klassenzimmer mit Bällen und Matten –, um zu singen und zu beten. Die Jungs tragen blaue Westen und die Mädchen rote. Der Grund dafür ist wahrscheinlich, dass die Kleider darunter keine Rolle spielen dürfen, denn hier gehen auch viele Roma zur Schule.
Anschliessend schwärmten alle in ihre Klassenzimmer aus. Wir begleiteten die 6. Klasse, lernten ungarische Volkstänze und nahmen am Religions- und Deutschunterricht teil. Im Religionsunterricht ging es nur um das Christentum und nicht wie in meiner Schule um alle Religionen. Die Grundschulzeit dauert hier nur bis zur 8. Klasse anstatt bis zur 9. wie bei uns. Und in der Schule bekommen die Kinder Znüni, Mittagessen und Zvieri geschenkt, da einige zu Hause nicht viel zu essen haben.

Zuvor hatte ich gedacht, dass alle hier sehr zurückhaltend auf uns reagieren würden, wo doch viele von ihnen aus ärmeren Verhältnissen stammen und wir in einer Villa wohnen, in ihr Leben hineinspazieren, kurz «Hallo» sagen und wieder gehen. Aber es war wie selbstverständlich, dass sie ihr Essen mit uns teilten und uns freundlich behandelten. Das hat mich sehr fasziniert.

An zwei Tagen während je einer Lektion durften wir den 2./3./4.-Klässlern Deutsch beibringen, da die 2.-Klässler von der Mutter des Fürsten im Herbst nach Liechtenstein eingeladen sind. Dafür müssen sie die Sprache ein wenig können. Wir brachten ihnen Zahlen, Farben und einfache Sätze bei.

Wieder in der Stadt
Am letzten Tag fuhren wir nach Budapest zurück und besichtigten die Stadt. Der Unterschied zum Dorf ist schon recht gross: In Budapest gibt es den H&M, Claires und Tally Weijl. Viel Verkehr, alles hektisch – also ähnlich wie in Zürich. In Göncruszka ist das Leben viel ruhiger, und es gibt nur zwei bescheidene Dorfläden – auch ähnlich wie bei uns auf dem Land. Doch der Unterschied scheint mir grösser als in der Schweiz.

Unser Zug fuhr am Freitag um 20.50 Uhr zurück nach Zürich. Durch diese Reise habe ich die bisher für mich selbstverständlichsten Sachen wie leckeres Hahnenwasser, abwechslungsreiches Essen, pünktliche Zugverbindungen oder eine gute Internetverbindung schätzen gelernt. Ausserdem habe ich ein wenig erfahren, wie die Kinder und Jugendlichen in einem anderen Land leben, auch die Roma. Für sie hat die Pfarrerin von Göncruszka ein Programm entwickelt: einen Zufluchtsort für die Mütter und Kinder, weil ihre Männer oft ein Drogenproblem haben. Sie können hier mit Betreuern reden, sich einfach ausruhen oder kochen lernen. Ein weiteres gutes Projekt, das Unterstützung braucht.

Wenn Ende September einige ungarische Schüler uns in Zürich besuchen, wird es wieder spannende Begegnungen geben.

* Die Autorin Ylva Brunschwiler war eine der Jugendlichen im Ferienlager. Sie schildert in ihrer Reportage ihre persönlichen Eindrücke.



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