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19.09.2018 Von: Pascal Wiederkehr

Zürich 2, Züriberg

Rundgang zeigt Zürichs wenig glanzvolle Orte


Beim Amtshaus IV im Stadtzentrum übernachten immer wieder mal Obdachlose. Der Ort bietet Schutz gegen die Witterung. Die Urania-Wache ist nicht weit entfernt. Foto: Pascal Wiederkehr

Das «Surprise» gehört zum Strassenbild. Doch der Verein dahinter bietet weit mehr als lesenswerte Texte in seinem Strassenmagazin. An einer Führung mit dem Gewerbeverein Zürich 2 ging es an Orte, denen Passanten wenig Beachtung schenken.

Die Limmatstadt vergleicht sich gerne mit Metropolen dieser Welt. So ist Zürich beispielsweise eine von 18 Städtepartnerinnen San Franciscos. An ein Markenzeichen der kalifornischen Stadt möchte sich die Zürcher Bevölkerung aber bestimmt nicht gewöhnen: die vielen Obdachlosen. Es passt schlecht zum Image der grössten Stadt der Schweiz.

«Das Sozialdepartement stellt sicher, dass in der Stadt Zürich niemand unfreiwillig ohne Obdach bleiben muss», heisst es deutlich auf der Website der Verwaltung. Trotzdem gibt es sie auch in einer der reichsten Städte der Welt. Doch sie leben an Orten, denen Passantinnen und Passanten kaum Beachtung schenken.

Im Winter Marroni verkaufen

Licht ins Dunkle bringt der Verein «Surprise». Dieser gibt nicht nur das gleichnamige Strassenmagazin heraus, sondern bietet sogenannte «soziale Stadtrundgänge» in Basel, Bern und Zürich. Die Surprise-Stadtführer und -Stadtführerinnen zeigen Orte, an denen man sonst achtlos vorübergeht. Der Gewerbeverein Zürich 2 hat eine solche Führung gebucht. Peter Conrath ist einer der Stadtführer. Sie sind Menschen, die selbst Erfahrung mit Armut, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit gemacht haben.
Treffpunkt ist der riesige Schutzengel von Niki de Saint Phalle in der Halle des Hauptbahnhofs. Von da geht es in einen Raum neben der Bahnhofkirche – dort, wo an Wahl- und Abstimmungssonntagen die Urnen stehen. Der Ort ist Conraths Bühne. Der 55-Jährige hat die Schattenseiten des Lebens gesehen. «Irgendwie geht immer ein Türchen auf, wenn Not am Mann ist», sagt er, nachdem er eine Kurzfassung seiner Lebensgeschichte erzählt hat. Eigentlich wäre er ja Koch, doch das musste er bald wieder aufgeben – der Stress hatte ihm ein Magengeschwür eingebrockt.

Darauf folgen Stationen in einer Comestibles-Abteilung und als Sicherheitsmann. Doch eine Bürgschaft für einen Kollegen liess ihn erneut stolpern. Conrath muss Privatkonkurs anmelden, die Sicherheitsfirma entlässt ihn. Er wird selbstständig, hat einen Unfall und verschuldet sich zusehends. 2009 beginnt er, «Surprise»-Hefte zu verkaufen – bis 2013. Dann findet der Überlebenskünstler eine Teilzeitstelle, die er aber mittlerweile gekündigt hat. Über den Winter will Conrath als Marroni-Verkäufer arbeiten. Und weiterhin Magazine verkaufen. «Was im Frühling ist, sehe ich im Frühling», sagt er. Man glaubt es ihm sofort.
Der Rundgang führt vom Hauptbahnhof, wo die Bahnhofskirche eine wichtige Anlaufstelle ist, zum Globus-Provisorium auf der Bahnhofbrücke. Auf der einen Strassenseite erledigen unzählige Menschen täglich ihr Einkäufe im Coop, auf der anderen tummeln sich an der Limmat bei schönem Wetter Obdachlose und Punks. Conrath bezeichnet den Platz als «Taubenschlag». Betteln sei offiziell verboten – «lass dich nicht erwischen», fügt er an. Etwa drei Viertel seien dort «waschechte Obdachlose».

Ein beliebter Schlafplatz sind die Arkaden des Amtshaus IV, direkt bei den Veloständern. Die Urania-Wache ist nicht weit weg – auch die glanzvolle Bahnhofstrasse in Gehdistanz. Der Ort bietet Schutz gegen die Witterung. «Ein Obdachlosen-Schlafzimmer», so der Stadtführer. Obwohl es soziale Einrichtungen wie den «Pfuusbus» der Sozialwerke Pfarrer Sieber gibt, wählen einige die Obdachlosigkeit. «80 Prozent sind freiwillig obdachlos», sagt Conrath.

Genaue Statistiken zur Anzahl der wohnungslosen Menschen fehlen in der Schweiz. «In der Schweiz gibt es nur wenige Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, doch steigt die Zahl von Personen, die ihre Wohnung verlieren und danach ohne festen Wohnsitz leben müssen», hält Caritas Schweiz auf ihrer Website fest. Anhaltspunkte geben die Zählungen der Notschlafstellen. So verzeichnete der Pfuusbus im Winterhalbjahr 2017/18 über 5500 Übernachtungen – rund 300 Menschen hätten dort Schutz und Geborgenheit gesucht. Laut dem Geschäftsbericht des Sozialdepartements wurden in der städtischen Notschlafstelle an der Rosengartenstrasse im letzten Jahr 11 761 Übernachtungen registriert. Die durchschnittliche Belegung lag bei 32 Personen pro Tag. Die Notschlafstelle verfügt regulär über 52 Schlafplätze. In einer Notlage können bis zu 80 Personen beherbergt werden.

Endstation: Café Yucca

Hilfsangebote gibt es einige: «In der Schweiz muss auf der Gasse niemand verhungern», erklärt Conrath. Den vorletzten Stopp des Abends macht die Gruppe bei der Gassenküche Speak-Out im Niederdorf. Der Ort bietet gratis eine Mahlzeit. Eine weitere Möglichkeit sind der Treffpunkt T-alk an der Bederstrasse, wo es günstiges Mittagessen und gratis Suppe gibt, der Treffpunkt Open Heart Kreis 5 der Heilsarmee oder der Treffpunkt City an der Wildbachstrasse.
Endstation ist das Café Yucca. Nur wenige Minuten entfernt von der Gassenküche, auf der anderen Seite der Zähringerstrasse. Hier finden Hilfesuchende Platz zum Verweilen, günstige Mahlzeiten und Rat. Die Institution der Zürcher Stadtmission wird von der reformierten und katholischen Kirche getragen.

Dem Gewerbeverein Zürich 2 wird ein Apéro auf der Dachterrasse serviert. Vorher erzählt Beatrice Bänninger, Geschäftsführerin der Zürcher Stadmission, von ihrem Angebot. «Wir sind wie ein Hafen.» Das Café Yucca steht Menschen in schwierigen Lebenslagen offen – so lange sie sich an die Hausordnung halten.

Während die einen im mittlerweile nächtlichen Zürich die Eindrücke der Führung verarbeiten, stellen im Puff direkt gegenüber dem Café Yucca Frauen wie in Amsterdam an den Fenstern ihre Körper zur Schau. Auch für sie bietet die Stadtmission eine Anlaufstelle: die Beratungsstelle Isla Victoria im Kreis 4.



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