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03.10.2018 Von: Lisa Maire

Zürich 2

Lebenslange Baustelle für den Frieden


In seinem Zürcher Atelier gibt Theo Dannecker Einblicke in sein Buchobjekt. Im Hintergrund hängen Arbeiten seiner Schüler. Foto: Lisa Maire

Der Zürcher Konzeptkünstler Theo Dannecker rollt in seiner alten Heimat Adliswil seine persönliche Kunstgeschichte auf: Mit einem exklusiven Buchprojekt und einer Ausstellung zum Lebensthema «Frieden schaffen».

«Ich habe ja schon einiges hinter mir – ein Leben, das nicht jeder so hat», sagt Theo Dannecker. Der Künstler sitzt an einem leergeräumten Arbeitstisch in seinem Atelier im Uniquartier, die Hände wie schützend auf ein grosses Buch gelegt, das er für die Besucherin gleich aufblättern wird: Es ist einer von drei Bänden seiner umfangreichen, persönlichen Kunstbiografie. Ein «Herzensprojekt», betont der 80-jährige Künstler, der sich in seinen Arbeiten bis heute unermüdlich und eindringlich mit den Themen Krieg und Frieden auseinandersetzt. «Nachlese» nennt er sein künstlerisch sehr schön und aufwendig gestaltetes Buchprojekt. Mit unzähligen Abbildungen, Fotos, Texten, Leporellos und anderen «Einschiebseln» kommt es wie ein eigenes Kunstwerk – ein Buchobjekt – daher. Ein ziemlich exklusives sogar, mit seiner Auflage von nur 100 Exemplaren.

Vom Handwerker zum Künstler

Den reichhaltigen kunstbiografischen Reigen eröffnen zwei Zeichnungen aus der Mappe, die Dannecker 1957 zur Aufnahmeprüfung an die Kunstgewerbeschule Zürich vorgelegt hatte. Inklusive Abbildung eines Pastellkastens, den er damals von seiner Schwester geschenkt bekam – und den er heute noch hat. Vor diesem geglückten Einstieg in die Welt der Kunst gab es auch glücklosere Momente. Dannecker, der ebenso wie seine drei Geschwister schon früh im väterlichen Schreinereibetrieb in Adliswil mithelfen musste, wollte ursprünglich Schaufensterdekorateur werden. Doch die Eltern befanden: «Zu unseriös!», und schleppten ihn zum Berufsberater, der ihm eine Ausbildung zum Tapezierer-Dekorateur empfahl und schmackhaft machte. Doch bei der Eignungsprüfung fiel er durch. Das habe ihn grausam beschämt und traurig gemacht, erinnert sich der Künstler. Die mitfühlende Mutter ergriff daraufhin energisch die Initiative und stellte den Sohn kurzerhand drei potenziellen Lehrmeistern vor. «Sie wollten mich alle haben», fasst Dannecker den gelungenen Coup der Mutter lachend zusammen.

Es muss einfach alles stimmen

Die ersten Jahre nach Lehre und anschliessender Kunstgewerbschule waren geprägt durch zahlreiche Auslandreisen, bei denen Dannecker – Zeichenblock und Farben immer dabei – Kontakte zu anderen Kunstschaffenden aufbaute und seine eigene Arbeit weiterentwickelte – unter anderem in der Bildhauerklasse der Kunstakademie Kopenhagen. So entstand um 1963 auch «Die dargebotene Hand», eine eigenwillige Skulptur aus lauter zusammengesammelten und -gelöteten kleinen Blechstücken. Er nahm damit an einem Kunstwettbewerb für den Friedhof Adliswil teil, ging aber leer aus. Trotzdem blieb diese Skulptur sehr wichtig für ihn. «Ich wusste, dass sie gut war, weil ich tief im Innern Zufriedenheit empfand.» Ein Gefühl, das sich einstellt, wenn plötzlich «einfach alles stimmt».

Kunst sei eben ein stetes Ringen um eine eigene Ordnung, zitiert Dannecker den Philosophen Albert Camus. Dieses Ringen berge durchaus auch leidvolle Momente. Denn genug oft rutsche einem das, was man eigentlich suche und ausdrücken wolle, immer wieder weg, erzählt der Künstler. Trotz ersten grösseren Erfolgen, die ihm Ende der 60er-Jahre seine Zeichnungen mit surrealistischem Einschlag brachten, blieb er ein von innerer Unzufriedenheit Getriebener. Bis er in der Auseinandersetzung mit sich und seiner Kunst verstand, dass diese Zeichnungen Ausdruck starker innerer Einsamkeit waren – «Kindheitslandschaften», wie er sie auch bei grossen Künstlern wie Cézanne oder Alberto Giacometti entdeckte.

Gemeinsam statt einsam
«Ich wollte aber nicht die Einsamkeit zelebrieren», sagt Dannecker bestimmt. Vielmehr habe er schon damals nach einem Weg gesucht, um mit seiner Kunst «einen Beitrag zu einem positiven Gemeinschaftsleben» zu leisten. Dieser Weg war gepflastert mit steter Selbsthinterfragung, gesellschaftskritischen und philosophischen Überlegungen, vor allem zum Thema Krieg und Frieden. «Wie können Menschen sinnvoll zusammenleben?», «Wieso machen sie Krieg, wo sie doch ebenso gut Frieden machen könnten?», hiessen die Fragen. Und immer wieder auch: «Was will ich selbst eigentlich? Was kann ich selbst zum Frieden beitragen?» Um als Künstler Zufriedenheit zu erreichen, habe er «grundsätzlich besser verstehen lernen müssen, was eigentlich mit dem Menschen los ist», betont Dannecker. Die nötige Grundlagenforschung betrieb er nicht zuletzt auch in seiner Kunstschule für Jugendliche und Erwachsene, die er 1972 in seinem Atelier (damals noch im Seefeld) gründete und die er bis heute führt.
Die stete Auseinandersetzung mit dem, was den Menschen umtreibt, führte Dannecker früh in die Konzeptkunst. Das heisst, neben der formalen musste vor allem auch die inhaltliche Ordnung stimmen. Seine Werke trugen Titel wie «Die Nachricht ist Krieg» oder «Der Amputierte», sie waren Mahnmale gegen Krieg und Zerstörung. Andere thematisierten den «Tanz um das Goldene Kalb», den Contergan-Skandal, die Wirtschaftskrise, fragten «Wo ist Deine Schwester?», riefen zu Frieden und Gerechtigkeit auf. Zu diesen Appellen gehören auch jene tausend Täfelchen mit der Aufschrift «Frieden schaffen», die er anfertigen liess und zum Selbstkostenpreis weitergab. Sie seien heute in der ganzen Welt verteilt, erzählt der Künstler. «Da schauen Sie», zeigt er lächelnd auf ein Foto: «Auch mein Elektriker im Quartier hat eines in seinem Geschäft aufgestellt.»

«I have a dream»
«Der Mensch ist grundsätzlich ein soziales Wesen», ist Dannecker überzeugt. Sein Glaube an das Gute im Menschen fand künstlerischen Ausdruck mit Themen wie Fürsorge, Geborgenheit, Familie, Schule, Verantwortung, Versöhnung, das Samenkorn der Menschlichkeit oder auch der aufrechte Gang. Arbeiten wie die Weltkarte «Alle Länder sind gleichwertig, jedes Land ist einzigartig» oder das grosse «Atelierbild» gelten in diesem Zusammenhang als Hauptwerke. Sie nehmen klar Stellung für Volksbildung, Menschenrechte und Völkerrecht, für ein gewaltloses Zusammenleben. Denn, und auch davon ist Dannecker überzeugt: Frieden entsteht nicht allein durch das Schweigen der Waffen. Um wirklich Frieden zu erreichen, müsse sich der Mensch nach eigenen Kräften dafür einsetzen, Verantwortung zu übernehmen, ob als Arzt, Richterin oder Maler.

«I have a dream» heisst eines von Danneckers jüngsten Bildern, eine Hommage an Martin Luther King, die auch in der Ausstellung zu sehen sein wird. «Die heile Welt haben wir noch nicht erreicht», kommentiert der Künstler, «die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben.»

Donnerstag, 4. Oktober, 18.30 Uhr, Schulhaus Brugg, Buchvernissage mit alt Stadtpräsident Harald Huber und Kunsthistorikerin Vera Ziroff Gut. Danach Ausstellungseröffnung in der Galerie «kunstzürichsüd», Zürichstrasse 1. Ausstellung bis 27. Oktober, geöffnet Do/Fr 16–20 Uhr, Sa 11–16 Uhr sowie So, 21. Oktober, 16–18 Uhr.



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