Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
10.10.2018 Von: Lorenz Steinmann

Zürich West

Abriss ohne Not: Nun regt sich Widerstand


Laut Kanton und Gestaltungsplan ist das Grundstück mit den noch vorhandenen Frachthallen des ehemaligen Güterbahnhofs «als Reservebereich» vorgesehen. Im Hintergrund die Baustelle mit dem «PJZ». Foto: ls.

Das Gebäude des Polizei- und Justizzentrums braucht weniger Platz, als allgemein angenommen. Trotzdem will der Kanton auch den Rest des Güterbahnhofs abbrechen – als «Reservebereich».

Der Bau des Polizei- und Justizzentrum (PJZ) zwischen der Seebahnstrasse und der Hardbrücke schreite plangemäss voran, teilte der Kanton kürzlich mit. Je höher das Gebäude aber wächst, desto offensichtlicher wird, dass es lediglich zwei Drittel der Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs einnehmen wird. Von den insgesamt vorhandenen 63 000 Quadratmetern benötigt das PJZ bloss 40 000 Quadratmeter. Auf der übrigen Fläche steht noch immer ein Rest des 1897 erbauten Güterbahnhofs – mit den charakteristischen Sheddächern aus Glas und den Backsteinmauern. Im Gestaltungsplan sind die betreffenden 23 000 Quadratmeter «als Reservebereich» eingetragen.

«Riesengrosses Ärgernis»
Kritisch beobachtet Barbara Truog das Tun auf dem Areal. Auf Anfrage sagt die Präsidentin des Stadtzürcher Heimatschutzes: «Der Abriss des einzigartigen Güterbahnhofs ist für uns nach wie vor ein riesengrosses Ärgernis. Es ist ein Armutszeugnis, dass man nicht einen Architekturwettbewerb gemacht hat mit der Vorgabe, dass der Bahnhof erhalten werden muss. Es gibt in Europa genügend gute Beispiele, wo Baudenkmäler weitergebaut wurden und dann spannende Resultate ergaben.»

Ob und wie der Heimatschutz gegen den «Abriss auf Vorrat» der verbleibenden Teile des ehemaligen Güterbahnhofs aktiv werden will, lässt Barbara Truog vorerst offen. Man werde das Thema an der nächsten Vorstandssitzung besprechen. Auch andere Stimmen aus dem Quartier würden eine neuerliche Diskussion begrüssen, zumal keineswegs gesichert sei, wie lang die «alternative» Nutzung am anderen Ende der Hardbrücke mit «Helsinki»-Klub und «Frau Gerolds Garten» weitergehe.

Im «Rest-Güterbahnhof» eingemietet ist aktuell der Verein «Art Dock», ein Kunstraum mit dem Zweck, Nachlässe von Zürcher Künstlern zu retten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. «Kunstlabor einer verrückten, idealistischen Organisation» nannte es der Initiant und streitbare Architekt Ralph Baenziger 2014 gegenüber der «NZZ». Mit dem «Kunstlabor» war eine Lösung gefunden für die Nachlässe aus der Stiftung Trudi Demut und Otto Müller. Vor zwei Jahren machten die Räumlichkeiten Schlagzeilen, weil in den übrig gebliebenen Frachthallen rund 3000 Exponate von 144 Künstlerinnen erstmals ausgestellt wurden.

Unbekannte Altlasten
«Zürich West» erreicht den 78-jährigen Baenziger am Telefon. Es geht ihm gesundheitlich nicht gut, er muss sich in München einer Bestrahlung unterziehen. Trotzdem will der Architekt für seine «Art Dock» kämpfen – und für den Erhalt der verbleibenden Frachthallen des ehemaligen Güterbahnhofs. Baenziger hat sich einen Namen gemacht, weil er in den 80er Jahren den Architekturwettbewerb für den HB Südwest, später Eurogate genannt, gewann. Das Milliardenprojekt wurde nie realisiert.

Laut Baenzigers Angaben wäre das Stehenlassen der Frachthallen eine praktikable Option. Der Kanton wolle die Hallen «aus schlechtem Gewissen» weghaben, im Sinne von «aus den Augen, aus dem Sinn». Dass es im Boden unter dem ehemaligen Güterbahnhof Altlasten gebe, sei richtig, bestätigt Baenziger. Die Altlasten seien aber kein dringendes Problem. Für diese These spricht, dass lediglich ein kleiner Spickel des Landes, auf dem die Frachthallen stehen, im kantonalen Altlastenkataster eingetragen ist. Unabhängig von den Bodenverschmutzungen hält Baenziger den Gestaltungsplan für das Polizei- und Justizzentrum nicht für in Stein gemeisselt: Politischer Wille vorausgesetzt, sei ein Erhalt der übrig gebliebenen Teile des Güterbahnhofs nach wie vor möglich.

Die Stadt Zürich äussert sich zurückhaltend zum Thema «Art Dock»: «Gemäss unseren Informationen werden die fraglichen Gebäude nicht erhalten, sondern ebenfalls abgerissen. Das ganze Gelände und die Bauten darauf fallen in die Zuständigkeit des Kantons, die Stadt ist da nicht involviert», sagt Nat Bächtold, Kommunikationsleiter des städtischen Präsidialdepartements. Zuletzt habe die Stadt dem Verein «Art Dock» für die Neulancierung der Kunst-Ausstellung im Güterbahnhof 2017 ausserordentlich 70 000 Franken zugesprochen.

«Umsetzung Gestaltungsplan»
Die Medienstelle der kantonalen Baudirektion verweist auf die im Gestaltungsplan festgelegten Bedingungen. Der Güterbahnhof müsse vollständig zurückgebaut werden. Eine Sprecherin ergänzt: «Das Vorliegen einer Abbruchbewilligung für den Güterbahnhof war eine Voraussetzung für den Landkauf (von den SBB, die Redaktion). Vor Bezug des neuen Polizei- und Justizzentrums wird auch der verbleibende Rest des Güterbahnhofs abgebrochen.» Erst damit werde die Altlastsanierung der ganzen Parzelle möglich. Wie dringlich eine solche Sanierung ist, bleibt offen. Untersucht worden ist der Boden unter den Frachthallen bisher nicht.

Geplant: Fussgängeraufgang
Warum also sollen die Frachthallen abgebrochen werden, wenn vorderhand auf dem Gelände nichts gebaut wird? Nochmals die Baudirektion: «Zur Umsetzung des Gestaltungsplans gehört beispielsweise die Erschliessung des Areals und damit verbunden der Bau eines Fussgängeraufgangs zur Hardbrücke.» Dies sei in der Baubewilligung so vorgesehen. Müssen die Frachthallen also einzig wegen eines Fussgängeraufgangs weichen? Bloss wenige Schritte vom Polizei- und Justizzentrum entfernt führt schon heute ein ganz passabler Aufgang vom ehemaligen Schulhaus Hard hinauf auf die Hardbrücke.

---

Frachthallen als Ersatz fürs Rathaus?

Zwei Jahre lang werden der Zürcher Gemeinderat und der Zürcher Kantonsrat nicht im Rathaus in Zürich tagen können. Das Rathaus wird im Zuge des Neubaus der Gemüsebrücke wegen des Hochwasserschutzes ebenfalls saniert. Als Ersatzstandort ist dem Vernehmen nach – neben der Tonhalle Maag – auch der noch bestehende Frachthallenteil des Güterbahnhofs im Gespräch. «Bezüglich dem Rathaus und dessen Sanierung wird im Moment ein Betriebs- und Nutzungskonzept erarbeitet, das Aufschluss über allfällige Möglichkeiten in den Räumlichkeiten des Rathauses geben soll», sagt Thomas Maag von der kantonalen Baudirektion auf Anfrage. Das Konzept werde voraussichtlich Ende Jahr vorliegen. «Zum heutigen Zeitpunkt sind weder Umfang noch Kosten noch Termine bekannt.» Spekulationen über allfällige Ersatzstandorte erübrigten sich deshalb – vorläufig. (ls.)





Anzeigen

Galerien

Aktuelle Ausgaben

Züriberg vom 13. Dezember 2018
Zürich 2 vom 13. Dezember 2018
Zürich Nord vom 13. Dezember 2018
Zürich West vom 13. Dezember 2018
Küsnachter vom 13. Dezember 2018
Küsnachter Amtlich vom 13. Dezember 2018

Sonderzeitungen

Ausstellungsführer Neuer Norden 2018
Neuer Norden 2018
Abenteuer Stadt Natur 2018
Tonhalle
Literaturforum booXkey
Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Stadt-Anzeiger Glattfelder Kilchberger Klotener Anzeiger