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07.11.2018
Zürich West

«Streusalz alleine bringt einen Baum nicht um»


Stress unter und über der Erde: Alte und jüngere Bäume an der Albisriederstrasse. Foto: Lisa Maire

Welche Anforderungen müssen Stadtbäume erfüllen, um dem zunehmenden Dichte- und Klimastress trotzen zu können? Bei einem Vortrag in der Stadtgärtnerei war einiges darüber zu erfahren.

Lisa Maire

Stadtbäume sind ein emotionales Thema. Besonders, wenn sie gefällt werden. Dann hagelt es in Internetforen Empörung bis hin zum Mordvorwurf und bei Grün Stadt Zürich (GSZ) klingelt das Telefon Sturm. Das bescheidene Publikumsecho, auf das die Mittagsveranstaltung «Wandel Stadtnatur – Einwanderer oder Eingeborene?» in der Stadtgärtnerei traf, überraschte da schon ein wenig: Eine gute Handvoll Interessierte verfolgten letzte Woche den Vortrag von Hans-Jürg Bosshard, Projektleiter Naturförderung GSZ, zu diesem Thema.

Die guten Dienste, die Bäume für die Stadtbevölkerung leisten, sind unbestritten: Sie verringern den Wärmeinseleffekt, filtern verdreckte Luft, dienen der Biodiversität, schaffen Identität, sind Orientierungshilfe oder auch einfach eine optische Freude. Damit sie all diesen Ansprüchen auch im Strassenraum genügen können, bräuchten die Bäume aber die richtigen Wachstumsbedingungen. Das heisst, vor allem einen genügend grossen, leitungsfreien, gut durchlüfteten Boden, der möglichst keinen Belastungen ausgesetzt ist, so Bosshard.

Eingeschleppt und hausgemacht

Doch zunehmende Bodenversieglung, Hitzerückstrahlung von Fassaden und Luftverschmutzung setzen vor allem den Bäumen in der Innenstadt zu. Ganz zu schweigen von den Problemen der Globalisierung in Form eingeschleppter Baumkrankheiten oder Schädlingen. Eschentriebsterben, Kastanienminiermotte oder der berüchtigte asiatische Laubholzbockkäfer lassen grüssen. Letzterer, eingereist in Verpackungsholz von Baumaterial, richtete vor ein paar Jahren vor allem in Winterthur grosse Baumschäden und Millionenkosten an. Aufgeschreckt von den Befallsmeldungen, habe man damals sofort Hunderte städtischer Baustellen kontrolliert, berichtet Bosshard – zum Glück mit negativem Befund.
Ob eingeschleppte oder hausgemachte Probleme: Für die Fachleute bei GSZ wird es angesichts von baulichen und klimatischen Entwicklungen immer schwieriger, den richtigen Baum für den richtigen Standort zu finden. Davon zeugen nicht zuletzt auch Neupflanzungen, die nicht wie geplant verliefen. Wie etwa am Sechseläutenplatz, wo schon nach kurzer Zeit zahlreiche Bäume ersetzt werden müssen. Es werde vermutet, so Bosshard, dass sie an Wasser- und Nährstoffmangel zugrunde gingen, nachdem sich der Grundwasserspiegel durch den Bau der Tiefgarage überraschend abgesenkt hatte.

Absage an die Robinie

Berüchtigt sind auch die Baumschäden durch Streusalz. Vor allem die Linde leidet darunter. Bei Pflanzungen oder Strassensanierungen achtet man bei GSZ deshalb genau darauf, dass Salzwasser nicht in die Baumrabatte fliessen kann. «Salz alleine bringt einen Baum nicht um», betonte Bosshard. Es könne aber Bäume schwächen und sie so anfälliger für Schädlingsbefall machen. Bei der Linde sind dies beispielsweise die Spinnmilbe und die Malvenwanze. Beide Insektenarten saugen Pflanzensaft und schädigen so die Bäume. Probleme bereitet seit Kurzem auch das Lindentriebsterben, verursacht durch einen Pilz, der die Triebe und schliesslich den ganzen Baum absterben lässt. Gifteinsätze gegen den Pilz sind nicht möglich. Auch bei tierischen Schädlingen verzichtet GSZ auf eine chemische Bekämpfung. Malvenwanzen etwa werden bei grossem Befallsdruck von den Bäumen abgesaugt.
Auch bezüglich anderer Stressfaktoren im Stadtraum schaue man sich jeden Baumstandort genau an, so Bosshard. Oft müsse dabei – gerade auch mit Blick auf Hitzetoleranz – zwischen heimischen Pflanzen und sogenannten Exoten entschieden werden. Der Götterbaum etwa vertrage neben Klimaextremen auch hohe Salzdosen gut. Sein Problem: Er ist noch invasiver als die Robinie, die sich ebenfalls stark versamt, überall gedeiht und einheimische Gewächse verdrängt. In Zürich werden deshalb nur noch in Ausnahmefällen männliche Bäume (keine Versamung) angepflanzt. Auch mit dem robusten, gegen alle möglichen Bakterien- und Virusattacken gefeiten Gingko wird man bei GSZ nicht so recht warm. Denn er wird nur von zwei Insektenarten angeflogen, was der Biodiversität nicht sehr viel bringt. Für extreme Standorte sei der Gingko allerdings gut geeignet, sagte Bosshard. Und: «Besser einen Gingko als gar keinen Baum».

Zu den häufigsten Zürcher Strassenbäumen gehören Spitzahorn und Platane. Beide gelten als «industriefest». Die Platane verträgt sogar verdichtete Böden. Leider können aber die behaarten Blätter ihrer Jungaustriebe Allergien auslösen. Zudem braucht sie viel Raum und muss regelmässig auf den Massariapilz kontrolliert werden. Dieser macht ihre Äste brüchig, was zu einem Sicherheitsrisiko führen kann.

Mischalleen im Kommen

Kurz und gut: «Es gibt keinen Strassenbaum, der alle Ansprüche erfüllt und ewig an einem Standort wächst und gedeiht», bilanziert der Fachmann. GSZ werde deshalb in Zukunft vermehrt Alleen mit mehreren Baumarten statt – klassisch – nur mit einer einzigen anlegen. Eine solche Mischallee säume heute zum Beispiel die Strasse zwischen Rigiblick und Toblerplatz. Die Vorteile dieser neuen Strategie? Gemäss Bosshard ergeben sich mit der Wahl mehrerer Baumarten bessere Möglichkeiten, auf die unterschiedlichen Standortqualitäten entlang einer Strasse zu reagieren. Zudem lasse sich so auch das Ausmass von Schäden durch Schädlingsbefall verringern.



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