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21.11.2018 Von: Nicole Seipp-Isele

Züriberg

Wenn eine Schlosserei zur Jazz-Werkstatt wird


«unerhört»: Mit «Nils Wogram Root 70» gehört im GZ Riesbach auch einem Lokalmatador das Rampenlicht. Foto: Ulla C. Binder/zvg.

10 Tage, 12 Spielstätten, 23 Konzerte – das Festival «unerhört!» hat sich längst zum bedeutendsten Jazz- Event der Stadt Zürich gemausert.

«Geplant hatten wir das so nicht. Unser Wachstum war keine Strategie», betont Florian Keller vom «unerhört! »-Team. «Alles geschah vielmehr auf natürliche und organische Weise. Unser Antrieb ist es, den zeitgenössischen Jazz so breit wie möglich zu präsentieren.» In diesem Sinn macht «unerhört!» seinem Namen alle Ehre. Es präsentiert sich frech, unkonventionell und jung. Frech – weil es das Ungewöhnliche wagt. Gleich zu Beginn des Festivals wartet das «Kukuruz Quartet» mit einem besonderen Event auf. Wird in der Schlosserei Nenniger in der Binz heute noch gelötet, gehämmert und geschweisst, mutiert die Location am kommenden Samstag zur Musikwerkstatt. Die Maschinen weichen gleich vier Pianos. Das Klavierquartett begibt sich mit vier Kompositionen von Mary Jane Leach, Julia Amanda Perry, Simone Keller und Sarah Ayotomiwa auf musikalische Grenzgänge. Die polyfonen Pianoklänge werden mit elektroakustischen Elementen angereichert. «Homunculus » heisst das Programm – Attribute wie künstlich, natürlich und normal verschwimmen, verschmelzen und bereichern sich gegenseitig. Auf den ersten Klang wirkt auch die Performance «Freaks» von Théo Ceccaldi frech, weil unkontrolliert und zuweilen willkürlich. Doch je mehr man sich auf die Freaks, die ihren Namen zu Recht tragen, einlässt, desto mehr entsteht eine Sinnhaftigkeit. Stimmungsbilder werden sichtbar mit Highs und Lows, die in akustische Räume vordringen, und dies ausgerechnet in der Spielstätte mit dem bedeutungsschwangeren Namen «Moods».
Das Festival präsentiert sich unkonventionell: «Ja, ich sehe einen Sound», lautet das für sein Konzert programmatische Statement des nigerianisch- amerikanischen Schriftstellers und Fotografen Teju Cole. Synästheten sind Menschen, die physisch getrennte sinnliche Wahrnehmungen miteinander kombinieren. Klänge werden etwa sichtbar oder beginnen zu sprechen. Buchstaben haben eine bestimmte Farbe. Teju Coles «Shadow Point» verspricht dementsprechend ein Erlebnis für alle Sinne. Nach einer Geschichte über New York in Wort, Bild und Klang, die er im Metropolitan Museum aufführte, folgt mit «Shadow Point» im Theater Rigiblick die multisinnbildliche Abbildung der Schweizer Realität aus subjektiver Perspektive. Musikalisch wird dies von Sylvie Courvoisier am Piano, Tom Arthurs an den Trompete und Julian Sartorius am Schlagzeug untermalt.

Ladys Nights
«unerhört!» präsentiert sich jung. Das Herz des Festivals bilden die Konzerte am letzten Novemberwochenende in der «Roten Fabrik». «Shabaka Hutchings Solo» und das «Trio Heinz Herbert» gelten als Newcomer der Szene und erhalten mit dem Clubraum eine gewiss frequentierte Location. «Wir möchten uns öffnen und erachten den Vermittlungsaspekt als zentral. Es gibt auch zahlreiche Schulkonzerte, die Vorbehalte der Jugend gegenüber Jazz in ein Wow-Erlebnis transformieren», erklärt Keller. Jazz soll den für die Jugend faden Beigeschmack verlieren. Der Saxofonist Shabaka Hutchings ist in diesem Dialog ein Avantgardist. «Unser Publikum ist jung und kommt in Massen, weil die Musik Intensität besitzt und wir sie nicht Jazz nennen.»
Sich jung zu präsentieren, bedeutet auch, mit Konventionen zu brechen. Das Thema Gender ist den Machern von «unerhört!» eine Herzensangelegenheit. Heutzutage sind Frauen auf Jazzbühnen immer noch alles andere als selbstverständlich. Laut einer Notiz in einer Tageszeitung im Januar diesen Jahres liegt der Frauenanteil so tief wie im Topmanagement von Schweizer Firmen: bei 20 Prozent. «unerhört!» legt den Akzent auch darauf, Frauen im Jazz Gehör zu verleihen. Mit Irène Schweizer als Mitbegründerin des Festivals, die mit ihrer Handschrift den aktuellen Jazz in der Schweiz prägte, verwundert diese Pointierung nicht. In den nächsten Tagen stehen über ein Dutzend Frauen zum Teil mehrmals in unterschiedlichsten Besetzungen auf der Bühne und zeigen, wie Frau jazzt.

Co-Produktion mit «Jazz im Seefeld»
Mit «Nils Wogram Root 70» gehört im GZ Riesbach einem Lokalmatador das Rampenlicht. Wogram zählt zu den renommiertesten Jazz-Posaunisten unserer Zeit. Mit seiner Band setzt er auf klare musikalische Konturen. So kommt die Truppe ohne Harmonieinstrument aus und setzt auf Bass, Drums, Saxofon und Posaune. Die in der musikalischen Unterhaltung entstehenden Improvisationen präsentieren sich filigran im Vierteltonbereich, ohne sich von traditionellen Harmonien ganz zu verabschieden. Es ist schon zur Tradition geworden, dass bei der Novemberausgabe von «Jazz im Seefeld», die stets in Liaison mit dem «unerhört! » steht, immer auch eine Abordnung der Hochschule Luzern mit von der Partie ist. In diesem Jahr konnte der Zürcher Pianist Chris Wiesendanger für das Projekt mit dem «Dimension- Ensemble» gewonnen werden.

Grosse Vielfalt
Die Vielfalt der Konzerte macht Kategorisierungen gewollt unmöglich. Qualität stellt sich über Stilisierung und Typisierung. Andersherum streicht Florian Keller heraus: «Die Fragmentierung, die sich durch alle Gesellschaftsbereiche und so auch durch die Jazzszene zieht, beantworten wir bewusst mit Defragmentierung. Institutionalisierte Örtlichkeiten der Kulturszene, ebenso wie ungewöhnliche Locations werden mit ihren Gigs zu einem Festival vereint.» So macht «unerhört!» Jazz hörbar und vor allem erlebbar als ein vielseitiges und farbiges Musikphänomen. Florian Keller resümiert: «Unser Festival soll immer auch Überraschungen mit sich bringen – für jeden, auch wenn er noch so sehr in der Jazzszene verwurzelt ist.» Dass Till Brönner im AZ Bürgerasyl Pfrundhaus auftritt, versteht sich in diesem Sinn in mehrerlei Hinsicht als «unerhört!».



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