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27.03.2019 Von: Christina Brändli

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Geigen-Atelier Rast feiert 50-Jahr-Jubiläum


Blick in die Werkstatt des Geigen-Ateliers Rast in der Mühle Hirslanden. Foto: Christina Brändli

Am 1. April 1969 eröffnete Hans Peter Rast sein erstes Geigen-Atelier in Zürich. 50 Jahre später führt einer seiner Söhne das Geschäft. Ob einer der sieben Enkel in die Fussstapfen des Grossvaters tritt, ist offen.

Die alte Mühle Hirslanden, in der das Geigenatelier der Familie Rast seit 41 Jahren ansässig ist, könnte passender nicht sein. Das denkmalgeschützte Gebäude beheimatet seit dem Einzug von Familie Rast nicht nur die Werkstatt und die Verkaufsräume, sondern war auch lange Zeit das Zuhause der ganzen Familie Rast. Nun sind die vier Kinder von Hans Peter und Elisabeth Rast schon lange ausgeflogen und haben eigene Familien gegründet. Eine der beiden Töchter lebt in Schottland und arbeitet als Textildesignerin, die andere ist Lehrerin. Felix Rast hat die Geschäfte 2015 von seinem Vater übernommen. Sein Bruder Kaspar unterstützt ihn im Betrieb.

Bester Abschluss in Bern
Die Leidenschaft für den Bau von Streichinstrumenten hat Hans Peter Rast von seinem Onkel Adolf König übernommen. Gelernt hat er das Handwerk an dessen Geigenbauschule in Brienz 1957/1958. Daneben lernte er auch das Anfertigen von Geigenbögen. Abgeschlossen habe er mit der besten Note im Kanton Bern. Auf die Frage hin, ob da nicht etwas Familienbonus dabei war, meint der bald 84-Jährige: «Ich war der einzige Absolvent im Kanton Bern», und lacht.
Zwischen 1961 und 1969 vertiefte er sein Wissen als Geselle in Bern und Stockholm: «In den vier Jahren in Stockholm lernte ich perfekt Schwedisch», sagt Hans Peter Rast. Damit ihn seine Frau Elisabeth begleiten konnte, heirateten die beiden. «Meine beiden ältesten Kinder kamen in Stockholm zur Welt», erzählt er. Zurück in der Heimat arbeitete er in Bern und verwirklichte dann seinen Traum von einem eigenen Geschäft in Zürich: «Ich wollte schon immer mein eigener Chef sein. Über mir stand höchstens meine Frau», feixt der lebensfrohe Hobby-Musiker. Sein erstes Geschäft eröffnete er an der Streulistrasse.
Doch die Familie wurde rasch zu gross für die 3,5-Zimmer-Wohnung, zu der das Atelier gehörte. Ein Ersatz musste gefunden werden. Am liebsten ein Ort, an dem man nicht nur leben, sondern auch arbeiten kann. Die Mühle an der Forchstrasse war damals von der Stadt ausgeschrieben, das Ehepaar Rast bekam den Zuschlag: «Man hat sich eine junge Familie gewünscht, die auch ein Kunsthandwerk betreibt», erzählt der Geigenbauer. Noch heute muss die Familie Rast einmal im Jahr einen Grossputz stemmen, da am «Schweizer Mühlentag» Besucherinnen und Besucher die Mühle Hirslanden im Rahmen einer Führung besuchen können.

Nächste Generation übernimmt
Dass Hans Peter Rast sein Geigenatelier in Familienhände übergeben kann, stand schnell fest: «Wir wuchsen alle mit der Liebe zur Musik auf, und für mich war klar, dass ich in die Fussstapfen meines Vaters treten werde», sagt Felix Rast. Er ist das älteste der vier Geschwister. Seine Ausbildung absolvierte er in der väterlichen Werkstatt und der Hochburg der Geigenbaukunst Cremona. Danach zog auch er los, um sich seine Sporen abzuverdienen. So wie es damals noch üblich war.

Rückkehr nach den Wanderjahren
Hans Weisshaar war Meister seines Fachs und gab ihm in Los Angeles seine Kenntnisse der neusten Restaurationstechniken genauso weiter wie Boid Poulsen, von dem er den Bogenbau lernte: «Damals musste man sich sein Wissen noch zusammentragen. Die Ausbildung hat sich sehr verändert », reflektiert er. Neben dem Bau von neuen Geigen, Cellos und Kontrabässen lernte er das Restaurieren und das Zurückbauen von barocken Streichinstrumenten, die über Jahre hinweg verfremdet worden waren. Als der älteste Rast-Bruder von seinen Wanderjahren nach Zürich zurückkehrte, stellte sich kurz die Frage, ob er ein eigenes Geschäft eröffnen sollte oder wieder in die Forchstrasse heimkehrt: «Mir war jedoch schnell klar, dass ich nicht in Konkurrenz zu meiner Familie treten möchte », sagt er.
Von seiner Rückkehr 1991 arbeitete er neun Jahre als Selbstständiger im Betrieb mit und absolvierte 1995 die Meisterprüfung, ab 2000 führten er und sein Vater das Geschäft als GmbH gemeinsam. Seit 2015 ist Felix Rast nun der alleinige Inhaber. Das Wissen des Vaters bleibt aber nicht ungenutzt: «Er unterstützt uns noch immer sehr in der Werkstatt», sagen die Brüder.
Kaspar Rast, der jüngste Sohn von Hans Peter Rast, absolvierte die Ausbildung ebenfalls unter dem wachsamen Blick des Vaters. Er arbeitet heute als freischaffender Musiker und ist noch in Teilzeit im Betrieb angestellt. «Es kommen viele Familien zu uns, bei denen die Kinder von sich aus den Wunsch geäussert haben, Geige spielen zu lernen», sagt Felix. «Im Gegensatz zu damals ist Geigenunterricht heute erschwinglich und durch die vielen Jugendmusikschulen auch wieder beliebter», ergänzt sein Vater. Da der Kauf einer Geige im Kindesalter noch nicht sinnvoll ist, können Eltern im Familienbetrieb Geigen und andere Streichinstrumente in allen Grössen mieten. Felix Rast verrät: «Christian Poltéra ist heute ein international bekannter Cellist und hat bei unserem Vater sein erstes Cello gemietet.»
Ein kleiner Teil der Geigen und Cellos kommt nicht heil in das Atelier zurück: «Ob ganz profan zu Boden gefallen, von der Katze vom Tisch geschupst, darauf getreten oder unter dem Autoreifen zerquetscht. Wir haben schon alles gesehen», erzählen die drei Fachleute.

Guter Service und altes Holz
Dass schon der Vater seinen Service sehr breit fächerte, ist heute das Glück der Söhne. Es sei für sie nämlich unmöglich, nur vom Bau neuer Instrumente zu leben. Neben Reparaturen, Restaurationen, Vermietung und Handel verstehen sich beide Söhne, wie schon der Vater, auch auf den Bau und die Pflege von Bögen. Typisch ist das jedoch nicht: «Obwohl die Geige und ihr Bogen ganz selbstverständlich als Einheit wahrgenommen werden, sind es zwei ganz unterschiedliche Arbeiten. Ein Geigenbauer ist nicht zwangsläufig auch ein Bogenmacher», klärt Felix Rast auf. Und noch eine Aussage verblüfft: «Um eine Geige zu bauen, muss das Instrument nicht zwingend beherrscht werden», sagt Kaspar Rast und sein Bruder ergänzt: «Wenn man selbst kein Saiteninstrument spielen kann, benötigt man die Hilfe der Musiker. » Dass es die Arbeit einfacher mache, wenn man das Instrument selbst beherrscht, darin sind sich die drei Männer einig.
Eine Geige entsteht in reiner Handarbeit. Dafür werden schnell 200 Arbeitsstunden nötig. «Manchmal kommen Leute zu uns, die eine Schülergeige im Netz für 200 Dollar bestellt haben. Das sieht vielleicht aus wie eine Geige, ist aber nicht brauchbar », sagt Felix Rast. Die Unterschiede liegen in der Qualität der Materialen und in der Verarbeitung. Eine Schülervioline kostet im Verkauf zwischen 800 und 2000 Franken. Darüber hinaus gibt es Geigen in allen Preisklassen. Für eine Meistervioline bezahlt man in der Schweiz um 15 000 Franken.
Eine Rast-Geige besteht aus dem Holz von Fichten- und Ahornbäumen. Ein Grossteil des Bestandes, mit dem die Brüder heute arbeiten, stammt noch aus dem Fundus von Hans Peter Rast. Der kaufte damals ganze Bäume, denn: «Jedes Stück Holz reagiert bei der Verarbeitung anders. Wenn wir Hölzer von ein und demselben Baum verwenden können, kennen wir die Eigenschaften und wissen, wie wir es am besten bearbeiten.» Ausserdem liege das Geheimnis einer guten Geige in der Erfahrung des Geigenbauers. Mit den Jahren wird das Gespür für das Zusammenspiel der Materialien immer feiner.
Wie viele Instrumente die drei schon angefertigt haben, kann keiner von ihnen sagen. Und es komme ja ohnehin auf die Qualität und nicht die Quantität an.

Das Talent liegt in der Familie
Der Familienbetrieb hat sich seit seiner Gründung kaum verändert. Hans Peter Rast hat seinen Söhnen eines der wichtigsten Geheimnisse einer erfolgreichen Geschäftsführung anvertraut, und dieses setzen die beiden kompromisslos um: «Wir setzen alles daran, nur den besten Service zu bieten. Und sollte es doch einmal zu einer Beanstandung kommen, ist es uns sehr wichtig, dass die Kunden uns die Möglichkeit geben, den Fehler zu korrigieren. Dadurch konnten wir uns einen guten Ruf aufbauen», sagen die Brüder. Dass eines der sieben Enkelkinder dereinst das verwurzelte Familienunternehmen weiterführt, hoffen alle drei Rast-Männer. Musikalisches Talent habe jedes der Kinder, und auch handwerklich seien sie begabt. Als Maturaarbeit haben beide Kinder von Felix Rast ein musikalisches Thema gewählt. Die Tochter baute einen Bogen, der Sohn eine Fidel. Doch beide wollen lieber studieren: «Ich denke nicht, dass die beiden in den Familienbetrieb einsteigen», meint er.

Passion: Beruf ist auch ein Hobby
Auch der älteste Sohn von Kaspar Rast hat mit seinen 13 Jahren einen anderen Berufswunsch: «Er meinte schon zu uns, es sei ihm nicht recht, aber er wolle lieber Erfinder als Geigenbauer werden», schmunzeln die Brüder. Es scheint noch alles offen zu sein, wenn es um die Nachfolge geht. Auch Felix Rast wird wohl die Geschäfte noch über das Pensionsalter hinaus weiterführen, wie es schon sein Vater getan hat. Ob er dabei den Sonntag als freien Tag ebenso hochhält wie der Vater, muss der 54-Jährige verneinen. «Selbst an einem Sonntag kommen Kunden in den Laden», platzt seine Nichte Liv, die auch mit am Tisch sitzt, heraus. Ihr Onkel verteidigt sich: «Nur im Notfall. Zudem ist mein Beruf ja auch mein Hobby.»
«Ich hatte immer viel Glück im Leben », sagt Hans Peter Rast zum Schluss, und man merkt ihm an, wie stolz er auf seine Kinder und Enkel ist. Sein Blick streift liebevoll seine Enkelin. Vielleicht wird die Neunjährige ja die erste Frau in der Rast-Familie, die sich mit Haut und Haar dem Bau von Musikinstrumenten verschreibt.



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