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03.04.2019 Von: Pascal Wiederkehr

Zürich 2

Wie Textilhandel Ost und West beeinflusste


Ist im Museum Rietberg zu sehen: Wandbehang oder Decke (Detail) aus Wollflanell mit Seidengarn-Stickerei. Iran, Rasht, 1875–1895. Foto: Museum Rietberg

Iraner bauten europäische Motive in Wandbehänge ein, Europäer wollten unbedingt Orientteppiche: Experten diskutierten in der Park-Villa Rieter, wie der Handel zum Austausch der Kulturen führte.

Jahrhunderte lang wurde gesponnen, gewebt und gestickt. Die Textilindustrie gilt hierzulande wie im übrigen Europa als der älteste Industriezweig. Laut dem «Historischen Lexikon der Schweiz» erreichte sie um 1870 ihren Höhepunkt mit knapp 150 000 Beschäftigen – 12 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz.
Auch für die Stadt Zürich war die Textilindustrie ein wichtiger Wirtschaftsmotor. So gründete beispielsweise Hans Caspar Escher, Sohn eines Zürcher Seidenkaufmanns, 1805 mit dem Bankier Salomon von Wyss die Escher Wyss & Cie. Sie eröffneten eine Baumwollspinnerei. Mit der Zeit konstruierte die Firma eigene Spinnmaschinen und bald auch Wasserräder, Turbinen, Dampfschiffe und Lokomotiven. Im Jahr 1856 arbeiteten bei Escher Wyss & Cie. 1119 Menschen.
Im Bereich der Stickerei erlangte die Ostschweizer Textilindustrie sogar Weltberühmtheit. Sie stieg zum wichtigsten Exportzweig der Schweizer Wirtschaft auf.

Handel diente Kulturaustausch

Doch der Handel mit dem Ausland hatte nicht nur finanzielle Aspekte. Er führte zu einem Kulturaustausch. Dies zeigt die Ausstellung «Farbe bekennen – Textile Eleganz in Teheran um 1900» im Museum Rietberg (siehe Kasten). An einem Podiumsgespräch im Vortragssaal der Park-Villa Rieter ging es um das Wechselspiel zwischen Geschäft und Kultur. Moderator Rolf Probala diskutierte mit Historikerin Lea Haller, dem ehemaligen Kreativdirektor Martin Leuthold, der Soziologin Katja Rost und dem Kurator Axel Langer. Die Park-Villa Rieter hat ihren Namen passenderweise von der Grossindustriellenfamilie Rieter. Noch heute zeugt der Textilmaschinenhersteller Rieter mit Sitz in Winterthur von der Wichtigkeit der Branche.

«Wirtschaft und Kultur hängen stark zusammen», befand Katja Rost. Die Professorin am Soziologischen Institut der Universität Zürich und Privatdozentin für Wirtschaft, erklärte, dass man früher von Internationalisierung statt von Globalisierung sprach. «Die Globalisierung ist ein recht junges Phänomen, die durch die Beschleunigung entstanden ist», so Rost. Dampfschiffe, Telegraf, Flugzeuge und Internet hätten dazu beigetragen. Die wirtschaftliche Verflechtung gibt es hingegen schon lange. Rost verwies exemplarisch auf die mittelalterlichen Hansestädte. Zu deren Blütezeit vom 14. bis zum 16. Jahrhundert hatten sich bis zu 200 Städte zu einem Wirtschaftsbund zusammengeschlossen.

Martin Leuthold, der mehr als 40 Jahre Kreativdirektor beim Textilhersteller Jakob Schlaepfer AG war, bezeichnete die Schweiz als Innovationsinsel. Aus dem Leinenhandel sei der Baumwollhandel entstanden, daraus die Handstickerei und später die Maschinenstickerei. Heute arbeitet die Branche unter anderem an textilen 3D-Drucken. Der Vorläufer der Jakob Schlaepfer AG konnte nach dem Ersten Weltkrieg Sari-Stoffe nach Indien liefern. Später kreierte das Unternehmen Haute-Couture Kollektionen für Paris und Rom. Weltbekannt wurde die St. Galler Firma, weil sie Pailletten mit Stickmaschinen auf Stoffe nähte. Die Aufgabe der Schweiz als kleines Land sei es, «Innovation an den Tag zu legen», ist Leuthold überzeugt. Wer kopiere, scheitere.

Soziologin Rost bestätigte das: «Man muss Nischen finden.» Gerade als Hochpreisland. Wenn Läden wie H&M Produkte verkaufen, die früher als etwas Besonderes galten, sind sie spätestens dann für das Luxussegment nicht mehr interessant.

Gegenseitig beeinflusst

Weil der Heimmarkt so klein war, musste sich die Schweiz früh ins Ausland orientieren. Historikerin Lea Haller erklärte, dass sich die Industrialisierung der Schweiz deshalb auf die Exportmärkte abgestützt hatte. Kaufmänner wie der Schweizer Emil Alpiger prägten den Handel mit dem Ausland. «Alpiger wollte Geschäfte machen, doch aus diesen Geschäften ist Kultur geworden», befand Rolf Probala, Moderator des Gesprächs und ehemaliger Redaktionsleiter der «Tagesschau».

Der Austausch befruchtete gegenseitig: Die Europäer waren fasziniert vom Orient. Der Orientteppich gehörte bald zum letzten Schrei. Europa produzierte deshalb eigene Orientwaren. Alpiger, der für Ziegler und Co. arbeitete, passte die Muster dem europäischen Geschmack an. Im Iran übernahmen im Gegenzug Weber und Schneider europäische Moden und Motive. «Was mich faszinierte, war das Hin und Her», erzählte Kurator Langer. Die Iraner kreierten aus dem, was sie durch den Handel kennenlernten, neue Produkte. Beispiel dafür sind die Röckchen des Pariser Balletts, die Tütüs, die nach 1873 von den Damen am Hof des Schahs dem eigenen Geschmack gemäss verändert und getragen wurden.

Auf seinen Reisen erwarb der Kaufmann Alpiger Kleider, Stoffe, Wandbehänge und Stickereien auf dem Basar. Sie stehen nun im Zentrum der Ausstellung im Museum Rietberg, die noch bis zum 14. April zu sehen ist.



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