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24.04.2019 Von: Lisa Maire

Zürich West

Vom Altstetter «Negerdorf» und seinen Opfern


Das Volk strömt im Sommer 1925 ins sogenannte Negerdorf auf der Letzigrundwiese.

Eine Veranstaltung der reformierten Kirche Altstetten greift die bizarre Geschichte der Zürcher Völkerschauen wieder auf. Dabei geht es auch um das «Negerdorf», das im Sommer 1925 im Letzigrund aufgebaut wurde.

«Die Neger haben keinen freien Ausgang, sondern dürfen ihr Dorf nur unter Aufsicht verlassen. Dieselben sind zu einem gesitteten Benehmen anzuhalten.» So lautete Punkt 6 in einem Vertrag, mit dem die Gemeinde Altstetten am 10. August 1925 dem Lausanner Geschäftsmann Charles Bretagne erlaubte, vom 14. August bis 25. September auf einer Wiese beim Letzigrund ein «Negerdorf» aufzustellen. Die Gemeinde kassierte für die Bewilligung 4000 Franken und stellte Bretagne auch die Kosten für die Erstellung einer Wasserzuleitung sowie die «gehörige Überwachung des Negerdorfs» durch die Securitas in Rechnung. Später kamen auch noch die Kosten (Fr. 3.50 pro Mann und Stunde) für einen zusätzlichen Polizeidienst dazu, den die Gemeinde Altstetten bei der Kantonspolizei anforderte.

Die Geschichte hinter den Skeletten
Der Vertrag gehört zu den vielfältigen Dokumenten, welche die Zürcher Germanistin Rea Brändle vor über 20 Jahren bei ihren pionierhaften Recherchen zu den Zürcher Völkerschauen ausfindig machte. Auf das Thema gestossen sei sie per Zufall, erzählt Brändle bei einem Vorbereitungstreffen zu der Veranstaltung der Kirche Altstetten vom nächsten Samstag, die sie zusammen mit zwei jungen Künstlern bestreitet (s. Box rechts). Im Anthropologischen Institut der Uni Zürich sah sie damals Skelette, die ihre Neugier weckten. Sie stammten von fünf Männern und Frauen von den chilenischen Feuerlandinseln, die alle 1882 in Zürich gestorben waren – innerhalb einer Woche. Was war passiert?

Brändle fing an zu recherchieren und fand heraus, dass die Verstorbenen zu einer Truppe von «Feuerländern» gehört hatten, die bei einer kommerziellen Völkerschau im Fluntermer Plattentheater ausgestellt worden waren. Ihre Geschichte und jene anderer Menschen «exotischer» Herkunft, die damals – meist nicht freiwillig – durch Europa tourten und dabei auch in Zürich gegen Eintritt zur Schau gestellt wurden, erzählte Brändle 1995 lebendig, detailreich und mit viel Lokalkolorit in einem ersten Buch, dem sie 2013 eine mit zusätzlichen Kapiteln ergänzte Neuauflage folgen liess.

Schaurige Sensationslust
In der Blütezeit des Kolonialismus seit Mitte des 19. Jahrhunderts und zum Teil noch bis in die 1960er-Jahre stiessen solche Völkerschauen, bei denen Menschen alleine aufgrund ihrer Herkunft und oft wie Tiere ausgestellt wurden, in Europa auf grosses Interesse. So liessen die «Menschenzoos» auch in Zürich die Kassen geschäftstüchtiger oder gar skrupelloser Impresarios klingeln. Darunter Schauen wie «Carl Hagenbecks anthropologische-zoologische Singhalesen-Ausstellung» auf der Escherwiese, «35 schöne Mädchen aus dem Togolande» in der Tonhalle oder ein Senegalesendorf im Zoo.

Die Ausstellungen, so Brändle, hätten aber nicht nur Sensationslust befriedigt. Es habe auch ein ehrliches Interesse an den Sitten und Bräuchen in fremden Ländern gegeben. Trotzdem waren bei den Begegnungen mit dem Exotischen, dem Unbekannten, die Grenzen zwischen Gedankenlosigkeit und rassistischer Überheblichkeit fliessend. Die begehrten Schauen bestätigten dabei bereits verbreitete Klischees vom primitiven Wilden.

Auch das «Negerdorf» in Altstetten stiess auf enormes Echo: Am ersten Sonntag kamen über 12 000 Neugierige, um sich ein Bild vom Aussehen und vom angeblich authentischen Leben der 74 Strohhüttenbewohner zu machen. «So zahlreich drängten die Schaulustigen herbei, dass Hunderte von ihnen vor den Hütten gar keine Neger zu sehen bekamen», zitiert Brändle einen Bericht der Zürcher Tageszeitung «Volksrecht». Unternehmer Bretagne hatte die Menschen aus Westafrika für drei Monate von einem Pariser Impresario gemietet – quasi als «lebendiges Eingeborenendorf». Vom Lausanner Comptoir Suisse, wo sie Teil einer Kolonialausstellung war, wurde die Attraktion dann nach Zürich verfrachtet.

Zwei Tote im «Negerdorf»
Doch wie Jahre zuvor an der «Feuerländerausstellung» ereignete sich auch im «Negerdorf» Tragisches: Schon nach wenigen Tagen starben dort zwei junge Männer. Und zwar an Beriberi, einer Vitaminmangelkrankheit als Folge falscher Ernährung: Die afrikanischen Gäste hatten zu lange nur geschälten Reis vorgesetzt bekommen. Man hatte sich zwar in Zürich über ihre gewohnte Ernährung kundig gemacht, doch dabei nicht bedacht, dass man in Afrika nur den vitaminreichen ungeschälten Reis kannte.

Auch der Tod im Hüttendorf geriet zum Spektakel: Der damalige Friedhof am Lindenplatz war von Schaulustigen überfüllt, als dort der erste der beiden Muslime beerdigt wurde. Der zweite hingegen wurde wenige Tage später in aller Stille begraben: Um die trauernden Afrikaner diesmal vor unerwünschten Zuschauern zu schützen, war ein falscher Beerdigungstermin bekannt gegeben worden.
Die Toten waren jedoch bald vergessen. Die Ausstellung auf dem Letzigrund ging weiter mit neuen Zuschauerrekorden – trotz kaltem Nieselwetter. Zu Neugier und Schaulust gesellte sich beim Publikum nun allerdings auch Mitleid. So trugen die frierenden Hüttenbewohner jetzt Strümpfe Kappen und Westen, die sie von mitfühlenden Leuten geschenkt bekommen hatten.

Rea Brändle, «Wildfremd, hautnah. Zürcher Völkerschauen und ihre Schauplätze 1835–1964. Rotpunktverlag, 2013.



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