Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
09.05.2019 Von: Céline Geneviève Sallustio

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

Winters wundersame Welt der Bilder


Bilder sagen mehr als tausend Worte: Für Walter Winter trifft das Sprichwort besonders zu. Der 68-jährige Österreicher verlor nach einem Schlaganfall das Sprachzentrum. Heute ist er in der Bethesda-Residenz in Küsnacht zu Hause – und muss nicht mehr reden, um sich auszudrücken. Dank seinen Gemälden und dank Jeannette Baumann.

Lautes Vogelgezwitscher dringt aus dem offenen Fenster in das kleine Zimmer von Walter Winter. An den Wänden reihen sich Leinwand um Leinwand, und auf einer Staffelei stehen gleich mehrere Bilder hintereinander. Auf einem Tischchen stapeln sich Malkasten, Pinsel und Acrylfarben. Stolz präsentiert der Künstler dem Besuch seine Werke und malt mit seinem Arm Pinselstriche in die Luft. Ganz ohne Worte. Seit seinem Schlaganfall vor neun Jahren ist er halbseitig gelähmt. Dabei hat er auch das Sprachzentrum verloren.
«Die Ärzte haben es mit Logopädie versucht, doch ausser Ja und Nein kam die Sprache nicht mehr zurück », erklärt Jeannette Baumann. Seit fünf Jahren ist sie die private Beiständin von Walter Winter und besucht ihn regelmässig. Da er weder Familie noch Freunde in der Schweiz hat, weiss man nur sehr wenig über ihn: 1951 ist er in Österreich geboren und aufgewachsen, bevor er 1980 in die Schweiz kam und im Gastgewerbe Fuss fasste. Seit dem Schlaganfall wohnt er hier.
«Wenn ein Mensch nicht sprechen kann und keine Familie hat, geht sehr viel verloren», sagt Baumann. Der Gedanke mache sie traurig. Doch Winter trägt sein Schicksal hingegen gefasst – so sieht es jedenfalls aus. «Ich nehme ihn als sehr ausgeglichenen Menschen wahr. Auch habe ich ihn noch nie wütend erlebt», sagt Baumann. Er habe sehr gute Umgangsformen und sei stets höflich. «Er fühlt sich hier zu Hause und geniesst, auch bei der Belegschaft, eine grosse Akzeptanz», so Jeannette Baumann weiter. Ihre schwierige Rolle als Beiständin und «Sprachrohr» von Winter übe sie mit grosser Vorsicht aus. «Seine Bilder, seine Gesten, sein Verhalten: Letztlich beruht vieles von dem, was ich sage, auf meiner Interpretation », so Baumann. «Ich kann nur annehmen, was er denkt, ganz sicher weiss ich es nie.» Auch wenn ihre langjährige Tätigkeit in einem Pflege- und Altersheim ihr den Umgang mit ihm sehr erleichtern würde.
Wenn sie ihn besuchen kommt, schaut sie sich zuerst die neuen Bilder an und versucht herauszufinden, was darauf zu sehen ist. Baumann zeigt auf eines der Gemälde und erklärt mit einem Lächeln: «Hier habe ich gemeint, er hätte eine Tulpe gemalt. » Ihr Schwager hätte bei einem Besuch aber erkannt, dass es sich um wahrscheinlich um eine Frau handle. «Ja! Ja!», ertönt da plötzlich Walter Winters Stimme, und er zeigt ebenso auf das Bild mit der Frau.

Das Tor in eine andere Welt
Einige seiner Bilder sind im Korridor ausgestellt. Zusammen mit Jeannette Baumann und Walter Winter verlassen wir das Zimmer, um sie anzusehen. Kürzlich habe jemand die Bilder scherzhaft mit einem Preisschild versehen, erzählt Baumann. Walter Winter kann zwar nicht mehr mit Worten kommunizieren, doch die Malerei ist zu seiner zweiten Sprache und Ausdrucksform geworden. Baumann erfuhr, dass er bereits vor seinem Hirnschlag leidenschaftlich gemalt habe. Auch sein Stil habe sich mit der Zeit verändert. «Am Anfang malte er fast nur mit Farbstiften und benutzte eher dunklere Farben», erzählt Baumann. «Heute malt er mit Acryl und benutzt oft leuchtende, helle Farben.» Zudem sei auf seinen Bildern fast immer ein Tor zu sehen. «Für mich symbolisiert es einen Eingang zu seiner Welt.»



Anzeigen

Galerien

Aktuelle Ausgaben

Züriberg vom 16. Mai 2019
Zürich 2 vom 16. Mai 2019
Zürich Nord vom 16. Mai 2019
Zürich West vom 16. Mai 2019
Küsnachter vom 16. Mai 2019
Küsnachter Amtlich vom 16. Mai 2019

Sonderzeitungen

Abenteuer Stadt Natur 2019
Ausstellungsführer Neuer Norden 2018
Neuer Norden 2018
Abenteuer Stadt Natur 2018
Literaturforum booXkey
Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Stadt-Anzeiger Glattfelder Kilchberger Klotener Anzeiger Volketswiler Nachrichten