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15.05.2019 Von: Karin Steiner

Zürich Nord

Beizen-Tour der besonderen Art


1955 wurde der «Löwen» ersetzt. Heute befindet sich hier das «Ferlin». Fotos: Baugeschichtliches Archiv ETH

Am ersten Abendspaziergang im Rahmen von «Unterstrass entdecken» nahmen Archivar Nicola Behrens und der Quartierverein Unterstrass 54 Interessierte mit auf eine historische Reise zu alten und neuen Gaststätten im Quartier.

Auf dem Spaziergang durch Unterstrass erfuhren die Anwesenden nicht nur einiges über längst abgebrochene und noch bestehende Restaurants, sondern auch über die gesellschaftliche Entwicklung im Quartier. Alle 75 Kneipen aufzuzählen, die es damals in Unterstrass gab und von denen Nicola Behrens allerlei amüsante Anekdoten zu berichten wusste, würde den Rahmen dieses Textes sprengen. Die «kulinarische Reise» begann am Stampfenbachplatz, wo einst die «Schmidstube» des Metzgers Johann Schmid stand. «Nach Feierabend war dieses Lokal sehr beliebt», erzählte Nicola Behrens. «Die Fabrikarbeiter der Umgebung kamen her und liessen sich vollaufen.»

Grosser Alkoholkonsum
Ende des 20. Jahrhunderts war der Alkoholkonsum gewaltig. 259 Liter alkoholische Getränke pro Kopf wurden damals getrunken, heute sind es 113 Liter. «Damals hatte man 60-Stunden-Wochen, und es wurde auch bei der Arbeit getrunken. Am Samstag gab es Zahltag bar in die Hand, und dieser wurde in die Beiz getragen.» Viele Arbeiter haben damals in sehr beengten Verhältnissen gelebt. Somit wurde die Kneipe zur guten Stube. Die «Schmidstube» wurde 1933 für den Walcheturm abgebrochen.

Wo viel getrunken wird, gibt es auch Ärger im Quartier. So beschäftigte sich der Gemeinderat Ende 19. Jahrhundert mehrmals mit dem damaligen «Schweizerhaus» an der Stampfenbachstrasse, weil dort «allerlei Vaganten und arbeitsscheue Gesellen» herumlungerten, «skandalierten» und an die Wände urinierten, dass es übel roch. Gegen den aus Bayern stammenden Wirt Rupert Nagler kam es zum Prozess.

Vom «Löwen» zum «Ferlin»
Auf eine lange Geschichte, welche die typische Entwicklung von der Kneipe zum gepflegten Speiserestaurant widerspiegelt, blickt das «Casa Ferlin» zurück. Einst war es das Restaurant «Löwen», das ein Deutscher 1877 kaufte und zu einem Restaurant mit Kegelbahn umbaute. Auch hier kam es zu Unmut im Quartier, weil «zu laut und zu lange» gekegelt wurde. 1907 kaufte der Schneider Gaspare Ferlin aus Venezien den «Löwen». Da er auch mit Wein handelte, benannte er ihn um in «Chiantiquelle». Bis 1920 gingen hier viele Künstler ein und aus. 1955 wurde der «Löwen» abgebrochen und durch ein fünfstöckiges Gebäude ersetzt, in dem sich seither im Erdgeschoss das Ristorante Casa Ferlin befindet. In vierter Generation leitet heute Franz Ferlin das bekannte Restaurant, und mit Marco steht schon die fünfte Generation bereit.

Kneipe statt Restaurant
«Bis Ende der 50er-Jahre hatten Vermögende ihre Angestellten und liessen sich zu Hause bedienen. Die weniger Betuchten hatten kein Geld, um auswärts essen zu gehen», sagte Nicola Behrens. «Deshalb waren die Restaurants damals eher Trinkstuben. In den 50er-Jahren begann der Wohlstand und die Beizen wandelten sich zu Speiserestaurants.»

Gastronomie wird international
In den 1970er-Jahren wurde die Gastronomie langsam international. Wie Pilze schossen erst italienische Restaurants aus dem Boden, Nach und nach hielt die chinesische Küche Einzug, und heute findet man Spezialitäten aus aller Welt auch in Unterstrass – von Thai im «Ora Thai» über Libanesisch im «Moudi’s Lecker Garten» bis zu Afrikanisch im «African Queen». «Eine grosse gesellschaftliche Entwicklung spiegelt sich auch im Entstehen zahlreicher Take-away-Restaurants wider», so Nicola Behrens.

Der Gasthof Sonne wurde 1615 von der Gemeinde Unterstrass übernommen undfür Versammlungen gebraucht. Das älteste noch stehende Restaurant von Unterstrass ist die Wirtschaft Zun drei Stuben aus dem Jahr 1794. Sie heisst so, weil drei als Stuben bezeichnete Häuser aneinandergebaut worden waren. Heute ist das «Drei Stuben» eine beliebte Quartierbeiz. Das «Drahtschmidli» wurde von knapp 250 Jahren als Heilbad eröffnet. 1842 ging es an den Bierbrauer Wilhelm Reiser von Unterstrass über. Seit 1906 gehört es der Stadt Zürich. Nach bewegten Jahren mit Jugendunruhen und Drogen ist das heutige «Dynamo» ein Treffpunkt für die Jugend.

Der Krone Unterstrass, die einst der einflussreichen Familie Steiner von Unterstrass gehörte, gegenüber lag das «Weisse Kreuz». Es wurde 1850 umgebaut. Es hatte damals – gemäss eigener Angaben – den grössten Saal in Zürich. Es war auch das erste Lokal mit einer Gasbeleuchtung, denn es besass ein eigenes Gaswerk. 1870 ging es an das evangelische Lehrerseminar.

Bevor es zum Apéro in die «Röslischüür» ging, führte Nicola Behrens die Anwesenden zum Schaffhauserplatz. Von dort aus Richtung Oerlikon war die Gegend einst eher ländlich geprägt, doch entlang der Schaffhauserstrasse gab es doch zahlreiche Restaurants, von denen etliche heute noch stehen, zum Beispiel das «Amici», das ehemals «Milchbuck» hiess.



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