Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich
23.05.2019 Von: Isabella Seemann

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

Zum Dessert bitte ein Gedicht


Einen ebenso genussvollen wie geistreichen Auftakt zum Kulinarikfestival Food Zurich bereitete die kulinarische Lesung von Julia Knapp im Romantik Seehotel Sonne in Küsnacht. Schon die erste Erzählung liess den Gästen das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Die Tafel ist weiss gedeckt. Achtzehn Gäste setzen sich drumherum. Der Räuschling vom Weingut Diederik wird nachgeschenkt. Dann hat die Vorleserin Julia Knapp die ganze Aufmerksamkeit. Es geht jetzt nämlich um die Wurst. Um dieses universelle Kulturgut, dem Schriftsteller Gedichte, Erzählungen und ganze Romanpassagen widmeten. «O, diese Wurst, ich schwöre, sie war herrlich», rezitiert Julia Knapp aus Robert Walsers hoch dramatischer, aber auch sehr vergnüglicher Kurzgeschichte über das quälende, fortwährende Bereuen, sich diese in allzu grosser Begierde bereits einverleibt zu haben. Heiterkeit kommt auf in der Gaststube des Romantik Seehotels Sonne, und den Zuhörern läuft auch schon das Wasser im Mund zusammen. Prompt servieren die Kellner die erste Vorspeise: eine edle Currywurst an hausgemachter Tomatensauce – augenzwinkernd mit Blattgold gekrönt. Da macht man sich mit Lust an die Wurst.

«Wo kommen die Löcher her?»
Einen weiteren literarischen Leckerbissen trägt Julia Knapp mit Hosenträger und Schirmmütze gekleidet vor wie ein Junge aus den 1930er-Jahren und fragt mit Kurt Tucholsky: «Wo kommen die Löcher im Käse her?» Virtuos springt sie zwischen den sieben Figuren hin und her, sodass der Zuhörer meint, sich mitten in einer Berliner Abendgesellschaft zu befinden. Der letzte Satz, «Jnädje Frau, es is anjerichtet! », wird mit grossem Beifall angenommen. Es folgt der zweite Gang: Geisskäseterrine – ganz ohne Löcher.
Die Idee, die hinter dem Anlass steht, ist ebenso verlockend wie einleuchtend: Literatur ist Nahrung für den Geist. Essen nährt den Körper. Was liegt näher, als das eine mit dem anderen zu verbinden – so wie die kulinarischen Lesungen von Julia Knapp? Die 35-jährige Literaturwissenschaftlerin gestaltet kulturelle Anlässe, Leseinszenierungen und literarische Soiréen für Privat- und Firmenanlässe, in Restaurants und Delikatessgeschäften, an Literatur- oder Foodfestivals. Im Rahmen des derzeit stattfindenden Kulinarikfestivals Food Zurich lud Catherine Julen Grüter, Gastgeberin im Romantik Seehotel Sonne in Küsnacht, zum kulinarisch-literarischen Abend ein. Und weil sie von Julia Knapps inszenierten Lesungen ebenso begeistert ist wie ihre Premierengäste, sind die «Literarischen Menüs» mit fünf Gängen und fünf Lesesequenzen fortan ganzjährig buchbar.
Die Inspiration kam Julia Knapp nachts im Bett beim Lesen von Banana Yoshimotos Erzählungen «Kitchen». Wie in vielen literarischen Werken spielt Essen und Trinken darin eine prominente Rolle – und das kann einem Appetit machen. «Sich verführen lassen durch Worte, das gibt es ja nicht nur bei Liebesbriefen, das gibt es auch bei kulinarischer Literatur.» Und so beschloss sie vor gut acht Jahren, ein appetitanregendes Leseprogramm zusammenzustellen. Dafür waren ausgiebige Recherchen nötig, denn naturgemäss eignet sich nicht jede Passage übers Essen für eine Gourmetlesung.
«Mittlerweile habe ich aber eine grosse Rezeptkartei mit Literatur zu Speisen und Menüfolgen», sagt die passionierte Vorleserin. Dabei lässt sie es bei Worten nicht bewenden. Julia Knapp kocht auch selbst gerne, am liebsten Gerichte aus ihrer süddeutschen Heimat wie Sauerbraten und Spätzle. «Nach einem stressigen Arbeitstag gibt es für mich nichts Entspannenderes als zu kochen.»

Kamel geschächtet, König bedient
Das Küchenteam der «Sonne» bereitete in der Zwischenzeit die Hauptspeise vor: Ein Kalbsfilet im Brotmantel mit Soufflé von Kartoffeln an Portweinsauce, das den Gaumenfreuden aus dem Roman des Tschechen Bohumil Hrabal, «Ich habe den englischen König bedient», in nichts nachsteht. Zumindest in fast nichts. Wird doch darin für den abessinischen Kaiser bei einem opulenten Festmahl in Prag ein Kamel geschächtet, mit zwei Antilopen gefüllt, die ihrerseits mit zwanzig gefüllten Truthähnen gefüllt sind, und im Ganzen am Spiess gebraten.
Die Zuhörer lassen sich jedes Wort auf der Zunge zergehen, wenn Julia Knapp, diesmal verkleidet als Hotelpage, aus dem Schelmenroman vorliest. Man meint, das Aroma der Gewürze in der Nase und den Geschmack des gebratenen Kamels im Gaumen zu haben. Die Resonanz der Gäste macht nach dem Dessert deutlich: Gute Literatur und gutes Essen sind ein doppelter Genuss.



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