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12.06.2019
Zürich West

«Ich glaube eigentlich nicht an Gespenster»


Gespensterhaus: Zu Zeiten von Oberpfarrer Anton Klingler trieb am Zwingliplatz ein Geist sein Unwesen. Foto: lz.

Historikerin Eveline Szarka hielt beim Friedhof Sihlfeld einen Vortrag über Gespenster. Dabei erzählte sie von den Sünden der Kirche, dem Tod und dem Werk des Teufels. 

Leon Zimmermann

Das Untergeschoss des städtischen Friedhof-Forums am Sihlfeld war prall gefüllt. «Die Geschichten, die ich ihnen heute erzähle, sind keine leichten: Es geht um Mord, Selbstmord und soziale Ausgrenzung», begrüsste Eveline Szarka das Publikum. Die Mitarbeiterin des historischen Seminars der Universität Zürich hielt am vergangenen Donnerstag einen Vortrag über Gespenster im Kanton Zürich.
«Bitte lachen sie nicht über die Geschichten, das sind alles echte Schicksale», ermahnte sie die Zuhörer. Und tatsächlich: Bei ihren Geschichten handelt es sich keinesfalls um Ammenmärchen, sondern um historisch dokumentierte Tatsachen. «Ich habe Staatsarchive, Gerichtsakten und Ratsprotokolle durchsucht», sagt Szarka, die den zürcherischen Gespenstergeschichten eine ganze Doktorarbeit widmete. Eine weitere Quelle für diese Arbeit war das «Tagebuch des teuflischen Trauerspiels», verfasst von Bernhard Wirz zu Beginn des 18. Jahrhunderts.

Zum Tode verurteilt

Wirz war ein Hausgast des obersten Zürcher Pfarrers Anton Klingler. In seinem Tagebuch hielt er die rätselhaften Geschehnisse fest, die sich damals in Klinglers Residenz am Zwingliplatz ereignet hatten. In Klinglers Abwesenheit begannen dort plötzlich Gegenstände wie von Geisterhand durch die Luft zu fliegen. Ausserdem hörten die Hausbewohner nachts seltsame Schritte. Wirz verlängerte deshalb seinen Aufenthalt bei den Klinglers, um sie vor dem «Geist» zu beschützen. Zudem riet er dem Oberpfarrer, einen Geisterbeschwörer zu engagieren. Klingler lehnte das jedoch entschieden ab. «Er war überzeugt davon, dass der Teufel ihn heimgesucht hat», erklärt Szarka. Nach sieben Monaten war der Spuk vorbei – zumindest vorerst. Gut drei Jahre später krachte dann vor versammelter Gebetsrunde ein mehr als 20 Kilogramm schwerer Stein die Treppe hinunter, und das Grauen ging von vorn los. Da ein Wächter des Hauses das Geschehen aber aufmerksam beobachtete, fiel der Verdacht plötzlich auf den jungen Wirz.

Wie sich später herausstellte, hat Wirz den Spuk nur inszeniert, um seine Affäre mit der Nichte des Oberpfarrers zu verheimlichen. So konnten die beiden im Haus «Unzucht treiben» und den allfälligen Lärm einfach auf den Geist abschieben. «Über Klingler hat sich nach seinem Geständnis ganz Europa lustig gemacht», sagt Szarka. Da er den Ruf des Pfarrers beschmutzt und die Kirche des Kantons Zürich beleidigt hat, wurde Wirz schliesslich zum Tode verurteilt. «Helfe dir Gott!», waren die letzten Worte, die er vor seinem Ableben zu hören bekam.

Verlorene Seelen und Teufelswerk

Das war nur eine von neun historisch dokumentierten Spukgeschichten, die Szarka dem Publikum bei ihrem Vortrag näherbrachte. «Dabei geht es eigentlich nicht um Geister», erklärt sie. Viel faszinierender sei, mit welcher Selbstverständlichkeit die Leute damals an Gespenster geglaubt haben. So habe sie zum Beispiel einen Brief von einem Sohn an seinen Vater gefunden: «Er schrieb, dass es ihm und seiner Familie gut gehe – abgesehen davon, dass sie einen Geist zu Hause hätten, den er jetzt erst einmal vertreiben müsse.»

Ursprünglich kommt der Geisterglauben von der katholischen Kirche. Diese verbreitete früher das Bild des Fegefeuers: eines Raums zwischen Himmel und Hölle. Im Fegefeuer landeten verstorbene Seelen, die noch nicht gänzlich von ihren Sünden befreit waren. Damit sie als «selig» galten und in den Himmel gelangen konnten, sammelte die katholische Kirche Geldspenden für die «verlorenen Seelen», um sie mittels kirchlichen Ritualen von ihrem Leid zu erlösen. «Eine Ökonomisierung des Glaubens», sagt Szarka.

Mit der Reformation kam plötzlich Kritik an diesen Ritualen auf. So ist laut der Bibel die «Totenbefragung» verboten. Da die Existenz von Gespenstern damals aber auch unter den Reformanten unumstritten war, suchten sie nach neuen Erklärungen für deren Erscheinen. «Die Reformierten hielten die Gespenster für den Teufel, der sie zur Sünde einer Totenbefragung verlocken wollte», erklärt Szarka. Viele glaubten auch an Poltergeister, die der Teufel gesandt haben soll, um die Menschen zu erschrecken. Ein weiterer Ansatz war, dass Gott die Gespenster geschickt hat. Dies entweder als Strafe für Sünden, als Versuchung oder als Aufruf zur Busse.
Dass sie ihre Gespenster nicht mehr mit Ritualen verjagen duften, war damals für viele Menschen ein grosses Problem. Die einzigen erlaubten Mittel zur Geisterbekämpfung waren laut der reformierten Kirche Gebete zu Gott oder das Fasten. Laut Szarka begnügten sich viele Leute aber nicht damit: «In Rezeptbüchern gab es damals Anleitungen, wie man ein Amulett herstellt, mit dessen Hilfe man Geister vertreiben kann. Die Menschen wussten schon, wie sie sich wehren konnten.»

Suche nach dem Sündenbock

Vor dem Teufel hätten sich die Leute aber nicht gefürchtet. «Es ging immer nur um die Anwesenheit der Gespenster», sagt Szarka. Eine Zuschauerin des Vortrags glaubt, dass man auch in der heutigen Zeit noch Grundzüge des damaligen Geisterglaubens erkennen kann: «Die Reaktionen der Leute auf unerklärliche Ereignisse sind immer noch gleich. Es wird ein Sündenbock gesucht, und anschliessend erlässt man Verbote und Gesetze, um diesen Sündenbock zu bekämpfen.» Szarka stimmt zu und merkt an, dass es wohl ein menschliches Bedürfnis sei, gegen das Böse vorzugehen.

Die Historikerin hat selbst übrigens noch nie eine gespenstische Erscheinung bemerkt. Ob sie selber an Gespenster glaubt? «Eigentlich nicht. Ich will mich aber nicht festlegen», sagt sie. Schliesslich könne man nie wissen, was wirklich hinter den zahlreichen Gruselgeschichten steckt.



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