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26.06.2019
Zürich West

Doppelter Abschied beim Theater Hora


Michael Elber (l.) verlässt das Theater Hora. In dessen letzter Inszenierung übernimmt Matthias Grandjean die Aufgabe des Regisseurs. Foto: gab.

Das Theater Hora beendet Mitte Juli sein Langzeitprojekt. Bei der feierlichen Beerdigung in Aussersihl ist Hora-Gründer Michael Elber zum letzten Mal dabei.

Gian-Andri Baumgartner

Es ist das Ende einer Ära: Nach fast 30 Jahren beim Theater Hora hört Gründer Michael Elber auf. «Es ist mir in letzter Zeit einfach etwas zu viel geworden», begründet der 61-Jährige seinen Abschied. 1989, als alles mit einem kleinen, integrativen Theaterprojekt mit geistig behinderten Menschen begonnen hat, sei die Freude am Erfinden und Erzählen von Geschichten noch im Vordergrund gestanden. Natürlich sei das nach wie vor ein wichtiger Teil, betont Elber, aber: «Das Hora ist seither extrem gewachsen, es ist praktisch zu einer Theatermaschine geworden.»

Das Jahr 2013 gestaltete sich in dieser Hinsicht als Wendepunkt. Die Hora-Inszenierung «Disabled Theater», die in Zusammenarbeit mit dem französischen Choreografen Jérôme Bel entstand, erhielt als eine der zehn besten Inszenierungen und als einzige Theatergruppe mit behinderten Menschen eine Einladung zum Berliner Theatertreffen. Es war der internationale Durchbruch für Elber und sein Theater. Darauf folgten Auftritte auf der ganzen Welt. Das Theater Hora wurde zu einer grossen Organisation und beschäftigte fortan zahlreiche Mitarbeiter. Bald waren zwei Proberäume notwendig, neben demjenigen in der Roten Fabrik in Wollishofen übt es heute im Casinosaal Aussersihl, wo auch die kommenden Aufführungen stattfinden. Gleichzeitig wuchsen aber auch der Druck und der Stress für Gründer Elber. «Wir waren praktisch gezwungen, zweimal im Jahr eine neue Produktion zu präsentieren. Das und die zusätzlichen Arbeiten im Hintergrund bedeuteten einen enormen Aufwand für mich», erzählt er. Dieser Aufwand trieb ihn vor etwa zweieinhalb Jahren in ein Burnout. Deshalb und aufgrund der verschiedenen Vorstellungen über die zukünftige Ausrichtung wird Elber das Theater Hora jetzt im Rahmen einer Organisationsentwicklung von Hora verlassen.

«Eine gute Entscheidung»

Er sei traurig, diese Arbeit nach fast 30 Jahren aufgeben zu müssen, freue sich aber auch auf neue Projekte, weil er unglaublich gerne mit Menschen auf der Bühne arbeite, betont Elber: «Im Moment ist es eine grosse Erleichterung, diesen Druck, den ich beim Theater Hora gespürt habe, bald ablegen zu können. Es ist die richtige Entscheidung für das Hora und für mich.» Nach seinem Abschied vom Theater Hora will er wieder in die freie Szene einsteigen, die er vor 30 Jahren mit der Hora-Gründung verlassen hat. «Ich will wieder zum kleinen, lokalen Theatermachen zurückkehren. Die direkte Arbeit mit den Menschen, das Erzählen von Geschichten, das ist es, was ich am liebsten mache. Das ist meine Welt und das, was ich in den letzten Jahren im Hora schon etwas vermisst habe.»
Elber ist sich der Risiken, die die freie Szene bereithält, durchaus bewusst: «Ich habe zwar einige Projekte geplant, bin aber faktisch arbeitslos und muss gleichzeitig eine Familie ernähren. Das ist natürlich nicht ideal, momentan jedoch für mich die bessere Option, als weiterhin die Last des Hora-Theaters mitzutragen.»
Noch hat sich Elber nicht vom Theater verabschiedet, er befindet sich mit seinem Ensemble gerade im Schlussspurt für die letzte Hora-Inszenierung, an der er beteiligt ist. «Der Mann, der von der Erde fiel» heisst sie und basiert auf dem 1976 erstmals ausgestrahlten Film «Der Mann, der vom Himmel fiel» von Nicolas Roeg, in dem David Bowie die Hauptrolle spielte. «Es handelt von einem Ausserirdischen, der auf der Erde landet und sich zurechtzufinden versucht. Wir haben aber einiges abgeändert, mit der eigentliche Geschichte hat es nicht mehr so viel zu tun. Letztlich ist es einfach ein surrealer Trip eines Fremden auf der Erde, den das Ensemble darstellt», fasst Elber zusammen.
Das Stück ausgesucht hat Elber, bei der Umsetzung hält er sich aber im Hintergrund und gibt höchstens Tipps an die Regie. Diese Aufgabe übernimmt Matthias Grandjean, das dienstälteste Mitglied des Hora-Ensembles. Für den 48-Jährigen mit Trisomie 21 ist es die erste Inszenierung, die er als alleiniger Regisseur führt. «Die Aufgabe gefällt mir, sie ist sehr spannend, und das Ensemble arbeitet gut mit. Ich freue mich auf die Aufführungen», sagt Grandjean, der im Stück auch die Hauptrolle spielt.

Klarer Hierarchiegedanke

Gemäss Elber war es nicht so einfach, die anderen Schauspieler dazu zu bringen, auf Grandjean zu hören: «In der Hierarchie des Ensembles stehe ich zuoberst. Ihnen klarzumachen, dass mit Grandjean ein anderer, geistig Behinderter als Regisseur über mir steht und er der Chef ist, brauchte seine Zeit. Unterdessen haben sie ihn aber akzeptiert und leisten seinen Anweisungen Folge.»

«Der Mann, der von der Erde fiel» feierte am 21. Juni Premiere und wird am 13. Juli zum Abschluss des Halbjahresprojekts «Endstation Zukunft» nochmals zu sehen sein. «Endstation Zukunft» markiert das Ende des seit 2013 laufenden Langzeitprojekts «Freie Republik Hora» (FRH). «In diesem Projekt haben wir den Schauspielerinnen und Schauspielern viele Freiheiten gelassen. Sie durften bestimmen, was sie und wie sie etwas auf die Bühne bringen», sagt Elber. Dabei seien einige spannende Inszenierungen entstanden, die im Rahmen von «Endstation Zukunft» an acht Abenden nochmals gezeigt werden. Das definitive Ende findet die FRH in ihrer symbolischen Beerdigung im Anschluss an die Aufführung von «Der Mann, der von der Erde fiel». Dieser Abend hält aber einen für das Theater Hora noch viel bedeutungsvolleren Abschied bereit: denjenigen von Hora-Gründer Michael Elber.

«Endstation Zukunft»: 3. bis 13. Juli im Casinosaal Aussersihl, Rotwandstrasse 4.
Detailliertes Programm auf www.hora.ch.



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