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27.06.2019 Von: Liana Soliman

Küsnachter, Küsnachter Amtlich

Auftritt von doppelter Frauenpower


Eine lebhafte Persönlichkeit und eine preisgekrönte Fotografin: Inge Ginsberg (Mitte) und Vera Markus. Foto: Liana Soliman

Inge Ginsberg, eine zielstrebige 97-Jährige, besuchte das Alters- und Gesundheitszentrum Tägerhalde im Rahmen der Kulturwoche. Ihre Lebensgeschichte, in Form einer Tonbildschau erzählt, löste Emotionen aus.

Kaum hat der Film begonnen, wird den Anwesenden schnell klar, was für eine Art Persönlichkeit porträtiert wird. Denn Inge Ginsberg nimmt schon ab der ersten Minute kein Blatt vor den Mund, was ihr Liebesleben, Geschehnisse und ihre Lebenshaltung anbelangt. «Alter ist kein Äxgüsi für Faul-Sein», sagt die 97-jährige gebürtige Österreicherin. Und weiter: «Ab 70 habe ich meine jungen Liebhaber andauernd gewechselt.»
Die Tonbildschau ist ein Werk der Küsnachter Künstlerin Vera Markus und wurde im Rahmen der alljährlichen Kulturwoche des Alters- und Gesundheitszentrums Tägerhalde präsentiert. «Wir wollen ein offenes Haus und ein Treffpunkt für die Küsnachter Bevölkerung sein», sagt Anja Hartmann, Leiterin Administration und Marketing des Alterszentrums und Organisatorin des Projekts.

Bewohner inspirieren
Laut Hartmann wird die Kulturwoche seit etwa sieben Jahren durchgeführt. Das Ziel bestehe darin, die Bewohner zu inspirieren, Erinnerungen zu wecken, sie neue Sachen entdecken zu lassen, aber auch Begegnungen und Austausch zu fördern. «Das Motto ‹Wandel› ist gerade deshalb spannend für die Bewohnerinnen und Bewohner, weil wir im Leben oft Wendepunkt erleben, so auch den Eintritt ins Altersheim.» Das Highlight sei natürlich auch, dass sowohl Porträtierte als auch Künstlerin anwesend seien und nach der Aufführung Fragen beantworten würden.
Die etwa zwanzig Besucherinnen und Besucher, eine Mischung aus Externen und Anwohnern, betrachten die Fotos aus einer Spanne von vielleicht 80 Jahren und lauschen aufmerksam den Zitaten Ginsbergs. Dabei erfahren sie von deren Höhe-, Wende- und Tiefpunkten. Geboren wurde Ginsberg am 27. Januar 1922 in Wien als Tochter eines Unternehmers und «jüdische Prinzessin», weil sie in Wohlstand aufgewachsen und erst schlafen gegangen sei, wenn die Angestellten mit ihr gespielt hätten. «Ich weiss, wie man reich war, und ich weiss, wie man plötzlich bettelarm sein kann, wie es sich niemand vorstellen kann», sagt Ginsberg.
Sie erlebte die Trennung vom Vater, die Armut, das illegale Leben in Wien und die Flucht vor der Deportation nach Auschwitz. Mit ihrem späteren Mann Otto Kollmann sei sie als junge Frau dann von Österreich in die Schweiz geflohen. Hier habe sie als Haushälterin in einer von der CIA finanzierten Villa gearbeitet und «dem amerikanischen Nachrichtendienst dabei geholfen, die Deutschen auszuspionieren». «Man hat mir einen auf mich dressierten Hund versprochen, da habe ich mitgemacht», sagt Ginsberg.

Internationale Bekanntheit
Nach dem Krieg reisten Kollmann und Ginsberg nach Hollywood, weil das Paar durch eigens komponierte Lieder schnell an internationaler Bekanntheit gewonnen hatte. «Es war ein Albtraum: Wir verdienten viel Geld und wurden dann aber von unserem Agenten über den Tisch gezogen », sagt Ginsberg. Sie reiste nach Zürich, trennte sich von ihrem Mann und lernte an einer Cocktailparty einen Anwalt kennen, der sie auf den ersten Direktflug von Zürich nach Tel Aviv einlud. Dort angekommen, lernte sie ihren zweiten Ehemann kennen, und ein paar Jahre später heiratete sie dann ihren dritten Ehemann Kurt Ginsberg, einen «46-jährigen südamerikanischen Millionär». «Wir haben dreissig Jahre schön gelebt, sind viel gereist und hatten Wohnungen in Quito, Tel Aviv, New York und in der Schweiz», sagt Ginsberg.

Aufgeben komme nie infrage
Heute schreibe die 97-Jährige Bücher und komponiere Heavy-Metal-Lieder, die sie an der «Eurovision» präsentiert. «Ich schreibe, weil ich muss, nicht weil ich will. Mir ist es wahnsinnig wichtig, meine Hirntätigkeit in Takt zu halten», sagt Ginsberg. Also wolle sie auch über das Altern Kontrolle haben. «Ich bin ein Kontrollfreak. » Sie kämpfe immer weiter. Und wie: In der Diskussionsrunde nach der Tonbildschau fragt sie: «Wollen wir versuchen, uns in dreissig Jahren hier wieder zu treffen?» Das Publikum lacht heiter. «Nie aufgeben! Das Wichtigste ist, die Gegenwart zu geniessen », so ihr Appell weiter. Die Anwesenden sind begeistert, gratulieren ihr für ihre Geschichte und zeigen ihre Bewunderung.
Die Küsnachter Künstlerin Vera Markus, die für Werk ihr mit dem Omanut-Zwillenberg-Förderpreis ausgezeichnet und 2019 von der Swiss Photo Academy zur Fotografin des Jahres nominiert wurde, zeigte sich zufrieden mit den Reaktionen: «Mir war wichtig, dass ihre Geschichte nicht einfach mit dem Holocaust endet, wie es sonst oft in Büchern und Filmen geschieht, sondern auch das Danach zeigt: Inge Ginsberg als faszinierende Persönlichkeit mit all ihren Lebenswendepunkten.»
Auch Anselm Töngi, Leiter des Alters- und Gesundheitszentrums, ist von der eindrücklichen Lebensgeschichte von Ginsberg beeindruckt. «Ich denke auch, dass diese positive Haltung rübergekommen ist und den Anwohnerinnen und Anwohnern des Alterszentrums Mut macht.»



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