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30.10.2019
Zürich West

Die Gefahr für Blinde kommt auf Rädern


E-Trottinets mitten auf den Gehwegen erweisen sich für Sehbehinderte als gefährliche Stolpersteine. Foto: yas.

Für Blinde ist der Gang auf den Trottoirs bereits eine Herausforderung. Aber es gibt viele Möglichkeiten, wie man ihnen den Alltag erleichtern kann.

Yannick Schenkel

Den Haushalt erledigen, zur Arbeit pendeln oder Einkaufen gehen. Alltägliche Tätigkeiten, welche für uns kein Problem sind. Doch für die rund 10 000 sehbehinderten Menschen in der Schweiz sind diese einfachen Aufgaben eine grosse Herausforderung. Sie müssen sich, nur mit der Hilfe des weissen Langstockes, auf den Strassen von Zürich zurechtfinden. Wie schwierig dies ist, können sich Sehtüchtige kaum vorstellen. Deshalb achten wir im Alltag kaum auf die Gefahren, welche wir für Sehbehinderte verursachen. Der Schweizerische Blindenbund machte am Tag des weissen Stockes auf diese Gefahren aufmerksam, im Besonderen auf jene auf dem Trottoir. In einem «Sensibilisierungsparcours» konnten Passanten im Zürcher Hauptbahnhof am eigenen Leib erleben, wie mühsam Hindernisse auf den Gehwegen für Sehbehinderte sind.

Fahrzeuge sind am gefährlichsten

Ausgestattet mit einer Dunkelbrille versuchte ich mich ebenfalls im Parcours. Mitten auf dem Weg musste ich Schildern, Koffern, anderen Menschen oder Fahrzeugen ausweichen. Als einzige Hilfe diente mir dabei der Blindenstock. Mit der aufgesetzten Dunkelbrille musste ich mich auf die Geräusche und Gerüche der Umgebung verlassen. Im Zürcher Hauptbahnhof fällt das nicht leicht, durch die ankommenden Züge und die vielen Passanten bin ich ohne meinen Sehsinn einem Wirrwarr von Geräuschen ausgesetzt. Deshalb versuchte ich mit dem Blindenstock den Leitlinien auf dem Boden zu folgen. Mit Begleitung von Lea Appiah, Angestellte des Blindenbundes, war ich zwar orientierungslos, aber sicher. Doch als die Stimme neben mir verschwand, fühlte ich mich hilflos der Umgebung ausgeliefert.
Unsicher tastete ich mich im Tempo eines Rentners entlang den Leitlinien nach vorne. Meine Vorsicht lohnte sich, denn mitten auf genau diesen Leitlinien stand ein Hindernis, eine Achtung-Rutschgefahr-Tafel, im Weg. Diese touchierte ich mit dem Blindenstock leicht und konnte deswegen gut ausweichen. Doch wenn ich mehr Tempo gehabt hätte, wäre ich wohl gestolpert. Das zeigt, dass Hindernisse wie Fahrräder und Tafeln auf den Gehwegen zu grossen Gefahren werden. Doch eigentlich sind diese oft völlig unnötig. In diesem Fall hätte man die Tafel von Beginn an neben die Leitlinien stellen können.

Trottoir verboten für E-Trottinetts

«Die grössten Gefahren auf dem Trottoir sind schnellfahrende Fahrzeuge», stellt Lea Appiah fest. Sie arbeitet beim Schweizerischen Blindenbund und bildet als Orientierungsmobilitätslehrerin sehbehinderte Menschen im Umgang mit dem Langstock aus. Velos und E-Trottinetts würden oft rücksichtlos mit wenig Abstand überholen und Sehbehinderte unnötig gefährden. Dabei haben diese Fahrzeuge gar nichts auf den Gehsteigen zu suchen, sondern gehören auf die Strasse.
Weil vielen Menschen das offenbar egal ist, musste die Stadtpolizei Zürich 2017 wegen unerlaubten Fahrens auf den Gehwegen 2414 Falschfahrer büssen. Die Tendenz ist steigend, die Stadtpolizei verteilte dieses Jahr bis Anfang Oktober bereits rund 2300 Bussen. Das könnte mit dem Boom der E-Trottinetts zusammenhängen. Denn beim Aufkommen der Trottinetts war für viele Lenker noch unklar, ob sie auf der Strasse fahren müssen.

Neben den Gefahren auf Rädern können für Blinde und Sehbehinderte auch Fussgänger zum Problem werden. «Wenn sie ihre Aufmerksamkeit dem Smartphone statt dem Verkehr schenken, kann es zu schmerzvollen Zusammenstössen kommen», sagt Lea Appiah. Weitere Gefahren sind Werbeschilder, Restaurantbestuhlung oder ungesicherte Baustellen mitten auf den Gehsteigen. Insbesondere herunterhängende Schilder können zu heftigen Kopfverletzungen führen, weil Blinde sie, den Gehstock am Boden, nicht erkennen. Schlussendlich haben alle Gefahren etwas gemeinsam: Mit ein wenig Aufmerksamkeit könnten sie ohne viel Aufwand beseitigt werden.

 

Der Blindenbund

Der Schweizerische Blindenbund dient seit 1958 als Anlaufstelle für sehbehinderte und blinde Personen. Er schrieb sich das Ziel auf die Fahnen, diese in ihrer Selbstständigkeit zu fördern. Deshalb bilden ausgebildete Lehrkräfte Sehbehinderte in der Mobilität, aber auch in alltäglichen Tätigkeiten wie der Bewältigung des Haushalts oder der Bedienung eines Smartphones aus. Der Blindenbund ist als Verein organisiert und hat mittlerweile über 1000 Mitglieder. Schweizweit verfügt er über sieben Beratungsstellen, eine davon in Zürich an der Stauffacherstrasse 143 im Kreis 4, Telefon 043 317 18 41. (yas.)



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