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15.01.2020
Zürich West

Wenn das ganze Quartier zur Schule wird


Entwurf «Stadtschulräume»: Der gefasste Quartierplatz zwischen schulischen Erdgeschoss-Nutzungen im Letzibach C. Visualisierung: Grieder & Travas

Zwei Architekturstudierende der ETH Zürich entwerfen die «Stadtschule» der Zukunft: In ihrer Masterarbeit präsentieren sie Ideen, wie der akuten Schulraumnot auf unkonventionelle Weise entgegengewirkt werden könnte. 

Lisa Maire

In der «Stadtschule» von Alexandra Grieder und Luka Travas hat das altgediente Konzept der Schule als «Nukleus» ausgedient: Die Grenzen der kompakten Schulanlage lösen sich auf zugunsten eines Schulnetzes, das sich ins Quartier hinaus spannt. Ob leerstehende Büro-, Erdgeschoss- oder ungenutzte Dachflächen: Den Ideen, wie die Stadtzürcher Volksschule zu den dringend benötigten neuen Schulräumen kommen könnte, sind keine Grenzen gesetzt. Warum nicht in der Kirche singen, in einer Industriehalle turnen?, fragen Grieder und Travas.
Eines steht jedoch für das Autorenduo fest: Der zunehmende Einsatz von Provisorien – den Züri-Modular-Pavillons – ist keine annehmbare Lösung. Nicht nur aus architektonisch-städtebaulicher Sicht. Sondern vor allem, weil die Pavillons Pausenplätze belegen und damit Freiräume schmälern, die doch in einer sich verdichtenden Umgebung unbedingt erhalten bleiben sollte. Wie wichtig der Aussenraum einer Schule ist, haben Grieder und Travas bei ihren Recherchen erfahren: Bei Besuchen verschiedener Zürcher Schulhäuser gaben sie den Kindern Digitalkameras in die Hand, mit dem Auftrag, ihren Lieblingsort im und ums Schulhaus festzuhalten. Das Ergebnis: Die Fotos zeigten fast ausnahmslos den Pausenplatz.

Schule Kappeli als Modell

Wichtige Inputs für ihre Arbeit verschafften sich die Autoren, interdisziplinär begleitet von der Dozentur für Soziologie, auch mit Befragungen von Schulleitungen, Lehr- und Betreuungspersonen und Schulwarten sowie von zahlreichen Experten – von der kantonalen Bildungsdirektion über städtische Bau- und Schulbehörden bis zu Fachleuten aus den Bereichen Pädagogik und Sozialarbeit. Sie studierten Schulhaustypologien, Bevölkerungs- und Wohnbauentwicklungen. Schliesslich fanden sie in Altstetten, wo der Schulraummangel besonders prekär ist, den geeigneten «Bauplatz» für ihren Entwurf: die Schule Kappeli. Bedingt durch mehrere Wohnbau-Grossprojekte im Einzugsgebiet, steht hier bis zum Schuljahr 2025/26 praktisch eine Verdoppelung von 31 auf 60 Primar- und Sekundarklassen an.

Wie 29 zusätzliche Klassenräume in fünf Jahren beschaffen? Für Grieder und Travas kommen dafür weder zusätzliche ZM-Pavillons noch ein Erweiterungsbau infrage. Beide Lösungen würden den schönen Freiraum um die denkmalgeschützte Schule zerschneiden oder gar zum Verschwinden bringen. Ihre Strategie lautet vielmehr: Fortan 22 Klassen im Schulhaus Kappeli, die bestehenden Pavillons abbauen, sich dafür vor allem das Angebot an leerstehenden Büroflächen zunutze machen.

Schulkinder auf dem Dach

So etwa die obersten zwei verwaisten Geschosse des Regimo-Baus an der Hohlstrasse. Hier orten die Autoren Unterrichtsraum für 21 Klassen. In ihrem architektonischen Entwurf ermöglichen hölzerne Erschliessungsstrukturen ein autarkes Funktionieren der Schule und sichere Schulwege. Aus einem wenig genutzten Parkplatz lassen sie einen Pausenplatz entstehen, aus einer angrenzenden leerstehenden SBB-Baracke einen Raum für den Werkunterricht.
Die drei leerstehenden Büroetagen im «Block 22» an der Buckhauserstrasse bieten nach Berechnungen der Jungarchitekten Platz für 19 Klassen samt Gruppen-, Spezial- und Betreuungsräumlichkeiten. Wobei sich mittels diverser Holzkonstruktionen ungenutzte Dachflächen in weitläufige geschützte Aufenthaltsplätze verwandeln lassen.

Auch ungenutzte Erdgeschossflächen in der Überbauung Letzibach C haben Stadtschulpotenzial: Sie könnten für die Mittags- und Nachmittagsbetreuung aktiviert und damit endlich belebt werden. Wieder schaffen Grieder und Travas mit Holzkonstruktionen Abgrenzungen und Brücken, die einerseits reibungslose Abläufe und andererseits geschützte Aussenräume und sichere Wege sicherstellen. Im Entwurf führt einer dieser Wege über die Hohlstrasse hinweg zu den schulischen Werkräumen, die aus zwei stadteigenen Lagerschuppen bei der Mobimo-Wohnüberbauung (Labitzke-Areal) geschaffen wurden.

Neue Denkanstösse

«Stadtschulräume» ist beileibe keine Arbeit aus dem Elfenbeinturm der Architektur. Baurechtliche Vorgaben haben die Autoren in ihrem Projekt allerdings ausser Acht gelassen. Auch die Kostenfrage im Vergleich zu anderen Raumbeschaffungslösungen wurde nicht berücksichtigt. Sie hätten den Rahmen der Masterarbeit gesprengt. Grieder & Travas verstehen ihren Stadtschulentwurf denn auch nicht als Patentrezept, das an jedem Standort 1:1 umgesetzt werden kann. «Wir wollen einfach neue Denkanstösse geben», betonte Grieder bei der Präsentation der Masterarbeit auf dem ETH-Campus Hönggerberg.

Die Schule neu denken: Das Credo hinter der Masterarbeit mag für manche Schulverantwortliche und nicht zuletzt auch für die Quartierbevölkerung eine grosse Challenge sein. Andererseits: In der Stadt Zürich ist ein Konzept, das auf die Nutzung von bereits vorhandenem Raum setzt, nicht ganz fremd. Gerade im «Notfall» Kappeli kommt diese Strategie bereits zum Tragen. So zieht die dortige Sekundarschule bald vorübergehend in gemietete und umgebaute Räume im nahen Bürohaus Mürtschenpark. In ihrem Stadtschulentwurf haben Grieder und Travas die Option Mürtschenpark allerdings links liegen lassen. Der Grund: fehlender Aussenraum.

Alexandra Grieder und Luka Travas, «Stadtschulräume», freie Masterarbeit, Departement Architektur ETH Zürich, 2020. Die Arbeit ist als 60-seitige Broschüre erhältlich über stadtschulraeume@gmail.com



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