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«booXkey»-Schreibwettbewerb

Spuk im Küsnachter Tobel und Verbrechen in Goldküsten-Villen: Beim zweiten «booXkey»-Schreibwettbewerb entstanden Krimis, die sich in und um Küsnacht abspielen. 

Nun sind kritische Leserinnen und Leser sowie Literaturliebhaberinnen und -liebhaber gefragt: Welches ist der beste Kurz-Krimi, der im Rahmen des zweiten «booXkey»-Schreibwettbewerbs entstanden ist? 

Die Prämierung der besten «booXkey»-Kurzgeschichte findet am Donnerstag, 7. Dezember, in der Chrottegrotte statt. Gemeindepräsident Markus Ernst wird anwesend sein und den Sieger ehren.

Auch im 2018 wird das Literaturforum «booXkey» wieder einen Schreibwettbewerb durchführen. Das Thema der Kurzgeschichte: «Ein Schulerlebnis». Mitmachen können alle Küsnachter, sämtliche Bewohner der Nachbargemeinden und zusätzlich alle Heimweh-Küsnachter. (aj.)

 

Zur Prämierung der besten Kurzgeschichte wird ein Leservoting durchgeführt. Um an der Abstimmung teilzunehmen, schreibt man ein Mail mit dem Titel der favorisierten Geschichte an booxkey@bluewin.ch, eine Karte an Susanna Vollenweider, In der Schübelwis 6, 8700 Küsnacht, oder gibt die Stimme direkt über www.booxkey.ch unter dem Link «Kontakt» ab.

Geschichte 1: Das unheimliche Geräusch

Wie so oft schlendere ich durch das herrliche Küsnachter Tobel und lausche hinein in das plätschernde Wasser, entdecke Wasseramseln, die ihre Tauchkünste zeigen. Sie drehen unter Wasser Steinchen um, wo sie hoffen, Larven von Köcher-, Stein-, und Eintagsfliegen zu finden. Hier am Wasserlauf spüre ich die Kraft der Natur und wundere mich immer wieder über die Verwandlung des Lichts. Heute zeigt sich beim Eindunkeln die Umgebung geradezu mystisch. Nebelschwaden tanzen über dem Wasser und um die 65 Findlinge im Findlingsgarten. Eine imposante Felswand erhält bei näherer Betrachtung plötzlich ein Gesicht, eine andere verliert einen Stein und dieser kracht mit einem dumpfen Schmerz ins Wasser. Mystisch? Ja, aber irgendwie auch etwas unheimlich. Der Nebel schleicht jetzt auch um die Bäume, so dass sich die Weitsicht in eine Kurzsicht verwandelt. Geräusche aus dem Geäst und das Gurgeln des Wassers durchbrechen die immer wiederkehrende Ruhe. Ich stehe still und lausche, lausche in die Weite und in die Nähe. Irgendetwas lässt mich noch mehr aufhorchen und reisst mich endgültig aus meiner aufmerksamen Betrachtung. Mein Bewusstsein stupst mich an und meldet mir eine andere Energie in meinem Umfeld. Ich empfange eine Schwingung, welche die Härchen auf meinen Armen aufstehen lässt. Was ist das für ein ungewöhnliches Geräusch? Wie ein Röcheln oder starkes Atmen. Meine Augen suchen durch den Nebel untypische Bilder, aber da ist nichts zu sehen. Spielt mir meine Fantasie einen Streich? Ich laufe jetzt zügig dem Tobelbach entlang weiter Richtung Zumikon. Vielleicht ist ja ein Jogger unterwegs, der sich so verausgabt, dass er schwer atmen muss, aber sehen kann ich nichts. Jetzt, ich vernehme ein Knacken im Wald und ein Stöhnen, mein Atem stockt. Ich rufe: „Ist da jemand?“ – nichts. In der Entfernung von etwa 15 Metern rennt ein junger Fuchs über den Weg und hinter ihm her ein grosser, zottliger Hund. Ist das die Antwort auf die sonderbare Geräuschkulisse? Langsam entspanne ich mich und atme schon fast wieder normal, als ich erneut ein Rascheln und Knacken höre. Aber ist das in einem Wald nicht normal? Jetzt ist genug! Ich kehre um und renne zurück Richtung Küsnacht. Die Idylle ist zerstört und mein Gehirn erzählt mir unaufgefordert reihenweise gruselige Geschichten. Auch zu Hause komme ich nicht richtig zur Ruhe und in der Nacht schrecken mich grässliche Träume auf.

***

Am selben Abend wartet eine pensionierte Frau mit einem herrlich duftenden Nachtessen auf ihren Mann. Zuerst wirkt sie etwas verärgert, weil er wieder einmal auf sich warten lässt, aber nach geraumer Zeit wird sie unruhig. Sie stochert im Essen herum und spürt Sorge in sich aufsteigen. Was ist geschehen, dass ihr Rudolf Theodor nicht kommt? Vor drei Stunden ist er mit Jojo laufen gegangen und normalerweise sind die beiden spätestens nach zwei Stunden wieder da – ausgelüftet und erfüllt von der feinen Luft und dem Aufenthalt in der Natur. Sie meldet sich bei ihrem Sohn, welcher meint, dass der Vater wohl noch jemanden angetroffen hätte, was zwar atypisch wäre, aber seine Mutter etwas beruhigen konnte. Eine weitere Stunde später erfüllt eine gewisse Schwere die Küche bei Renate zu Hause, wo in der Zwischenzeit auch der Sohn eingetroffen ist. Die beiden entschliessen sich schlussendlich, die Polizei anzurufen

***

Ich stehe am anderen Morgen zerzaust und unausgeschlafen auf. Es ist Samstag und so überlege ich mir, ob ich nicht noch einmal, und zwar bei Tageslicht und ohne Nebel das Tobel aufsuchen soll, um mich umzusehen. Nach einem leichten Frühstück, das mir heute ausnahmsweise nicht so richtig schmecken will, schlüpfe ich in meine Trainingsschuhe und laufe los. Der Parkplatz beim Gewerbehaus ist leer, der leichte Aufstieg über den Haselstude-Wääg ins Tobel fällt mir schwerer als sonst. Als ich an der Stelle ankomme, wo ich gestern die sonderbaren Geräusche hörte, stehe ich ganz still und lausche. Der herrliche Vogelgesang beflügelt meinen Gehörgang, aber leider nur für kurze Zeit, denn in der Nähe höre ich wieder ungewohnte Geräusche sowie ein leises Rufen. Die Töne kommen von der anderen Seite des Baches und lassen mich wie am Abend zuvor erstarren. Jetzt bin ich völlig in Aufruhr. Ich halte den Atem an - mein Puls rast. Ich gebe mir einen inneren Ruck und springe oberhalb des Alexandersteins über die Steinbrücke auf die andere Seite und suche mit den Augen die Gegend ab. Nichts. Ich rufe. Nur mein Echo kommt zurück. Doch dann, ganz leise und zaghaft nehme ich eine männliche Stimme wahr.

***

Renate sitzt in der Zwischenzeit mit ihrem Sohn und zwei Polizisten in der Küche. Sie ist völlig aufgelöst, denn sie hat verständlicherweise die ganze Nacht nicht geschlafen und erzählt zum X-ten Mal, wo ihr Mann normalerweise mit dem Hund spazieren geht. Zwei Männer von der Polizei waren in der Nacht auf einem Streifzug durchs Tobel – ohne Erfolg. Zudem kam am frühen Morgen ein ausgepumpter Jojo, ihr zottliger, fünfjähriger Rüde, von alleine nach Hause, was natürlich nicht zur Beruhigung beitrug. Renate umarmte ihn ganz fest und fragte ihn nach Rudolf Theodor, was in ihrem Zustand niemanden verwunderte. Jojo war feucht, roch nach Moos und Erde und zitterte am ganzen Körper. Heute Morgen wird sich die Polizei mit Suchhunden auf den Weg machen. Um die Spur aufnehmen zu können, schnuppern die Hunde an einem T-Shirt von Rudolf Theodor. Danach verlässt der Trupp wortlos die Wohnung und bricht Richtung Tobel auf.

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Rudolf Theodor liegt in einer sehr unbequemen Stellung an einer Böschung. Er friert und kann sich kaum bewegen. Die Morgendämmerung hat bereits eingesetzt und er hört das Rauschen eines Baches. Ihm ist schwindlig und der Schmerz in seinem Kopf zeigt sich als bissig und nachhaltig. Zudem fühlt sich sein rechtes Bein taub an. Was ist geschehen und wo ist Jojo? Er kann keinen klaren Gedanken fassen. Hie und da hat er das Gefühl, auf dem Weg ins Himmelreich zu sein, verloren und doch gut aufgehoben. Dann wieder spürt er die Erde, sein Gewicht und seinen Puls. Er versucht, sich zu erinnern, gleichzeitig ruft er ins Tobel hinein, aber seine Stimme ist lediglich ein Stimmchen, welches vom Rauschen des Wassers sofort verschluckt wird. Wurde er ausgeraubt? Reflexartig versucht er an seine Hosentasche zu gelangen, um nach seiner Geldbörse zu greifen. Es gelingt ihm nicht, denn ein schwerer Ast liegt quer über seinem Rumpf. Da hört Rudolf Theodor plötzlich eine Frauenstimme. Aber er ist zu schwach, um laut auf sich aufmerksam zu machen; dann verliert er das Bewusstsein. Das Trippeln eines dicken Käfers auf seiner Wange holt ihn nach ein paar Minuten zurück. Nach und nach dringen Stimmen und Hundegebell an sein Ohr. Eine Frau bückt sich zaghaft über ihn und spricht beruhigende Worte. Zwei Polizisten bemühen sich, Rudolf Theodor aus seiner misslichen Lage zu befreien. Dieser richtet seinen Blick, während er die Zähne wegen der Schmerzen zusammenbeisst, zu den Baumwipfeln hoch, wo gerade ein erster Sonnenstrahl den Weg durch die Blätter sucht.

***

Renate und ich stehen vor dem Spitalbett, in dem Rudolf Theodor mit einem dicken Kopfverband und einem Bein im Gips liegt. Sein Gesicht ist noch etwas blass, aber er fühlt sich wieder näher der Erde als dem Himmel. Er hatte trotz allem viel Glück. Mein Blick wandert zum Nachttisch, auf welchem ein bunter Blumenstrauss steht und daneben eine Geldbörse. Seine Geldbörse.

***

Drei Wochen später sitze ich mit Renate und Rudolf Theodor friedlich in deren Küche. Es duftet herrlich nach einem warmen Zwetschenkuchen. Jojo schläft schnarchend unter dem Tisch. Wir lassen alles noch einmal Revue passieren und geniessen dazu den feinen Kuchen. Die Zwetschen schmecken süss und gleichzeitig sauer, genauso wie die ganze Geschichte. Das Ehepaar bittet mich später, Jojo auf meiner nächsten Tour durchs Tobel mitzunehmen. Und so streife ich anderntags mit einem noch etwas unsicheren, neuen Begleiter durchs verwunschene Tobel. Ein frischer Duft von feuchtem Moos steigt mir in die Nase und das Zwitschern der bunten Vogelschar sowie das lustige Gurgeln des Baches wecken meine Sinne. Jojo und ich schenken dem omi- nösen Abhang keinen Blick, wir eilen lieber stoisch daran vorbei. Es wäre ein idyllischer Morgen, würde da nicht ein unheimliches Geräusch durch die Äste brechen ....

 

Geschichte 2: Der Käse am Bahnhof

Wer hat bloss den Käse zum Bahnhof gerollt? Finster blickte Kommissar Lienhard auf die spärlichen Fakten auf seinem Schreibtisch: Ein Laib Emmentaler Surchoix AOC, Durchmesser 100 cm, 30 cm hoch und 110 kg schwer, wurde aus einem Käsegeschäft im Kreis 5 entwendet und an diesem Freitag gegen 7 Uhr morgens über die Limmatstrasse zum Hauptbahnhof gerollt. Ja, die ganze Strecke gerollt! Das hatten die eingesetzten Hundeführer ermittelt. In der Unterführung beim Sihlquai liess die Täterschaft den Laib, absichtlich oder aus Versehen, die Rolltreppe zum Museumsbahnhof hinuntersausen, wo er frontal gegen eine ausfahrende Zugskomposition der S7, Richtung Winterthur, prallte. Die Lokomotive, eine RE 450, wurde dermassen beschädigt, dass der frühmorgendliche Pendlerverkehr während zwei Stunden zum Erliegen kam.

Und das Schlimmste daran: bis jetzt keine Spur, kein Bekennerschreiben! Und Zeugenaussagen nur über die Panik auf dem Bahnsteig. Lienhard hörte schon seine Stammtisch-Kollegen den Schlager aus den Goldenen Zwanzigern grölen:

"Die Polizei hat sich hineingelegt, 

jetzt ist sie böse sehr und grollt,

weil man hat einen Käse zum Bahnhof gerollt?" 

Und das ihm, am Ende einer erfolgreichen Laufbahn als Kriminalbeamter! Was war bloss aus dem Kreis 5 geworden? Überall diese trendigen Geschäfte und schicken Lofts. Früher war da eine russige Industriewüste mit finsteren Häuserschluchten, wo man allabendlich mindestens einen Glünggi fangen konnte! Und heute darf da jeder unbemerkt einen Riesenkäse durch die Strassen rollen?

Was heisst da unbemerkt? Die Medien stürzten sich auf den Fall: Lokalradios und online-Plattformen berichteten bereits, Filmteams von „10 vor 10“ und in- und ausländischen Privatsendern waren da, und die Printjournalisten nutzten die Zeit wohl für ihre saftigen Stories am Folgetag.

Eine gewaltige PR-Aktion für Schweizer Käse! Aber hatte der das nötig? Lienhard verschränkte die Hände in seinem Nacken und legte seine Beine auf den Schreibtisch. Meditierend liess er sich den feinen Emmentaler, den er unlängst in demselben Laden gekauft hatte, noch einmal im Munde zergehen. Auch das Nischenbier und den Bio-Riesling, der ihm trotz des beachtlichen Quantums weder Kopfschmerzen noch Schlaflosigkeit bereitet hatte.

Ja, es gab eine Welt jenseits des tierischen Ernstes und der Hektik im Beruf! Bald würde sie ihn ganz für sich haben. Und was wird aus diesem Fall? Eine unerledigte Akte in einem Bundesordner, tief in den Schränken der Justizverwaltung - Höhlenreifung!

 Lächelnd summte Lienhard die Melodie vor sich hin:

"Wer hat bloss den Käse zum Bahnhof gerollt?"

 

Geschichte 3: Ein Sommergewitter - oder die zwei Seiten einer Geschichte

 "Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig..." Er wusste nicht mehr genau, wie die Regel war, aber drei Sekunden schienen ihm ausreichend, das Gewitter war wohl nicht mehr direkt über dem Haus und weiter gezogen. Endlich richtete er sich auf und schlich unter der Tanne hervor: tropfend nass, in seinen schwarzen Kleidern mit der Sturmmaske über dem Kopf. Er hatte sich gut vorbereitet, hatte alles bis ins Detail geplant und dann gewartet bis auch das Wetter stimmte. Heute war es also soweit, eine dunkle stürmische Nacht. Niemand wusste, dass er im Land war, er würde keine Spuren hinterlassen und einfach wieder verschwinden.

Nun stand er also da und beobachtete ihre Wohnung. Ihren Tagesablauf kannte er genau, bald würde sie ins Bett gehen. Wie immer würde sie die Balkontüre öffnen, um die vom Gewitter kühle Luft hereinzulassen. Die Familie in der Gartenwohnung war in den Ferien, nur der pubertierende Sohn war zuhause, allerdings hatte er schon am Nachmittag das Haus verlassen und würde kaum vor Mitternacht wieder heim kommen.

Das Gewitter hatte die lang ersehnte Kühlung gebracht. Sie war froh und öffnete die Balkontür, um die frische Luft hereinzulassen. Der heisse Sommertag war einer angenehmen Nacht gewichen. Tief einatmend  zog sie das dunkelblaue Negliée an, das er ihr einst, als es mit ihnen noch besser ging, geschenkt hatte. Nachdenklich bürstete sie sich das immer noch dichte Haar und schlüpfte darauf zufrieden ins Bett. Bei dieser Temperatur und dem leisen Regen würde sie heute gut schlafen.

Nun war ihre Wohnung schon eine ganze Weile dunkel. Und die Nachbarschaft war ruhig, alles schlief. Vorsichtig schlich er durch den Garten und schaute zur Terrasse im ersten Stock hinauf. Alles hatte er genau ausgekundschaftet. Wo die Stolpersteine lagen, hatte er sich gemerkt, so dass er kein Licht brauchte. Wie er vorgehen würde, hatte er ebenfalls genau geplant; den Draht hatte er schon vor Monaten in einem Baumarkt in Deutschland erworben. Niemand wird die Spur zu ihm zurückverfolgen können. Auch wie er es machen würde, hatte er sich sorgfältig ausgedacht: wie sich der Draht um ihren Hals legen und er zuziehen und es endlich zu Ende bringen würde. Dann würde er sich nehmen was ihm gehörte, niemand würde wissen, dass es weg ist - denn niemand weiss, dass sie es hat!

Kaum hatte er die Säulen des Balkons erreicht, begann er hochzuklettern. Ganz vorsichtig, was dank der Regenrinne einfach war. Sein durchtrainierter Körper spannte sich, als er sich langsam immer höher bewegte. Sein Body Building in einem der renommierten Fitness-Center Küsnachts schien sich gelohnt zu haben.  Seine Muskeln hielten jeden Griff fest und er kam schnell vorwärts. Seine schwarzen Handschuhe gaben ihm den nötigen Halt.

Ruhig die frische Luft einatmend genoss sie die letzten Minuten vor dem Einschlafen. Die Augen hatte sie bereits geschlossen und allmählich tauchten die alten Bilder auf, wie sie damals mit ihm zusammen den Juwelier in Küsnacht ausgeraubt hatten. Ausgesprochen vorsichtig und so schlau waren sie vorgegangen, dass die Tat nie aufgedeckt werden konnte. Wie hatten sie Glück gehabt, als sie in Italien die Juwelen zu Bestpreisen verkaufen konnten. Danach hatten sie sich die schöne Wohnung im Schübelquartier gekauft und eine herrliche Zeit zusammen verbracht. Die vielen Geldscheine hatte sie in ihrem Nachttisch in drei alten Kaffeebohnen-Dosen hinter ihrer kostbaren Unterwäsche versteckt.

Doch dann geschah das Ungeplante. Jener blondgelockte Jüngling kam dazwischen. In der "Sonne" an der Bar hatte sie ihn kennengelernt und sich auf Anhieb in ihn verliebt. Wie waren doch die Liebesnächte mit ihm grossartig! Die heimlichen Treffen im Tennisclub Allmend und die romantischen und geheimen Abendessen in der Schützenstube, wo sie nicht bekannt waren. Alles musste immer im Versteckten geschehen. Das machte das Ganze noch viel Spannender und Anziehender. Aber, als er an die Côte d’Azur gezogen war, hatte sie ihm nicht folgen wollen. In Küsnacht lebte es sich gut. Vor allem, wenn man so viel Geld zur Verfügung hatte, wie sie. Nein, sie würde hier bleiben und ein angenehmes Leben verbringen, keiner würde sie davon abhalten können. Auch er nicht. Der Schlaf war doch nicht gekommen, trotz der angenehmen Luft. Also setzte sie sich auf und trank noch einen Schluck Rotwein, den sie neben sich auf dem Nachttisch bereitgestellt hatte.

Die Muskeln spannten sich abwechselnd und er zog sich über das gläserne Geländer auf den Balkon hoch. Vorsichtig schlich er zu der offenen Balkontüre. Alles war dunkel, auch in ihrem Schlafzimmer, genau so, wie er es erwartet hatte.

Seine Augen mussten sich noch ans Licht im Raum gewöhnen. Bald würde er sie in ihrem grossen weichen Bett liegen sehen. Das dunkelblaue Nachtkleid, das er so gerne mochte, denn es zeigte mehr, als es verhüllte, würde sie tragen, genau so wie er es sich vorgestellt hatte.

Auf ihrem Nachttisch würde ein Glas Rotwein stehen und daneben ihr aktuelles Buch liegen, auch das, wie er es vor seinem geistigen Auge gesehen hatte.

Leise schob er sich durch die Vorhänge. Was er sah, war überhaupt nicht, wie er es erwartet hatte: aufrecht und wach sass sie im Bett.

Und – was er ebenfalls nicht erwartet hatte – hielt sie eine kleinkalibrige Pistole mit langem Schalldämpfer in der Hand. Der plötzliche dumpfe Schlag, den er auf der Brust spürte, war das letzte, was er in diesem Leben empfunden hatte.

In letzter Zeit war er oft nachts nicht heim gekommen, das hatte ihr trotz allem zu schaffen gemacht. Er war kein Typ, der verzeihen konnte, der tolerant sein wollte, nein, er war nach wie vor ein richtiger Ganove, engstirnig und immer im Recht. Wusste er von ihrer Untreue? Fragte sie sich zum xten Mal. Wenn ja, würden ihre Tag gezählt sein. Deshalb hatte sie sich für einige Scheine etwas Schutz gekauft.

Schlau war er, das wusste sie nur zu gut. Er würde sich rächen, davor fürchtete sie sich. Heute war eine Nacht, die ihm zusagen würde. Wenn es gewitterte und die Nachbarn nicht da waren, konnte es für sie besonders gefährlich werden. Diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf und plötzlich war sie wieder hell wach. Schnell hatte sie den Revolver zur Hand. Hatte sie es nicht knistern gehört? Schlich jemand ums Haus? Es war ihr, als würde jemand vor der Balkontüre stehen.

Mutig richtete sie die Waffe in Richtung Balkontüre. Heute war sie eben schlau und heute würde sie gewinnen.

 

Geschichte 4: Für immer Dein

Unablässig trommelte der Regen gegen die düstern Fensterscheiben des eindrücklichen Anwesens in der Küsnachter Allmend. Die Tropfen suchten sich ihren Weg und bildeten kleine Rinnsale, die sich auf der imposanten Fensterbank zu schwarzen Adern eines unheimlichen Geflechts vereinigten. Der Weg des Bösen war vorprogrammiert und dem würde niemand mehr Einhalt gewähren können.

Sie starrte an die Decke, wie sie es so viele Stunden, Tage, Wochen und Monate zuvor getan hatte. Vielleicht waren in der Zwischenzeit Jahre vergangen. Sie wusste es nicht. Ihr zarter Körper war gezeichnet vom vielen Liegen und schmerzlichen Dahindämmern. Sie war gekleidet in Leggins und T-Shirt um ihrem abgemagerten Körper keine weiteren Druckstellen zumuten zu müssen. Es war immer dasselbe Bild, das sich in ihrem Kopf verschwommen und doch haarscharf abzeichnete. Ihre Seele brannte wie ein imaginäres Feuer, das sie jede Nacht aufschreiend zu löschen versuchte. Erfolglos. Ihr noch Ehemann und seine Sekretärin, glücklich vereint bei den grossen Empfängen, bei denen diese nun, die strahlende Gastgeberin an der Seite von Claude Stebler war. Traute Zweisamkeit, ein Lächeln, eine sanfte Berührung vor dem knisternden Kamin. Das schlimmste Bild jedoch verharrte hartnäckig in ihrem Kopf und zermarterte ihr Gehirn bis sich nur noch das Boshafte darin manifestieren konnte. Die beiden in ihrem ehemaligen Schlafzimmer wenn sie sich küssten und liebten.

Das Gift übernahm langsam die Macht über ihren Körper und ihre gepeinigte Seele. Es war nicht nachweisbar und darum waren ihr die Hände gebunden. Niemand würde Ihr Glauben schenken, dass sie langsam vergiftet wurde. Sie hatte Pharmazie studiert und kannte sich aus. Der täglichen Giftdosis, welche ihr verabreicht wurde, konnte sie jedoch ein Schnippchen schlagen. Sie ass wenig und liess den Rest zurück in die Küche gehen. Ihre Überlebenstaktik zahlte sich aus. Ihr malträtierter Körper schmerzte und schrie nach Nahrung. Trotzdem war ihr bewusst, dass sie ihr Ziel nur unter diesen grossen Entbehrungen erreichen konnte.

Gefangen in einem Raum einem unsichtbaren, selbstauferlegten Gefängnis. Keine Wände, keine vergitterten Fenster hielten sie davon ab, den rot markierten Bereich des Raumes zu verlassen. Lediglich diese Markierung am Boden grenzte ihr Reich von der Umwelt ab. Ausserhalb dieser Markierung fühlte sie sich erdrückt, verfolgt und verängstigt. Darum verliess sie niemals ihr unsichtbares Gefängnis. Niemals. Davon hatten alle Kenntnis, auch ihr noch Ehemann und seine Sekretärin. Die Ärzte, das Pflegepersonal und der hauswirtschaftliche Dienst, hatten sich strikt an die Regeln zu halten und den Knopf der Gegensprechanlage zu drücken, wenn sie in ihre einsame Welt eintreten wollten. Mariana entschied dann, wen sie einlassen wollte und wen nicht.

Sie haben ja wieder fast nichts gegessen Frau Stebler? Auf der Stirn der liebevollen Pflegerin gruben sich tiefe Sorgenfalten in die betagte Haut. Soll ich ihnen ein wenig Gesellschaft beim Dessert leisten? Mariana lächelte ein müdes, welkes Lächeln und schüttelte den Kopf. Ihr dichtes graues Haar umrahmte ihr Gesicht wie ein glanzloser, verblichener Platinrahmen. Einige Locken bahnten sich trotzig ihren Weg und sprangen mutig aus der Umrandung. Dies schien auch das einzig Lebendige an dieser Frau zu sein. Ein trauriger Schatten einer einst so wunderschönen, charmanten und erfolgreichen Frau.

Mariana stand auf und versuchte ihre Übungen so gut es ging zu machen. Jeden Tag kam sie ihrem Ziel etwas näher. Sie wollte wieder leben und lieben, wieder geniessen, lachen, ausgehen. Dies hiess, dass sie sich von zwei Menschen für immer verabschieden musste. Ihre Glieder schmerzten, peinigten ihren schwachen Körper bis zum Unerträglichen. Gleichzeitig war da diese Stimme, die ihr Kraft und Mut gab und ihr unablässig ins Ohr flüsterte; „du schaffst das, die Gerechtigkeit wird siegen“. Doch was war Gerechtigkeit?

Sie wurde um alles betrogen, was ihr lieb war. Ihre mit Fleiss und unermüdlichem Arbeitseinsatz aufgebaute Apothekenkette wurde zu einem Spottpreis von ihrem geliebten Claude veräussert. Ihr noch Ehemann erlag dem Charme seiner Sekretärin. Das Hilfsprojekt, das Mariana zusammen mit ihrem Sohn aufgegleist hatte, wurde von ihrer Nachfolgerin der Sekretärin bis zum Ruin sabotiert. Was konnten diese Menschen in Namibia dafür, dass diese Sekretärin nun das Sagen hatte? Sie gab ihr bewusst keinen Namen, denn das würde in ihren Augen dieser Person noch mehr Macht einbringen und das wollte sie unter keinen Umständen. Also nannte sie, sie einfach die Sekretärin.

Bald würde ihr Sohn wieder ein paar Tage Heimaturlaub von Namibia bekommen und sie würden zusammen diesen kraftvollen und erdigen Château Pétrus trinken. Sicherheitshalber brachte Fabian jedes mal zwei Flaschen aus dem hauseigenen Weinkeller mit zu ihr nach oben. Es könnte ja sein, dass einer Korken hätte. Diese zweite Flasche lagerte sie jeweils versteckt ausserhalb ihres selbsternannten, unsichtbaren Gefängnisses. Wohlwissend, dass niemand auf den Gedanken kommen konnte, dass sie die unüberwindbare Grenze überschreiten würde.

Claude und die Sekretärin unterhielten sich angeregt über die Luxusvilla in der Toskana. Mieten oder kaufen? Claude war sicher, dass heute der erste Tag ihrer gemeinsamen Zukunft sein würde. Scheiden lassen konnte er sich nicht, dafür hatte seine Frau zu viel Geld, Macht und juristische Paragraphen mit in die Ehe gebracht. In seiner Jackentasche hatte er diesen fünfkarätigen rosa Diamanten den er später zärtlich seiner Geliebten über den Finger streifen würde. „Für immer Dein“ hatte er eingravieren lassen. Dazu schrieb er einen wunderschönen Satz auf die Karte; Wir bleiben für immer zusammen, was auch geschehen mag. Dein Claude. Sie würden dazu diesen hervorragenden Château Pétrus geniessen und ihr Glück besiegeln.

Der Kamin strahlte eine angenehme Wärme aus und Claude öffnete lächelnd den Château Pétrus. Er brauchte nicht zu probieren, es war sein Lieblingswein und behutsam füllte er die kostbare Flüssigkeit in beide Gläser. Ein dunkelroter, fast purpur farbener Wein. Sie schauten sich in die Augen, küssten sich und prosteten sich glücklich zu. Der Wein hatte eine perfekte Temperatur, die Gläser waren „winiert“ und beide genossen die ersten zaghaften Momente, als der köstliche Wein, sich den Weg in ihre gierigen Kehlen bahnte. Claude zog das kleine Schächtelchen aus seiner Jacke und wollte in die strahlenden Augen seiner Geliebten sehen. Was er stattdessen zu sehen bekam, war ein Gesicht zu einer unheimlichen Fratze verzerrt. Die Augen waren weit geöffnet, um dem Tod Einlass zu gebieten. Einlass, um dem jungen Körper das Leben, welches noch vor ihr lag, von einer Minute zur anderen, gnadenlos auszulöschen. Die beiden Körper sanken eng umschlungen zusammen und landeten mit einem dumpfen Aufprall auf dem wertvollen Seidenteppich, ohne dass der Ring jemals die zarte Haut der Sekretärin hätte berühren können. Neben den beiden leblosen verkrampften Körpern lag das kostbare Schmuckstück und funkelte hämisch vor sich hin.

Kraftlos und erschöpft lag Mariana in ihrem Bett. Die Nachricht vom Tod ihres Mannes und der Sekretärin schien sie in ihrer Welt nicht zu berühren. Die Spritze, mit der sie des Nachts das Gift in die bereitgestellte Weinflasche injiziert hatte, konnte sie mühelos in ihrer dafür vorgesehenen Box entsorgen. Sie verliess ihr unsichtbares Gefängnis nie und niemals würde auch nur ein Funke des leisesten Verdachtes auf sie fallen.

Die Tage vergingen und ihr Körper erholte sich zusehends. Sie ging in den Garten zu ihrem Lieblingsplatz. Die ersten Sonnenstrahlen, seit einer Ewigkeit, hiessen sie willkommen. An ihrem Finger funkelte der fünfkarätige Diamant bekannt als „the pink star“ und schien zu flüstern... für immer Dein.

Geschichte 5: Spuk im Küsnachter Tobel


Katharina liebte ihre nachmittäglichen Spaziergänge durch das Küsnachter Tobel. Sie liebte das Rauschen des Dorfbachs und das Zwitschern der Vögel in den Bäumen. In der Natur fand sie Ruhe und Kraft. Ein Jahr war vergangen seit die Burgruine Wulp der Öffentlichkeit übergeben worden war. Der Verschönerungsverein Küsnacht hatte die Burganlage in vielen Stunden Fronarbeit von 1920 bis 1924 ausgegraben. Katharina hatte die Arbeiten mit grossem Interesse verfolgt und seither führte ihr Weg sie immer wieder zur Wulp.

Oft setzte sie sich auf die frei gelegten Steine, um über die Vergangenheit der Burg nachzusinnen. Sie stellte sich vor, wie in alter Zeit die Burgherren dort gelebt hatten. Wie gerne wäre sie ein Burgfräulein gewesen. „Clothilde“ hätte sie geheissen und hätte am Ausguck auf ihren edlen Ritter gewartet. Bestimmt hätte er einen Rappen geritten und wäre ein schöner kräftiger Mann gewesen. Wie hätte sie ihn liebevoll empfangen und ihn von seinen Abenteuern in der Ferne erzählen lassen! Die Magd hätte ein wärmendes Feuer im Kamin entfacht und sie wären angeregt plaudernd davor gesessen. So sinnierend vergass sie die Zeit. Besonders im Herbst begann es oft schon zu dämmern, wenn sie sich wieder auf den Heimweg machte.



An einem späten Novembernachmittag, auf dem Nachhauseweg, sah sie ihn zum ersten Mal. Unvermittelt tauchte er aus dem Nebel auf, welcher schon den ganzen Tag über alles in unwirkliche graue Schatten verwandelt hatte. Sie erschrak fast zu Tode, als er ihr entgegen galoppierte: Ein grosser Ritter in Rüstung und mit einem Helm auf dem Kopf. Er sass auf einem feurigen Rappen, genau so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Sein Blick brannte sich direkt in ihr Herz. Nur knapp entkam sie den stampfenden Hufen des wilden Rosses. Mit hämmerndem Herzen und auf zittrigen Beinen eilte sie nach Hause, um das Nachtessen für ihren Mann zuzubereiten. Sie war fahrig und unkonzentriert. Er musste gemerkt haben, dass etwas nicht stimmte. So hatte er sie lange nicht mehr gemustert. „Was ist los mit Dir?“, fragte er beim Essen. „Nichts, es ist alles in Ordnung“, antwortete sie. Sie mochte nicht darüber sprechen.



In den nächsten Tagen war alles wie immer. Das Tobel war ruhig und friedlich. Man hörte nur den Dorfbach rauschen. Wiederum ging Katharina hoch zur Burgruine und blieb eine Weile dort. Sie musste sich das Ganze eingebildet haben. Die Ritter waren längst vertrieben und ausgestorben. 


Als sie es schon fast vergessen hatte, passierte es erneut. An derselben Stelle wie letztes Mal kam er unvermittelt daher geprescht und auch diesmal blieb ihr vor Schrecken fast das Herz stehen. Nun musste sie es ihrem Mann erzählen. Er lachte sie aus. „Du hast eine blühende Fantasie“, meinte er gutmütig. Im Gegensatz zu seiner Frau, die zu Tagträumen neigte, stand er mit beiden Beinen auf dem Boden. Er wusste um die Schwärmerei seiner Frau für das Mittelalter und die Zeit der tapferen Ritter und edlen Burgfräuleins. Katharina war eine ausnehmend schöne Frau und obwohl schon dreissig Jahre alt, wirkte sie noch wie ein junges Mädchen. Ihre nun zehnjährige Ehe war zum Leidwesen der Eheleute kinderlos geblieben und Katharina versank deswegen oft in schwermütiges Grübeln. So war ihr Mann froh, wenn die Rittergeschichten, die sie gerne las, sie auf andere Gedanken brachten. Katharina aber war sich sicher, sie hatte sich das nicht eingebildet. Die Erinnerung an das Geschehnis jagte ihr immer noch Schauer den Rücken hinunter und doch zog es sie immer wieder zur Burgruine. 



Einige Wochen später, bei der dritten Begegnung, lag frischer Schnee. Was sie nun sah, liess sie bis ins Innerste frieren und ihre Nackenhärchen stellten sich auf. Sie konnte wohl ihre Fussstapfen erkennen, aber die Pferdehufe hatten keine Abdrücke hinterlassen. Nun ging sie eine Zeit lang nicht mehr ins Tobel. Sie machte ihren Spaziergang zum See, schaute dort den Enten zu und den Möwen, die kreischend über dem Wasser kreisten. Doch die Burg liess sie nicht los. Sie musste den Weg wieder gehen.

Das Tobel blieb friedlich und ruhig. Kein Ritter weit und breit. Der Frühling zog ins Land, dann der Sommer. Mai und Juni waren reich an Regentagen im Jahr 1926 und so blieb sie oft zu Hause, nähte und strickte und dachte dabei an die Burg Wulp und ihre ehemaligen Bewohner. Sie stellte sich die Festung vor. Prächtig und trutzig musste sie dagestanden haben! Ob sie den Ritter jemals wiedersehen würde?


Im August und September gab es viele Sonnenstunden und Katharina nahm ihre täglichen Wanderungen wieder auf. Die Bewegung in der Natur machte sie froh. Gut gelaunt kam sie jeweils nach Hause zurück. Aber auch der schöne Spätsommer ging vorüber und wiederum zogen in den Novembertagen die Nebelschwaden durch das Tobel. Und abermals kam ihr der Ritter entgegen galoppiert. Diesmal schien ihr, er hätte ihr wohlwollend zugenickt. Irgendwie hatte sie gehofft, ihren Ritter wieder zu sehen, obwohl ihr dies immer noch Angst einjagte.

Jetzt aber nahm sie all ihren Mut zusammen und kehrte um. Sie ging nochmals zurück zur Burgruine. Aber, was sah sie da? Wie angewurzelt blieb sie stehen. Die Burg Wulp ragte in beeindruckender Grösse vor ihr auf und das Tor, durch welches der Ritter in den Burghof geritten war, stand offen. Sie traute sich nicht, näher zu treten, sondern lief so schnell sie konnte den ganzen Weg durch das Tobel zurück nach Hause. Sollte sie ihrem Mann davon erzählen? Würde er sie nicht für verrückt halten? Sie war den ganzen Abend über kaum ansprechbar und ihr Mann meinte, es sei wohl der Nebel, der ihr in dieser Jahreszeit zu schaffen mache.



Schon nach wenigen Tagen sah sie den forschen Reiter wiederum kommen. Sofort machte sie sich auf, ihm zu folgen und erneut stand die Burg vor ihr. Diesmal trat sie mit wild klopfendem Herzen ein und sah, wie ihr Ritter eben vom Pferd gestiegen war. Ein Stallbursche nahm es am Zügel und führte es zu den Stallungen. Der Ritter sah sie einladend an und winkte ihr, sie solle näher kommen. Er nahm sie bei der Hand, führte sie in seinen Turm und alles verschwand im Nebel. Die Burg hatte die beiden buchstäblich verschluckt und sich dann in Luft aufgelöst. 



Katharinas Mann wartete an diesem Abend vergeblich auf seine Frau. Das Haus war dunkel und der Herd war kalt, als er nach Hause kam. Er wusste ja, wo er sie suchen musste und so machte er sich mit einer Laterne auf zum Tobel. Er rief ihren Namen in den kalten Abend hinaus, aber alles blieb still. Mit wachsender Verzweiflung eilte er zurück ins Dorf, wo er den Landjäger alarmierte. Dieser rief ein paar Männer zusammen und sie suchten das ganze Tobel ab – vergeblich. Auch in den darauf folgenden Tagen wurde die Suche fortgesetzt, aber Katharina blieb verschwunden. Sie wurde nie wieder gefunden.

Das Leid und die Verzweiflung über das unerklärliche Verschwinden seiner Katharina, brachten ihren Mann um den Verstand. Er konnte es einfach nicht fassen, dass sie nicht mehr da war. Abend für Abend machte er sich mit seiner Laterne auf, um im Tobel seine Frau zu suchen. Übers Jahr verstarb der arme Mann an seinem gebrochenen Herzen.



Seither kann man an nebligen Winterabenden einen Lichtschein durch das Küsnachter Tobel irren sehen. Man sagt, es sei der Geist von Katharinas Mann, der immer noch nach seiner Frau suche. 

 

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