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«booXkey»-Schreibwettbewerb 2019

Von einer himmlischen Liebe und einem Bootsausflug in Vietnam: Beim vierten «booXkey»-Schreibwettbewerb erinnern sich die neun Autorinnen und Autoren aus Küsnacht und Umgebung an ihre Missverständnisse. Jetzt sind die Leser gefragt! Sie bestimmen, welches die beste Geschichte ist. Um an der Abstimmung teilzunehmen, schreibt man ein E-Mail mit dem Titel der favorisierten Geschichte an: booxkey@bluewin.ch oder eine Karte an Susanna Vollenweider, In der Schübelwis 6, 8700 Küsnacht, oder gibt die Stimme direkt über www. booxkey.ch unter dem Link «Kontakt» ab.

 

Geschichte 1: «Ein Missverständnis (in der Schule)»

Er galt als der beste Mittelstufenlehrer unserer Primarschule. In seinem Klassenzimmer herrsche Ruhe und Ordnung, sagten die Leute, und ausserdem bringe er regelmässig am meisten Sechstklässler ins Gymnasium.

Wir hätten uns glücklich schätzen können, von so einem tüchtigen Schulmeister betreut zu werden. Für manche Kinder waren die Jahre bei ihm aber keineswegs glücklich. Die bedauernswertesten Schüler, die fast täglich als Zielscheibe für seine Wutausbrüche hinhalten mussten, waren zwei, drei Buben, die nicht schön schreiben konnten. Ihre kräftigen Hände kamen mit den feinen Schriftzeichen einfach nicht zu Rande. Die Entrüstung des Lehrers erweckte den Eindruck, sie schrieben ihm zuleide ihre zackigen Buchstaben neben die Linien und verschmierten obendrein noch alles. Aber er meinte, er wolle ihnen schon zeigen, wo Barthli den Most hole und wer hier den härteren Schädel habe! Für die Schule ist nur das Beste gut genug, stand an der schmalen, seitlichen Wandtafel in vorbildlicher Kreideschrift hingemalt. Die Schweiz sei nur deshalb für ihre Qualitätsprodukte so berühmt, weil schon in der Schule auf saubere Schrift- und Heftführung geachtet werde, verkündete er immer wieder.

Einer von den geschundenen Schmierfinken war Willi. Er trug fast immer den gleichen grauen Pullover mit zu kurzen Ärmeln. Im Gegensatz zu seinen Leidgenossen weinte er nie. Mit unbeweglichem Lausbubengesicht liess er die Schmähungen über sich ergehen, was den Lehrer wahrscheinlich besonders reizte.

Wieder einmal stand Willi am Lehrerpult vorn und wurde mit den übelsten Worten bedacht. Obschon wir diese Auftritte gewohnt waren, fanden wir das Geschehen heute besonders schlimm. Schliesslich nahm Willi das Schreibheft und lief an seinen Platz zurück, indem er irgend etwas vor sich hin murmelte. Armin, in der zweiten Bank, hatte das verstanden und streckte auf. Er meldete, Willi habe gesagt, wenn er einen Revolver hätte, würde er den Siech erschiessen. Wir waren entsetzt und beobachteten gespannt, wie der Mann dieser Ungeheuerlichkeit begegnen würde. Das musste ja eine Explosion geben! Wahrscheinlich würde er Willi verprügeln. Eine andere Entwicklung war gar nicht denkbar. Doch nun kam etwas völlig Unerwartetes. Der Mann sass da wie versteinert, ohne Ausdruck im Gesicht. Und dann begann er plötzlich zu lächeln. Nicht bösartig, nein, er lächelte freundlich, fast hilflos. Darauf hob er sanft zu sprechen an: „Hör mal, Willi, du missverstehst mich! Gewiss meinst du, ich wolle dir übel. In Wirklichkeit aber meine ich es gut mit dir. Gerade die am schärfsten Gezüchtigten werden später einsehen, dass ich nur ihr Bestes wollte.“ Dann erzählte er uns, was er selber als Schüler bei seinem Lehrer erlebt habe. Sie hatten zu jener Zeit keine Rückenlehnen an den Schlulbänken und mussten während des mündlichen Unterrichts stocksteif geradeauf sitzen, ohne sich vorne am Tisch aufzustützen. Da sei er einmal müde geworden und hätte die Unterarme aufs Pult gelegt. Dafür wäre er ganz hart bestraft worden. Er hätte damals die Strafe als ungerecht empfunden, später aber eingesehen, dass ihn solche Zucht zu einem disziplinierten Menschen gemacht habe. Er sei seinem Erzieher heute noch dankbar dafür. Am Ende hatte er sich ganz in die Rolle des strengen, aber wohlmeinenden Pädagogen hineingeredet und schien wieder Herr der Lage  zu sein.

Seine Rednergabe beeindruckte uns immer wieder aufs Neue. Er konnte tatsächlich etwas Krummes gerade reden. Aber hier, an dieser Rechtfertigung stimmte das Wesentliche nicht. Seine Wut auf die miesen Schreiberlinge war nämlich echt – so richtig aus dem Herzen heraus echt. Das war kein gespielter Zorn, der die Kinder zu besseren Leistungen anspornen sollte. Willi hatte sich nicht geirrt. Die ganze Klasse, aus dreissig Zeugen bestehend, hatte sich nicht geirrt. Der Lehrer meinte es mit den Schreibsündern nicht gut. Da lag kein Missverständnis vor!

Schon oft hatte er von seinem Hund, dem Barri erzählt, wie er mit diesem umgehe. Ein Hund würde sich zu Tode fressen, wenn man ihn liesse. Ein Hund müsse ganz streng erzogen werden, und das zu seinem eigenen Wohle.

Glaubte er denn Hunde vor sich zu haben, wenn er Kinder erzog? Meinte er, uns Schüler dressieren zu müssen wie Hunde? Den Dressurerfolg, den er bei seinem Barri offenbar vorweisen konnte, wollte er partout auch in der Schule sehen! – Ja – Himmel – Herrgott –  Sakrament – nochmal!

 

Geschichte 2: "Ein Missverständnis (in den Ferien)"

Nein, das Wort Missverständnis existiert nicht in meinem Vokabular. Mein Organisationstalent, mein Pflichtbewusstsein, gekoppelt mit Perfektion lassen keine Unkorrektheit, wie eben ein Missverständnis, aufkommen.  

„Miss“ ist immer etwas Negatives, Nachteiliges – (ausser die Gekrönten) und soweit lassen wir es einfach nicht kommen, dieses Unwort in unser Repertoire aufzunehmen.

So nehme ich das Angebot meines eher wortkargen, aber korrekten Chefs mit grosser Begeisterung an. Er ist eher der Akademikertyp, kopflastig, gedankenverloren, ähnlich einer Giacomettifigur mit langen, dürren Beinen, gefangen in seiner eigenen Welt. Hat seine guten Seiten, aber zwei linke Hände.

Mein Boss besitzt eine Villa mit Swimmingpool in Spanien, weilt dort sehr oft, während ich, Mädchen für fast Alles, die Stellung in der Modeagentur halte. Und dann, aus heiterem Himmel offeriert er mir seine Behausung zu Ferienzwecken. Wird dankbar angenommen. Why not? Alles läuft wie am Schnürchen.

Mein Freund, meine Tochter, Freunde und Verwandte, zehn Personen, wir alle packen unsere sieben Sachen zusammen und auf „los“, gehts los. Freude herrscht.

Eine Flasche Red Label schnappen wir uns im Zoll am Flughafen. Wir freuen uns riesig auf eine Woche Gratisferien und ab geht die Post oder das Flugzeug bis Alicante. Dort übernimmt uns ein Taxi und führt uns sicher an den gewünschten Ferienort.

Aus kurzen Erzählungen meines Chefs weiss ich, dass das Haus etwas im Gebirge oberhalb Moraira liegt und dort würde uns mein Chef mit offenen Armen empfangen, um anschliessend den Rückweg in die Schweiz anzutreten.

Nach ungefähr einer einstündigen Fahrt auf hie und da holprigen Wegen, deutet der Taximann auf die Ortstafel Moraira hin. Bald haben wir es geschafft.

Schon bereitet sich die Sonne für ihr Nachtlager vor, neigt sich bedenklich erdwärts, verhält sich aber noch kollegial und beleuchtet unser neues Heim grosszügig mit ihrer warmen Orangenfarbe. Traumhaft, diese Anfahrt zum Ferienparadies. Serpentinenwege, gesäumt von allerlei Blumenpracht. Hie und da eine Katze, die sich an den Wegrand rettet.

Die Bremsen quitschen, der Wagen stoppt – wir sind angekommen.

Kein Empfangskomitee in Sicht.  Keine geöffneten Arme zum Willkommensgruss. Wo lauert er uns auf, wo will er uns überraschen? Die Läden geschlossen, kein Laut zu hören ausser dem Vogelgepfeife.

Auch Rufen und Johlen nützt nicht viel, der gewünschte Mann ist nicht vorhanden. Jetzt wird es eng, denn......

„Ich werde euch empfangen und dann verreisen“, das waren die Worte meines Chefs im Büro.                                           

Keine Seele weit und breit. Der Ernstfall ist eingetreten und meine Wenigkeit als Reiseführerin und Haustüröffnerin gefragt. Alles was ich weiss ist, dass mein Boss eine Schwester im Dorf Moraira besitzt, verheiratet und ergo unter anderem Namen lebt als mein Chef. Diese Dame ist unser Angriffsobjekt. Bestimmt besitzt sie einen Zweitschlüssel, denn ohne denselben werden wir die Nacht im Freien verbringen müssen.

Aus unbekannten Gründen steht das Taxi immer noch vor dem Haus. Gott sei Dank. Meine Tochter und ich verabschieden uns auf unbekannte Zeit, in unbekannte Gegend, mit unbekanntem Ausgang der Situation. Fragende Augen begleiten unsere Abfahrt.

Handys und sonstige moderne Verbindungen gibt es noch nicht, die Geschichte spielt sich noch im analogen Zeitalter ab.  Glück ist gefragt, das ist alles.

Beim Abschiedsblick aus dem Auto, entdecke ich noch kurz bei meinen Ferienkumpels die eben geöffnete Whiskyflasche, die im Kreise herumgereicht wird. Auch die Badehose ist bereits in Griffweite. Welcome to the Ferienresort – all inclusive.

Mit meinen spärlichen Spanischbrocken-Kenntnissen tasten wir uns im Dorf von Calle zu Calle.  Nach ungefähr einer halben Stunde werden wir endlich fündig. Die Schwester meines Chefs traut ihren Augen und Ohren nicht, als sie von unserem Schicksal erfährt. Sie weiss nur, dass der Bruder selbentags abgereist ist, offeriert uns das Corpus delicti – den heissbegehrten Hausschlüssel und lässt uns mit unseren Sorgen allein. Wir drängen uns ins nächste Taxi, nur noch bergwärts und endlich Ruhe.

Ein Bild des Schreckens empfängt uns. Kunterbunt und ziemlich alkoholdurchtränkt bewegt sich unsere Ferienkolonie im Ausnahmezustand. Sie sind nicht untätig geblieben, meine Freunde. Badeplauschatmosphäre, Gelächter und eine, einsam in einer abgelegenen Ecke weilende Redlabel-Flasche ohne Inhalt, vermitteln uns ausgehungerten und nüchtern Angekommenen die nötige Einsicht ins turbulente Geschehen. Immerhin scheint sich die Gesellschaft nicht zu langweilen und jedermann fühlt sich geborgen in der neuen Umgebung.

Trotzdem noch der fragende Blick bei Ankunft an die Direktion des Ausschwärmer-Duos in Sachen Schlüsselbesorgung.

Ja, die Zimmerbesichtigung kann jetzt stattfinden. Die Abendessen-Vorbereitung in der geräumigen Küche mit Sicht aufs Meer geht zügig vonstatten. Das leckere Mal in kürzester Zeit in der Pergola serviert, lässt keine Wünsche offen. Schnellstens werden die unangenehmen Erinnerungen an die Einzugsmodalitäten ad acta gelegt. Nichts steht mehr im Wege für feuchtfröhliche, kommende Tage im Ferienparadies.  One happy family.

Später stellt sich heraus, dass mein Chef der Meinung war, mir einen Hausschlüssel für die Villa in Spanien überreicht zu haben. Handelt es sich ergo tatsächlich um ein Missverständnis? Ja, und in diesem Falle muss ich nochmals über die Bücher, da das Wort auch in meinen Wortschatz eingereiht werden muss.  

 

Geschichte 3: "Das Cello"

Vater ist heute morgen nicht mehr aufgewacht, teilte mir vorhin die Nachtschwester mit. Er hätte ganz ruhig geschlafen, musste sicher nicht leiden. Wir haben es ja seit langem jederzeit erwartet. Der Arzt hat den Totenschein bereits ausgestellt. Bist du noch dran? Ja ja, bin halt schon erschrocken... als ich ihn das letzte mal sah, hatte ich schon so ein endgültiges Gefühl beim Adieusagen.

Wir müssen sofort unseren Bruder Gregor anrufen. Er kommt hoffentlich, von mir aus gern mit Sophie. Er war am 90. von Vater da gewesen und weiss auch, wie Vater sich seine Beerdigung vorstellt. Vater wollte unbedingt, dass es in Potsdam schneit, wenn wir die Asche in seinem Elternhaus im Garten verstreuen. Wir müssen allerdings sehr vorsichtig sein. Es darf nicht auffallen. Wir werden unserem Onkel Achim Bescheid geben, der nun dort wohnt. Das ist nämlich offiziell nicht gestattet. Hoffe, du hast Zeit und kommst mit mir ins Seniorenheim für die Formalitäten und was sonst noch alles zu erledigen ist. Meine Schwester Beatrice bejahte. Wie ich dann ins Auto stieg, kamen mir die Tränen. Nach zwei Tagen kamen auch Gregor und Sophie mit äusserst betrübten Gesichtern in Berlin an.

Gregor leitete schon seit einigen Jahren Vaters Firma, seitdem Vater den schweren Herzinfarkt knapp überlebte und sich seither nur noch ganz selten in der Firma blicken liess.  Zum Glück hatte Gregor Freude, einmal offiziell Vaters Nachfolge anzutreten. Vater hatte Medizin studiert, war dann aber zu wenig motiviert, weiterhin im Spital zu arbeiten oder eine Praxis aufzumachen. Er hatte Glück, weil er eine kleine pharmazeutische Firma übernehmen konnte mit interessanten Nischenprodukten und über die Jahre mit unternehmerischem Gespür eine kleine Goldgrube aufbauen konnte. Gregor hatte Apotheker und BWl studiert und durchaus in der Lage, in die Fussstapfen des Vaters zu steigen. Sophie war Fotomodel und lebte in ihrer eigenen Luxuswelt, ohne Kinder, aus Überzeugung oder Egoismus, wir wussten es nicht.

Gregor fiel mir um den Hals: Jetzt wo ich ihn nicht mehr fragen kann, sein Rat war mir immer wichtig, er wird mir sehr fehlen. Sophie hatte auch ein gutes Verhältnis zu Papa. Er war immer charmant und liebenswürdig. Und meine ältere Schwester Beatrice und ich waren zwar vollkommen unterschiedlich, auch im Aussehen, aber ich war halt Papas Liebling, nicht nur weil ich die Jüngste war. Meine Schwester war auch immer wieder lange Zeit im Ausland, so dass sie sich nicht so oft sahen.

Unser Anwalt Dr. Schneider hatte uns bereits wenige Tage nach Papas Tod zur Testamentseröffnung eingeladen und ich konnte ihm versichern, dass wir Kinder und die Schwiegertochter vollzählig erscheinen werden. Wir machten uns keine grossen Gedanken. Es war soweit alles klar, ein paar wenige Entscheidungen hatte er uns ja bereits mitgeteilt.

Dr. Schneider erwartete uns, begrüsste uns herzlich und kondolierte jedem. Kaum hatten wir Platz genommen, wurde ein jüngerer, ca. 50 jähriger, gut aussehender Mann in das Besprechungszimmer begleitet. Grosses Erstaunen. Wir schauten unseren Anwalt erwartungsvoll an. Dazu kam er mir unglaublich bekannt vor.  Ja ich hatte ihn ganz sicher in den Medien, wahrscheinlich im Fernsehen und der Regenbogenpresse gesehen. Dr. Schneider stellte ihn uns vor. "Hier stelle ich euch euren Halbbruder Birhane Severini vor. Vater hat im Testament verfügt, dass ich euch erst nach seinem Tod mit ihm bekannt machen darf.  Vater hatte nicht den Mut, euch seine Existenz zu erklären, auch nicht als er so berühmt wurde. Es war ihm wahrscheinlich peinlich zuzugeben, dass er neben eurer Mutter eine kurze Zeit eine Affaire hatte. Solange Birhanes Mutter lebte, hatte Euer Vater Briefkontakt mit ihr. Er stand zu seiner Vaterschaft und überwies jährlich einen ordentlichen Betrag. Als er erfuhr, dass Birhane aussergewöhnlich musikalisch sei, finanzierte er Birhanes Ausbildung und Studium am Konservatorium. Bereits mit 18 war er ein Stargeiger und spielte mit den grossen Orchestern auf der ganzen Welt. Vater musste ihn dann nicht mehr unterstützen." Birhane wollte uns schon lange kennen lernen, hatte aber unserem Vater versprechen müssen, damit bis nach seinem Tod zu warten. Wir konnten es einfach nicht fassen, warum jetzt erst ...  Wir hätten seine Affaire akzeptiert und verstanden.  Und vor allem hätten wir uns schon lange mit Birhane über seine erfolgreiche Karriere freuen können.

Dr. Schneider wollte nun aber das Testament verlesen, das nicht viel Neues ergab. Mein Bruder erbte die Firma und die Immobilien wurden auf uns drei verteilt. Birhane hatte mit seiner Ausbildung sein Erbe quasi vorbezogen, was wir 3 Kinder auch gerecht empfanden. Dann aber war vollkommen unerwartet die Rede von einem kostbaren Cello von Stradivari, das in einem Banksafe lagert und das Vater mir vererbt. Das war offensichtlich dasselbe Cello, mit dem er Hausmusik pflegte. Ich verstand nichts mehr. Ausgerechnet ich, die sich über Vaters Cellospiel immer heimlich lustig gemacht hat. Wenn er mit seinen Freunden - alles Hobbymusiker - ab und zu im Quartett bei uns ein kleines Hauskonzert gab, drückten sich alle mit irgendwelchen Ausreden um die Teilnahme. Weil ich meinen Vater aber so sehr liebte, sah ich es als ein Opfer an, mir das ziemlich dilletantische Konzert so lange ich es aushielt anzuhören und Beifall zu klatschen. Mein Vater freute sich sehr über meine vermeintliche Begeisterung. Tja und nun gehörte mir dieses Cello. Dr. Schneider übergab mir die Dokumente über die Provenience des Cellos, die ausführliche Biographie und einen Ausweis mit einer geschätzten Versicherungssumme über 1,4 Mio.  

Das Testament musste jetzt nur noch begossen werden und zwar gleich in der Kanzlei. Wir stiessen mit Champagner an und umringten unseren Birhane, den ich jetzt schon ziemlich gern mochte. Er erzählte uns von seiner Mutter Aisha, einer wunderschönen halb Äthiopierin und Französin. Sie war Dolmetscherin und hatte Vater auf einem Kongress in Paris kennen gelernt und sich verliebt. Sie lebt leider nicht mehr. Bald sprach Birhane mich auf das Cello an.  Er war unfassbar begeistert, dass das Cello von Stradivari 1711 gebaut worden war, und nur noch 60 Stück weltweit vorhanden wären.  Auch der geschätzte Millionenwert erstaunte uns Alle. Birhane diskutierte mit uns leidenschaftlich über eine mögliche Zukunft des Cellos, das man unbedingt aus dem Banksafe befreien sollte.  Wir könnten es z.B. vermieten oder verkaufen.  Er würde uns zu einem Verkauf raten, um mit dem Erlös etwas für Kunst und Kultur tun. Er würde so viel hochbegabte Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt kennen und man könnte mit einer Stiftung vielen dieser jungen Talente helfen, eine Zukunft und Karriere aufzubauen. Eine wunderbare Idee fand ich und meine Geschwister und wir diskutierten noch lange und versprachen uns, diese Idee so bald als möglich umzusetzen. Was für ein Glück, dass unser Bruder uns endlich gefunden hat. Wir sind unserem Vater sehr dankbar für seinen Fehltritt.

 

Geschichte 4: "Der Rosenkavalier"

Mit grossen Schritten überquerte der junge Mann, den wir hier Paul nennen werden, die Zürichstrasse in Richtung Bahnhof Küsnacht. Schnell warf er einen Blick zum rosaroten Haus hinüber in der Hoffnung, auch nur einen Schimmer ihres blonden Haars zu erhaschen. Wie fast jeden Morgen um diese Zeit hatte er Glück. Mit leichtem Schritt trat sie durch die imposante Holztür, warf ihr Haar zurück, blickte kurz in seine Richtung, so dass er ihre blaue Brille gut sehen konnte und war in Richtung Dorf verschwunden. Am liebsten hätte er ihr noch lange nachgeschaut, doch, wie so oft, hatte er zu ausgiebig geduscht. Die Zeit war knapp, der Zug würde nicht warten. Als er an den in der frischen Morgensonne vor sich hinschlummernden Autos vorbeieilte, wurde die innere Unruhe immer stärker. Auch als er einen der letzten Plätze ergattert und seinen Geigenkasten zwischen die Beine geklemmt hatte, wollte sein Herz nicht ruhig werden. Es klopfte in seiner Brust, als hätte er einen Marathon gelaufen. «Das muss ein Ende haben», dachte Paul und versuchte sich abzulenken. Leise summte er seine Lieblingsmelodie aus dem Rosenkavalier. Diese Oper stand heute auf dem Probeplan. Eigentlich freute er sich darauf. Doch die junge Frau liess ihm einfach keine Ruhe. «Was kann ich tun?» fragte er sich und liess seinen Träumen freien Lauf. Mit geschlossenen Augen sah er sich mit ihr dem See entlang spazieren. Doch, würde dies je möglich sein? Die Melodien in seinem Kopf wurden zart, fast süss waren sie jetzt. Und dann war sie da. Die Idee. Sie kam wie ein leichter Sommerhauch, kaum hatte er die romantischen Melodien der Schlussszene des «Rosenkavalier» gespielt. Jetzt wusste er, was zu tun sei.

Britta setzte im Gehen die Brille auf und schaute auf die Kirchenuhr. Würde sie noch rechtzeitig zur Arbeit kommen? Wieder hatte sie zu lange mit ihrer Wohngenossin am Frühstückstisch gesessen und geplaudert. Im Gegensatz zu ihr, konnte Silvia es gemütlicher nehmen, denn ihre Musikstunden begannen oft erst um zehn Uhr. Heute hatten sie über Silvias neue Brille gesprochen. Da gab es noch eine letzte Frage zu klären. Silvia wünschte sich ein blaues Brillengestell. Ob sich Britta gekränkt fühle, wenn sie ebenfalls blau wählen würde, hatte Silvia gefragt. «Weshalb auch?» winkte Britta ab, «Blau ist total «in». Und falls Du auf die Idee kommen könntest, wir würden uns mit den blauen Brillen ähnlichsehen, muss ich nur lachen. Du mit Deinem braunen Wuschelkopf und ich mit meinen blonden Schnittlauchlocken!» Da hatten beide vergnügt gelacht. Theatralisch strich sich Britta eine helle Haarsträhne aus dem Gesicht, so dass Silvia Brittas Brille in ganzer Farbenpracht bewundern konnte: «Geh und schau, ob Dir das Gestell steht!»

Unser Musiker Paul hatte ausgiebig nachgedacht. Seine Idee war ausgereift, alles hatte er bestens recherchiert. Vor allem wusste er genau, wann die junge Frau am Morgen aus dem Haus trat. Nur noch eine Frage war zu klären: Wie würde er das Couvert anschreiben? Wie sollte er seine Verehrte anreden? An die hübsche blonde Frau? Nein. Das könnte falsch verstanden werden. Blond sein ist nicht immer nur angenehm, überlegte Paul, zu viele Witze wurden darüber gemacht. Auch war es ihm nicht wichtig. Also wollte er eine andere Eigenschaft ansprechen, eine, die etwas diskreter war und deshalb besser zu seiner Persönlichkeit passte. Doch welche?

Wieder kam ihm die Idee fast wie im Schlaf und schon lag die Rose am frühen Morgen vor der Tür des rosaroten Hauses, die Karte an einem Wollfaden angehängt. Eine rote Rose aus der Schweiz, das hatte ihm die Floristin versprochen, eine die richtig duftete. Nun musste er hoffen, dass sein Plan gelang. Ach, würden ihm doch die Götter der Liebe beistehen! Ach, würde ihm Amor wohlgesinnt sein!

Ausgerechnet an diesem Morgen war Silvia aussergewöhnlich früh unterwegs. Bereits vor Britta hüpfte sie die Treppe hinunter, dass die braunen Locken wippten. Schwungvoll riss sie die schwere Eingangstür auf und - wäre beinahe auf die Blume getreten. «Eine Rose?», murmelte sie verdutzt und hob sie auf. Der Duft war betörend. Mit geschlossenen Augen sog sie das süsse Parfüm ein. «An die junge Dame mit der blauen Brille» las sie halblaut. Junge Dame? Blaue Brille? Sie runzelte die Stirn. War sie damit gemeint? Erst seit gestern trug sie die neuen Gläser. Das war ja wirklich zu komisch. Sorgfältig öffnete sie das Couvert und las «Herzliche Einladung zum Apéro in der «Sonne» am kommenden Samstagabend, 18.00 Uhr. Der Rosenkavalier.» «Die ist für Britta», dachte sie sogleich und sprang zwei Stufen aufs Mal nehmend, in die Wohnung zurück. Schnell stellte sie die Blume in einem Glas auf den Küchentisch, die Karte daneben. In letzter Sekunde erreichte sie den Zug.

Britta kam aus der Dusche. Erstaunt schnupperte sie an der Rose und nahm dann das Couvert zur Hand: «An die junge Dame mit der blauen Brille». «Wie romantisch!», dachte sie und betrachtete die Karte nachdenklich. «Damit ist sicher Silvia gemeint, Silvia mit der neuen blauen Brille.», war sie schnell überzeugt. Doch dann stutzte sie. Auch sie trug eine blaue Brille. Allerdings trug sie diese erstens schon seit Jahren und deshalb hätte zweitens der Rosenüberbringer schon oft Gelegenheit gehabt, ihr eine Rose zu schenken. Die Sache war somit völlig klar. Dazu kam drittens, dass Britta am kommenden Samstagabend bereits ein Date mit einem jungen Mann hatte. Dennoch kam es am Abend zu lebhaften Diskussionen in der kleinen Wohnung im rosaroten Haus an der Zürichstrasse an diesem Abend. Die beiden jungen Frauen, die eine mit blondem Seidenhaar, die andere mit dunklen Locken, sassen beim gemeinsamen Abendessen in der Küche. Die blauen Brillen tanzten auf ihren Nasen und liessen ihre Augen leuchten. Ihre Wangen waren vom Lachen gerötet. Der Mond lugte vorsichtig zum Fenster hinein und lächelte verträumt. Als er hoch am Himmel stand, war die Lösung endlich gefunden. Silvia sollte an das Treffen gehen, denn Silvia war von Natur aus neugierig; sie würde dieses Treffen bestens meistern.

Der Samstagabend kam. Silvia versuchte das dunkle Haar zu zähmen und schlüpfte in die blaue Bluse. Blau war beruhigend. Zudem würde dadurch ihre neue Brille noch besser hervorgehoben werden. Immer noch etwas aufgeregt eilte sie zum See hinunter, wobei sie sich zum wiederholten Mal fragte, wer wohl hinter dieser Einladung steckte.

Seit einigen Minuten stand sie nun vor dem Eingang der «Sonne» und wartete. Wie würde der Rosenkavalier aussehen? Es musste auf jeden Fall ein Mann sein, der die Oper «Rosenkavalier» schätzte. «Ein Musikliebhaber», dachte sie, «genau wie ich». Dennoch brauchte sie enorm viel Mut, um dieses «blind date» wahrzunehmen. Der «Gwunder» jedoch hatte gewonnen. Da stand sie nun also und wartete. Ihr gegenüber ging ein junger Mann schon seit einer ganzen Weile auf und ab. Auch er schien auf jemanden zu warten, auch er schien nervös zu sein. Wie konnte man einen so gutaussehenden Mann warten lassen? fragte sich Silvia und schaute den Wartenden genauer an. Seine ernsten Augen hatten sie verstohlen gemustert, sich dann aber schnell wieder abgewendet. Schade! Er konnte also nicht der Rosenkavalier sein. Ihre blaue Brille hätte er schon lange bemerken müssen. Auf wen er wohl wartete?

Nach einer guten Viertelstunde wurde Silvia das Warten zu viel. Hatte man sie veräppeln wollen? Spielte jemand ihr und ihrer neuen Brille einen Streich? Sie seufzte laut und lächelte das wartende Gegenüber an. Auch er hatte leise geseufzt. «Wurden Sie ebenfalls nicht abgeholt?» fragte Silvia nun lachend. Das sollte ihn – aber auch sie – ein wenig trösten. Wenn beide schon warten mussten, konnten sie sich die Zeit durch Plaudern etwas versüssen. Der junge Mann lächelte unsicher zurück. Etwas mutiger geworden, antwortete er: «Ach, es ist nicht einfach junge Frauen einzuladen!» Silvia nickte verständnisvoll und meinte: «Es ist aber auch nicht einfach, von Unbekannten zu einem Drink gelockt zu werden und dann ist doch nichts. Ich bin wohl auf einen Witz hereingefallen».

Damit würde es nun zu Ende sein. Energisch drehte sie sich zum Gehen um. Eilige Schritte holten sie ein. «Warten Sie bitte! Haben Sie nicht eine blaue Brille?» fragte derselbe junge Mann nun, so dass sie sich ihm zuwendete. «Ja, natürlich und um die geht es doch!» «A-aber», stotterte Paul, ohne zu überlegen, «sie haben ja keine blonden Haare!» «Nein, hätte ich die haben sollen?» fragte Silvia schnippisch und schüttelte zornig ihre braune Mähne. Dann stutzte sie. Ihr Mund blieb offen vor Verblüffung. Mit einem Schlag wurde ihr das grosse Missverständnis bewusst. Nicht sie, sondern Britta mit dem blonden Haar war gemeint. Sie hatten sich getäuscht. Und wie! Nun purzelten die Worte aus ihr heraus. Alles, was sie sich überlegt hatten, war völlig falsch. Ruhige Augen schauten sie verwundert an. Endlich verstand auch er: Was für ein grosses Missgeschick! Wie ausserordentlich peinlich! Wie konnte ihm das passieren. Beide jungen Frauen trugen blaue Brillen, die eine blond, die andere braunhaarig.

Wie es weiter ging? Es wurde ein höchst vergnüglicher Abend. Wer hätte gedacht, dass sich diese beiden Menschen so gut unterhalten könnten? Musik und das Leben überhaupt, waren ihre Themen. Die Sterne schimmerten hoch am Himmel, als sich die beiden verabschieden mussten. Es war klar, dass sie sich wieder treffen würden.

Ein gutes Jahr später stand Silvia mit einem Strauss roter Rosen in der Kirche in Küsnacht. Neben sich spürte sie Paul. Glücklich strahlte Silvia ihren Ehemann durch die blaue Brille an Mit ihm durchs Leben zu gehen, wird wunderbar, dachte sie. Eine zarte Melodie ertönte - wohl aus dem Rosenkavalier?  - und der gute alte Amor lächelte.

 

Geschichte 5: "Ein Missgeschick"

In Vietnam wars, genauer gesagt, in der Stadt Huè, dem einstigen Sitz der Kaiserdynastie Nguyen. Hier sollten wir zwei, die wir auf eigene Faust alleine durchs Land reisten, einen Schreck erleben.

So spazierten wir denn erst mal gemütlich dem sogenannten Duftfluss entlang, bewunderten die vielen nummerierten Boote, lange, schmale farbenprächtige Drachenboote, deren Besitzer uns zu einer Fahrt locken wollten. Jeder und jede auf seine/ihre Art. Eine unter ihnen hatte es uns besonders angetan mit ihrem Charme. Wir versprachen, am nächsten Tag zu kommen, nur zu ihr, und dabei bestätigten wir gegenseitig mit sechs Fingern zeigend die mündliche Abmachung für eine Flussfahrt mit ihrer Nummer 6. – Ein Mann/Frau - ein Wort: Wir waren da am nächsten Morgen. Pünktlich schweizerisch. Zu den Kaisergräbern wollten wir. Nach einer Stunde gemächlicher Flussfahrt setzte uns die Kapitänin an einer geeigneten Uferstelle ab, dort nämlich, wohin sie zwei schmächtige Landsleute mit ihren Motorrädern beordert hatte. Die sollten uns für die restliche Wegstrecke zum Ziel fahren. Also nahmen wir auf dem Sozius Platz, packten die beiden Veteranen um die schlanke Taille und los gings - im Fahrtenwind zwischen den Bananenplantagen durch.

Dann waren wir da – in einer lauschigen Welt. Die berühmten Kaisergräber waren eingebettet zwischen alten Baumbeständen und einer weiten Stille. Andächtig und beeindruckt liessen wir die Stille auf uns einwirken, sogen sie auf und konnten sie doch nicht mitnehmen. Denn - rasant und geräuschvoll gings auf unseren vietnamesischen Motorrädern wieder zurück zur Anlegestelle unseres Bootes. Die Kapitänin, sie war da, zuverlässig korrekt. Sie sollte uns zurück nach Huè steuern. Die Fahrt ging los. Sehen konnten wir sie nicht wegen der ordentlichen Länge des Bootes. Jedenfalls waren wir uns gewiss, dass sie hinten am hölzernen Steuerstab war, den sie mit dem Fuss zu bedienen hatte, während wir beiden gemütlich vorne auf einer kleinen Holzfläche kauerten. – Bald aber hatten wir dieses Fragezeichen - warum schien sie den Fluss überqueren zu wollen? Wir kamen zum Schluss, dass sie wohl auf der gegenüberliegenden Seite – der Fluss war ca. 200 m breit – einen Halt einbauen wolle. Dann begannen wir stirnrunzelnd das Tempo des Bootes zu verfolgen. Jetzt müsste sie die Geschwindigkeit drosseln. Nichts dergleichen geschah. Ich hielt mich schon mal zünftig an meiner hölzernen Umgebung fest und innert weniger Sekunden schoss unser Drachenboot mit ungezügeltem Karacho die Uferböschung hoch. Gottlob war da Gras und keine Mauer.

Fast zeitgleich erschien ein zweites Boot. Darauf viele uns knipsende Touristen, und raus aus diesem Boot stieg unsere triefend nasse Kapitänin. Sie stieg bei uns ein, versuchte mit Händen und Füssen zu erklären, war bleich und murmelte «sorry». Was war geschehen? Kurz nach dem Start war sie, von uns völlig unbemerkt, in den Fluss gepurzelt, von einem Touristen-Boot aufgefischt worden, während wir alleine führerlos weiterflitzten. Der Ernst der Lage wurde uns erst später bewusst – knapp dem Tod entronnen.  

 

Geschichte 6: "Himmlische Liebe mit einem Hauch von Chanel"

Claire de Bouvoir wusste immer was zu tun war, zumindest behaupteten das ihre Freunde und Bekannten und das, waren deren nicht wenige. Claire war eine Lady, durch und durch. Sie bevorzugte einen Kleidungsstil, den selbst Jacky O. noch zum Schwärmen gebracht hätte. Mit ihren bald sechzig Jahren, sah sie viel jünger aus, verhielt sich auch so und genoss die zahlreichen Avancen ihrer Verehrer.

Und – eben sie wusste, was zu tun war. Ihr damaliger Ehemann, ein erfolgreicher Industrieller, verliess sie wegen einer jüngeren. Auch junge Damen wissen was sie wollen; Diamonds are a girls best friends und einen Sugar Daddy konnte man dann leidlich dazu akzeptieren und die Betonung liegt auf leidlich. Denn Laurent de Bouvoir war zwar äusserst vermögend, galt aber eher als Langeweiler und Spiesser. Im Laufe seiner erfolgreichen Karriere hatte sich an seinem vormals, durch Sport und eiserner Disziplin gestähltem Körper, so manches überflüssige Pfund festgesetzt. Diese waren dann auch seine treusten Begleiter, was man von seiner Damenwelt nicht gerade behaupten konnte. Ein erneutes Anklopfen bei seiner zurückgelassenen Claire war ein kläglicher Versuch und versetzte seinem Selbstbewusstsein einen gewaltigen Schlag, der sich wie einen Dolchstoss in die Pforten seiner Eitelkeit rammte. Claire wollte ihren gestrandeten ehemaligen Gatten nicht mehr zurücknehmen. Sie pflegte stets zu sagen; „aufgewärmt schmeckt mir nicht“ und handelte auch danach.

Mit ihrer Hündin Chanel verbrachte Claire viele Stunden mit Entdeckungstouren durch den Wald und das Küsnachter Tobel.  Was aber Claire noch viel mehr liebte, waren die ausgiebigen Spaziergänge durch ihr Quartier. Sie bewunderte die wunderschönen Villen und fragte sich, wer wohl deren Besitzer sein mochten. Die Himmelistrasse war die Krönung ihres täglichen Ausfluges mit Chanel. Einfach himmlisch, diese Lage, diese wundervollen Villen und Landsitze.

Chanel war eine gut erzogene Hundedame und hatte mit Coco Chanel auch einiges gemeinsam. Sie hatte ihren eigenen Willen, ihre Vorstellung vom Leben. Ein Hauch von Chanel eben.

Der 3. Mai 2016 war für Claire und Chanel etwas ganz besonderes, ganz abgesehen davon, dass es Claires Geburtstag war. Chanel konnte nur ahnen, dass heute ein spezieller Tag war. Claire, sie nannte sie immer Claire, weil Frauchen für Chanel’s wache Hundeohren nicht trendy genug klang. Nach dem morgendlichen Spaziergang sollte es zum Coiffeur oder wie Claire zu sagen pflegte, zum Frisör gehen.

Ein grosser Tag und viele Termine welche eingehalten werden mussten. Doch zuallererst war sie an der Reihe, Chanel, ganz allein mit Claire. Herrliche Frühlingsluft nach einem kühlen Regenschauer,  wunderbare Blütenpracht satte Wiesen und glücklich bei der Himmelistrasse angekommen zu sein. Claire fand das Haus an der Himmelistrasse Nr. 57 schon immer faszinierend. Nicht nur weil es ihr Jahrgang war, sondern auch genau ihren Vorstellungen eines Traumhauses entsprach. Doch die perfekt zugeschnittene und dichte Hecke erlaubte keinen Einblick, nicht einmal einen klitze kleinen, was sich hinter der dichtbegrünten Mauer verbarg.

An diesem dritten Mai sollte sich alles ändern. Chanel ging mit einer Eleganz neben Claire her als ob sie den charismatischen Auftritt von Claire noch toppen wollte. Auch eine Hundedame ist und bleibt eine Hundedame. Was konnte Chanel dafür, dass sich just in dem Augenblick, als die beiden Ladies das Haus Nr. 57 passieren wollten, eine ansehnliche Katze vor Chanels Augen durch die Hecke ins Innere des Gartens retten wollte. Gar nichts – sie war unschuldig und folgte ihrem Instinkt. Die Hecke war zu dicht für ein Durchkommen für Chanel also nahm sie den Weg durch das offene Gartentor. Immer schön die Contenance bewahren, sagte sich Claire. Sie folgte Chanel dicht auf den Hundepfoten und hoffte so, ihre Hündin von ihrem Jagdtrieb abhalten zu können. Was für eine Illusion! Würde sie sich abhalten lassen wenn sie die Fährte eines charmanten Herrn aufgenommen hätte? Sicherlich nicht.

In ihrem Jogginganzug, der ihre Figur im besten Licht erscheinen liess, jagte sie Chanel quer durch den Garten nach. Sie war körperlich äussert fit und trotzdem konnte sie diesen Eskapaden von Chanel nicht folgen, geschweige denn aufrecht, denn der morgendliche Regen hatte den Boden in ein glitschiges Feld verwandelt und Claire landete schwungvoll auf der nassen Wiese. Ihr hellgelber Jogginganzug war gespickt mit der schlammigen Erde und sie sah aus, wie ihr eigenes Lieblingsdessert. Ein köstliches Tiramisu das sie so sehr liebte.  

Sie krabbelte wieder hoch und von Chanel war keine Spur zu sehen. Wie peinlich war das denn? Pitschnass und von Chanel nichts zu sehen. Eine tiefe Männerstimme holte sie wieder in die Realität zurück. Haben sie sich verletzt? Kommen sie ich helfe ihnen. Das war offenbar der Gärtner dieser traumhaften Liegenschaft und so war es nicht ganz so peinlich, wie wenn der Hausbesitzer sie so gesehen hätte. Nun fing es auch noch an zu regnen und Claire stand da wie vom Winde verweht und vom Regen gepeitscht. Das unglaublichste aber war, dass Chanel an der Seite dieses  gut aussehenden Gärtners stand. Das gab ihr den Rest. Sie dachte, in der Erde versinken zu müssen. Ein fremder Kerl, ein Gärtner hatte ihre Chanel neben sich und sie gehorchte?

Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten? Etwas unsicher blickte ich den Gärtner an und fragte, ob denn die Herrschaft nicht zu Hause sei. Er verneinte und ging voraus ins Haus. In der luxuriösen Küche rückte er mir einen Stuhl zurecht und murmelte etwas von trockenen Sachen. Kurz darauf erschien er mit einem T-Shirt und einem modischen Jogginganzug und zeigte mir, wo ich mich umziehen konnte.

Ich schlüpfte in die trockenen Sachen, die zwar etwas knapp sassen aber immerhin konnte ich meinen Schmuddel Look verabschieden. Zurück in der luxuriösen Küche kochte das Teewasser und ich fühlte mich schon etwas wohler. Chanel lag am Boden und hatte ein feines Leckerli zum Knabbern bekommen. Unglaublich dieser Gärtner. Der Tee weckte meine Lebensgeister und mein Selbstbewusstsein wieder. Ich war neugierig und wollte mehr über den Hausbesitzer wissen. Der Gärtner reagierte verschwiegen, wie es für einen treuen Angestellten wohl angemessen ist.

Draussen regnete es unablässig und Eric, so hiess der Gärtner, fragte mich verlegen ob ich denn Appetit auf Speck und Ei hätte. Natürlich hatte ich und gleichzeitig war ich auch unsicher, ob ich dies als ungebetener Gast einfach so akzeptieren durfte. Was ist wenn die Hausbesitzer erscheinen würden und sie mich mit ihrem Gärtner hier erwischten? „Die Familie ist in der Toskana auf ihrem Weingut und wird erst Ende Juni zurückkommen“. Etwas mulmig und doch angetan nahm ich die Einladung an. Ich wollte aufstehen um Eric zu helfen. Wollte, denn mein Fuss war dick wie ein Elefantenbein angeschwollen und hiess mich an dem gemütlichen Esstisch zu verweilen.  Eric sah sich meinen Fuss an und meinte, dass der Knöchel wohl verstaucht wäre. Was dieser Gärtner alles wusste? Er holte mir aus der Hausapotheke eine kühlende Salbe. Die Tabletten hielt er aber zurück, da uns Eric bereits mit Prosecco die Kochzeit verkürzen wollte.

Chanel döste auf dem Küchenboden und schien völlig zufrieden zu sein, obwohl sie die Katze entwischen lassen musste. Eric deckte geschickt den Tisch, stellte eine Vase mit frischen Blumen hin und in meinem Bauch fing es an zu kribbeln. Innerlich jubelte ich, liebe Schmetterlinge seid herzlich willkommen. Ich glaube ich habe mich verliebt und das an meinem 59-sten Geburtstag. Mein Sohn Fabian sagte zu mir; „Mama, wenn Du die Liebe suchst, wirst Du sie nicht finden“. Die Liebe ist zu mir gekommen, sie hat mich gefunden und ich werde sie in mir bewahren. Was für ein Geschenk an meinem Geburtstag die grosse Liebe zu finden. Eric der begnadete Gärtner und ich werden eine wundervolle Zukunft zusammen haben. So stellte ich es mir in Gedanken vor und das Klingeln an der Haustüre liess mich aus meinen Tagträumen wieder erwachen.   Eric öffnete die Türe und umarmte die junge Frau liebevoll. Dies alles sah ich von meinem Platz an der Küchenbar aus. Lachend kamen die beiden in die grosszügige Küche zurück. Hier riecht es himmlisch Papa. Ich bin so hungrig. Die Arbeit auf unserem Weingut in der Toskana war sehr anstrengend. Gibt es noch ein Plätzchen für mich? Eric lächelte vergnügt und deckte einen weiteren Teller auf. Willst Du mich Deiner attraktiven Bekanntschaft nicht vorstellen? Immerhin steht ihr mein Trainingsanzug hervorragend.

Ich konnte nichts mehr dagegen tun, als mir die Röte ins Gesicht schoss und sich kleine Schweissperlen um meine Lippen bildeten. Eric meinte, dass mir ein bisschen Farbe im Gesicht sehr gut stehen würde und lächelte mich verschmitzt an. Er küsste mich sanft auf meine Lippen und stellte mich seiner Tochter als seine neue Liebe vor. Gärtner, haben wohl ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, sind charmant und kochen hervorragend.

Eric, alias Gärtner, Hausbesitzer mit grünem Daumen und Chefarzt einer Privatklinik ist mein neues Glück. Das schönste ist, dass seine Tochter dies auch so sieht. Ihre Katze Eduardo und Chanel sind heute die besten Freunde. Eric und ich sind verliebt wie am 3. Mai 2016 und werden den nächsten 3. Mai ganz besonders feiern. Chanel und Eduardo bekommen dann ein besonders feines Leckerli bevor wir uns auf die Hochzeitsreise in unser Toskanisches Weingut verabschieden.

 

Geschichte 7: "Knallgrünes Missverständnis"

Ich erinnere mich haargenau an die Farbe des Kostüms: Grün war es, Knallgrün, Grün wie ein Granny Smith oder die Hautfarbe des Froschkönigs. Knielang - oder kniekurz, je nach Sichtweise - die Saumlänge des Jupes, die Jacke kurz geärmelt, mit kelchförmigem Reverskragen und verdeckter Knopfleiste, zu der Zeit modischer „dernier cri“. Erstanden hatte ich das gute Stück kurz vor der Abreise nach Japan in Frankfurts Modemeile Sachsenhausen, und als ich es in den Koffer legte, liess ich spezielle Sorgfalt walten: Knitterig gewursteltes Seidenpapier wurde sorgsam um die Teile drapiert.

Die Jahresversamlung des Weltverbandes von Direktoren Zoologischer Gärten stand an – Tokyo, Osaka, Nagoya, Yokohama und Kyoto hiessen die Städte, wo die Treffen des Welt-Zooverbandes stattfinden sollten. Der Hauptakzent – neben endlos vielen Vorträgen und Workshops – lag auf dem Besuch spektakulärer Gross-Aquarien, wie Japan sie in illustrer Anzahl besitzt, weltberühmte Becken für Quallen und Korallen, Riffe und Kliffe, Tümmler, Mondfische und Walhaie – die arten- und farbenreiche Unterwasserwelt, die in Zoologenkreisen Japans einen so grossen Stellenwert besitzt.

Dieser Stellenwert reichte hinauf bis in allerhöchste Sphären – nämlich bis zu den Stufen des legendären Chrysanthementhrons, bis zur japanischen Kaiserfamilie selbst. Schon Kaiser Hirohito hatte sich in seiner Freizeit als Meeresbiologe betätigt und sich einen internationalen Namen geschaffen. Sein Sohn Akihito, zur Zeit unseres Besuchs Tenno, hatte zwar Volkswirtschaft und Politik studiert, doch galt seine private Liebe ebenfalls der Unterwasserwelt, wie man in Fachkreisen respektvoll anerkannte. Und Fumihito Akishino schliesslich, des Kaisers zweiter Sohn, hatte nicht nur Ichthyologie (Fischkunde) studiert, sondern war auch passionierter Vogelkundler und hatte einen Doktortitel in Ornithologie erworben. Das japanische Kaiserhaus war den Tiergärtnern aus aller Welt und ihrem Jahreskongress sehr wohl gesonnen!

Und so hatten wir denn im Vorfeld der Reisevorbereitungen mit Stolz und Freude vernommen, dass Prinz Akishino mit seiner Gattin Kiko höchstpersönlich den versammelten Zoologen einen Besuch abstatten und mit ihnen über Themen der Wildtierhaltung in Menschenobhut diskutieren wollte. Welche Ehre! Einer der Gott-Gleichen aus der kaiserlichen Dynastie Nippons wollte zu uns stossen und mit uns seine weltlichen Interessen teilen! Es ging gar nicht anders: Das grüne Kostüm musste mit in den Koffer!

Dort lag es nun also, vorerst ohne gross in Erscheinung zu treten. Dies änderte sich erst in Nagoya, wo das Jubiläumstreffen 1998 über die Bühne gehen sollte. Durchaus im wörtlichen Sinne: Im Fünfsterne-Hotel war nicht nur ein roter Teppich ausgelegt, wie es sich für einen Prinzen und seine Prinzessin gehörte, sondern auch eine Bühne aufgebaut: Von hier aus sollte unser Verbandspräsident, Fred Daman vom Zoo Antwerpen, die offiziellen Grussworte sprechen und anschliessend Prinz Akishino das Wort an die Versammelten richten. Um das Podest zu erklimmen, führten vom Saal aus einige Stufen hinauf, die allerdings dem hochwohlgeborenen Gastredner vorbehalten waren – Normalsterbliche durften sie nicht betreten und Präsident Daman war schon tags zuvor entsprechend instruiert worden: Für ihn gab es an der Seite ein zweites Treppchen, über das er hinauf und hinunter gelangen sollte. Wir waren alle mehr als aufgeregt, als wir schon lange vor dem offiziellen Ankunftstermin des Prinzenpaars von Hofbeamten entlang der „kaiserlichen Route“ - lies: dem roten Teppich - positioniert wurden. Als kleinste weit und breit musste ich zuvorderst stehen – direkt an der Kordel, welche den roten Teppich vom Tross der Zooleute trennte. Meine Froschkönig-Verkleidung würde also ungehindert durch den ganzen Saal leuchten….

Pünktlich auf die Sekunde betrat Prinz Akishino – im dunklen Anzug und mit graumelierten Schläfen und einem feinen Lächeln im Gesicht – durch das Hotelportal den roten Teppich. Ihm folgte mit etwas Abstand – gewiss war dieser vom Hofzeremoniell auf den Zentimeter vorgeschrieben! – Prinzessin Kiko, Handtäschchen am Handgelenk und Hütchen im Haar. Gewandet war die Prinzessin  ebenfalls in ein Kostüm  – in ein knallgrünes Kostüm mit Knopfleiste und Kelchrevers, dernier cri offenbar auch in Japan, und bis auf die letzte Naht genau gleich wie meines! Am liebsten wäre ich in den Boden versunken, als die Prinzessin mit trippelnden Schrittchen an mir vorbeiging, dabei ganz kurz nur den Kopf hob und einen schnellen Blick auf das spiegelbildliche Kostüm jenseits der Kordel warf. Ganz kurz nur und gerade so schnell, dass ich mir vorstellen konnte, was demnächst kommen musste.

Und es kam. Allerdings erst, nachdem Prinz Akishino bei der Bühne angekommen war und höflich unserem Verbandspräsidenten den Weg über das Fronttreppchen hinunter frei hielt – dieser hatte nämlich, wen wundert’s, in seiner Aufregung ganz vergessen, dass er eigentlich das Hintertreppchen  hätte benutzen müssen. Der Prinz lächelte. Und ergriff dann das Wort – auf Japanisch, denn Englisch zu sprechen geziemte sich für ihn nicht, obwohl er es perfekt beherrschte, wie wir später feststellten. Die offiziellen Worte indes mussten laut Zeremoniell in Japanisch gesprochen werden - Satz für Satz vom Hofzeremonienmeister für uns übersetzt. Kaum waren die gegenseitigen Höflichkeiten ausgetauscht und der Prinz – mit inzwischen nicht mehr nur freundlichem, sondern richtig vergnügtem – Lächeln in der Menge der gleichgesinnten Kollegen verschwunden, näherte sich uns eine elegante, ältere Kollegin vom Zoo Yokohama: „Die Prinzessin möchte Sie gerne kennenlernen“, lächelte sie und lud uns mit einer Handbewegung ein, ihr zu folgen. Was sollten wir tun? Flucht war nicht möglich, also folgten wir ihr, und da war sie auch schon, Prinzessin Kiko, klein und zierlich, mit einem Lächeln auf den Lippen auch sie –  und grün, nicht grün wie eine Froschkönigin, sondern diskret grün, zartgrün, grün wie eine Linde im frühen Frühling. Unglaublich, wie zweimal dasselbe Kostüm an zwei verschiedenen Frauen völlig unterschiedlich aussehen kann! Woher wir kämen, wollte die Prinzessin wissen, und ihre dunklen Augen drückten Freundlichkeit aus  und Interesse, ach ja, Frankfurt! Eine schöne Stadt und so elegant und modisch – und kulturell führend! Eben wären ihr Mann und sie als Botschafter Japans an der Frankfurter Buchmesse zu Gast gewesen - hoch interessant, unvergesslich!

Die Boutiquen von Sachsenhausen erwähnte die Prinzessin nicht. Ich auch nicht, versteht sich, und erneut wäre ich am liebsten im Boden versunken – aber in solchen Momenten geben Böden bekanntlich nie nach. Und Prinzessinnen wahren auch dann noch das Gesicht, wenn es auf der ganzen Welt rund um sie „grünt so grün“. So will es das Hofzeremoniell - und dieses kennt keine Fehler. Nur manchmal Missverständnisse.

Das grüne Kostüm hing noch einige Jahre in meinem Schrank – auch wenn ich es nie mehr getragen habe. Schliesslich kamen Knopfleiste und Kelchkragen in Europa wie in Japan aus der Mode – und ausserdem war es mir zu eng geworden!  

 

Geschichte 8: Verzeih

Ein spitzer Schrei gellte durch unsere Küche. Aufs Glänzendste poliert reihten sich dort die Gläser, Becher und Tassen im Schrank und stapelten sich die blütenweissen Teller im Regal.  Nach Grösse und Häufigkeit des Gebrauches sortiert, ruhte das Besteck in den hölzernen Schubladen. Durch millimetergenau angebrachte Kunststoffwände voneinander getrennt. Ordnung bis in die hintersten Winkel des Raumes. Wir befanden uns schliesslich in meiner Küche.  

Der grelle Laut entfuhr mir, ohne dass ich davon Kenntnis genommen hätte, ohne Vorankündigung. Energisch schlug ich mir die Hand vor den Mund, verschloss den weit aufgesperrten Schlund, dem der schrille Ton ungewollt entwichen war. Innerlich schalt ich mich selbst, eine solch geringe Kontrolle über meine Stimme zu besitzen, als meine Tochter Louisa aus dem Schlaf geschreckt und mit wirr vom Kopf abstehendem Haar in die Kühe gestürmt kam und mit ihrem Erscheinen das Chaos in meine hart erarbeitete Ordnung brachte. All meine Überzeugungskraft aufwendend, gelang es mir schliesslich, der 17-jährigen mein bestes Wohlergehen zu versichern. Nachdem ich sie, mit einer beschwichtigenden Ausrede, zurück in ihr Zimmer gescheucht hatte, bückte ich mich nach dem Stück Papier, das meiner zitternden Hand Augenblicke zuvor entglitten war. Ich hatte das Schreiben nachmittags unter einem Stapel Bücher auf Louisas Nachttisch gefunden und angenommen, dass es sich um eine herausgerissene Seite ihres Tagebuches handelte. (Auch wenn die Schrift, diejenige des Computers war und die violetten Blüten so gar nicht dem Geschmack meiner Tochter entsprachen.) Erschöpft sank ich nun auf das mintgrüne Kissen des Stuhls. Und als ich, in der mich umwogenden Stille der Nacht, weiterlas, beliess ich die Hand sicherheitshalber über meinem Mund.  

Gemächlich senkte sich meine Hand, die Finger noch immer krampfhaft um das Papier gekrümmt. Eine schreckliche Vorahnung beschlich mich.

Eine Vorahnung, die bestätigt wurde, als ich am darauffolgenden Nachmittag im oberen Stockwerk unseres Hauses ein Gespräch belauschte. Gebückt verharrte ich vor der geschlossenen Zimmertür. Der Schlüssel steckte. Zweimal umgedreht. Mit eindringlicher Stimme, und vermutlich wild gestikulierend, sprach Louisa auf jemanden ein, wie um sich selbst in ihren Worten zu bestätigen. Ein Flüstern war es erst, dass zu einem Bitten, stillen Flehen und beinahe lautlosem Wimmern verebbte. Gefolgt von einem erstickten Schluchzen. Dann Geschrei. Brüllen. Toben. So hatte ich meine Tochter noch nie zuvor erlebt. «Gib dich nicht auf! Hör zu! Nein!» Ich vermutete, dass sie zu sich selbst sprach. Sah die beiden Stimmen links und rechts neben ihrem Kopf, die ihr Befehle einflüsterten und, den Zettel des Vortags vor Augen, wusste ich auch, was sie verlangten. Das war zu viel. Das war alles zu viel für mich.             

Meine Tochter, mein kleiner Engel, wie könnte sie sich jemals wehtun? Sie würde sich doch nicht wirklich das Leben nehmen? Nein, das könnte sie nicht. Völlig überwältigt von der Situation schlich ich rückwärts zur Treppe. Meine Beine zuckten und drohten einzuknicken, als ich, einen Fuss vor den anderen setzend, die Stufen hinabstieg. Es waren genau 17.

In der Küche wusch ich mir die Hände gründlich mit Seife und trocknete sie sorgfältig ab. Wieder und wieder versicherte ich meinen schlackernden Beinen, dass alles gut werde, schlug ich mir mit der geballten Faust gegen die wie verrückt pulsierende Schläfe. Abermals wusch ich die Hände, fühlte mich noch immer nicht sauber genug und hielt sie erneut unter das fliessende Wasser. Das kühle Nass besänftigte mich und liess allmählich wieder Ordnung in meine aufgewühlte Stimmung einkehren. Noch immer zitternd, wankte ich die Stufen hoch. 17 Stufen. Ich hätte nicht sagen können, wie spät es war, geschweige denn, wie viel Zeit ich in der Küche verbracht hatte, doch draussen verdunkelte sich der Himmel bereits zu einem hellen schwarz. Was sie in ihrem Zimmer wohl gerade tat?

Meine Hand schmerzte von dem kalten Wasser, das ich vermutlich stundenlang über diese hatte laufen lassen. Sie wog zu schwer, als dass ich sie zum Anklopfen hätte heben können. Erleichtert stellte ich fest, dass der Schlüssel nicht mehr steckte. Eine Sache weniger, um die ich mich zu kümmern brauchte. Die Tür liess sich auch tatsächlich öffnen und so stolperte ich in den engen Raum. Leere empfing mich. Und herbstliche Kälte, denn das Fenster stand sperrangelweit offen. Erschrocken blieb ich stehen, stellte jegliche Regung ein. Blanke Angst und Schrecken, sowie grenzenlose Panik wallten in mir auf. Vor meinem geistigen Auge spulten sich abscheuliche Bilder ab. Eines grausamer als das andere. Nun musste ich mich der Wahrheit stellen, so schwer mir dies auch fiel. Doch ebenso wenig gelang es mir, mich zurück in meine geordnete Küche zu stehlen, als wäre nichts gewesen.

Unfassbar träge, so als erwachten meine Glieder aus einem tiefen Schlaf, torkelte ich zum Fenster, beugte mich hinaus, die klammen Finger haltsuchend in den Rahmen gekrallt und sog die erfrischend kühle Nachtluft ein. Erst da spürte ich das rasende Klopfen meines Herzens. Ich schaffte es nicht hinunter zu sehen, denn dort würde sie liegen. Ihre zarten Gliedmassen gnadenlos zerschmettert in einer Lache aus Blut, die sich ausbreiten würde, wie lange Finger, die sich ausstreckten und anklagend auf mich wiesen. Du hättest es verhindern können. Erst als mein Knie auf dem Boden aufschlug, merkte ich, dass ich in mich zusammengesunken war. Erdrückt von den Schuldgefühlen. Ich hätte es verhindern können. Ich hätte zu ihr gehen müssen, statt nur zu lauschen. Ich hätte sie früher darauf ansprechen sollen. Ich hatte versagt. War der Aufgabe einer Mutter nicht gewachsen. Dieser Rolle nicht würdig… Nun war alles zu spät.

Schluchzend vergrub ich mein Gesicht in den Händen. Nahm nichts mehr um mich wahr. Weder das Rauschen der Toilettenspülung im Bad noch die tappenden Schritte, die sich mir leise näherten. Hob den Kopf erst, als mir jemand sacht von hinten auf die Schulter tippte. Dann sah ich ein mir vertrautes Gesicht.

Ein überraschtes Keuchen entfuhr mir. Womit hatte ich es verdient, sie noch ein letztes Mal zu sehen? Wer schenkte mir die Möglichkeit, mich von meinem Liebsten zu verabschieden? Louisa war blass im Gesicht. Tränen rannen ihr über die Wangen, sie lächelte erleichtert, so als wäre eine zentnerschwere Last von ihr gefallen. Ich schlang die Arme fest um meine Tochter und alles um mich herum verblasste. Um Fassung ringend, überreichte mir Louisa wenige Minuten später einen weiteren zerknitterten Fetzen Papier.

Wir hatten uns schweigend an den Küchentisch gesetzt. Gegenüber voneinander. Es war das erst Mal, dass ich mir Zeit für meine Tochter nahm. Nur für sie. Fürsorglich hatte ich ihr einen heissen Kamillentee gemacht und mich zu ihr gesetzt. Sah ihr direkt in die Augen und nahm sie erst jetzt richtig wahr.  

Lange und ausführlich haben wir danach über Louisas Freundin Nele gesprochen, die unter der Trennung ihrer Eltern stark litt. Sie vertraute sich Louisa an und machte ihr gegenüber öfters Andeutungen, dass sie bald gehen werde. Spätestens als Louisa heimlich Seiten aus Neles Tagebuch gerissen hatte, wenn sie bei ihr zu Besuch war, wurde ihr bewusst, wie ernst die Lage war.  Als die Freundin dann nur noch vom Sterben und einem Leben nach dem Tod sprach, wurde Louisa immer beunruhigter. Natürlich machte sie sich ungeheure Sorgen um die nur ein Jahr ältere Freundin. Mir hatte sich Louisa deshalb nicht anvertraut, weil sie glaubte, dass ich mit der ganzen Sache nicht zurechtkommen würde. Wahrscheinlich war dem tatsächlich so. Ich hatte immer nur Augen für meine Listen und geregelten Abläufe gehabt, hatte darauf geachtet, dass jederzeit die perfekte Ordnung herrschte. So war mir nicht aufgefallen, welche Last die schmalen Schultern meiner Tochter zu Boden drückte. Und in eben dieser Zeit, hätte ich für sie da sein sollen. Als Mutter.

In dieser Nacht habe ich mit meiner Tochter mehr geredet, als all die Jahre zuvor.                             

Als wir uns erhoben, innig umarmten und uns eine gute restliche Nacht wünschten, fiel mein Blick auf die leergetrunkene Tasse Tee auf dem Tisch. Meine Finger streckten sich nach dem Henkel aus. Mein Kopf stellte sich darauf ein, die Tasse sorgfältig anzuheben, gründlich abzuwaschen und an ihren angestammten Platz im Schrank zu stellen. Mitten in der Bewegung zuckte ich zurück. Es kostete mich einiges an Überwindung, doch schliesslich gelang es mir, das Teegeschirr stehen zu lassen. Es musste nicht immer alles perfekt sein. Es gab Wichtigeres als die Makellosigkeit meiner erzwungen ordentlichen Welt.   Louisa ist meine Tochter und das Wertvollste überhaupt.                                                                                       

Erst durch die grenzenlose Angst, sie zu verlieren, hatte ich dies verstanden.

 

Geschichte 9: Von welken Rosen und so

Ella klopft sich den Schnee von der Hose und schaut sich um. «Keine freien Plätze in der Hütte oder, doch, hinten unter dem Geweih eines Steinbocks hat es gerade noch einen Platz am Tisch neben einer Gruppe junger Männer. Vielleicht doch draussen auf der Terrasse, kalt ist es und der Himmel trägt ein dunkles Grau. Naja, für einen Teller Pommes und einen Becher Eistee braucht man ja kaum Zeit.»

Die Musik hält sich im Raum und lässt die Gespräche am Nebentisch als Wortfetzen stehen, die taumeln und ohne grosse Verbindungen zerplatzen. Es dreht sich um den sulzigen Schnee, dem Bierkonsum von gestern Abend und irgendeinem Berufsschullehrer, der ebenfalls hier oben Ski fährt und nervt. Ein Dorf am Zürichsee kommt vor und lässt Ella aufhorchen. Vor Jahren wohnte sie dort, ehe ihre Familie nach Zürich zog, in eine Genossenschaftswohnung. Wo sie Sophia kennen lernte. «Wo sie nur bleibt, sie wollten sich doch um 13.00 Uhr hier bei der Hütte an der Mittelstation treffen? Hat sie ihren Traumprinzen am Pistenrand gefunden oder sich im Nebel verfahren?» Laut und einander schubsend verlässt die Gruppe am Tisch die Hütte. Einer bleibt zurück, nestelt an seiner Skijacke und zieht sich die Kappe in die Stirn. «Hey, sorry bist du nicht Ella?» Hmm, ja bin ich. Woher bloss kennt der mich, vom Gymi oder vom Ausgang?» «Gingst du nicht im Schulhaus Fahracker zu Frau Kunz?» «Ja genau, und du?» «Zum Brühwiler, der immer den gleichen blauen Pulli trug.» «Aja, interessant.» «Und was machst du so?» «Ich habe gerade meine Lehre als Polymechaniker fertig und hänge ein bisschen ab, und suche mir eine Stelle.» «Und du?» «Ich studiere Sozialwissenschaften an der Uni Zürich.» «Aha, interessant.» «Hmm, ziemlich.» «Kannst du dich noch erinnern an den dicken Max, der ist jetzt Polizist und arbeitet auch in Zürich.» «Aja, ja.» «Genau, der war ziemlich berüchtigt berühmt, schlug immer drein und erpresste auf dem Pausenplatz von den kleineren Kindern das Taschengeld. Geraucht hat er auch, heimlich hinter dem alten Milchhäuschen.» «Habe ich gar nicht gewusst, voll der Arsch eh. Uns Mädchen hat er damit in Ruhe gelassen. Aber es gab noch einen der war immer mit ihm zusammen, an den kann ich mich erinnern, denn er hat nie etwas gesagt.»

Eine Gruppe von Kindern, alle mit gelben Westen, drängelt sich um den Tisch, verschüttet Colas und tunkt Fritten in Berge von Mayonnaise und Ketchup. Es sind die Prinzen, wie die Skilehrerin mehrmals wiederholt und sie für ihre Fahrkünste auslobt und dass sie sich schon bald aufs Skirennen vorbereiten würden und dass einige schon bald in die Königsgruppe übertreten könnten und … . «Prinzen stelle ich mir aber anders vor. Eh, mann und die Sophia ist immer noch nicht hier. He, weisst du was dieser andere macht? Würde mich echt interessieren, denn naja der gefiel mir ein bisschen, also etwas mehr als ein bisschen. Er hatte so schöne Augen. Wir haben ihm Briefchen geschrieben, aber er hat nie geantwortet, ziemlich arrogant war das. Wir haben ihm heimlich angerufen und mit verstellter Stimme irgendeinen Quatsch gefragt. Er stand manchmal einfach da und hat uns beobachtet und so getan, als ginge ihn die Welt nichts an. Einer der den Tag träumte und die Nacht dazu und wenn er lächelte schien die Sonne oder wie dies heisst. Manchmal liefen wir schweigend nebeneinander zur Schule. Einmal lag eine Rose, verwelkt, im Treppenhaus vor unserer Türe und ja einmal kam ein Briefchen, das am ich adressiert war. Ich glaube dies kam von ihm. Es hat kein Name darunter gestanden. Ein Gedicht, irgendwie wunderschön, von Wolken, die runter stürzen und vom silbernen Mond und der Natur, aber so richtig von der Liebe stand nichts drin nur so am Rande so ein bisschen rosarot, wenn du weisst was ich meine.» «Naja, glaub schon.» «Irgendwie konnte er schreiben, was er nicht sprach war trotzdem da. Irgendwie recht romantisch oder wie man dem sagt. Als wäre ein Märchenprinz da, der mit geschriebenen Worten dich wachküsst oder so. Dann war er auf einmal nicht mehr in der Schule.

Irgendwie hat die Mutter wieder geheiratet, keine Ahnung, und ist glaube ich mit ihm nach Zürich gezogen. Jetzt erinnere ich mich, er hiess Daniel. Keine Ahnung, Alter, was der heute so macht. Vielleicht schreibt er für eine Zeitung oder arbeitet im Schauspielhaus oder so. «Wo bloss Sophie bleibt? Ich gehe mal nach draussen, vielleicht raucht sie ja eine auf der Terrasse und wartet da auf mich. So nun, genug gequasselt, ich muss gehen. Tschüss Andy, schöner Tag und nicht zu viele Stürze!»

«Andy? Ich heisse Daniel, aber und im Fall …»

 

Prämierung: Donnerstag, 5. Dezember, 20 Uhr, Chrottegrotte Küsnacht. Eintritt frei. Verlost wird eine Jahreskarte für die Anlässe von «booXkey» im Jahr 2020. Das Küsnachter Literaturforum organisiert regelmässig Veranstaltungen zu den Themen Sprache, Literatur, Kommunikation.                      

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