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«booXkey»-Schreibwettbewerb

Von Umwegen auf dem Schulweg und besonderen Klassengschpänli: Beim bereits dritten "booXkey"-Schreibwettbewerb erinnern sich die sieben Autorinnen und Autoren aus Küsnacht und Umgebung an Erlebnisse aus der Schulzeit.

Nun sind erneut kritische Leserinnen und Leser sowie Literaturliebhaberinnen und - liebhaber gefragt: Welches ist die beste Kurzgeschichte zum Thema "Ein Schulerlebnis", welche im Rahmen des dritten "booXkey"-Schreibwettbewerbs entstanden ist? Mitmachen konnten alle Bewohner aus Küsnacht, aus den angrenzenden Gemeinden und alle Heimweh-Küsnachter.

Zur Prämierung der besten Kurzgeschichte wird ein Leservoting durchgeführt. Um an der Abstimmung teilzunehmen schreibt man einen E-Mail mit dem Titel der favorisierten Geschichte an: booxkey(at)bluewin.ch oder eine Karte an Susanna Vollenweider, In der Schübelwis 6, 8700 Küsnacht, oder gibt die Stimme direkt unter dem Link "Kontakt" ab.

Die Prämierung der besten "booXkey"-Kurzgeschichte findet am Donnerstag, 13. Dezember, in der Chrottegrotte statt. Eine Vertretung der Gemeinde wird anwesend sein und die Siegerin respektive den Sieger ehren. (ks.)

 

Geschichte 1: "Einfach gemein...."


Es war schon dunkel, als der Zügelwagen wegfuhr. Auf dem Trottoir lagen noch einige Kartonschachteln, einige sperrige Gegenstände und daneben standen mein Vater und ich. Wir lagen zwar nicht am Boden aber kaputt waren wir bis zum Umfallen.

All das sollte noch vier Stockwerke hinaufgetragen werden. Meine Mutter und mein sechs Monate alter Bruder waren oben in der neuen Wohnung; so mussten wir uns, mein Vater und ich, an den Endspurt machen. Komisch, immer wenn man meint, man sei schon fertig, dauert es doch noch sooo unglaublich lange.

Endlich war es so weit und alles war oben in unserer neuen Wohnung verstaut. Das war jetzt unser neues Zuhause.

Zuhause?

Alles war so anders hier. Ein grosses Mehrfamilienhaus. Das Gebäude war noch höher als die Bäume davor, so gross und mir ganz fremd.

Unsere frühere Wohnung war in einem alten Haus mit fünf Wohnungen und einem kleinen Lebensmittelladen unten im Erdgeschoss. Wir wohnten im mittleren Stock. Von meinem Zimmer aus sah man gegenüber auf einen kleinen Garten mit Schaukeln und vor allem vielen dicken Bäumen, die einluden zum Klettern oder um sich dahinter zu verstecken.

Das neue Haus hingegen hatte vier Stockwerke. Es gab 24 Wohnungen verteilt auf drei separate Hauseingänge.

In diesen 24 Wohnungen wohnten so viele Menschen und ich kannte keinen von ihnen. Es waren einfach zu viele neue fremde Gesichter.

Wir wohnten im äussersten Flügel ganz oben. Gegenüber war ein Feld. Dieses Feld war ohne Bäume, ohne Blumen und sicher ohne Schaukeln, nur mit einigen vertrockneten Disteln.

Am ersten Morgen in der neuen Wohnung war ich froh, dass die Herbstferien noch nicht vorbei waren. Also musste ich noch nicht in die Schule gehen. Es waren erst sechs Wochen vergangen, seit ich die erste Klasse mit meinen Kindergartenfreunden begonnen hatte. Damals wusste ich noch nicht, dass ich schon bald wieder von ihnen Abschied nehmen muss. Meine Eltern haben mir nicht  erzählt, dass wir bald umziehen würden. Sie wollten mir den Schulanfang nicht vermiesen.

Dann aber waren die Ferien vorbei und ich ging zum ersten Mal in die neue Schule. Ich war unglaublich aufgeregt, ganz schüchtern und verlegen.

So viele Augen starrten mich an. Zum Glück war unsere Lehrerin feinfühlig genug und hat mir, nachdem sie mich vorgestellt hatte, keine Fragen gestellt. So konnte ich mich einfach hinten hinsetzen und mich langsam entspannen und beruhigen.

Ich kannte niemanden und fühlte mich ganz einsam.

Zugegeben, irgendwann habe ich meine alten Freunde nicht mehr so vermisst, denn ich konnte neue Freundschaften knüpfen. Sogar das Feld, welches im Herbst noch öde und voller stacheliger Büsche war, wurde zu einem spannenden Ort. Wenn es einmal viel geregnet hatte, bildete sich ein grosser Wassertümpel mit hunderten von Kaulquappen.

Das war für uns Kinder ein Riesenplausch.

Mit Gummistiefeln und selbst gebastelten Angelruten, unten mit einer Blechdose versehen, um die Kaulquappen zu fangen, verbrachten wir viele wunderschöne Stunden.

Dania war das einzige Mädchen in meiner Klasse, das in der gleichen Siedlung wohnte. Sie war fast einen Kopf grösser als ich und sehr kräftig. Zoe, die schon am ersten Tag in der Pause sogleich mit mir gesprochen und gespielt hatte, war wie ich klein und zierlich. Zoe aber wohnte viel weiter weg von mir und deswegen war es klar, dass wenn ich einmal krank werden würde, Dania mir die Hausaufgaben bringen müsste.

Und so geschah es auch. Eine starke Erkältung hat mich erwischt und ich musste im Bett bleiben.

Dania brachte mir tatsächlich die Hausaufgaben.

Nachdem ich gesund war und wieder in die Schule kam, starrten mich die Kinder wieder an wie am ersten Schultag. Dieses Mal war es aber voller Spott, sodass ich am liebsten wieder nach Hause gegangen wäre. Erst in der Pause wurde mir klar was geschehen war; Dania hatte mich „verraten.“

Was war geschehen?

Zahlen waren mir von Anfang an fremd, sie bedeuteten nichts für mich. Ich konnte mir darunter überhaupt nichts vorstellen.  Meine „Freunde“ waren die Buchstaben. Mit ihnen konnte man Geschichten schreiben. Geschichten sind spannend und man tritt in viele neue Welten ein, man lernt immer neue Helden und Orte kennen, die man sich sonst nur in der Fantasie vorstellen kann. Aber Zahlen waren so wichtig, wer nicht rechnen konnte, war dumm, so dachte ich. Doch gerade das Rechnen wollte mir nicht gelingen; ich konnte mir die Rechnungen nicht merken. Meine Mutter dachte, sie hätte eine Lösung gefunden. Auf grosse Blätter schrieb sie alle möglichen Rechnungen auf und klebte sie an die Wand. So war unserer Kinderzimmer mit Rechnungen „tapeziert“: 2+3=5 oder 9-6= 3 und so weiter und so fort.

Als Dania mir die Hausaufgaben brachte, sah sie natürlich diese „Wandtapeten“.

Das hat Dania allen in der Klasse erzählt und als ich zurück in die Schule kam, haben mich alle ausgelacht.

Zum Glück gab es noch meine Freundin Zoe, die zu mir hielt und mich tröstete.

 

Geschichte 2: 18. Mai 1969

 

Was war wohl los an diesem Tag vor etwas mehr als 48 Jahren ?

Was bewegte damals die Gemüter der Nachrichtenhörer oder der Leute, die sich damals schon einen

Fernseher leisten konnten?

 

Ein Klassenzimmer in Fribourg mit drei grossen Fenstern, weissen Wänden und einem girrenden

Parkettboden.  Junge Damen in dunkelblauen Schürzen resp. Kitteln sassen an ihren Schreibpulten.

Die meisten waren noch nicht 20 Jahre alt und somit nicht volljährig.  Alle hörten der elegant und

klassisch gekleideten Professorin zu. Sie unterrichtete die elementaren Grundregeln im Fach

«Economie» in französischer Sprache. Plötzlich öffnete sich die Türe und eine kleine Klosterfrau in

schwarzem Gewand stand im Türrahmen. « Mesdemoiselles, Madame profésseur, arrêtez et

descendez avec moi toute de suite !»

 

Was war wohl geschehen, dass wir so abrupt aufgefordert wurden, das Schulzimmer zu verlassen?

Überrascht, teilweise bestürzt folgten wir der Aufforderung, räumten unsere Utensilien zusammen

und folgten der kleinwüchsigen Klosterfrau in den Korridor und die Treppen hinunter. Dort schon

hörten wir eine laute euphorische, aber unverständliche Männerstimme. Da alle Schülerinnen

zu dieser Stimme wollten, herrschte ein ziemliches Gedränge, bis wir im Speisesaal ankamen.

Dort schimmerte der Fernseher, natürlich nur in schwarz-weiss und wir realisierten, dass die

Männerstimme englisch sprach und gewisse Kommandos erteilte. Die Bilder waren anfangs sehr

unklar, verschwommen und die Details der Bilder kaum erkennbar. Zwischendurch hörten

wir die Uebersetzung des Originaltons durch einen Raumfahrtexperten. Irgendwann erschien

eine Schlagzeile im Bild «Apollo 10, launched from Kennedy Space Center an der Ostküste von

Florida».

 

Die Russen hatten während des kalten Krieges ihre Forschung und Entwicklung massiv verstärkt

und gewannen anfangs den Wettlauf um die Vorherrschaft im All. Am 12. April 1961 startete das

russische Raumschiff Wostok 1 mit dem 1,57 Meter grossen Kosmonauten Juri Alexejewitsch

Gagarin. Der erste bemannte Raumflug ins All hinterliess total perplexe Amerikaner.

In den folgenden Jahren investierten die USA resp. die NASA viele Milliarden in ihre Forschung und

Entwicklung und waren mit den Apollo Raketen sehr erfolgreich. Apollo 10 führte wichtige

Raumfahrtmissionen resp. Tests durch. Sie führte bereits eine Mondlandefähre mit und diese wurde

unter realen Bedingungen erstmals in der Mondumlaufbahn getestet. Diese wichtige Mission  

übertrug die NASA und verkaufte sie an die zahlungskräftigen Fernsehsender. Als dann Apollo 10

erfolgreich die Experimente ausführte und Tage später sicher im Pazifik landete, jubelten die

Amerikaner.

 

Wir erlebten also in unseren blauen Schulschürzen am schwarz-weiss Fernseher, was sich viele

Flugstunden von uns entfernt im All in diesem Moment ereignete. Es waren eindrückliche und

gleichzeitig unwirkliche Bilder, von den sich in den Raumanzügen sehr langsam bewegenden

Astronauten. Sie flogen schwerelos durch den Raum, schwebten teilweise auf dem Kopf oder

drehten sich um ihre Längsachse. Die Sendung dauerte etliche Minuten, dann brach die Verbindung

zum Kennedy Space Center in Florida ab. Nachträglich erklärte der Fachreporter den staunenden

Zuhörern die Funktionsweise der Raketen und nötigen Techniken für solche Allspaziergänge. So

staunten wir und fragten uns, ob dies wirklich die nahe Zukunft sein werde.

 

Nach dem Ende der Sendung strömten wir hinaus. Ich wollte ins Freie, setzte mich im Garten auf

eine Bank und liess das Geschehene auf mich einwirken. Sicher hatten wir vor diesem Tag von den

Raketenexperimenten am Radio gehört oder die Schlagzeilen der Zeitungen gesehen. Aber jetzt hatten wir das Experiment miterlebt, waren live dabei, zwar nur live am Fernseher. Die uns unterrichtenden Nonnen sassen genau so aufgeregt vor dem Fernseher wie wir Jungen.

 

Weshalb die leitende Schwester dieses Internats den Unterricht unterbrochen und uns alle in den Speisesaal getrommelte hatte, wurde uns nun klar.  

Sie wollte, dass wir kluge, vielseitig interessierte Frauen

werden und auch an der fortschreitenden Technik Interesse zeigten.

 

 

21. Juli 1969, also etwa zwei Monate später, schaute ich zu Hause eine Reportage. Es war auch

wieder ein schwarz-weisser Fernseher, der in einem hölzernen Schrank stand, den man mit einem

Faltladen zuschliessen konnte. Dort gab es sogar ein Schloss zum Abschliessen. Wenn man nicht

gehorsam war, konnte der Fernseher eingeschlossen werden…

 

 

Apollo 11 war bereits am 16. Juli mit den Astronauten Armstrong, Collins und Aldrin in der

Raumkapsel von Cape Kennedy gestartet und am 20. Juli um 21.17 h hatte sich die Mondfähre vom

Mutterschiff getrennt. Am 21. Juli zeigte das Schweizer Fernsehen die Mondlandung, natürlich

wieder mit vielen komplizierten Erklärungen der Raumfahrtexperten. Die Zeitungen der folgenden

Tage waren voller schwarz-weisser Fotos der Mondfähre und des Raumschiffes. Am 24. Juli zeigte

die Tagesschau die aus dem damals sehr weit entfernten Pazifik übertragenen Fotos. Dort wässerte

die Raumkapsel mit den drei Astronauten, die von ihrer engen Kapsel direkt in die Quarantäne -

Station auf dem Schiff gebracht und anschliessend tagelang untersucht wurden. Dasselbe

geschah mit den mitgebrachten Mondsteinen, die später in den amerikanischen Museen ausge-

stellt wurden.

 

Mir blieben diese Tage in ganz spezieller Erinnerung. Hätte ich sonst in meinem Fotobuch fünf Seiten

mit den Zeitungsberichten und dem Zeitplan der Mondandockung gefüllt ???

 

Lustig ist die Anekdote, wie mein Mann die Mondlandung erlebte:

In seinem Heimatland Chile und in seiner Kleinstadt gab es im 1969 noch nicht so viele Fernseher.

Zuerst hörten die noch nicht zehnjährigen Brüder die Berichterstattung am eigenen Radio. Dann

schlichen sie davon und gingen zu einem etwa 200 Meter entfernten Nachbarn. Dort stellten

sie sich vor das grosse Wohnzimmerfenster, die Bewohner rückten ihr Sofa ein bisschen zur Seite

und so schauten auch sie die Mondlandung live, durchs Wohnzimmerfenster eines Nachbarn.

Geschichte 3: Lea, oder von der Kraft des Lachens

 

Lea hiess eigentlich nicht Lea, aber das tut nichts zur Sache und der Name wurde, wie es immer so schön heisst, „von der Redaktion geändert“. Lea war unsere Klassenbeste – zumindest im Bereich Sprachen und Menschlich-Allzumenschliches. Sie sprach fliessend Deutsch, Ungarisch, Französisch und – als Tochter aus gutem jüdischem Haus – Hebräisch, ausserdem standen auch noch Latein und Griechisch auf ihrem Ausbildungsplan. Menschlich-allzumenschlich war Lea in allen sozialen Belangen. Sie half, wo sie nur konnte, war bei jedem dummen Streich dabei und auch für jeden klugen Spass und jede Fête zu haben, kurz: Lea war mit jedem und jeder in der Klasse gut Freund und auch bei den Lehrern und weit über die Klasse hinaus wohl gelitten. Unter ihrer tiefschwarzen Lockenpracht funkelten zwei fast ebenso dunkle Augen, die sich immer dann zu schmalen Schlitzen verengten, wenn Lea einen Lachanfall bekam. Dann schüttelte es das zierliche Mädchen regelrecht durch: Lea konnte so lachen, dass ihr die Tränen über die Backen liefen und schon nach wenigen Sekunden die ganze Klasse mitlachte – auch wenn niemand wusste, warum.

An einem Montagmorgen im September wussten wir warum. Im Schulzimmer herrschte bedrückte Stille: Die Maturaprüfung in Mathe stand an, für uns alle eine Hürde, auf die wir seit Wochen zubibberten. Ganz besonders aber Lea.  So begabt und talentiert unsere Freundin in Bezug auf alte und neue Sprachen war, so desaströs war ihre Beziehung zu Zahlen. Durch die Mathelektionen hatte sie sich bis in die siebente Gymnasialklasse irgendwie durchgewurstelt, Zweier und Dreier hatte es dabei gehagelt, manchmal sogar Einer, garniert vielleicht noch mit einem Halb- oder Dreiviertel-Notenzusatz „für den Verbrauch von Tinte“, wie der Lehrer generös, aber hämisch anfügte. Im Schulzimmer herrschte Abstand heute, jede und jeder hatte sich allein an ein Zweierpültli gesetzt – der Lehrer war bestrebt, jedes Spicken und Güxlen im Keim zu ersticken

Gespannte Aufmerksamkeit, ja blankes Entsetzen verbreitete sich, als der Lehrer, von Pult zu Pult gehend, die Mathe-Prüfungen verteilte. Nur das Rascheln von Papier war zu hören, dann lange gar nichts mehr. Blonde und braune Köpfe beugten sich über die Bogen und auch Leas schwarze Locken kringelten sich über das weisse Blatt. Dann schnellte plötzlich da ein Kopf in die Höhe, dort rutsche jemand auf dem Stuhl hin und her, Hände griffen zu den parat liegenden Füllis – Röbi und Hanspeter, unsere Mathe-Genies, waren gar schon dabei, konkret erste Lösungswege anzupeilen.

Da plötzlich ein Glucksen, wie wenn ein Kind zu weinen beginnt, eine Art Schluckauf durchdringt die gespannte Stille. Was war das? Die Köpfe, eben noch in Zahlen und Formeln vertieft, heben sich, Augen schweifen umher auf der Suche nach der Ursache des Geräuschs. Da - Lea liegt über ihrem Mathe-Bogen, ihr Oberkörper vibriert, hebt und senkt sich stossweise. Lea weint. Nein - Lea lacht! Und weint zugleich – weint vor lauter Lachen, gluckst und schluchzt abwechslungsweise. Erschrocken steht der Lehrer neben ihr: Lea, was ist los? Ist dir schlecht? Soll ich dir ein Glas Wasser bringen? Vor lauter Aufregung hat er ganz vergessen, dass er seine Schüler siezen muss, schon seit vorletztem Jahr – mit Lea ist eben jeder von uns innerlich per Du. „Neinein“, stösst Lea da hervor und es schüttelt sie förmlich vor Lachen, „habe nur grad gemerkt, dass ich von all diesen Rechnungen keine einzige verstehe, geschweige denn lösen kann!“ Ihre Augen verengen sich zu den berühmten Schlitzen und schon wieder kullern Lachtränen. Spricht‘s und wirft sich in die Rechenschlacht, während der Lehrer – auch er ein verstecktes Schmunzeln auf den Lippen – zu seinem Pult zurückkehrt.

Es wird ein Dreier oder Zweier geworden sein für Lea, keine Ahnung, vielleicht auch  ein Zweieinhalber oder Dreieinhalber wegen der Tinte. Egal. Es reichte zum Bestehen der Matur, wohl vor allem dank der ausgleichenden Sprachnoten.

Lea ist später sogar Bundesrichterin geworden. Und ihr Lachen hat sie ein Leben lang begleitet, obwohl ihre Mutter es erst in allerletzter Minute geschafft hatte, mit dem Baby vor den Nazi-Häschern in die Schweiz zu fliehen. Doch das haben wir alle viele Jahre nach jener Mathe-Matur erst erfahren….

Geschichte 4: Mein erster Schultag

 

Es war Mitte März im 1966. Die Sommertage waren nicht mehr so warm wie einige Wochen

zuvor. Am Morgen spürten wir den herannahenden Herbst mit kühlen Morgentemperaturen,

obwohl es am Nachmittag noch mindestens 25 -  28 Grad Celsius warm wurde. Wir hatten

die langen Sommerferien nicht im Landesinnern sondern am südwestlichen Pazifik

verbracht. Wir saugten die intensiven Sonnenstrahlen und wir badeten oft im Meer. Meine

älteren Brüder wagten sich am Rand schon ins kalte Wasser und liessen sich von den

auslaufenden Wellen hin und her schaukeln. Meine Brüder staunten, als ich, der kleine

Toribio, energischen Schrittes auf den Strand zuging und versuchte, durch die

Brandungswellen ins salzige Wasser zu laufen. Toribio war ein mutiger, kleiner

Knirps, scheute das Wasser nicht und wollte auch ein grosser Bub sein. Er war im November

erst fünf geworden, war zu Hause noch ein richtiges Mami – Büebli und sass meistens bei

ihr zu Hause. Aber vor den Wellen des Pazifiks hatte er keine Angst, obwohl das Wasser

maximal 16 – 18 Grad warm war. Aber kaum wieder zu Hause, wurde er wieder der kleine,

ruhige und scheue Toribio.

 

Nun war die lange Sommerpause vorbei und sie waren zurück ins Haus an der Alameda in

ihrer Kleinstadt zurückgekehrt. Seine Brüder freuten sich auf die kommenden Schulmonate.

Da war wieder Betrieb mit vielen Schul- und Sportstunden. Dem kleinen Toribio graute es.

Nun musste auch er in die Schule, durfte nicht mehr zu Hause bei der Mutter bleiben.  Er

wusste, dass ihn seine Brüder auf dem Schulweg begleiten würden. Aber wie sollte er von

morgens acht Uhr bis nachmittags um drei Uhr alleine sein unter fremden Kindern und ohne

seine Mutter ?

 

Der schon lange gefürchtete Montag brach an. Zusammen mit seinen Brüdern stand er

frühmorgens auf und zog nach dem Frühstück seine neue Schuluniform an.  Seine Mutter

hatte für alle drei Buben mit ihrer Nähmaschine neue Schuluniformen genäht. Die Uniform

bestand aus einem weissen Hemd, einer grauen Hose und einem gestrickten blauen

Pullover und musste sofort nach dem Heimkommen durch die alten Spielkleider ersetzt

werden.  

 

Zusammen mit seinen Brüdern und seiner Mutter machten sie sich auf den ca. 300 Meter

langen Schulweg. Viele fröhliche Kinder, alles Erstklässler, versammelten sich vor dem

Schulhaus, und ihre Mütter oder Väter schauten aus einigen Metern Entfernung zu. Die

älteren Schüler standen etwas entfernt und stimmten zum Schulbeginn die chilenische

Nationalhymne an.  Nun musste auch der kleine, scheue Toribio den Schritt vom Kleinkind

zum Schuljungen wagen. Tapfer stellte er sich in der verlangten Zweierkolonne hin und warf

Blicke zu seiner Mutter hinüber. Dann marschierten die kurzen Beine die Treppenstufen

hinauf durch die offene Schulhaustüre und dann plötzlich war keiner mehr zu sehen.

 

Das Grüppchen der Erstklässler, es waren wohl an die 20, betraten nun kurz nach acht Uhr

ihr Schulzimmer. Einfache Schulbänke standen dort in Reih und Glied und zuvorderst hing

eine grosse Schiefertafel und das Porträt des Staatspräsidenten. Toribio war einer der

letzten Eintretenden und erkämpfte sich einen Platz in der hintersten Reihe.  Von dort hatte

er den besten Ausblick auf die Alameda, aber sein Elternhaus konnte er durch die

grossgewachsenen Bäume trotzdem nicht erspähen.

 

Die Lehrerin erklärte den Neulingen den Schulalltag, verteilte ihnen das nötige Schulmaterial

und ermahnte sie, mit den Büchern vorsichtig umzugehen und diese jeden Tag in ihren

Schultaschen mitzubringen.  Der kleine Toribio hatte für diesen Zweck zum Schulbeginn von

seinen Eltern seine eigene Rucksacktasche geschenkt bekommen

 

 

Die meisten Kinder konnten noch nicht lesen, das würden sie nun alles in den ersten Jahren

lernen. Nach einer Stunde durften sie bereits wieder ins Freie.  Jeden Morgen tranken alle

Schüler in Chile ein von der Schule offeriertes Glas Milch und erhielten dazu zwei süsse

Bisquits zur Stärkung.

 

Zurück im Schulzimmer fing der Schulbetrieb so richtig an. Toribio hörte der Lehrerin

anfangs zu, dann wurde er langsam aber sicher immer ruhiger , passte nicht mehr auf, sagte

nichts mehr, senkte den Kopf und seine Arme auf seine Schulbank. Dann rannen ihm

Tränchen über seine Wangen. Er weinte leise.  Zuerst realisierte es nur sein Sitznachbar,

dann die Lehrerin und danach auch seine Mitschüler. Sein Schluchzen wurde immer lauter,

lauter und lauter. Seine Lehrerin konnte ihn nicht beruhigen. Diese liess sich nicht so schnell

aus der Ruhe bringen und setzte den Unterricht fort und dachte sich wohl, dass der kleine

Knirps irgendwann schon aufhöre. Aber der weinende Knabe hatte Energie, wohl dank der

Milch, weinte weiter, zuerst laut, dann leiser und irgendwann hörte man nichts mehr. Toribio

war vor lauter Erschöpfung eingeschlafen, an seinem Schulpult in der hintersten Reihe. Die

Lehrerin liess den erschöpften Jungen weiterschlafen, der vermisste ja seine Mutter so sehr.

 

Nach einer Weile wachte er auf, hob seinen Kopf, spürte die Blicke seiner Mitschüler und die

vom Schulbank schmerzenden Arme. Er stand auf, rannte nach vorne, zur Türe, stiess diese

auf und schon war er im Gang, rannte die Treppe hinunter und stand auf der Alameda. Er

wusste trotz der hohen Bäume, in welche Richtung er rennen musste. Er rannte immer

schneller und dann entdeckte er seine Mutter, die gerade vom Einkauf im Stadtzentrum

zurückkam. Er umarmte sie  innigst. Er hatte Sie ja sooooo viele Stunden nicht mehr

gesehen, er musste ganz alleine in diesem Schulzimmer sitzen ohne seine geliebte Mamita.

 

Seine älteren Brüder kamen nach drei Uhr nachmittags fröhlich nach Hause. Ramon war nun

nicht mehr Erstklässler und Daniel war schon im 4. Jahr. Natürlich hatten sie gehört, dass ein

Erstklässler weinend eingeschlafen und nachher davongerannt war. Aber sie waren

überrascht zu erfahren, dass ihr kleiner Toribio, der sich ohne jegliche Angst in die wilden

Wellen des Pazifiks gestürzt hatte, vor Sehnsucht nach seiner Mutter aus der Schule

geflohen war……..

 

Geschichte 5: Schulwege und Umwege

 

Es war August, die Ferien waren vorbei. Zusammen mit meiner Mutter hatte ich gerade einen Schulthek gekauft, weil ich in der darauffolgenden Woche in die Primarschule kam. „Morgen machen wir mal den Schulweg zusammen“, sagte sie beim Einpacken des Schulsackes. Ich konnte nachts kaum schlafen, so sehr fieberte ich meinem ersten Schultag entgegen.

Am andern Morgen machten meine Mutter und ich uns auf den Weg. Mein Elternhaus befand sich an der Goldhaldenstrasse und so gingen wir unserer Strasse entlang bis zur Bahnhofstrasse und von dort bergauf bis zur Schule. Wir mussten beim Dufourplatz einen Fussgängerstreifen überqueren, was meine Mutter zu der Ermahnung veranlasste, aufmerksam auf den Verkehr zu achten. Nach 25 Minuten standen wir vor dem Schulhaus.

Also begann am folgenden Montag mein erster Schultag. Meine Eltern hatten mit zwei anderen Familien vereinbart, dass ich zusammen mit deren Kindern zur Schule gehen sollte. Meine zwei jüngeren Schwestern besuchten noch den Kindergarten, der sich an einem anderen Ort im Dorf befand. Die beiden wurden von meiner Mutter mit dem Auto dorthin gebracht und wieder abgeholt.

Nach ein paar Wochen fragte ein älterer Primarschüler uns drei Nachbarskinder, warum wir so einen Umweg machen würden. Er wohne auch an der Goldhaldenstrasse, gehe aber direkt über die Wiese den Hang hinauf und sei so 10 Minuten schneller in der Schule. Ich hatte keine Ahnung, wie dieser kürzere Schulweg möglich sein sollte, war aber sehr neugierig und wollte es einmal selber versuchen. So war ich schon am nächsten Tag nicht etwa Richtung Goldhaldenstrasse unterwegs, sondern stiefelte die Wiese hinter meinem Elternhaus hinauf. Oben angekommen, ging es aber nicht mehr weiter: Da standen lauter Einfamilienhäuser. So kehrte ich um und nahm den alten Schulweg über die Goldhaldenstrasse.

Meine beiden Freundinnen wunderten sich schon, warum ich an jenem Morgen nicht mit Ihnen zur Schule gegangen und erst nach ihnen eingetroffen war. Ich erzählte ihnen, dass ich die Abkürzung gesucht hätte, es aber gar nicht möglich sei, von der Wiese aus auf die Strasse zu gelangen. Daraufhin entgegnete eine meiner Gefährtinnen, dass sie ihren älteren Bruder fragen würde, der schon in der vierten Klasse sei. Ein paar Tage später rief sie mich an und sagte, dass uns ihr Bruder den «geheimen Weg» zeigen werde. So trafen wir uns zu viert an jenem Samstagnachmittag auf der Wiese. Nachdem wir oben am Hang angekommen waren, streckte der Viertklässler seinen Arm aus, zeigte auf einen Garten und sagte: „Wenn ihr diesen Rasen überquert, kommt ihr gleich auf die Strasse, die zum Schulhaus führt.“ Meine Freundinnen fanden das gar keine gute Idee, weshalb wir kurzerhand nach Hause zurückkehrten.

Am folgenden Montag war ich fest entschlossen, das Abenteuer auf eigene Faust zu wagen. Ich spazierte ganz gemütlich die Goldhalden Wiese hinauf und rannte dann über den fraglichen Rasen. Tatsächlich kam ich sogleich auf der dahinterliegenden Strasse an, von wo aus der Weg übers Kleindorf direkt zum Schulhaus führte. Ich war ganz stolz auf meine Schulwegabkürzung, erzählte aber niemandem davon.

Das ging eine ganze Weile gut, bis eines Tages auf einmal der Hausbesitzer auf seinem Rasen stand und mich anhielt. Er hatte mich wohl schon einige Tage beobachtet und wusste genau, wann ich zur Schule und wieder zurück nach Hause ging. Streng wies er mich zurecht, dass ich nicht durch seinen Garten laufen dürfe. Sollte dies noch einmal vorkommen, werde er es meinem Vater sagen, damit er mir diese Abkürzung verbiete.

Ganz aufgewühlt kam ich nach Hause und erzählte meinem Vater von diesem Vorfall. Ich wollte doch nicht den weiten Umweg machen; der Besitzer war doch selber schuld, wenn er keinen Zaun um seinen Garten zog.

Mein Vater wollte kein Verbot aussprechen, ging aber davon aus, dass der Nachbar es nicht zulassen würde, wenn ich weiterhin über sein Grundstück ging. Also antwortete er: „Ich verstehe dich, reden wir doch mal mit ihm.“

Zwei Tage später klingelten wir beim Nachbarn. Mein Vater drückte sein Bedauern darüber aus, dass meine täglichen Passagen diesen ärgerten. Der Nachbar reagierte ziemlich ungnädig und forderte, dass dies sofort aufhören müsse. Ich erklärte ihm, dass das Grundstück ja nicht umzäunt sei, weshalb ich es doch überqueren dürfe, worauf er entgegnete, wir wüssten genau, dass dies sein Privateigentum sei.

Mein Vater war unschlüssig, wie er auf diese Antwort reagieren sollte: mich zurechtweisen und mir die Abkürzung verbieten oder dem Nachbarn nahelegen, sein Grundstück einzuzäunen. So äusserte mein Vater gegenüber dem Nachbarn schliesslich Verständnis dafür, dass dieser keinen Zaun wollte. Er brachte aber ebenso zum Ausdruck, dass er nicht nachvollziehen könne, weshalb der Nachbar unter diesen Umständen nicht in Kauf nehme, dass ich über den offenen Rasen laufen würde.

Als der Nachbar aber entgegnete, dass er nicht zur Einzäunung verpflichtet sei, gab mein Vater auf. Ich war sehr enttäuscht, denn ich hatte erwartet, dass sich mein Vater durchsetzen würde: Er war ja Anwalt. Immerhin sprach er kein Verbot aus; wohl in der Hoffnung, dass ich von mir aus die Schulwegabkürzung aufgeben würde.

Der Ausgang des Gesprächs mit dem Nachbarn liess mir in der Folge keine Ruhe. Am meisten ärgerte mich, dass der Nachbar meinen Vater und mich so ruppig abgewiesen hatte. Vielleicht wäre es vernünftig gewesen, einzulenken und wieder auf einem Umweg zur Schule zu gehen. Ich fühlte jedoch, dass ich nicht aufgeben durfte. Ich musste mir etwas einfallen lassen, zumindest dem Nachbarn eins auswischen, wenn er mir schon nicht erlaubte, den kürzeren Schulweg über sein Grundstück zu nehmen.

Wie jedes Jahr kamen im September wieder die Schafe des Bauern zum Weiden auf die Goldhalden Wiese, welche er gepachtet hatte. Da hatte ich die zündende Idee! Mit einem Stecken trieb ich ein paar Schafe auf den Rasen des Nachbarn zu einem Zeitpunkt, als er nicht zuhause war. Schon nach wenigen Tagen – ich musste noch ein paar Mal nachhelfen – wurden diese Ausflüge für die Schafherde zur Gewohnheit. Der Garten sah bald einmal nicht mehr so gepflegt aus, worüber ich mich diebisch freute.

Der Nachbar errichtete daraufhin sehr schnell einen Zaun, und ich konnte die Abkürzung zur Schule nicht mehr nehmen.

Geschichte 6: Ein Besuch in der Stockholmer Oper

 

Die Vorstellung im Stockholmer Opernhaus  war zu Ende. Meine Lehrerin der sechster Klasse, Frau F., und ich standen auf der einen Seite des Opern Foyers.  Meine Eltern, die per Zufall am gleichen Abend Karten für Carmen hatten, warteten auf der anderen Seite des Foyers und sahen mich und Frau F. an. Meine Eltern gingen sonst nie in die Oper. Doch heute Abend waren sie auch da. Zwischen uns standen unzählige festlich gekleidete Frauen und Männer, die auf dem Weg nach Hause waren.  

Frau F. war um die 40 Jahre alt, gross und imposant. Sie hatte kurzes schwarzes Haar und eine Brille, die einen starken Kontrast zu ihrem Gesicht gaben. Sie trug an diesem Abend ein schwarzes Kleid. Um ihren Kopf hatte sie locker einen langen durchsichtigen roten Schal geworfen. Der Schal reichte bis zum unterem Teil ihres Kleids. Es waren Carmens Farben, schwarz und rot. Ich trug mein blaues Kleid und eine Perlenkette um den Hals und  neue schwarze Schuhe mit einem kleinen Absatz. Der Absatz gab mir eine besondere Haltung: ich war aufgerichtet und fühlte mich sehr erwachsen. Mein helles Haar war in einen Pferdeschwanz zusammen gebunden. 

Mamma und Pappa waren auch schön gekleidet. Ich war stolz auf sie.

Ich war damals  12 Jahre alt. Es war Anfang der sechziger Jahre und wir waren einige Monate vorher nach Stockholm gezogen, wo wir etwas ausserhalb der Stadt auf einer Insel wohnten. Da ich 1947 in Stockholm geboren wurde, war der Umzug für mich ein bisschen wie nach Hause zu kommen. Es war bereits das dritte Mal, dass ich die Schule wechseln musste. Mein Vater war in der Luftwaffe und wurde ständig für neue Aufgaben in verschiedene Städte Schwedens gerufen. Mamma und wir vier Kinder  hatten nichts zu sagen, sondern folgten ihm vom Norden bis Süden. So mussten wir immer wieder die Schule wechseln und bekamen ständig neue Freunde. Mamma hängte geduldig jedes Mal die Vorhänge in einem neuen Wohnzimmer auf.

 Jetzt  war ich in der sechste Klasse. Im nächsten Jahr würde ich ins Gymnasium gehen.  Als ich zum ersten Mal in diese neue Schule ging, es war bereits Oktober, ging ich alleine und wurde vom Rektor zu meinem neuen Klassenzimmer gebracht. Ich kannte niemanden. Die Lektion hatte schon angefangen und er klopfte an die Tür. Die Lehrerin, Frau F.,  hatte geöffnet.

„Das ist eure neue Klassenkameradin“, hatte der Rektor gesagt. 18 Augenpaare richteten sich auf mich mit Neugier und die Lehrerin, Frau F., nahm mich an  der Hand und hiess mich willkommen.

In kürzester Zeit wurde ich in der Klasse populär und Frau  F.`s Liebling. Ich wurde sogar zur Lucia, der Licht-Königin, gewählt, die am 13. Dezember in der dunklen Jahreszeit in Schweden gefeiert wird und eine sehr beliebte Tradition ist. Lucia darf früh am Morgen mit einer Krone auf dem Kopf, auf der brennende Kerzen leuchten, in die Schule gehen. Sie ist in ein weisses Kleid mit rotem Seidenband um die Taille gekleidet und schreitet  in die Klassenzimmer  mit ihrem Gefolge um Licht zu bringen. Zur Lucia gewählt zu werden war eine grosse Ehre.

 Da ich sehr gut war in der Schule, durfte ich Frau F. im Unterricht helfen. Ich hatte eine Sonderstellung, die ich genossen habe. Frau F. lieh mir auch ihre privaten Lieblingsbücher, damit wir nachher darüber reden könnten. Ich gab die Bücher ungelesen zurück, denn ich konnte sie nicht verstehen. Es waren Bücher wie zum Beispiel  Karin Boyes „Kallocain“, in dem die Schriftstellerin düstere Zukunftsvisionen ausmalte. Karin Boyes war in Schweden eine bekannte Schriftstellerin. Frau F. war sehr enttäuscht, dass ich diese Werke nicht gelesen hatte. Das macht man nicht, hatte sie gesagt, ein Buch ungelesen zurückzugeben. Das sei unhöflich.

Bald hatte ich auch einen Freund aus der Klasse. Er hatte mir ein Photo zugeschickt und wir wurden ein Paar. Sein Hand zu halten war nicht nötig. Sich gegenseitig tief in den Augen zu schauen während der Schulstunde war genug. Das gab ein schönes Gefühl im Bauch.

 Es war die Zeit, als sich mein Körper zu entwickeln begann. Ich hatte drei ältere Schwestern. Von ihnen bekam  ich viel mit und wusste wie ich mich verhalten sollte um Erwachsen zu erscheinen. So habe ich alles nachgemacht. Mit Erfolg; ich sah älter aus als meine Klassenkameraden. Mit ein bisschen Lippenstift  konnte ich sogar, im Geheimen, in altersbegrenzte Filme gehen begleitet von meiner besten Freundin S.. Auf diese Weise sah ich viele Ingmar Begman Filme.  Verstanden habe ich sie nicht, aber es war ein tolles Erlebnis, sie gesehen zu haben, auch wenn ich ab und zu die Augen zumachen musste. Mein Favorit-Film aber war „Vom Winde verweht“. Danach war ich lange in Clark Gable verliebt.

So kam der Tag, an dem mich Frau F.  in die Oper eingeladen hatte. Es war kurz vor Ostern und nur noch wenige Monate bis zum Schulschluss und Schulwechsel. Ich war noch nie in der Oper gewesen. Das war für mich ein sehr spezielles Erlebnis.

An jenem Abend war ich sehr aufgeregt. Es war ein wunderschöner Abend, Stockholm war noch im Winterkleid, das königliche Schloss hell und freundlich beleuchtet, als wir mit dem Bus zur Oper fuhren. In der schönen Oper von Stockholm zu sitzen und all die festlich gekleideten Menschen zu sehen, war etwas ganz Besonderes. Eine neue Welt hatte sich für mich geöffnet. Die Musik war atemberaubend, Carmen war beindruckend, wie sie sich dramatisch auf der Bühne bewegte und mit ihrer wunderschönen, starken Stimme gesungen hatte. Die ganze Bühne zitterte  unter den singenden und agierenden Sängern. Ich war vorbereitet und kannte schon das Leitmotiv. Zuhause hatte ich häufig gesungen: „Ich liebe Carmen und Carmen liebt mich auch, Toreadooor, Toreadooor“

Während der Oper hatte mich Frau F. hat mich ab und zu angeschaut, um sich zu vergewissern,  ob ich die Aufführung geniesse. Doch gesprochen haben wir nicht viel.

Von unseren Plätzen aus konnte ich meine Eltern nicht sehen, aber ich wusste, dass sie da waren.

Die Vorstellung war zu Ende. Wir gingen aus dem Saal und blieben im Foyer stehen. Da sah ich meine Eltern auf der andere Seite vom Foyer, ziemlich weit von uns entfernt. Die Spannung, durch den Abstand, der  zwischen uns lag, war deutlich zu spüren. Dies gab mir ein beunruhigendes Gefühl und ich fühlte, dass etwas nicht stimmte. Wieso kamen meine Eltern nicht zu uns, um  zur gegenseitigen Begrüssung? Wieso wollte Frau F. nicht zu meinen Eltern hin gehen, um sie zu begrüssen?  Das fand ich seltsam und sehr peinlich, ja sogar beschämend. Meine Eltern hätten Frau F. wirklich danken können, dass sie mich in die Oper eingeladen hatte, dachte ich,.

„Ich muss mit meinen Eltern nach Hause fahren“, hörte ich plötzlich meine Stimme sagen und  eilte, so schnell ich konnte in meinen neuen Schuhen über das Foyer. Dabei vergass ich mich zu verabschieden. Frau F. verschwand in der Menge der Menschen, die auf dem Weg nach draussen waren. Ich sah nur noch ihren roten Schal in der Luft schweben.

Mit meinem ganzen Körper verstand ich plötzlich: Mamma und Pappa hatten es nicht gerne, dass ich mit Frau F. in die Oper ging.   

Warum?

Es war nun mal so.

Es wurde nie darüber gesprochen.

Die Zeit danach war ich lange krank. Die Krankheiten lösten einander ab. Es war herrlich im Bett zu liegen ohne für die Schule zu arbeiten. Mamma kam zu mir mit Weintrauben und Schokolade und sass an der Bettkante. Ich konnte ganz ungestört „Vom  Winde verweht“ und andere tolle Bücher im Bett lesen.

Den Rest des Schuljahres ging ich nicht mehr zur Schule. Am letzten Tag vor den Sommerferien wollte ich jedoch hin gehen, um mich von allen zu verabschieden. Dazu hatte Frau F. mich auch noch nach der Schule zu sich eingeladen.

„Geh doch nicht allein“, sagte Mamma.

„Bring doch deine Freundin S.  mit. Zur zweit  macht es doch viel mehr Spaß die Lehrerin zu besuchen“.

 

Geschichte 7: Schulzeit - ein glückliche Zeit - trotz allem

 

Meine Schulzeit war grundsätzlich eine gute Zeit; ich ging gerne in die Schule. Meine Eltern führten vor dem Zoo Zürich ein grosses Restaurant mit einer schattigen, herrlichen Gartenwirtschaft, die an den sonnigen Wochenenden rege besucht wurde.

Als ich in der zweiten Primarschulklasse war, musste ich am Wochenende im Gartenrestaurant Patisserie verkaufen. Meine Klassenkameradinnen waren hell begeistert. Für sie, die in den schönen grossen Villen am Zürichberg wohnten, war dies eine wunderbare Abwechslung. Sie stritten sich geradezu darum, mir helfen zu dürfen. Ich jedoch durfte nie mehr als nur eine mitnehmen. Allerdings wäre ich viel lieber in die Badi gegangen. Es half nichts,  ich musste helfen. Da gab es nichts zu rütteln.

Mein Vater bereitete mir jeweils ein grosses Tablett vor, auf dem er die schön verzierten Törtchen anordnete. Ein Gutzli kostete 35 Rappen. Da wir die Multiplikation noch nicht beherrschten, wurde das Einkassieren abenteuerlich. Wir mussten uns mit der einfachen Addition behelfen.  So schrieben wir auf einem Zettel beim Verkauf von fünf Gutzli fünfmal die Zahl 35 untereinander und zählten dies zusammen. So kamen wir glücklich zu einem genauen Ergebnis.

Da standen wir also gut vorbereitet mit unserem Tablett in den Händen im sonnigen Garten. Wie köstlich sahen die Patisserien aus! Wie verführerisch! Nur schon beim Anschauen dieser Köstlichkeiten spürten wir eine unbeschreiblich Lust, ein kleines Törtchen zu kosten. Einige waren mit Schokolade, andere mit grünem Marzipan belegt, wieder andere mit einem Schokoladenblättchen oder mit einem Nusscreme-Tupfer, auf dem eine geröstete Haselnuss thronte. Die Eclairs waren dick mit Creme gefüllt. Wie gerne  hätten wir doch eines davon gegessen. Dies war jedoch nicht möglich, denn es war die Zeit des zweiten Weltkriegs und der Rationierung. Die Coupons, die man beim Kauf von Nahrungsmittel erhielt, mussten auf den vorgedruckten Formularen aufgeklebt und an das Kontrollamt eingeschickt werden. Mit den zugeteilten Rationen musste man sorgfältig umgehen und vor allem Grundnahrungsmittel, wie Brot, Kartoffeln und Eier kaufen können. Auch für den Betreiber eines Restaurants galt diese Regel. So war es uns  unmöglich, zu einem der Köstlichkeiten zu kommen, denn am Abend musste die Abrechnung genau stimmen.

Unser „Gluscht“ war riesengross. Im Verlaufe des Nachmittags wurde es immer schwieriger der Verlockung zu widerstehen. An einem schönen Sonntag kam ich auf die glänzende Idee, wie wir wenigstens ein wenig Naschen könnten.  Ganz hinten im Garten hinter einem Baum legten wir das mit den hübsch geschmückten Patisserien belegte Tableau auf einen der noch nicht besetzten Tische. Sorgfältig stibitzten wir hier im Geheimen ein kleines Nüsschen oder ein Schokoladenblättchen von den Verzierungen weg. Wie herrlich mundete dieses kleine Stück Glück. Lange geniessen konnten wir nicht, denn unser Versteck wäre aufgeflogen. Aber – oh weh - da lagen zwei Patisserien ohne Dekoration vor uns. Das sah ausgesprochen eigenartig aus. Wer würde diese zwei noch kaufen, fragten wir uns? Kurzerhand beschlossen wir, in aller Eile, auch die anderen Gutzli von ihrem hübschen Top zu erleichtern. Gesagt, getan. Schnell verschwanden die Schokoladestückchen und die cremigen Nüsschen in unseren gierigen Mäulchen. Immer mutiger wurden wir mit unseren Taten. Bei den Eclairs hoben wir die Deckel und naschten ganz sorgfältig mit einem kleinen Löffeli von der Creme. Daraufhin legten wir den Deckel sorgfältig, wie wir meinten, wieder zurück auf das so geschrumpfte Törtchen. Schon standen wir wieder mitten in der Gästeschar und versuchten unsere etwas abgemagerten Gutzli loszuwerden. Ohne Hemmungen ging dies natürlich nicht. Wir fühlten uns schuldig und wollten es wieder gutmachen, indem wir alle verkauften. Auch wurde uns schmerzlich bewusst, dass wir keines übrig lassen durften. Mein Vater hätte dann bemerkt, dass  hier genascht wurde und wie! Unsere Händchen waren eben ungeübt und die Gutzli sahen nach unserer Attacke etwas ramponiert aus. Das konnte man beim besten Willen nicht übersehen.

Also bemühten wir uns, alle zu verkaufen. Das hatte uns viel Mühe gekostet, noch heute denke ich mit Scham an diese Taten. Doch wir wurden erfinderisch. Kamen wir zu einem Tisch, der Törtchen wünschte, begannen wir mit Ablenkungsmanövern und – ich muss es gestehen, etwas aufdringlichem Verhalten zu handeln.  „Was für ein hübsches kleines Kind!“ riefen wir begeistert, wenn ein Enkelkind da sass. „Es hat doch sicher Lust auf ein Gutzli!“ und prompt waren wir wieder eines der verunstalteten Gutzli los.  Wir machten Komplimente oder fragten, ob der Gast noch eines der letzten Gutzli kaufen wolle, dann könnten wir noch in die Badi gehen. Oft hatten wir damit Glück. Ein weiterer Trick war die Frage, ob der Gast Geburtstag habe? Dann würden wir noch ein Kerzli zum Törtchen holen. Die Gäste waren so liebenswürdig und kauften uns wohl auch aus Erbarmen eines ab. Welches Glück hatten wir, als wir am Abend noch einmal davon gekommen waren und dem Vater ein leeres Tablett überreichen konnten.

Eines Tages jedoch bemerkte mein Vater unser heimliches Tun. Von da an war das Glück des Naschens für immer vorbei.

Man würde nun meinen, ich sei braver geworden. Auf jeden Fall erinnere ich mich nicht an weitere schlimme Streiche in der Primarschulzeit. Zur damaligen Zeit war der Respekt vor den Lehrern enorm gross. Als ich in die Sekundarschule ging, wurden wir wieder herausgefordert. In der Arbeitsschule, so nannten wir die Handarbeit, hatten wir eine Arbeitslehrerin, die uns geradezu animierte, Streiche zu spielen. Die verkniffene Frau, die kein Lächeln, kaum ein freundliches Lob, nie etwas Humorvolles, geschweige denn ein Lob, über die Lippen brachte, wollte uns zum fleissigen Werken erziehen. Ein wenig erinnerte sie mich an Fräulein Rottenmeier aus dem Heidi-Buch: eine böse alte Jungfer. So jedenfalls erschien sie uns allen. Mussten wir nähen, sass sie vor uns mit strengem Ausdruck im Gesicht. Dies verunsicherte uns anfangs, brachte uns aber auf die Idee, alle Fäden, die wir beim Nähen abschneiden mussten, heimlich zu sammeln. Mussten wir zu ihr nach vorne gehen, um das eben Genähte zu zeigen, nutzten wir die Gelegenheit, ihr die gesammelten Fäden aufs Haar zu streuen. Was war das doch für ein Gaudi. Bückte sie sich vor, fielen die Fäden auf den Tisch. Unser Gekicher und Lachen zurückzuhalten war unglaublich schwierig. Mit roten Köpfen sassen wir hinter unseren Tischen und gaben vor, etwas auf dem Boden aufnehmen zu müssen, um unserem zurück gehaltenen Lachen etwas Luft zu verschaffen.

Auf unserem langen Schulweg vom Zoo hinunter zum Sekundar-Schulhaus Ilgen am Römerhof, den wir zu Fuss bewältigten, heckten wir fröhlich lachend neue Streiche aus. Über die Mittagszeit war uns der bequeme Weg per Tram erlaubt. Im Pfauen mussten wir aussteigen, um die 5er-Tram zu erreichen bis zur Endstation. Unsere Handarbeitslehrerin sass jeweils zur gleichen Zeit im Tram und wir fühlten uns gehemmt. Die alte Jungfer verstand einfach keinen Spass.

Es juckte uns, sie wieder zu necken. Eines Tages, kurz vor zwölf Uhr, klebten wir ihr sachte einen Zettel auf den Rücken, auf dem mit grossen Buchstaben geschrieben war:

„Ich suche einen Mann, der Windeln waschen kann“.

 Wir sassen bereits im Tram,  als auch sie mit dem Zettel auf dem Rücken einstieg. Alle Mitfahrenden schauten zu ihr hin und schmunzelten. Doch niemand sagte etwas. Ein älterer Herr jedoch wagte es und stupfte unsere Lehrerin sanft. „An ihrem Rücken klebt ein Zettel!“ sagte er leise. Aufgeschreckt riss sie ihn weg und las, was darauf stand. Ihr Gesicht färbte sich knallrot. Mit eisigem Blick schaute sie in unsere Richtung. Blitzschnell verschwanden unsere Köpfe hinter der Lehne der vor uns Sitzenden. Wir platzten fast, denn wir versuchten das Lachen zurückzuhalten.

 

Als wir wieder in der Klasse sassen, gab uns die zünftig Gekränkte Strafaufgaben. Dies jedoch nützte nicht viel. Je strenger und heftiger sie reagierte, desto reizvoller wurde es für uns, mit ihr unseren Schabernack zu treiben.

 

Wieder hatte uns der Hafer gestochen und wir beschlossen, eine von uns in den Schrank des Handarbeitszimmers zu stecken. Niemand wollte sich einsperren lassen. Da beschlossen die grösseren Mädchen, mich, die ich kleiner war,  zu verstecken. Doch ich war etwas mollig und der Platz im Schrank eng. Die Mädchen mussten richtig stossen und drücken, damit sie die Kastentüre endlich zubrachten. Dies passte mir zwar keineswegs, , doch irgendwie konnte ich mich nicht wehren. „Es ist ja nur ein kurzer Moment“, meinten meine Klassenkameradinnen und schon sass ich in der Falle. Hilflos wartete ich völlig zusammengequetscht im Dunkeln auf das Kommende.

 

Als die Handarbeitslehrerin in die Stunde kam, fragte sie, wo denn Margrit sei. Ja, es sei ihr nicht gut gewesen, sie sei nach Hause gegangen, war die eifrige Antwort. Dies nahm die gestrenge Lehrerin an und begann mit dem Unterricht. Ausführlich erklärte sie eine neue Aufgabe. Ich sass derweilen bewegungslos im Dunkeln.  Nun wollte sie noch ein Stück Stoff aus dem Schrank holen. Völlig unbekümmert öffnete sie die Tür. Plumps! Da purzelte ich ihr direkt  vor die Füsse.

„Ein Attentat, ein Attentat“! schrie sie und konnte sich nicht fassen. Ihre Wut fiel nur auf mich. Mit Schimpf und Schande schickte sie mich heim. Zuhause fragte meine Mutter, warum ich so früh schon hier sei. Ich wagte nicht, ihr die Wahrheit zu sagen und suchte einen Ausweg mit einer Notlüge. Die Lehrerin habe uns früher gehen lassen.

Frau Lutz aber meldete sich bei den Eltern und klagte über mein Benehmen.

Am nächsten Tag klopfte es an die Klassentür und ich sah Frau Lutz draussen stehen. So wurde ich dreifach bestraft: von meinen Eltern, von der Arbeitslehrerin und von unserem Klassenlehrer.

 

 

 

 

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