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Ein Magnolienblatt


 

Ein Magnolienblatt

Längst fliesst der Goldbach unterirdisch und gebändigt in den See unweit der Haltestelle, wo sich Manolin und Barbara zu ihrem Treffen verabredet hatten. Unlängst war hier ein junges Mädchen von einer mörderischen S7 erfasst worden. Doch die Lampen und Lämpchen, die an dieses Unglück erinnert hatten, sind mittlerweile wieder verschwunden. All dies hatte kaum etwas mit der Liebesgeschichte zu tun, die mir Manolin erzählte. Während der Niederschrift fällt mir jedoch auf, dass Manolin beim Erzählen ziemlich nahe am Bahngleis stand. Zumindest erscheint es mir jetzt so, damals achtete ich hauptsächlich auf seine Stimme.

 Damals musste Manolin schon über ein halbes Jahr von Barbara getrennt gewesen sein. Aber offensichtlich waren sein Herz und Kopf noch immer voll von ihr. Ganz überraschend hatte sich Barbara nun noch einmal bei ihm gemeldet. Sie lud ihn zu sich ein, zum Magnolienbaum, sagte sie kurz am Telefon, «Du weisst schon.» Ja, Manolin wusste. Letzten Sommer hatten sie sich im Schatten jenes Baumes geküsst. Noch ehe ihr Sommer gross begonnen hatte, war ihre Liebe auch schon wieder erloschen. Ihre Liebe, Barbaras. Denn Manolin war immer noch verliebt oder gefangen von einem Gefühl, das er Liebe nennen wollte. Dieses Gefühl beherrschte und bestimmte ihn allerdings erst, seitdem Barbara von ihm fortgegangen war. Für das unerwartete Zusammentreffen mit Barbara hatte Manolin beschlossen, die paar Schritte vom Dorfzentrum zu Fuss zurückzulegen. Er spazierte nicht der Seepromenade entlang, die ohnehin nur kurz direkt am See verlief, sondern auf geradem Weg über die Zürichstrasse. Der Februar war mild, wie der ganze Winter mit nur wenig Kälte und Schnee, und keiner von uns ahnte zum damaligen Zeitpunkt, dass es erst am Monatsende richtig schneien würde. Als Manolin am Magnolienbaum ankam, so berichtete er mir, sei Barbara bereits dagestanden. «Hallo, wartest Du schon lange?» – «Nein, nein, schau mal, was ich hier habe.» Er blickte nicht in ihr Gesicht, sondern nur auf ihre ausgestreckte, offene Handfläche. Zunächst konnte er nicht erkennen, was sie ihm da so fasziniert hinhielt. «Schau, was ich Dir zeigen will. Ich habe es gerade erst vom Boden aufgelesen», sagte Barbara. Auf ihrer hellen Hand lag ein dunkles, fadendünnes Gebilde, das sich als ein verwelktes Magnolienblatt entpuppte. Eigentlich war schon mit dem Wort Blatt zu viel gesagt. Vielmehr handelte es sich um die Rippen und Überreste eines Blattes, das bis auf die Nerven all sein Grün im Frost verloren hatte. «Du kennst den Baum, von dem das Blättchen stammt?», fragte sie. «Natürlich!», antwortete er. «Wie könnte ich ihn je vergessen!» Den zweiten Teil seiner Antwort erwähnte er nur mir gegenüber, als er von dieser Begegnung erzählte. Dies betonte Manolin ausdrücklich. Barbara habe weiter gesprochen: «Dieses Blättchen ist so leicht, dass es von keinem Wind mehr fortgetragen werden kann.» Und nach einer kurzen Pause fügte sie leise hinzu: «Und auch von der Schwerkraft wird es nicht besiegt.» Nun legte ihm Barbara das Blatt in seine linke Hand. Manolin sah es in seiner Hand liegen, so wie es zuvor in ihrer Hand gelegen hatte. Doch er spürte es nicht, weil es allzu zart und fein war. Er blickte auf, blickte direkt in ihre klaren Augen. «Ich werde gehen», sprach sie zu ihm. «Ich weiss», erwiderte er, «du bist schon lange gegangen.» – «Ja», meinte sie, «aber jetzt erst fahre ich in ein Land mit immergrünen Zitronen- und Zypressenhainen. Ich wollte Dich einfach noch einmal sehen. Danke, dass Du gekommen bist. Ciao!» Sie mag ihm wohl noch einen Kuss auf die Backe gedrückt haben. Auf jeden Fall traf ich Manolin alleine an, kurz nachdem sie weggegangen sein musste. Regungslos stand er da, mit dem kleinen Nichts auf der entfalteten Hand. Auf meine Frage hin, was er hier tue, antwortete er geistesabwesend, dass da hinten am Boden noch mehr davon lägen. Ich schaute über den Gartenzaun hinweg in Richtung Magnolienbaum, dessen Äste noch kahl und dessen Boden mit braunen Laubhäufchen bedeckt waren. Aber dieses Blatt hier, so hörte ich Manolin murmeln, dieses Blatt habe er nicht am Boden liegen sehen. Es käme direkt von ihr. Als ich wieder zu ihm hinsah, raste eine S7 vorbei, ohne anzuhalten. Manolin liess das Blättchen fallen, vielleicht vor Schreck, vielleicht wurde es ihm auch einfach vom Fahrtwind des Zuges weggerissen, worauf er seine Hand fallen liess. Jedenfalls war das Blatt danach verschwunden, und wir konnten es nicht mehr wiederfinden. Nun begann Manolin, mir die Einzelheiten seiner Geschichte zu erzählen, so wie es hier geschrieben steht. Dazu brauchte er bloss ein paar Augenblicke. Er sprach ganz ruhig. Beim Zuhören fiel augenblicklich die ganze Hektik des Alltags von mir ab. Obwohl ich Manolin noch nie zuvor gesehen hatte, fragte ich ihn schliesslich, ob er denn Barbara gar keine Fragen gestellt habe. Wollte er denn gar nicht wissen, warum das alles passiert und sie gegangen sei? «Ich kenne diesen Baum», antwortete Manolin ausweichend. «Er ist wunderschön und steht schon lange hier. Mit der ersten Frühlingssonne, spätestens im März, wird er mit frischen Blüten und grünen Blättern neu erblühen.» Manolin entfernte sich und ging die Unterführung hinunter zum See, ohne sich zu verabschieden. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, dann lag ein Lächeln auf seinem Gesicht. Seither, und es ist noch nicht sehr lange her, habe ich ihn nicht wiedergesehen. In der knappen Viertelstunde immerhin, während der ich bei Manolin stand, begriff ich die Liebe. Dieses delikate Wissen könnte ich nach Hause tragen oder dorthin, wo Du jetzt gerade bist, wo auch immer das sein mag. Ich könnte mich unausgesprochen und neu in Dich verlieben. Schon spendet der Magnolienbaum mit seinem Grün auch Dir wieder Schatten.



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