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Anna und der grau melierte Herr


Nichts ahnend zog sich die nicht mehr ganz junge Anna eines ihrer auffälligsten Kleider an. Sie hatte es vor Jahren in einem arabischen Geschäft im Ausland entdeckt und konnte damals nicht widerstehen. Nun endlich ergab sich eine Gelegenheit, diese Seidenrobe anzuziehen. Die seitlichen Schlitze waren zwar etwas gewagt, aber es war ja Sommer und da kann man sich ja gewisse Dinge eher erlauben. Zudem war ihr Mann nicht anwesend und wer hatte sonst das Recht, sie wegen etwas nacktem Bein zu kritisieren.

So öffnete Anna die Türe zum Hotel am See, durchquerte die leere Hotelhalle und stieg die Treppen hinauf in den Göttersaal. Anscheinend waren alle Eingeladenen früher gekommen und warteten schon auf ihren Stühlen auf den Beginn des Festes. Anna versuchte, die Türe leise zu öffnen. Das Knacken der Türe veranlasste viele Anwesende, den Kopf nach der spät eintreffenden Person zu drehen. Zuerst entdeckten sie nur Annas dunkelbraune Haare, dann ihr feines, leicht geschminktes Gesicht. Sie wollte in der hintersten Reihe Platz nehmen, aber da stand kein leerer Stuhl. Der Gastgeber winkte sie nach vorne und es blieb ihr nichts anderes übrig, als durch den Mittelgang zu schreiten. Sie spürte viele Blicke auf sich gerichtet, zuerst auf ihrem farbigen Kleid, dann auf den Seitenschlitzen und zuletzt auf ihren Beinen. Man wies ihr einen Platz zu neben einem grau melierten Mann mit einer beginnenden Glatze. Als er sich später erhob, merkte sie, dass er ziemlich athletisch war, höflich sprach und in seinem Smoking wirklich gut aussah. Im folgenden Gespräch merkte sie, dass er sehr gebildet und versiert war. So war es auch nicht erstaunlich, dass sie beide fröhlich zu der modernen Musik tanzten. Zu später Stunde verabschiedete sich Anna und ging alleine zu ihrer nahe gelegenen Wohnung.

Beim Ausziehen ihres Kleides merkte Anna, dass etwas mit ihr passiert war. Der fremde Mann beschäftigte sie. Sie merkte, dass sie nicht mal wusste, wo er lebte, und hatte nicht nach seiner Handynummer gefragt. Und wieso sprach sie dieser ältere Herr so an? Sie stand sonst eher auf junge und gut aussehende Männer, aber in dieser Nacht schlief sie schlecht, dachte an den amüsanten Abend. Beim Aufwachen noch im Bett erschien das Bild dieses grau melierten Mannes vor ihrem inneren Auge. Sie erlebte ein Gefühl, dass sie nur vom Hörensagen kannte und das nach langer Ehe nicht mehr oft vorkam. Was sollte sie tun? Wie konnte sie diesen Herrn aus ihrem Kopf verdrängen? Sie war froh, dass ihr Mann geschäftlich unterwegs war. So konnte sie dieses ungewohnte Gefühl noch einige Tage ausleben und geniessen. Wäre er zu Hause gewesen, hätte er vielleicht gespürt, was mit ihr los war.

Zwei Tage später war sie gerade auf dem Weg zur S-Bahn, als er mit seinem Auto ihren Weg kreuzte. Sofort öffnete er das Fenster, begrüsste sie freundlich und fröhlich. Nur leider hatten die nachfahrenden Autolenker kein Verständnis mit zwei schwatzenden Küsnachtern. Er musste weiterfahren, fand nirgends einen Parkplatz und sie verlor ihn aus dem Blickfeld.

Ihr Herz hatte geklopft, als er anhielt und sie ansprach. Hoffentlich hatte er ihre Aufregung nicht gespürt, sie wollte nicht wie ein verliebter Teenager dastehen und sich blamieren. So entschied sich Anna, auf das Perron zu gehen und pünktlich zu ihrem Treffen in der Stadt zu erscheinen. Ihre Freundin spürte sofort ihre ungewohnte Stimmungslage. Sie wollte wissen, wieso sie so zappelig und nervös war. Aber sie konnte ihr doch nicht mitteilen, dass ein grau melierter Herr ihre Gefühle total durcheinanderbrachte. Sie hatte doch einen attraktiven Mann, der sie zudem verwöhnte und ihr ein gutes Leben bot und in einigen Tagen wieder zu Hause sein würde.

In den kommenden Tagen kreisten Annas Gedanken immer wieder um diesen Herrn, aber es gab keine Zufälle, und sie trafen sich nicht mehr. Und langsam kühlten sich ihre Gefühle ab. Sie dachte morgens nicht mehr zuerst an den grau melierten Herrn.

Und dann kam ihr Mann früher als erwartet von seiner Geschäftsreise zurück. Sein Koffer stand mitten im Gang, als sie nach Hause kam. Sie umarmten sich, wie sie es immer nach langer Abwesenheit taten. Spontan gingen sie auf einen Spaziergang in die Hornanlage, in ihr vergrössertes Wohnzimmer, wo sie an warmen Sommerabenden auf einer Bank sassen und schwatzten. Sie waren noch nicht ganz dort angekommen, da entdeckte Anna den grau melierten Herrn stehend am Seeufer vor ihrer Bank. Er war aber nicht alleine. Eine ebenfalls grauhaarige Frau beugte sich über einen Kinderwagen. Sie hüteten wohl eines ihrer Enkelkinder.

Wie sollte sie sich jetzt verhalten? Es fehlten nur noch wenige Meter und ihr Mann ging schnurstracks auf die «gemeinsame» Bank zu, von wo die Aussicht auf Zürich am schönsten war und wo das ältere Ehepaar stand. Sie spürte die Augen des Mannes, die sie musterten und ihren jungen Mann beobachteten. Wie sollte sie sich nun verhalten? Es fehlten nur noch zwei Meter und Anna sagte spontan «Gruezi mitanand. Hüetet sie ira Enkel?»

Die Dame, eine alteingesessene Küsnachterin, antwortete, dass ihr Sohn und die Schwiegertochter endlich wieder mal Zeit füreinander haben sollten. Daraus entwickelte sich ein Gespräch zwischen den zwei Frauen, die Männer hörten zu und langsam drehte sich das Gespräch über den Unfall des Zürichseeschiffes, das am Vortag in die Hafenanlage von Küsnacht geknallt war.

Irgendwann verabschiedete sich das Ehepaar und Anna blieb mit ihrem Mann auf der Bank sitzen. Erst spät abends im Bett fragte sie sich, wie es dazu kommen konnte, dass dieser grau melierte ältere Herr sie gefühlsmässig so angesprochen und ihren Schlaf geraubt hatte.



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