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Der Zufall hiess Zeus


Zum ersten Mal seit gefühlten Monaten war es richtig heiss. Von einem Tag auf den anderen.

Die Sonne hatte sich schon früh morgens, gleich nach dem aufmunterenden Zwitschern der vielfältigen Vogelwelt, durch die Ritzen des Rollladens von Verena gedrängt. Einmal wach, beschloss sie, eine Witwe im mittleren Alter, die seit ihrer Heirat in Küsnacht lebt und sich hier seit vielen Jahren heimisch fühlt, mit den Lerchen aufzustehen und ihren freien Tag mit viel Bewegung im Tobel zu nutzen.

Sie hatte sich noch nicht so richtig an das Witwendasein gewöhnt, der lange, dunkle Winter und das kalte, verregnete Frühjahr hatten ihr ziemlich auf den Magen geschlagen und auch ihre Seele konnte gut ein paar Sonnenstrahlen vertragen.

Verena frühstückte mit musikalischer Untermalung und zog sich leicht und luftig an.

Trotz der morgendlichen Uhrzeit war die Hitze schon schwül und erdrückend, sodass Verena gerne Schatten im nahen Küsnachter Tobel suchte. Sie liebte das Rauschen des gewaltigen Wasserfalls und die gewundenen Wege mit den kleinen Brücken, die sehr viel Freiheiten zuliessen sich seinen Weg immer wieder anders zu gestalten.

Verena schritt langsam voran und genoss die kühle Stille des Waldes und das leise Plätschern des Baches, der sich schon seit Jahrmillionen seinen Weg in den Zürichsee sucht. Sie überliess sich ihren Gedanken und spürte ihr kleines Erdendasein, eingebunden in den grossen Kosmos und fühlte sich gleich nicht mehr so einsam.

Unbeirrbar, dachte Verena, im Frühjahr, bei den vielen Regenfällen mit lautem Getöse und bräunlich sprudelndem Wasser, jetzt im Sommer mit wenig glasklarem Wasser und leisem Gemurmel geht der Bach unbeirrbar seinen Weg.

Der Glückliche, dachte Verena, er weiss, wo er hingehört, er lebt seine Bestimmung, ohne Zweifel, ohne Angst. Das konnte sie von sich nicht behaupten. Nach dem Tod ihres geliebten Mannes liess sich Verena durchs Leben treiben. Sicherheit und Struktur gaben ihr ihre Arbeit, die sie liebte, aber in der Freizeit etwas mit sich selbst anzufangen, fiel Verena immer noch schwer. Sie musste sich neu ausrichten.

Gemächlich ging Verena auf den gekennzeichneten Wegen immer tiefer und höher den Berg hinauf. Kurz vor der sogenannten Drachenhöhle bog sie rechts ab, um lange, steile Stufen bergauf zu steigen, Richtung Waldsportpfad. Gedankenversunken und immer schwerer atmend, trotz der klaren, kühlen Luft im Wald, dachte Verena wieder einmal, wie wenig sie doch in letzter Zeit, vor allem alleine, die Möglichkeit ergriff, den nahen Wald, das sprichwörtliche Naherholungsgebiet für sich zu nutzen. Mit diesen vorwurfsvollen Gedanken stieg sie immer höher.

Plötzlich, aus heiterem Himmel, hörte sie ein ohrenbetäubendes Bellen, untermalt von menschlichen Rufen oberhalb im Wald. Verena blieb stehen, fast dankbar für die Ablenkung ihres beschwerlichen Aufstiegs und sah, weiter oben im Wald, ein braunes Etwas auf sie zu galoppieren. Sie hatte keine Zeit mehr, einen klaren Gedanken zu fassen, denn schon erkannte sie einen aufgeregten, grossen Hund, der geradewegs auf sie zustürmte. Instinktiv, ohne nachzudenken, quasi aus dem Bauch heraus, stellte sie sich frontal auf den Weg und breitete die Arme aus. Verena hatte keine Zeit, vor der braunen Dogge mit heraushängender Zunge, Angst zu haben. Denn diese stand abrupt keuchend vor ihr.

Verena sprach beruhigend auf das verblüffte Tier ein und zu ihrer Verwunderung blieb der Hund vor ihr stehen und seine Flankenbewegungen verlangsamten sich allmählich. Erst jetzt schauten sich Mensch und Tier bewusst in die Augen und befanden sich gegenseitig für ungefährlich, sogar sympathisch.

Gestört wurde die Begegnung durch die nahen Rufe eines Mannes, der laut «Zeus, Zeus» rief und gleich darauf angestürmt kam. Laut schimpfend legte er, der inzwischen statuenhaft ruhigen Dogge die Leine um, die der Mann in der Hand getragen hatte. Sein Atem rasselte, er beugte sich keuchend vor, um die Arme seitlich abzustützen und ein paar Mal tief ein- und auszuatmen. Erst danach hatte er sich so weit beruhigt, um die ganze Situation zu erfassen.

Vor sich sah er eine schlanke, sportlich gekleidete Frau mit grauen Strähnen, die neben Zeus stand, als gehöre der Hund zu ihr. Zeus schaute sein Herrchen an, gähnte und setzte sich neben der fremden Frau, die leise lächelte, zu Boden.

Der Mann verspürte einen leisen Stich in der Brust und dachte bei sich, dass er Glück gehabt hatte, dieser faszinierenden Frau im Wald zu begegnen. Da musste er Zeus ja geradezu dankbar sein, dass er jetzt eine Gelegenheit bekam, sich näher bekannt zu machen.

Er streckte der attraktiven Erscheinung in luftiger Sportbekleidung und Turnschuhen die Hand hin und sagte: «Verzeihen Sie meinem Zeus das Ungestümsein. Er ist eine ängstliche Seele, trotz seiner imposanten Grösse. Etwas muss ihn erschreckt haben, vielleicht ein Reh im Wald, auf jeden Fall hat er sich plötzlich losgerissen und ist den Weg abwärts gestürmt. Mein Rufen und Schreien hat nichts genützt. Bitte verzeihen Sie die Unannehmlichkeiten, hat er Sie erschreckt?»

Verena betrachtete verzückt den braun gebrannten, gut aussehenden Mann, der genauso sympathisch wirkte, wie sein Hund.

«Ich bitte Sie, das ist gar kein Problem. Ewas überrascht war ich schon. Aber Angst hatte ich nicht. Erstens war keine Zeit dazu, aber darüber hinaus bin ich mit einem Hund aufgewachsen, der ähnlich gross war wie ihr Zeus und auch so temperamentvoll.» Mit diesen Worten tätschelte sie dem inzwischen neben ihr liegendem Hund den Kopf, und Zeus schaute die Dame neben sich an und liess die Berührung lammfromm über sich ergehen. Der Hundehalter drückte seine Verwunderung über das Verhalten seines Hundes aus. «So was, normalerweise ist er für Streicheleinheiten von Fremden überhaupt nicht zu haben. Er hat mehr Angst vor Menschen, als die vor ihm. Dass er so gross ist und bedrohlich wirkt, weiss er bestimmt nicht.» Er schmunzelte und sagte zu Verena: «Seltsam wie das Leben so spielt. Ich heisse übrigens Urs Walter. Nennen Sie mich doch Urs.» Er streckte Verena die Hand hin, die sie erfreut nahm und sich auch mit Namen vorstellte.

Urs strahlte sie an und sagte: «Hätten Sie nach der ganzen Aufregung Lust auf einen Kaffee oder ein kühles Getränk? Ich lade Sie herzlich gerne ein. Sie waren meine Retterin. Das muss doch begossen werden!»

Verena verspürte ein warmes Gefühl im Bauch, schaute Urs aus blaugrauen Augen an und bejahte freudig.

Zeus, der bei dem ganzen Gerede und nach seiner Flucht jetzt sehr müde war, erhob sich langsam und gähnend vom steinigen Waldboden, wo er die letzten Minuten friedlich vor sich hingedöst hatte. Er fand, der Spaziergang im Wald hatte sich heute besonders gelohnt und mit diesem Gefühl war er nicht der Einzige. Er bellte auffordernd und setzte sich in Bewegung.

Und wer weiss, was sich aus dieser zufälligen Begegnung entwickeln kann – wenn es denn Zufall war, wer weiss das schon.



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