Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich

Generationenliebe und zur Einsicht «Ich werde geliebt» – die ein wenig andere Liebesgeschichte von der Johannisburg


«Weisst du, ich bin einfach kein Datingmaterial», kam es gestern zum ersten Mal in herzzerreissender Ehrlichkeit aus dem Mund von Rea. «Oh, meine Liebe, das tut mir leid. Weisst du, ich auch nicht. Also wenn Gabriel vor eineinhalb Jahren nicht gekommen wäre, dann, ja also dann wäre ich auch einer dieser Singlehaushalte im Zürcher Gebiet, die ganz happy sind und in der Kategorie ‹Single Income, No Kids› statistisch erfasst werden. Einige Jahre war ich in der alten Beziehung unglücklich gewesen, doch mit Anfang dreissig und gut gebildet und in guter Stellung kann man ja keine grossen Ansprüche erheben, hatte ich gedacht. Kannst du dich noch erinnern, dass mein damaliger Partner morgens um 10 Uhr am Hochzeitstag meines Bruders plötzlich entschied, am Abend aufgrund seiner Arbeit nicht an den offiziellen Teil der Eheschliessung im Züriberg zu kommen? Er wusste, dass meine familiäre Situation nicht die rosigste war, alle Familienmitglieder in einem Saal eine Herausforderung an mich stellte, doch er ging arbeiten. Und ich akzeptierte es, denn mit Anfang dreissig und Familien- und Zugehörigkeitswunsch darf man ja nicht so anspruchsvoll sein.»

Ein Augenzwinkern deutete an, dass ich diesen letzten Satz mit einem gehörigen Stück Sarkasmus unterstreichen sollte. «Also liebe Rea, ich versteh dich sehr gut. Frauen mit eigenen Ansprüchen an ihr Leben, eigenen Träumen für Reisen, Projekte und Karriere sind nicht das Datingtraummaterial von Männern in den Dreissigern.» Rea schien es nach diesen Worten nicht viel besser zu gehen, denn das hatte sie ja schon gewusst und eingangs auch so erwähnt. So schloss ich: «Doch warte nur, in wenigen Jahren kommen dann viele Männer wieder auf den Markt und werden deinen Drive, deine Selbstständigkeit und deinen Eigensinn schätzen.» Denn genau das beobachtete ich überall und wollte dies Rea so als Zückerchen auch mitgeben.

Ich wollte noch so viel mehr sagen und ihr über den Kopf streichen und ihr auch erklären, dass wir uns ja hier erstmals zu einem direkten Austausch in meinem neuen Zuhause in Küsnacht trafen, und unsere gemeinsame weibliche Ahnin, die hier gelebt hatte, ja auch nicht dem Frauenbild der Zeit entsprochen hatte. Denn dass auch unsere gemeinsame verstorbene Grosstante wohl nicht nur gerne die Hälfte ihres Lebens Single war, war mir erst in den letzten Jahren klar geworden. Doch als ich dann die Kurzgeschichte «Das Wochenende» meiner schreibbegabten Grosstante in ihrem publizierten Bergkristallbuch in den Flitterwochen las, da tat es mir weh. Immer haben geschriebene und erzählte Geschichten auch einen Bezug zum Autor. Oft sind Themen so gewählt, dass sie eine Rolle im Leben des Erzählers spielen.

Und da stand es, in den Worten meiner Grosstante verfasst, gedruckt und gebunden: Nebeneinander sassen sie nun … heiss durchfuhr sie plötzlich seine Nähe, sein Geruch … Sie überlegte, wie es wäre, seine Hand zu berühren … Nach so viel geistiger Nähe war es doch ganz natürlich, dass sie nun seine Hand ergriff und mit seinen Fingern zu spielen begann. «Du könntest mir wirklich helfen Cäsar, überall.» «Damit ich der Nächste bin, über den du schreiben wirst?», sagte er lachend, entzog ihr die Hand und schob die Blätter sanft zusammen. «Nein, Franziska». Auch sie, meine geliebte und inspirierende, verstorbene Grosstante, war anscheinend in dieser selben Wohnung gestanden, hatte sich einen Partner gewünscht und musste sich, wie niedergeschrieben in der Alias-Franziska-Form, eingestehen, dass durch ihre moderne, offene und eigensinnige Art, ein «Nein-Danke» von den Männern kam, von denen sie sich innigst ein «Ja-Gerne» gewünscht hätte.

Ehemann Gabriel war unterdessen aus seinem Spätfreitagnachmittag-Schläfchen erwacht und stiess in der Küche zu uns zwei Frauen dazu. «Wie geht es dir, Rea?» «Gut soweit, mein Projekt gedeiht.»

So nahm der Charakter des Gesprächs durch Hinzukommen von Ehemann Gabriel einen anderen Verlauf. Die Augen von Rea glänzten wieder, als sie von ihrem aktuellen Projekt sprach. Gabriel hakte nach und es wurde rege diskutiert. Ich wendete mich dem Herd zu, checkte, ob alles Essen in den Töpfen denn auch das tat, was es sollte und so schmeckte wie beabsichtigt. Aus geringer Ferne beobachtete ich die zwei. Voller Stolz durfte ich sehen, wie gut mein Mann Rea tat, wie schön sie sich fühlte, von einem Mann intellektuell auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Und ein weiteres Mal verliebte ich mich wieder in meinen Mann, der zwar immer noch schläfrig von der Siesta dreinschaute. Ich verliebte mich wieder neu in den Mann, zu dem ich auch kirchlich wenige Monate vorher ja gesagt hatte. Ich verliebte mich wieder, weil ich merkte, wie schön es ist, gesehen zu werden, mit allen Stärken und Schwächen, und wie viele meiner weiblichen Vorfahren und Verwandten darunter gelitten hatten, dass sie das nicht erleben konnten, ihnen dies verwehrt blieb.

Und wie dankbar ich war, hatte ich im einundzwanzigsten Jahrhundert meine Liebe des Lebens real gefunden und sie sagte auch Ja und nicht Nein, wie es meiner Grosstante fünfzig Jahre früher erging. Er sagte Ja, obwohl er von Anfang an wusste, auch er wird im Geschriebenen von mir vorkommen. Als Geschenk, um die Wundschmerzen der Einsamkeit von Rea ein wenig zu lindern, holte ich aus meinem Zimmer das Buch «Für meinen kleinen Martin» aus dem Jahre 1920 hervor. Meine Grosstante hatte viele dieser wertvollen Bücher, die von Familienangehörigen geschrieben wurden, als es noch keine Fotoalben gab, aufbehalten und ich dann weiter bewahrt. Ich holte das Buch aus meinem Zimmer, hatte es genau für diesen Moment behalten. Ich stand vor meine geliebte Rea hin und überreichte ihr dieses wertvolle Werk, das die ersten Tage und Jahre ihres Grossvaters, den sie nie gekannt hatte, beschreibt. Ich überreichte es ihr in Liebe, um mit dem männlichen Anteil, den sie so vermisst, in Verbindung zu kommen, mit ihren Wurzeln in Verbindung zu stehen. Und wieder kam das Strahlen in ihre Augen. Wir lasen die ersten Zeilen des Buchs, die mit Füllfeder 1920 in das braun gebundene Buch geschrieben worden waren, zusammen laut. Und die Liebe unserer Urgrossmutter füllte den Raum durch ihre beschreibenden Worte des Glücks, einen weiteren gesunden Sohn 1920 in den Armen zu halten. Die Liebe dieser Zeilen und dieses Buchs blieb noch lange im Raum und als ich dann Stunden später glücklich neben meinem Mann ins Bett stieg, wusste ich, ich hatte geschafft, was für kein Geld der Welt zu kaufen war: Ich wurde geliebt, ich wurde geliebt, trotz Eigensinn, Intellekt und Schreibfreude. Ich werde geliebt.



Anzeigen

Galerien

Aktuelle Ausgaben

Züriberg vom 18. Mai 2017
Zürich 2 vom 18. Mai 2017
Zürich Nord vom 18. Mai 2017
Zürich West vom 18. Mai 2017
Küsnachter vom 18. Mai 2017
Küsnachter Amtlich vom 18. Mai 2017

Sonderzeitungen

Abenteuer Stadt Natur 2017
Lernfestival'16
ZSC
Abenteuer StadtNatur
Literaturforum booXkey
Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Stadt-Anzeiger Glattfelder Kilchberger