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Himmlische Liebe mit einem Hauch von Chanel


Claire de Bouvoir wusste immer, was zu tun war, zumindest behaupteten dies ihre Freunde und Bekannten, und das waren deren nicht wenige. Claire war eine Lady, durch und durch. Sie bevorzugte einen Kleidungsstil, den selbst Jacky O. noch zum Schwärmen gebracht hätte. Mit ihren bald sechzig Jahren sah sie viel jünger aus, verhielt sich auch so und genoss die zahlreichen Avancen ihrer Verehrer.

Und – eben sie wusste, was zu tun war. Ihr damaliger Ehemann, ein erfolgreicher Industrieller, verliess sie wegen einer Jüngeren. Auch junge Damen wissen, was sie wollen; Diamonds are a girls best friends und einen Sugardaddy konnte man dann leidlich dazu akzeptieren, und die Betonung liegt auf leidlich. Denn Laurent de Bouvoir war zwar äusserst vermögend, galt aber eher als Langweiler und Spiesser. Im Laufe seiner erfolgreichen Karriere hatte sich an seinem vormals durch Sport und eiserner Disziplin gestählten Körper so manches überflüssige Pfund festgesetzt. Diese waren dann auch seine treusten Begleiter, was man von seiner Damenwelt nicht gerade behaupten konnte. Ein erneutes Anklopfen bei seiner zurückgelassenen Claire war ein kläglicher Versuch und versetzte seinem Selbstbewusstsein einen gewaltigen Schlag, der sich wie einen Dolchstoss in die Pforten seiner Eitelkeit rammte. Claire wollte ihren gestrandeten ehemaligen Gatten nicht mehr zurücknehmen. Sie pflegte stets zu sagen: «Aufgewärmt schmeckt mir nicht», und handelte auch danach.

Mit ihrer Hündin Chanel verbrachte Claire viele Stunden mit Entdeckungstouren durch den Wald und das Küsnachter Tobel. Was aber Claire noch viel mehr liebte, waren die ausgiebigen Spatziergänge durch ihr Quartier. Sie bewunderte die wunderschönen Villen und fragte sich, wer wohl deren Besitzer sein mochten. Die Himmelistrasse war die Krönung ihres täglichen Ausfluges mit Chanel. Einfach himmlisch diese Lage, diese wundervollen Villen und Landsitze.

Chanel war eine gut erzogene Hundedame und hatte mit Coco Chanel auch einiges gemeinsam. Sie hatte ihren eigenen Willen, ihre Vorstellung vom Leben. Ein Hauch von Chanel eben.

Der 3. Mai 2016 war für Claire und Chanel etwas ganz besonderes, ganz abgesehen davon, dass es Claires Geburtstag war. Chanel konnte nur ahnen, dass heute ein spezieller Tag war. Claire, sie nannte sie immer Claire, weil Frauchen für Chanels wache Hundeohren nicht trendy genug klang. Nach dem morgendlichen Spaziergang sollte es zum Coiffeur oder, wie Claire zu sagen pflegte, zum Frisör gehen.

Ein grosser Tag und viele Termine, die eingehalten werden mussten. Doch zuallererst war sie an der Reihe, Chanel, ganz allein mit Claire. Herrliche Frühlingsluft nach einem kühlen Regenschauer, wunderbare Blütenpracht satte Wiesen und glücklich bei der Himmelistrasse angekommen zu sein. Claire fand das Haus an der Himmelistrasse Nr. 57 schon immer faszinierend. Nicht nur weil es ihr Jahrgang war, sondern auch genau ihren Vorstellungen eines Traumhauses entsprach. Doch die perfekt zugeschnittene und dichte Hecke erlaubte keinen Einblick, nicht einmal einen klitzekleinen, was sich hinter der dichtbegrünten Mauer verbarg.

An diesem 3. Mai sollte sich alles ändern. Chanel ging mit einer Eleganz neben Claire her, als ob sie den charismatischen Auftritt von Claire noch toppen wollte. Auch eine Hundedame ist und bleibt eine Hundedame. Was konnte Chanel dafür, dass sich just in dem Augenblick, als die beiden Ladys das Haus Nr. 57 passieren wollten, eine ansehnliche Katze vor Chanels Augen durch die Hecke ins Innere des Gartens retten wollte. Gar nichts – sie war unschuldig und folgte ihrem Instinkt. Die Hecke war zu dicht für ein Durchkommen für Chanel also nahm sie den Weg durch das offene Gartentor. Immer schön die Contenance bewahren, sagte sich Claire. Sie folgte Chanel dicht auf den Hundepfoten und hoffte so, ihre Hündin von ihrem Jagdtrieb abhalten zu können.

Was für eine Illusion! Würde sie sich abhalten lassen, wenn sie die Fährte eines charmanten Herrn aufgenommen hätte? Sicherlich nicht.

In ihrem Jogginganzug, der ihre Figur im besten Licht erscheinen liess, jagte sie Chanel quer durch den Garten nach. Sie war körperlich äusserst fit und trotzdem konnte sie diesen Eskapaden von Chanel nicht folgen, geschweige denn aufrecht, denn der morgendliche Regen hatte den Boden in ein glitschiges Feld verwandelt und Claire landete schwungvoll auf der nassen Wiese. Ihr hellgelber Jogginganzug war gespickt mit der schlammigen Erde und sie sah aus, wie ihr eigenes Lieblingsdessert. Ein köstliches Tiramisù, das sie so sehr liebte.

Sie krabbelte wieder hoch und von Chanel war keine Spur zu sehen. Wie peinlich war das denn? Pitschnass und von Chanel nichts zu sehen. Eine tiefe Männerstimme holte sie wieder in die Realität zurück. «Haben Sie sich verletzt? Kommen Sie, ich helfe Ihnen.» Das war offenbar der Gärtner dieser traumhaften Liegenschaft und so war es nicht ganz so peinlich, wie wenn der Hausbesitzer sie so gesehen hätte. Nun fing es auch noch an zu regnen, und Claire stand da wie vom Winde verweht und vom Regen gepeitscht. Das Unglaublichste aber war, dass Chanel an der Seite dieses gut aussehenden Gärtners stand. Das gab ihr den Rest. Sie dachte, in der Erde versinken zu müssen. Ein fremder Kerl, ein Gärtner hatte ihre Chanel neben sich und sie gehorchte?

«Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?» Etwas unsicher blickte ich den Gärtner an und fragte, ob denn die Herrschaft nicht zu Hause sei. Er verneinte und ging voraus ins Haus. In der luxuriösen Küche rückte er mir einen Stuhl zurecht und murmelte etwas von trockenen Sachen. Kurz darauf erschien er mit einem T-Shirt und einem modischen Jogginganzug und zeigte mir, wo ich mich umziehen konnte.

Ich schlüpfte in die trockenen Sachen, die zwar etwas knapp sassen, aber immerhin konnte ich mich von meinem Schmuddellook verabschieden. Zurück in der luxuriösen Küche kochte das Teewasser und ich fühlte mich schon etwas wohler. Chanel lag am Boden und hatte ein feines Leckerli zum Knabbern bekommen. Unglaublich dieser Gärtner. Der Tee weckte meine Lebensgeister und mein Selbstbewusstsein wieder. Ich war neugierig und wollte mehr über den Hausbesitzer wissen. Der Gärtner reagierte verschwiegen, wie es für einen treuen Angestellten wohl angemessen ist.

Draussen regnete es unablässig und Eric, so hiess der Gärtner, fragte mich verlegen, ob ich denn Appetit auf Speck und Ei hätte. Natürlich hatte ich und gleichzeitig war ich auch unsicher, ob ich dies als ungebetener Gast einfach so akzeptieren durfte. Was ist wenn die Hausbesitzer erscheinen würden und sie mich mit ihrem Gärtner hier erwischten? «Die Familie ist in der Toscana auf ihrem Weingut und wird erst Ende Juni zurückkommen.» Etwas mulmig und doch angetan nahm ich die Einladung an. Ich wollte aufstehen, um Eric zu helfen. Wollte, denn mein Fuss war dick wie ein Elefantenbein angeschwollen und hiess mich an dem gemütlichen Esstisch zu verweilen. Eric sah sich meinen Fuss an und meinte, dass der Knöchel wohl verstaucht wäre. Was dieser Gärtner alles wusste? Er holte mir aus der Hausapotheke eine kühlende Salbe. Die Tabletten hielt er aber zurück, da uns Eric bereits mit Prosecco die Kochzeit verkürzen wollte.

Chanel döste auf dem Küchenboden und schien völlig zufrieden zu sein, obwohl sie die Katze entwischen lassen musste. Eric deckte geschickt den Tisch, stellte eine Vase mit frischen Blumen hin, und in meinem Bauch fing es an zu kribbeln. Innerlich jubelte ich, liebe Schmetterlinge seid herzlich willkommen. Ich glaube, ich habe mich verliebt und das an meinem 59. Geburtstag. Mein Sohn Fabian sagte zu mir: «Mama, wenn Du die Liebe suchst, wirst Du sie nicht finden.» Die Liebe ist zu mir gekommen, sie hat mich gefunden und ich werde sie in mir bewahren. Was für ein Geschenk an meinem Geburtstag, die grosse Liebe zu finden. Eric, der begnadete Gärtner, und ich werden eine wundervolle Zukunft zusammen haben. So stellte ich es mir in Gedanken vor und das Klingeln an der Haustüre liess mich aus meinen Tagträumen wieder erwachen.

Eric öffnete die Türe und umarmte die junge Frau liebevoll. Dies alles sah ich von meinem Platz an der Küchenbar aus. Lachend kamen die beiden in die grosszügige Küche zurück. «Hier riecht es himmlisch, Papa. Ich bin so hungrig. Die Arbeit auf unserem Weingut in der Toscana war sehr anstrengend. Gibt es noch ein Plätzchen für mich?» Eric lächelte vergnügt und deckte einen weiteren Teller auf. «Willst Du mich Deiner attraktiven Bekanntschaft nicht vorstellen? Immerhin steht ihr mein Trainingsanzug hervorragend.»

Ich konnte nichts mehr dagegen tun, als mir die Röte ins Gesicht schoss und sich kleine Schweissperlen um meine Lippen bildeten. Eric meinte, dass mir ein bisschen Farbe im Gesicht sehr gut stehen würde und lächelte mich verschmitzt an. Er küsste mich sanft auf meine Lippen und stellte mich seiner Tochter als seine neue Liebe vor. Gärtner, haben wohl ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, sind charmant und kochen hervorragend.

Eric, alias Gärtner, Hausbesitzer mit grünem Daumen und Chefarzt einer Privatklinik ist mein neues Glück. Das Schönste ist, dass seine Tochter dies auch so sieht. Ihre Katze Eduardo und Chanel sind heute die besten Freunde. Eric und ich sind verliebt wie am 3. Mai 2016 und werden den nächsten 3. Mai ganz besonders feiern. Chanel und Eduardo bekommen dann ein besonders feines Leckerli bevor wir uns auf die Hochzeitsreise in unser toscanisches Weingut verabschieden.



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