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Ein grausiger Fund


«Fuss, Neljä!», rief Frau Munz, als ihr Dackel während des Rundgangs um den Schübelweiher im Schilf verschwand und keine Anstalten machte, auf die Rufe des Frauchens zu reagieren. Neljä hiess die Dackeldame, weil sie die Vierte eines Wurfs war. Frau Munz hatte vor einigen Jahren ihre Ferien in Finnland verbracht, da wollte sie wenigstens die Zahlen auf Finnisch lernen, einer Sprache, die ihr sonst als «unlernbar» erschien. Yksi, kaksi, kolme, neljä, zählen bis vier. Frau Munz rief noch einige Male energisch. Erfolglos. Als sie sich ihrem Hund näherte, erblickte sie etwas, was ihr den Atem stocken liess ...

Heinz Hugentobler stand kurz vor seiner Pensionierung. Er war ein freundlicher Mensch, beliebt bei seinen Kollegen. Wegen seiner Initialen nannten sie ihn Haha; darauf reagierte er einmal mit Hahahaha (Heinz Hugentobler hat Humor), damit war die Sache geklärt.

Vor 35 Jahren hatte er bei der Stadtpolizei Zürich angefangen. In dieser Funktion hatte er auch seine Frau Dora kennen gelernt. Er musste ihr eine Busse verpassen, weil sie ihr erstes eigenes Auto, einen knallroten R4 (auf den sie so stolz war) im Halteverbot abgestellt hatte. Ihre empörte Reaktion entzückte ihn, wie sie ihre roten Locken schüttelte, wie ihre goldbraunen Augen funkelten, er verliebte sich sofort in sie. An der Busse war trotzdem nichts mehr zu rütteln, der Zettel war schon ausgefüllt. Als er ihr einige Wochen später im Coop am Bellevue begegnete (dieses Mal in Zivil), nahm er seinen ganzen Mut zusammen und lud sie zum Kaffee ein. Sie war nicht abgeneigt. Zwei Jahre später waren sie verheiratet. Als Heinz drei Jahre später zur Kantonspolizei wechselte und fast gleichzeitig die Chance bekam, in Küsnacht eine schöne, günstige Genossenschaftswohnung zu beziehen, war sein Glück perfekt.

Heute feierten die beiden ihren dreiunddreissigsten Hochzeitstag. Er war gerade dabei, den Blumenstrauss ins Wasser zu stellen und eine Flasche Cava zu öffnen, als das Telefon klingelte. «Hugentobler». Er lauschte konzentriert, seine Miene verdüsterte sich. «Geh nur, es ist sicher wichtig!» Dora musste er nichts erklären, einmal mehr war Heinz bewusst, welchen Glücksgriff er mit ihr gemacht hatte.

Das Ding, das zwischen den Schilfrohren aus dem Wasser ragte, war unschwer als menschliche Hand zu erkennen, zumindest war es mal eine solche gewesen. Die Hechte im Teich hatten das Ihre dazu beigetragen, dass der Anblick alles andere als schön war, trotz rotem Nagellack und Goldring. Frau Munz, die mit Mühe ihren Hund von dem für ihn so interessanten Fund weggezerrt und dann sofort die Polizei alarmiert hatte, sass bleich und zitternd auf einer Bank. Ihre Vernehmung dauerte nicht lang.

Die kriminaltechnische Untersuchung ergab, dass es sich bei der Leiche im Schübelweiher, die zu der Hand gehörte, um eine Frau Mitte dreissig handelte. Ein Abgleich mit der Vermisstendatei der letzten Jahre wies auf eine Frau Martha Streiff hin, Ehefrau des Toni Streiff, wohnhaft an der Weinmanngasse. Der Mann hatte seine Frau vor zwei Jahren als vermisst gemeldet, von ihr waren seither keine Spuren aufgetaucht.

 «Hugentobler, Kriminalpolizei, und das ist mein Kollege Bühler»: Der hagere, bleiche Mann um die fünfzig, der die Wohnungstür geöffnet hatte, wurde noch eine Spur blasser. «Worum geht es? Haben Sie etwas über meine Frau herausgefunden?» «Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Ihre Frau tot aufgefunden haben. Der DNA-Test hat bestätigt, dass es sich um Frau Martha Streiff handelt.»

Der Ehemann klappte förmlich zusammen. Er liess sich auf einen Stuhl fallen und schenkte sich ein grosses Glas Wodka ein, das er in einem Zug leerte, ganz offensichtlich war es nicht das erste an diesem Tag.

Nicht nur der Mann, auch die Wohnung war in einem desolaten Zustand, unaufgeräumt, schmutzig, und ein bisschen frische Luft hätte weder dem Bewohner noch der Wohnung geschadet. Die Behausung eines Alkoholikers. Hugentoblers langjährige Berufserfahrung sagte ihm, dass hier nicht mehr viel Druck nötig war, um ein Geständnis zu bekommen. Der Mann war am Ende.

 «Ich habe Martha geliebt und war überglücklich, dass eine so hübsche Frau einen Durchschnittstypen wie mich heiraten wollte. Aber bald nach der Hochzeit war sie wie ausgewechselt. Ich konnte ihr nichts mehr recht machen, und wir haben uns nur noch gestritten. Sie wurde immer gemeiner und bösartiger; und als sie mir eines Tages an den Kopf warf, sie hätte mich nur meines Geldes wegen geheiratet und sei masslos enttäuscht, was für einen Versager sie erwischt habe, da ist es passiert: Zum ersten Mal habe ich zurückgeschlagen, sie hatte ja täglich auf mich eingedroschen ...» Tonis Stimme versagte, er brauchte noch einen Schluck, bevor er weitersprechen konnte. «Sie ist unglücklich gestürzt, mit dem Kopf auf die Tischkante geschlagen ...» – «... und in Ihrer Panik liessen Sie die Leiche im Weiher verschwinden», fuhr Hugentobler fort. Toni nickte, schluchzte auf, ob vor Reue oder Selbstmitleid, war nicht klar. Der Kommissar fuhr an diesem Abend sehr nachdenklich nach Hause, wo er Dora fest in seine Arme schloss. Er murmelte in ihre grauen Locken: «Was haben wir doch für ein Glück!»

Sie nickte schweigend.



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