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Tüpfelchen auf dem i – eine Liebesgeschichte


Tiefer hinab ging es mit ihr sozusagen nicht mehr, und zwar nicht deshalb, weil sie in Küsnacht unten wohnte, sondern weil ihr Mann sie verlassen hatte. Wie ein verdorrtes Blatt, das langsam im Wind zu Boden torkelte und dort liegen blieb – so fühlte sich Doris. Ja, der Traum vom zusammen alt werden war geplatzt. Sie fühlte sich gedemütigt, verlassen und betrogen. Wut packte sie zwischendurch und dann wieder Selbstmitleid. Tief in ihr drinnen spürte sie aber, dass sie es eines Tages schaffen wird, wieder frohen Mutes und mit innerem Frieden durchs Leben zu gehen. Aber jetzt noch nicht, wo ihr Selbstvertrauen dahin war und sich irgendwo verkrochen hatte. Die Eltern und ihre besten zwei Freundinnen klopften alle zwei Tage an die Tür, um nach Doris zu schauen. Sie hatten Angst, sie könnte sich noch mehr verlieren. Auch andere um sie herum waren liebevoll, aber die «Verwundete» selber konnte sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht spüren, aber sie war froh, nicht immer alleine zu sein. Draussen bewegte sich die Welt weiter, die Weihnachtszeit stand vor der Tür, und erste Schneeflocken bedeckten allmählich die Umgebung. Doris schleppte sich durch die Tage, ohne wirklich da zu sein. Normalerweise würde sie hie und da nach der Arbeit die herrlichen Spazierwege rund um Küsnacht geniessen und ihre Fussspuren im Schnee zurücklassen. Aber die frische Luft und die Natur interessierten sie zurzeit nicht. Die Tage zogen im Dämmerlicht dahin, trostlos und ohne Freude.

Es kam der Tag, an dem Beatrice, eine ihrer Freundinnen, die «Freudlose» drängte, wieder einmal unter die Menschen zu gehen. Sie zerrte Doris tatsächlich eines Tages ins «Turnen für jedermann». «Etwas Bewegung unter Menschen tut dir gut!», meinte sie zum xten Mal. Und so standen sie dann an einem Montagabend tatsächlich in der Turnhalle. Musik und der Vorturner spornten die rund 30 Teilnehmer an. Doris und Beatrice streckten und bückten sich und hüpften mit den anderen im Kreise herum. Doris lustlos, schwer und mit den Mundwinkeln nach unten. Beatrice voller Energie und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Auch Männer waren in der Gruppe. Einer fiel den beiden Freundinnen ganz besonders auf, und zwar weil er sozusagen immer neben dem Takt auftrat – auch das ist eine Art Kunst. Seine Kleidung war auch nicht alltäglich. Aber irgendwie passte das ganze Bild doch zusammen – ein attraktiver, sympathischer junger Mann. Er war mit einem Kollegen gekommen und schien fit zu sein. Doris konnte sich ein inneres Lächeln nicht verwehren, und ihr doch eher muffiges Innenleben erhielt ein kleines Licht geschenkt, wie wenn jemand eine Lampe in einen dunklen Raum gestellt und diese kurz angeknipst hätte. Doch die Stunde war bald um, und der Alltag nahm wieder seinen Lauf. Die Energie änderte sich allmählich in und um Doris; sie und ihr Körper strebten wieder mehr nach dem aktiven Leben. Die Luft um sie herum schien nicht mehr so zähflüssig.

Der Frühling weckte nicht nur die Natur, sondern auch weiterhin ihren Willensdrang, es auch alleine zu schaffen. Auch war ihr Selbstwert im Lauf der Zeit auf der «positiven Liste» nach oben gerutscht. Sie stapfte wie früher in der Freizeit durchs herrliche Küsnachter Tobel, rund um den Schübelweiher oder durch die hügelige Natur rund um Erlenbach, und sie hatte sogar den Plausch im «Turnen für jedermann». Das Bild vom hüpfenden, das heisst neben dem Takt hüpfenden Mann liess Doris während der ganzen Zeit nicht mehr los. Eines Tages, es war einer der ersten, herrlichen Frühlingstage, wo man draussen sitzen konnte, sass Doris an einem Tischchen im Dorfcafé und ass genüsslich eine Kugel Vanilleeis. Es war ein später Samstagnachmittag, der Wind streifte sanft durch die Blätter, und der Duft von Kaffee hing in der Luft. Vor den Tischen lief ein Mann mit einem farbenfrohen Blumenstrauss vorbei. Auch wenn dieses Mal nicht mit neckischen kurzen Hosen, so wusste Doris doch sofort: Da ist er, «der Mann» aus der Turnhalle. Es war noch nie ihre Art, jemanden einfach anzusprechen, aber ihr Mund war schneller als ihr Hirn. «Das mit den Blumen wäre wirklich nicht nötig gewesen», meinte sie zum Vorübergehenden. Worauf der junge Mann aufschaute und antwortete: «Die sind für meine liebe Nachbarin. Sie hat zu meiner Wohnung geschaut, als ich in den Ferien weilte.» Trocken, aber korrekt! Plötzlich meinte er: «Ich gebe heute Abend bei mir eine kleine Party, hättest du nicht Lust, auch zu kommen?» In Doris stockte das Blut, der Puls raste in den Ohren, und die Backen wurden um einen Hauch röter. «Ja gerne», sprudelte es aus ihr heraus, ohne dass sie sich dabei etwas dachte. Kurze Zeit später hatte sie die Adresse des jungen Mannes in der Hand. Jung, ja, das fiel ihr erst jetzt ein. Er war sicher einiges jünger als sie. Was soll das eigentlich hier, fragte sie sich jetzt. Sie zweifelte, sich richtig entscheiden zu haben. Für beide war es wohl eine Art «Überrumpelung».

Was soll man sich unter einer «Party» vorstellen? Doris auf jeden Fall dachte an viele Menschen, die wild durcheinander in Wohn- und Esszimmer plauderten, anstiessen und etwas Kleines assen. Sie war keine «Party-Gängerin», aber was sie antraf, fiel nicht unter ihr Vorstellungsvermögen einer Party. Im Wohnzimmer und auf der Terrasse der Wohnung von Michael standen gerade mal vier Personen. Eine davon war Michael, eine andere sein Turnerfreund Nik, dann eine Nachbarin mit ihrem Mann – sie hatte etwas Kleines gekocht. Doris fühlte sich etwas steif und fremd und sprach vor allem mit Nik, der ihr im Verlauf des Abends klar zu verstehen gab, dass eine Frau über 40 «auf dem Markt» nicht mehr gefragt sei. Hmmmm, ein heiterer Abend sah doch eher anders aus. Mit Michael kam sie leider nur kurz ins Gespräch, denn Nik beschlagnahmte sie mit seinen Geschichten fast den ganzen Abend, und Doris war zu scheu, um diese Situation zu ändern. Obwohl sie Michael nach wie vor sehr sympathisch fand, brachte sie ihre unruhige, innere Stimmung mehr und mehr zum Nachdenken. Doch wenn einmal die Sonne am Horizont aufgeht, kann sie niemand mehr aufhalten. Und so war es auch mit der kleinen Liebesflamme, die sich langsam und federleicht aber unbeirrt in die Herzen von Doris und anscheinend auch von Michael einschlich. Doris hatte noch Tage nach der «Party» zittrige Beine und Herzklopfen, obwohl sie Michael gar nicht näher kennen lernen konnte. Viele Gedanken kreisten durch den Tag um ihn, lenkten sie von der Arbeit ab. Sie fing an, Briefe an Michael zu schreiben, die sie dann nicht absandte. Der Mut fehlte ihr. Nie hätte sie gedacht, dass ihr Herz je wieder für Liebesgefühle bereit ist.

Ein Anruf zwei Wochen später und die Einladung zu einem Nachtessen seitens Michael schenkte dem Flämmchen im Herzen von Doris den Wind, den es benötigte, um grösser und grösser zu werden. Bei jeder weiteren Begegnung fühlten sie sich noch mehr voneinander angezogen. Allmählich wurde die Bekanntschaft zur engeren Beziehung – beide genossen die herrliche Zeit und den Frühling. Die Freunde von Michael rieten ihm ab, in diese Bekanntschaft einzusteigen. Damals war es nämlich nicht gesellschaftskonform, dass eine Frau einen um ein Jahrzehnt jüngeren Mann begehrte. Doch trotz anfänglich äusserer widriger Umstände, Hürden und Zweifel, vorwiegend wegen des Altersunterschieds, wurde aus Liebestropfen der beiden allmählich ein Bach, der zum Fluss mutierte und schliesslich ins Meer mündete. Doris und Michael wurden ein Paar, ein glückliches Paar. Michael liebte Doris, der Altersunterschied wurde für ihn nie zum Thema. Es ist zwar nicht so, dass der Altersunterschied für Doris selber immer leicht war, vor allem, als sie dann gegen die sechzig zuging, aber die Liebe half immer über alle ihre Bedenken hinweg. Michael war und ist ihr Glück. Sie hielten sich symbolisch durch Hochs und Tiefs an der Hand und sind dankbar für all die Zeit, die sie zusammen auf dieser Erde verbringen dürfen. Es ist für beide nach wie vor keine Selbstverständlichkeit, dass aus dem «Turnen für jedermann» eine so nachhaltige und innige Beziehung entstehen durfte. Gottes Wege sind eben doch einmalig.

Eines Tages sass das Paar auf dem Bänkli vor dem Wetzwiler Kirchlein – Hand in Hand – wie so oft zuvor. Sie liebten es, ausgedehnte Spaziergänge von Küsnacht über Erlenbach nach Wetzwil und zurück zu unternehmen. Ja, und da sassen sie nun also wieder. Sie liessen ihre letzten Jahre Revue passieren, ihre letzten zwanzig gemeinsamen Jahre. Und plötzlich machte Michael mit klopfendem Herzen seiner geliebten Doris einen Heiratsantrag. Es fühlte sich an, als würde die Zeit stehen bleiben. Für Doris kam dies vollkommen unerwartet, aber sie musste keine Sekunde überlegen, um ihr JA auszusprechen.

Die Hochzeitsfeier war das Tüpfelchen auf dem i ihrer Liebe.



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