«Die Arbeit an der Schule gibt mir Kraft»: Schulsenior Romano Mondini streicht Knoblibrote. Foto: Lisa MaireLisa Maire
Es ist Freitagmorgen, kurz nach acht. Im Hortraum der Schule Grünau ist die Klasse von Nicole Sutter mit der Vorbereitung des Pausenkiosks – eines gesunden «Znüni» für die ganze Schule – beschäftigt. Die Arbeit ist Teil des Lebenskundeunterrichts. Sie mache den Kindern Spass und bringe zudem etwas Geld in die Klassenlagerkasse, erklärt die Lehrerin. Auf den Tischen türmen sich Berge von Schwarzbrotscheiben. Die einen Kinder bestreichen die Schnitten mit Quark oder Butter, die anderen schneiden Käse, Fleisch, Eier, Tomaten für die Sandwiches, die Dritten schälen Knoblauch für die «Knoblibrote», mischen Birchermüesli, kochen Tee. Es herrscht eine recht konzentrierte Stimmung.
Kreativ und nützlich sein
Plötzlich kommt Bewegung in die Schülerschar. «Herr Mondini ist da», meldet eine aufgeregte Stimme. Der Auftritt des Schulseniors ist beeindruckend: Ein grosser, drahtiger Mann im Velorennfahrerdress stürmt den Raum und wird von den Kindern freudig begrüsst. Nach einer kurzen Rücksprache mit der Lehrerin stellt er sich sofort an den Herd, fischt Teebeutel aus den grossen Kochtöpfen, schmeckt den Tee ab. «Uuh, noch viel zu wenig süss», urteilt er und drückt einem Schüler eine Flasche flüssigen Honig in die Hand. Dann macht er für die Journalistin eine kleine Pause. «Ich bin Romano», stellt er sich vor und schildert, wie er zu seinem Engagement an der Schule gekommen ist.
Der ehemalige Maschinentechniker verbrachte nach seiner Pensionierung zwölf erlebnisreiche Jahre in Spanien, bevor er wieder nach Zürich zurückkehrte und merkte, dass er zu viel Freizeit hatte. Auf der Suche nach einer kreativen und nützlichen Betätigung kam er über die Nachbarschaftshilfe in Altstetten zu seinen ersten freiwilligen Einsätzen im Schulbereich: Er unterstützte die Lehrerin einer Sonderklasse als Begleiter beim Schwimmunterricht und bei verschiedensten Ausflügen. Für seine Arbeit mit den Kindern gab es so viele positive Rückmeldungen, dass man ihm – im Rahmen des Generationenprojekts von Pro Senectute – bald weitere anspruchsvolle Aufgaben an der Schule Grünau antrug. Als Schulsenior unterstützt Romano nun seit acht Jahren die Klasse von Nicole Sutter. Er hilft den Fünft- und Sechstklässlern in Französisch, Rechnen, Lesen, zeichnet und musiziert mit ihnen, fährt auch in Klassenlager mit oder macht die Kinder für die Veloprüfung fit.
«Romano gehört einfach zu uns, ich kann ihm hundertprozentig vertrauen», sagt Nicole Sutter. «Wenn er einmal nicht kommt, sind die Kinder traurig – und ich auch». Der Schulsenior liebt «seine» Kinder – und sie lieben ihn. Während er am Herd steht und gut gelaunt die Herstellung der Knoblibrote betreut, setzt Tino am Sandwichtisch zur Lobesrede an: «Herr Mondini ist einfach unglaublich. Er spielt Mundharmonika und fährt 100 Kilometer Velo im Tag. Er ist sehr sportlich, er ist aber auch ein Künstler.» Midja, Christian und Gabriele doppeln nach: Er sei einfach ein «sehr lieber Mensch», er lache immer, helfe ihnen mega viel, sogar ins Skilager sei er mitgekommen.
Das Alter überlisten
Am liebsten mögen die Kinder, wenn Romano ihnen «Scherze erzählt» oder mit ihnen zeichnet und malt. «Er kann einfach alles», lautet ihr Fazit. Christian ergänzt: «Er schaut, dass wir nichts falsch machen.» Zum Beispiel? «Zum Beispiel die Eier für die Sandwiches zu wenig lange kochen.» Der Schulsenior zieht unterdessen die letzten Bleche mit Knoblibroten aus dem Backofen. Die Schülerinnen und Schüler, die in der grossen Pause den Znüni-Verkaufsstand betreuen, stellen sich mit der Kasse, Broten, Birchermüesli und Teekrügen auf dem Schulhof auf. Romano hat jetzt Zeit für einen Espresso im Lehrerzimmer.
Es sei schon ein besonderes Glück, im Alter gesund zu sein und seine körperlichen und geistigen Energien voll nutzen zu können, sagt der fitte 85-Jährige. Neben Gesundheit brauche es jedoch auch Leistungswillen und Kraft, um das Alter zu überlisten.
«Meine Tätigkeit an der Schule gibt mir einen grossen Teil dieser Kraft», bekräftigt er eine Erkenntnis, die er auch in seinem Büchlein «Anders altern» festgehalten hat. Darin schildert der gebürtige Tessiner verschiedene Abschnitte seines Lebenswegs. Am meisten Platz haben die vielfältigen Erfahrungen an der Schule Grünau. Viele Fotos sowie Abbildungen von Briefen aus Schülerhand zeugen von einer respektvollen, herzlichen und dankbaren Beziehung zwischen Jung und Alt. Auch über die Frage, warum ihm die Arbeit mit den Kindern so viel Spass macht, hat der Senior nachgedacht.
Vielleicht habe er eine Kompensation gesucht, meint er mit Blick auf seine eigene unglückliche Kindheit in einer Familie, wo es weder gegenseitige Kommunikation noch Geborgenheit gab. Vielleicht sei es aber auch eine Art «Wiedergutmachung» angesichts der eigenen «nicht ganz gelungenen» Vaterrolle. Er sei zwar kein schlechter Vater gewesen, aber ein Vertrauensverhältnis zu seinen beiden Kindern habe er nicht aufbauen können. Romano, seit Langem geschieden, lebt in einer Wohnung der Alterssiedlung Werdhölzli. Hier widmet er sich intensiv dem Zeichnen und Malen. «Ein weiteres Hobby von mir», lächelt er.
Wenn er nicht malt, Weihnachtskartenkollektionen herstellt, Schulkinder betreut, sich für die Jugendlichen in der Freestyle-Halle engagiert, steigt der rührige Rentner aufs Rennrad. Fast täglich fährt er grössere oder kleinere Touren. Nur wenn er in die Stadt will, zum Beispiel zu seiner Freundin in einer Seefelder Alterssiedlung, nimmt er lieber das Tram. Langweilig sei es ihm bestimmt nie, sagt Romano. Man glaubt es ihm.
Pro Senectute Kanton Zürich vermittelt ältere Menschen als Freiwillige in Schulen, Horte und Kindergärten. Im Vordergrund steht die Beziehung der Generationen, den Rahmen dazu bilden einfache schulische oder betreuerische Aufgaben. Infos für Interessierte erteilt Kim Baumann, Pro Senectute Dienstleistungscenter Stadt Zürich, 058 451 50 49, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . (pd/ mai.)

Pia Meier
Das Tramlinie Affoltern soll ungefähr in den Jahren 2019 bis 2022 realisiert werden. Gemäss einer Umfrage des Quartiervereins Affoltern wird diese von der Bevölkerung mehrheitlich gewünscht. Die Baulinienrevision, die am 17. Juni zur Abstimmung kommt, dient dazu, den Platz für das zukünftige Tram Affoltern zu sichern. Noch sei aber offen, ob die Wehntalerstrasse – es handelt sich um eine kantonale Strasse – je zwei Autospuren plus eine Tramspur in beide Richtungen oder je eine Autospur plus eine Tramspur in beide Richtungen aufweisen soll, hielt Stadträtin Ruth Genner anlässlich einer Medienkonferenz fest. Bei der Baulinienrevision gehe es nur um die strategische Planung. Ein Projekt fürs Tram Affoltern gebe es noch nicht. So könne zum jetzigen Zeitpunkt auch noch nicht gesagt werden, ob das Tram Affoltern einmal tatsächlich auf dieser Strecke fahre.
Die Mehrheit des Gemeinderats (81 zu 39 Stimmen) bewilligte die Revision der Baulinien in Affoltern. SVP, FDP und CVP ergriffen darauf das Behördenreferendum. Grund dafür ist die Liegenschaft an der Wehntalerstrasse 312.
«Meine Liegenschaft ist kaputt»
Diese Liegenschaft – es handelt sich um das Hochhaus – ist von der Baulinienrevision stark betroffen. Die neue Baulinie geht nämlich mitten durchs Gebäude. Die Stadt will diesen Platz für eine allfällige Tramhaltestelle sichern. Gemeinderat Kurt Hüssy (SVP) betont: «Wenn der Stadtrat bereit gewesen wäre, diesen Punkt aus der Baulinienrevision herauszunehmen, wäre es gar nicht zum Behördenreferendum gekommen.» Friedrich Kunz, Besitzer der Liegenschaft, hält fest: «Meine Liegenschaft wird durch diese Baulinienrevision zerstört.» Ein Grund dafür sei, dass die Zufahrt zu allen Liegenschaften neben dem Hochhaus durch die neue Baulinie abgeschnitten wird. Er verstehe auch nicht, warum er jetzt noch gewisse Sanierungen vornehmen müsse, denn sein Haus werde durch die Baulinienrevision entwertet. Zurzeit hätten das Hochhaus und die benachbarte Liegenschaft, die ihm ebenfalls gehöre, noch einen Verkehrswert von 9 Millionen Franken. Nach der Abstimmung sei dieser auf nahezu null. Genner wies darauf hin, dass es noch nicht sicher sei, dass dieser Platz überhaupt benötigt werde.
Kunz war von der SVP über das städtische Projekt informiert worden und nicht durch die Stadt. Genner betonte, dass dies der normale Verfahrensablauf sei. Die Liegenschaftenbesitzer würden von der Stadt erst informiert , wenn ein konkretes Projekt vorliege. Zudem sei alles im Internet einsehbar.
Aber nicht nur das Hochhaus, sondern verschiedene andere Liegenschaften entlang der Wehntalerstrasse, wie zum Beispiel das Restaurant Frieden, sind von der Baulinienrevision betroffen.
Über gesamtes Paket abstimmen
Bei der Abstimmung am 17. Juni wird nicht über einzelne Baulinien, sondern über das ganze Paket abgestimmt. «Wir brauchen Planungssicherheit», so das Tiefbauamt. «Und diese Sicherheit gewinnen wir nur durch frühzeitigesFestlegen von Baulinien.»
Wenn die Stimmberechtigten die Vorlage gutheissen, werden sämtliche Baulinienänderungen im Quartier Affoltern neu festgesetzt. Somit kann die Anpassungen an die übergeordneten Richtpläne vorgenommen und der Platz für künftige Projekte gesichert werden. Die Stadt kann dann die Gebäude ausserhalb der Baulinie gegen Entschädigung enteignen und abreissen. Sollten Gerichte in allfälligen Rekursverfahren oder der Kanton im Genehmigungsverfahren Änderungen anordnen, könnten diese durch den Stadtrat vorgenommen werden.
Wenn die Stimmberechtigten die Vorlage ablehnen, ist die gesamte Vorlage der Baulinienänderung im Quartier Affoltern gegenstandslos. Der Stadtrat muss dem Gemeinderat dann eine neue Baulinienvorlage zur erneuten Festsetzung unterbreiten, damit die notwendigen Anpassungen an den übergeordneten Richtplan doch noch erfolgen können.
«Kampf um einen Wollishofer Zeitzeugen» titelte «Zürich 2» im Dezember 2011. Das «Renditenhaus» an der Seestrasse 416 sei architektonisches Bindeglied zum 19. Jahrhundert. Mieter und der Quartierverein setzten sich für den Erhalt ein. Nun wurde das Haus verkauft, wie es aus dem Umfeld heisst. «Man könnte ein Lehrstück aus dem Fall machen, wie Schlendrian, Inkompetenz und Arroganz trotz grossem Einsatz seitens der Bewohnerschaft, der Gartendenkmalpflege und der Lokalzeitung eine genossenschaftliche Lösung verhindert haben» nervt sich ein Anwohner. Obwohl im Detail noch wenig bekannt ist, scheinen die Tage der Haus-Idylle gezählt. Der bisherige Besitzer Heinz Honegger ist der Urenkel des Wollishofen so prägenden Wilhelm Heinrich Honegger (1819-1884). Dieser war Seidenfabrikant, liess das benachbarte und eben frisch renovierte Honeggergut bauen, war Gemeindepräsident von Wollishofen und betätigte sich als Mäzen für die Gemeinde. Er führte das Erbe weiter, das sein Vater Hans Heinrich Honegger aufgebaut hatte.
Zu Ehren von Hans Heinrich wurde gar eine Gedenktafel bei der alten Kirche Wollishofen angebracht, die heute noch gut erhalten ist. Nicht nur, aber auch, weil Wilhelm Heinrich Honegger sechs Söhne hatte, gings mit dem Familienbesitz bergab. Es entstanden Rivalitäten und Differenzen, was 1912 zum Verkauf des Gutshauses und der Nebengebäude führte. Jetzt, 100 Jahre später, wurde also auch das «Renditenhaus» veräussert. Damit ist die Epoche der Wollishofer Honegger-Dynastie endgültig zu Ende. (ls.)
Lisa Maire
Sterbehilfefälle in der Schweiz nehmen zu. Wie geht die Gesellschaft damit um? Ist die Selbstbestimmung am Lebensende ein uneingeschränktes Menschenrecht? Oder müssen wir uns dem Lauf des Lebens und Sterbens ergeben, weil auch das Leiden zum Reifungsprozess gehört? Diese Fragen standen am Anfang einer Podiumsdiskussion, zu der sechs Autoren des neuen Debattenbuchs «Der organisierte Tod» geladen waren. Pro Sterbehilfe äusserten sich: Franco Cavalli, Onkologe und ehemaliger Tessiner SP-Nationalrat, Werner Kriesi, Pfarrer und Freitodbegleiter Exit, sowie Ludwig A. Minelli, Jurist und Gründer Dignitas. Die Gegenseite vertraten Monika Renz, Psychoonkologin und Theologin, Gerhard Fischer, Zürcher EVP-Kantonsrat und Biobauer, sowie Pius Segmüller, ehemals Luzerner CVP-Nationalrat und Kommandant der Schweizergarde. Durch die Diskussion führte der Ringier-Publizist Hannes Britschgi.
Das Recht auf Selbstbestimmung, auf das sich Sterbehilfe-Befürworter berufen, greife in der letzten Lebensphase des Menschen nicht, ist die Palliativtherapeutin Monika Renz überzeugt. «Patientenbedürfnisse ändern sich». Auf das Sterben hin geschähen nämlich viele wichtige Prozesse. Dabei gehe es um ein inneres Geschehen, um Bewusstseinsveränderungen, die über Selbstbestimmung hinausgehen. Von aussen betrachtet sehe das Leid deshalb oft anders aus, als es die Patienten selbst empfinden. Das Wissen darüber, dass sich Bedürfnisse ändern können, hält Renz für ganz wichtig bei der palliativen Betreuung von schwer kranken Menschen.
Aus der christlichen Sicht von
Pius Segmüller soll der Mensch zwar möglichst schmerzfrei sterben können, dabei jedoch das Leid, das ihm gegeben wurde, annehmen – tragen. Selbstbestimmung ist für ihn kein Thema. Das Leben sei ein Geschenk Gottes: «Gott gibt es und nimmt es».
«Recht auf Selbstbestimmung»
Ein ganz anderes Menschenbild hat der evangelische Pfarrer Werner Kriesi: Automie sei eine nicht mehr wegzudenkende Errungenschaft der Menschheit, «wir dürfen heute souveräne Wesen sein gegenüber allen übergeordneten Autoritäten» – letztlich auch gegenüber Gott, lautet seine Meinung. Vehement widerspricht Kriesi auch der Aussage von Renz, das Sterben sei ein letzter Akt der Reifung, zu dem das Leiden dazugehöre. Er habe als Freitodbegleiter erfahren: «Auch Menschen, die über ihren Tod selbst bestimmen, können diesen ganzen inneren Prozess bis zur Reife durchleben.» Entgegen anderen Behauptungen mindere Selbstbestimmung die Qualität des Sterbens nicht, im Gegenteil: Durch die vielen Gespräche mit Ärzten, Freitodhelfern und in der Familie entstehe eine Art soziotherapeutisches Klima. «Die Menschen sprechen und beten miteinander, es werden manche Dinge in Ordnung gebracht.»
Auch für den Onkologen Franco Cavalli ist das Recht auf Selbstbestimmung im Tod unbestritten: «Wir können doch Menschen, die sterben wollen, nicht einfach zwingen, weiterzuleben.» Auch wenn die palliativen Behandlungsmöglichkeiten heute sehr gut seien, gebe es doch immer wieder Patienten, die ihr Leben als nicht mehr menschenwürdig empfinden. Das Palliativ-Konzept begreift Cavalli nicht als Widerspruch zur Sterbehilfe. Die Sterbeentscheidung müsse ja nicht von einem Tag auf den andern gefällt werden. «Die meisten Leute sterben heute an einer chronischen Krankheit, die sehr oft auch Jahre dauern kann.» Sie hätten also genug Zeit, «für sich und mit der Familie zu überlegen, wie sie sterben oder unter welchen Bedingungen sie weiterleben wollen».
«Kein Problem mit Morphium»
Oft werde bei diesen Fragen ums Sterben vergessen, «dass wir alle Teil einer Gemeinschaft sind», meint Gerhard Fischer. «Es ist fatal, so zu tun, als könnten wir ganz alleine über uns bestimmen, ohne dass Menschen rundherum betroffen sind.» Der EVP-Politiker sieht die letzte Phase im Leben als «ausserordentlich wichtige Zeit» und Sterbende als «sehr wertvolle Menschen, die uns ganz wichtige Dinge mit ins Leben geben können». Gegen ein schmerzfreies Sterben hat der Sterbehilfegegner «überhaupt nichts einzuwenden – auch wenn Morphium das Leben verkürzen kann». Das Ziel sei hier ja nicht, einen Menschen umzubringen, sondern ihm das Leben erträglich zu machen. Entsetzlich findet Fischer es jedoch, jungen Tetraplegikern «schon nach kürzester Zeit» Sterbehilfe anzubieten. «Wir wissen doch haargenau, dass es Monate, Jahre braucht, bis solche Menschen wieder zu einem Ja zu ihrem Leben finden.»
Mehr Prävention als Suizidhilfe
Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli gibt sich entrüstet über diesen Vorwurf. Die Behauptung, Sterbehilfeorganisationen würden sehr schnell und unüberlegt den Tod anbieten, gehört für ihn «in die Dunkelkammer der römischen Fälschungen». Der Jurist legt auch Wert darauf, die statistischen Zahlen, die Sterbehilfe-Statistiken, zu präzisieren. Auch wenn die Tätigkeit von Dignitas und Exit in den letzten Jahren stark zugenommen hat: Die heute rund 400 begleiteten Suizide pro Jahr entsprächen gerade mal 8 Promille aller Sterbefälle in der Schweiz. Minelli verweist zudem darauf, dass Exit und Dignitas weitaus häufiger beim Weiterleben helfen als beim Sterben. Und zwar indem sie sehr vielen Menschen, die um Hilfe zum Suizid anfragten, bei der Bewältigung des Problems behilflich seien, das zu den Suizidabsichten führte. Diese ganz wichtige Präventionsarbeit der beiden Organisationen sei leider zu wenig bekannt.
«Kein Druck im Altersheim»
Obwohl das Recht, selber zu entscheiden, wann und wie man sterben will, gesetzlich verankert ist, werde es in der Praxis teilweise noch immer zu restriktiv gehandhabt, kritisieren Sterbehilfebefürworter. So verurteilt Kriesi zum Beispiel eine «unerträgliche» Beschneidung des Selbstbestimmungsrechts rund um die Abgabe des tödlichen Medikaments.
Auch das Verbot von Suizid-Beihilfe an den meisten Spitälern und Altersheimen gibt zu reden. Für Sterbehilfegegner wie Renz und Fischer ist das Verbot zwingend, weil sonst andere Patienten oder Heimbewohner unter Nachahmungsdruck gerieten. Gegen solche Befürchtungen spricht laut Minelli eine Studie für die städtischen Altersheime in Zürich, in denen das Verbot aufgehoben wurde: Auf 1200 Sterbefälle pro Jahr gebe es dort gerade mal 0 bis 6 Suizidbegleitungen. Pius Segmüller fordert in diesem Zusammenhang eine einheitliche Gesetzgebung mit klaren Auflagen. Gesamtschweizerisch geregelt sein müsse unbedingt auch der sogenannte Sterbetourismus. Segmüller weiss, dass Sterbehilfe in der Schweizer Bevölkerung eine hohe Akzeptanz findet. Trotzdem bedauert er, dass eine Neuregelung der organisierten Suizidhilfe im Bundesrat «abgewürgt» worden sei.
Werner Kriesi hingegen findet, das geltende Recht genüge vollauf. Er erinnert daran, dass der assistierte Suizid die einzige Sterbehilfe sei, die von den Behörden kontrolliert werde. «In allen Spitälern werden jeden Tag Sterbeentscheide getroffen, die keiner Kontrolle unterstehen.» Kriesi denkt dabei an die «terminale Sedierung» – die zum Tod führende Abgabe immer höherer Dosen von Schlaf- und Schmerzmitteln –, die auch schon mal praktiziert werde, ohne dass der Patient davor gefragt wurde, ob er das wolle.
Ärztliche Suizidhilfe in Diskussion
Auch in der Frage, wer Sterbehilfe leisten soll oder darf, ist man sich uneinig. «Ärzte dürfen nicht zu Exekutoren werden», fordert Renz. Das wäre für die Ärzte selber und auch für die Patienten eine Zumutung. Cavalli sieht das etwas differenzierter: Ärzte seien heute schon Exekutoren, weil sie ja das Rezept für das tödliche Medikament ausstellen müssten. Im Übrigen werde die Frage, ob auch Ärzte Suizid-Beihilfe leisten dürfen, in der Akademie der medizinischen Wissenschaften bereits diskutiert. Der Krebsarzt findet es zudem fragwürdig, dass er einem Patienten, der mithilfe einer Organisation sterben will, das tödliche Mittel verschreiben, dann aber den Patienten zum Sterben aus dem Spital schicken müsse. Er versteht nicht, warum das Mittel nicht im Spital, in aller Ruhe, getrunken werden darf.
Dass die Akzeptanz der Sterbehilfe in der Bevölkerung gross ist, spiegelte sich nicht zuletzt in den Reaktionen des Publikums. Besonders die Voten von Werner Kriesi und Franco Cavalli bekamen starken Applaus. Beklatscht wurde aber auch der Appell einer Frau aus dem Publikum. Wir hätten heute eine gute Palliativ-Medizin, die Möglichkeit einer Suizidbegleitung und vielleicht bald auch eines ärztlich begleiteten Freitods. «Ich begreife nicht, warum diese Optionen gegeneinander kämpfen sollten. Wir sollten zusammenarbeiten.»

Philippa Schmidt
Maja Brunner liebt Küsnacht, und Küsnacht liebt Maja Brunner. Der Draht zwischen der gebürtigen Küsnachter Schlagersängerin und dem Publikum am Seniorennachmittag war sofort da, und überall hörte man: «Die Maja kannte ich schon als kleines Mädchen.» Wie viele der Menschen kamen, um das kleine Mädchen von damals zu sehen, und wie viele wegen der Musik ins Pfarreizentrum kamen, war nicht ersichtlich, doch Maja Brunner vermochte offensichtlich auch jene zu überzeugen, die aus nostalgischen Gründen zu ihrem Konzert kamen.
Nostalgie pur
Bereits bei ihrem ersten Stück «Das chunnt eus spanisch vor» brach das Eis, und bei «Glaub mer, dass di gärn ha» forderte sie die zahlreich erschienenen älteren Damen und Herren dazu auf, «träumend zu wippen» – das Ergebnis entsprach eher einem Schunkeln, doch das spielte keine Rolle, denn den zahlreich erschienenen Zuschauern stand die Freude ins Gesicht geschrieben.
Auch der Hinweis auf die eigene Verwurzelung in Küsnacht durfte nicht fehlen. «Es war eine schöne Jugend», gestand Maja Brunner, die sich gerne an ihre ersten musikalischen Gehversuche in Heslibach erinnerte, und wärmte damit so manches Küsnachter Herz. Nicht nur Küsnachter Wurzeln, auch eine gehörige Portion Italianità sind Teil von Brunners Geschichte, stammte ihre Mutter doch aus dem südlichen Nachbarland. Ergo durfte ein Medley aus italienischen Schlagern nicht fehlen, darunter auch «Tu Vuò Fa’ L’Americano», eine Melodie, die sich vor nicht allzu langer Zeit erneut in den Hitparaden tummelte und George Clooney in seinem Film «The American» (2010) begleitetet.
Da stieg bei manchen Mitsiebzigern und Mitachtzigern die Erinnerung an die Italienferien in den 60er-Jahren wieder hoch. Überhaupt verstand es Maja Brunner meisterhaft, auf der Klaviatur der Erinnerungen zu spielen. So erzählte sie beispielsweise, wie sie in den guten alten Zeiten noch auf der Schreibmaschine getippt habe, und auch als sie Lochkarten erwähnte, nickten viele der Senioren wissend. «Ich komme auch langsam ins Seniorenalter, wir sprechen die gleiche Sprache», sagte die 60-Jährige lachend nach dem Konzert. Dass diese Sprache durchaus auch eine gewisse Rasse hat, bewies sie mit Rock’n’Roll- und Twist-Einlagen, die in ihrem Konzert nicht fehlen durften.
Keine Berührungsängste
Bei «Let’s have a party» hielt es das Publikum nicht mehr länger auf den Sitzen. Spanisch kam es den Zuhörern mit dem Julio-Iglesias-Klassiker «Quiere me mucho» schliesslich tatsächlich vor. Zum Abschluss brachte Brunner den ganzen Saal mittels einer Polonaise auf die Beine, auch Diakon Matthias Westermann liess sich da nicht lange bitten.
Nicht nur die älteren Gäste, auch einige Besucher von der Stiftung Stöckenweid für Menschen mit Behinderung in Feldmeilen liessen sich von Maja Brunner begeistern: Mit strahlenden Augen sangen sie mit, und eine junge Frau aus Stöckenweid führte Hand in Hand mit Maja Brunner die Polonaise an.
Nach dem Konzert wurde Brunner von ihren Fans regelrecht bestürmt und zeigte dabei keinerlei Berührungsängste. Sie versprach, dass es bis zum nächsten Konzert auf Küsnachter Boden nicht wieder sieben Jahre dauern werde. «Es ist ein Nach-Hause-Kommen», betonte sie auf die Frage, wie sich ein Auftritt in Küsnacht denn anfühle.
Auf neue Stücke können sich die Maja-Brunner-Anhänger schon jetzt freuen: Eine neue Schlager-CD sei für den Herbst geplant, verriet sie. Bei so viel Heimatverbundenheit stellt sich die Frage, warum Maja Brunner, denn nicht nach Küsnacht zurückzügelt. «Küsnacht ist eine traumhaft schöne Gemeinde, aber mir gefällt auch Schindellegi», erklärte die in Schwyz wohnhafte Maja Brunner – um anzufügen, sie würde es gar nicht vermögen, in Küsnacht so zu wohnen, wie sie es gerne möchte.
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