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Wipkingen will keinen Weltrekord-Silo


Wie einst Schornsteine könnte auch die heutige Industrie dereinst ein Stadtquartier prägen. Damals wie heute gefällt es nicht allen. Original Foto: (c) Steve Ohlin, Neftenbach (2010); Fotomontage (c) IG Unterer Letten (2010).

Nach dem Stadtrat findet auch die zuständige Kommission des Gemeinderates, dass ein 120 Meter hoher Siloturm bei der Badi Letten möglich sein soll. Das Quartier ist enttäuscht.

Roger Suter

In Wipkingen akzentuiert sich ein Zürcher Problem: Aus der ehemaligen Industrie- ist eine Dienstleistungs- und Wohnstadt geworden. Das beschwört Konflikte mit den wenigen verbliebenen Industriebetrieben herauf: Die Fleischverarbeiterin Centravo in Altstetten stank zu stark, und die Aufstockung des Kornhauses direkt an der Limmat, welche die Getreideverarbeiterin Swissmill plant, wirft zu viel Schatten. Am 1. Juli haben deshalb Bewohner und Badegäste die IG Unterer Letten gegründet, welche zum Ziel hat, den Industriebau dort zu verhindern. IG und SP Kreis 10 haben kürzlich alle interessierten eingeladen, den Verantwortlichen direkt Fragen zu stellen.

Gekommen waren neben Vertretern der IG, der SP 10 und rund 35 Interessierten auch Romeo Sciaranetti, Leiter der Swissmill, Raimund Eigenmann, Betriebsleiter, Bigna Witschi und Katrin Jaggi vom Amt für Städtebau und Veronika Harder vom planenden Architekturbüro Harder Haas Partner AG.

Mühle steht seit 1843

Sciaranetti fing an, tat dies ganz vorne und erzählte von der Mühle, die 1843, damals noch weitab der bebauten Stadt, gebaut wurde. Heute verarbeitet die Coop-Tochter mit rund 75 Mitarbeitenden (das sind 23 Prozent der in der Stadt verbliebenen Industrie-Arbeitsplätze) jährlich 220 000 Tonnen Getreide. Sie generiere daraus 174 Millionen Franken Umsatz und beliefere Grosskunden, die zu 80 Prozent weniger als 100 Kilometer entfernt sind. «Der Standort Zürich ist wichtig für uns», betonte Sciaranetti. Für Zürich sei die Mühle wichtig, um die Versorgung mit einem Grundnahrungsmittel zu gewährleisten. Die Ernteausfälle in der Ukraine und der Exportstopp Russlands hätten gezeigt, wie empfindlich dieser Markt auf solche Schwankungen reagiere.

Stadt informiert selektiv

Das alles stellen auch die anwesenden Wipkingerinnen und Wipkinger nicht in Frage. Sie bemängeln aber die ungenügende Information über das Projekt, was auch die Hochbaukommission zur Kenntnis nahm. In der Medienmitteilung des Stadtrates steht tatsächlich, Swissmill verliere in Basel 60 000 Tonnen Lagerkapazität. Dass im Basler Quartier Kleinhüningen jedoch 30 000 Tonnen neu geschaffen werden, steht so nur im Gestaltungsplan. In Zürich würde Platz für weitere 20 000 Tonnen geschaffen. Sciaranetti hält ausserdem entgegen, dass sein Unternehmen mit mehreren Veranstaltungen und Schreiben informiert habe.

Schattenwurf ist rechtens

Die Wipkinger wollten unter anderem wissen, warum denn dieser Silo genau dort, schräg gegenüber dem 1909 erbauten «Licht- und Sonnenbad» Unterer Letten, stehen müsse. In deren Einzugsgebiet wohnen 70 000 Menschen, sie wurde vor wenigen Jahren aufwendig saniert. Es gebe neben dem bestehenden «Solar-Silo» der Swissmill Platz für weitere Lagerstätten.

Rechtlich ist der Schattenwurf kein Problem: Das kantonale Planungs- und Baugesetz erlaubt einen solchen von bis zu zwei Stunden «an mittleren Wintertagen». Die Beschattung der Badi dauere nirgends viel länger als eine Stunde, hat ein von Swissmill beauftragtes Planungsbüro herausgefunden. Ausserdem sei nie nie mehr als ein Zehntel der Badifläche beschattet.

Komplizierte Lagerhaltung

Für Swissmill sei dies nach langer Evaluation der einzig mögliche Standort, führte Sciaranetti weiter aus. In Basel habe man wegen eines Novartis-Neubaues Lagerkapazitäten abgeben müssen. Zudem sei es sinnvoll, möglichst viel Getreide dort zu lagern, wo es verarbeitet wird – direkt über den Mühlen, direkt an der Limmat. «Die Bewirtschaftung der Lager ist aufwendig», erklärte Betriebsleiter Eigenmann. Das der IG vorschwebende «Just-in-time»-Prinzip mit kleineren Lagerbeständen lasse sich nur begrenzt umsetzen. «Um gleichbleibende Qualität zu sichern, müssen wir die benötigten Getreidesorten in ausreichenden Mengen lagern und zudem von jeder Eisenbahnwagenladung – nur so wird angeliefert – wissen, wo sie ist.» Ein 140-Meter-Silo sei bei der Stadt chancenlos gewesen, deshalb habe man auf die betrieblich notwendigen 120 Meter redimensioniert – was immer noch Weltrekord ist.

Beton als Baumaterial wurde gewählt, weil es als einziges den gesetzlichen Bestimmungen zur Lagerung von Getreide genüge. Dass die Betonbauweise auch die im obligatorischen Gestaltungsplan geforderte «herausragende Qualität» erfülle, wurde vom städtischen Baukollegium bestätigt, von einigen Quartierbewohner aber bezweifelt.

Im September im Rat

Die Hochbaukommission des Gemeinderates hat sich am Dienstag vergangener Woche nach einer Güterabwägung für den Industriestandort entschieden und empfiehlt den Gestaltungsplan mehrheitlich zur Annahme; dagegen war lediglich die AL. Das Geschäft könnte damit bereits Mitte September im Gemeinderat behandelt werden. Die IG will deshalb kommende Woche das weitere Vorgehen besprechen. «Unterschriften sammeln für ein Referendum ist eine der Möglichkeiten», sagt IG-Präsident Schreyer.

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