Küsnachter

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Der Küsnachter Schauspieler Hans Ruchti las aus «Café Odeon».  Foto: asp.

Als Zürich schon eine (kleine) Grossstadt war ...

Etwas mehr als zwanzig literarisch Interessierte fanden sich zum besinnlichen Einstieg in den Advent in der Küsnachter Buchhandlung Wolf zusammen.

Annemarie Schmidt-Pfister

Dort las der Schauspieler Hans Ruchti aus dem Buch «Café Odeon» von Curt Riess, das – von Esther Scheidegger überarbeitet – kürzlich im Europa-Verlag neu erschienen ist. Es gibt ältere Gaststuben in Zürich als das «Odeon». Die für ihre Kunst und ihre Mousse au Chocolat weltberühmte «Kronenhalle» etwa wurde schon 1862 erbaut, die spanische «Bodega» 1874 und die «Öpfelchammer», wo Gottfried Keller zechte, ist als «Weinwirtschaft» sogar schon 1801 dokumentiert. Dennoch: Mit hundert Jahren auf dem Buckel ist auch das berühmte Café Odeon inzwischen eine alt-ehrwürdige Dame aus einer Zeit, da «Zürich schon Grossstadt war – freilich eine kleine Grossstadt».
Am 1. Juli 1911 verkündete das «Tagblatt der Stadt Zürich» die Eröffnung des Cafés im Usterhof am Bellevue: «Sehr schön gelegen, abseits vom Betrieb der Bahnhofstrasse, wo es täglich, ja stündlich vorkam, dass Autos einander begegneten und bereits die Elektrische Strassenbahn die Rämistrasse hinauffuhr», die Spaziergänger aber dennoch «eher den Eindruck hatten, sich in einem Kurort zu befinden.»

Von Einstein bis Lenin

Im nächsten halben Jahrhundert wurde das Café Odeon zu einem Treffpunkt der Intellektuellen und Künstler: Einstein trank hier seinen «kleinen Schwarzen», Franz Werfel, Stefan Zweig und Frank Wedekind gingen ebenso ein und aus wie Somerset Maugham, Thornton Wilder, Carl Zuckmayer, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky und Alfred Kerr, wie Else Lasker-Schüler, Karl Kraus, Ernst Rowohlt, James Joyce sowie Thomas und Klaus Mann, die Dadaisten mit Hugo Ball, Hans Arp und Sophie Täuber-Arp, die Musiker Wilhelm Furtwängler, Richard Strauss, Arturo Toscanini, Franz Lehar und Alban Berg.

Mussolini und Trotzki waren hier, Lenin las seine Zeitungen, und Ulrich Wille jasste, während der geniale Chirurg Ferdinand Sauerbruch sich den Champagner in der Kaffeekanne servieren liess, um nicht negativ aufzufallen. Unter der Betreuung des Buchhändlers und Verlegers Emil Oprecht fand sich die Elite der deutschen Schriftsteller und Schauspieler auf der Flucht vor Hitler und seinen Schergen hier ein.


Während es aber Oprechts Verlag, das wichtigste Schweizer Forum für Exilliteratur zwischen 1933 und 1945, seit dem Jahr 2003 nicht mehr gibt, hat das Café Odeon einige «strube» Zeiten und sogar die vorübergehende Schliessung bzw. Verkleinerung bis heute überstanden – wenn auch nicht schadlos – und ist im letzten Juli 100 Jahre alt geworden. Auch in den noch folgenden Jahren gingen weiterhin Berühmtheiten ein und aus – wo, wenn nicht hier, hätten die Grossen auch der Schweizer Literatur ihren Kaffee oder ihr Glas Wein getrunken und ihre Gedanken ausgetauscht: Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Hugo Lötscher. Von ihm stammt übrigens die Aussage: «Wiener Café hiess, viele Zeitungen zu einem einzigen Kaffee lesen zu dürfen.

Als Jungliterat gefiel es mir, dass man sich von einem Kellner wie Sepp Utensilien an den Tisch bringen lassen konnte, eine Schreibunterlage und einen entsprechenden Stift, das nahm sich aus, als hätte man einen Einfall gehabt.»
Auch wenn das Odeon heute wohl nicht mehr das literarische Kaffeehaus ist, wie Alfred Polgar – Stammgast auch er – es definierte, nämlich «ein Ort für Leute, die allein sein wollen, dazu aber Gesellschaft brauchen», so ist es in Zürich noch immer eine Institution. Hier geht man hin, weil man bis nachts um zwei Uhr warme Küche bekommt – am Freitag und Samstag sogar bis vier Uhr! Und man geht hin, weil man sich an die Zeiten erinnern will, als ein Kaffeehaus «nicht nur eine Gaststätte, sondern eine Weltanschauung» (Polgar) war und «als Zürich schon eine Grossstadt war – wenn auch eine kleine».

«Odeon» in «Bärndüütsch»

Genau so wie alle jene, die sich in der Buchhandlung Wolf-Bieri in Küsnacht von Schauspieler Hans Ruchti – seit einigen Jahren selbst in Küsnacht wohnhaft – in die Welt höherer Kaffeehaus-Kultur entführen liessen. Ruchti wählte die Stellen, die er vorlas, sehr feinfühlig aus und bewies dabei viel Gespür für skurrile Begebenheiten aus der Welt der Berühmten und Gescheiten und für literarische Nuancen. Nicht zuletzt liess man sich gerne von seinem wohltuend schönen Deutsch umschmeicheln – wer hätte gedacht, dass dieser Meister der Sprache und Aussprache im «Normal-Alltag» ein richtig urchiges «Bärndüütsch» redet?


Dass auch Autor Curt Riess, der selbst zum Kern des Literatur-Cafés gehörte und seine Geschichten aus dem Café Odeon buchstäblich «aus dem Vollen» schöpfte, bis zu seinem Tod 1993 auf Scheuren-Forch am Zürichsee lebte, rundet die Geschichte stimmig ab.

Curt Riess, Esther Scheidegger: Café Odeon. Europa Verlag, 34 Franken.