Küsnachter
Mboyo Lokengi Dieumerci (ganz links) und Mohammed Mussa (2.v.r.) mit weiteren Asylsuchenden in Kaltenstein. Foto: Philippa Schmidt
Vom Kongo nach Kaltenstein
Der Eingang liegt etwas versteckt, gegenüber befindet sich ein Kuhstall. Auf der Küsnachter Forch, in der Zivilschutzanlage Kaltenstein leben seit Anfang November knapp 20 Asylsuchende aus Subsahara-Afrika.
Philippa Schmidt
Sie lachen, sie schwatzen und scherzen in einem wilden Sprachgemisch aus Französisch, Englisch und afrikanischen Sprachen. Die Männer, die in Kaltenstein leben, kommen von weit her: Ihre Heimat ist Liberia, Nigeria oder die Demokratische Republik Kongo. Eine geregelte Tagesstruktur haben sie nicht. Vielmehr schauen sie fern, kochen, warten, warten und warten ... Schnell geht beim Bundesamt für Migration derzeit nämlich gar nichts, denn die Zahl der Asylanträge ist 2011 um 45 Prozent gestiegen, verglichen mit dem Vorjahr. Bis zu vier Jahre kann es dauern, bis über einen Antrag endgültig entschieden wird.
Wer in die Schweiz flüchtet, um Asyl zu beantragen, wird zuerst in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum des Bundes und dann in einem kantonalen Durchgangszentrum untergebracht. Aufgrund der gestiegenen Zahlen ziehen die Asylbewerber inzwischen bereits nach zwei bis drei Monaten aus den überfüllten Durchgangszentren in die Gemeinden.
«Der Chef» ist eine Frau Immer Ende des Monats versammeln sich die jungen Männer, die hier leben, um die ihnen zustehenden 422 Franken abzuholen. Mit diesem Betrag werden die nötigsten Kosten für Nahrung, Hygieneartikel, Kleider und Mobilität abgedeckt. Die Krankenkasse wird separat von den Behörden bezahlt. Am «Zahltag» ist der Chef da, nimmt die Personalien von Neuankömmlingen auf, teilt das Geld aus und klärt über das Leben in der Schweiz auf. «Der Chef», wie sie ehrfurchtsvoll von den Männern genannt wird, das ist Susanne Salas. Die Sozialarbeiterin der von der Gemeinde beauftragten ORS Service AG ist für die Betreuung der Menschen in Kaltenstein zuständig.
Ein Job, der für die junge Frau mit dem wachen Blick nicht immer einfach ist, denn viele der Asylsuchenden haben menschliche Not und Menschenrechtsverletzungen am eigenen Leib erfahren. Eine Hypothek, die sie als psychische Belastung ihr Leben lang begleiten wird und auch das Leben in Kaltenstein nicht immer einfach macht. «Ich forciere nichts, aber wenn das Bedürfnis besteht, dass sie mir ihre Geschichte erzählen wollen, höre ich ihnen zu», schildert die Sozialarbeiterin ihre Herangehensweise an die Problematik. Eine gewisse Distanz sei aber auch ein Zeichen von Professionalität, und sie müsse – wie in anderen Berufsgattungen auch – Berufliches und Privates ganz klar trennen. Dennoch, tagsüber ist Salas für die Asylsuchenden immer telefonisch erreichbar und auch nachts gibt es eine Nummer für Notfälle.
Es sei wichtig, eine «menschenwürdige Situation» zu schaffen, präzisiert Roman Della Rossa, Sprecher der ORS-Service AG, das Ziel der Betreuung. Angesichts der Unterbringungssituation ein nicht immer ganz einfaches Vorhaben. Kaltenstein soll gemäss der Gemeinde Küsnacht denn auch eine vorübergehende Lösung sein, bis eine geeignetere Unterbringung gefunden wird.
Integration unerwünscht Integrieren können sich die Asylsuchenden nicht, denn dieser Schritt ist erst vorgesehen, wenn ein Asylgesuch angenommen oder vorläufig angenommen worden ist. Folglich können die jungen Afrikaner auch praktisch kein Deutsch. Ein Wort scheinen sie aber alle zu kennen: «Strafe». So weiss in Kaltenstein fast jeder, dass er ein Billett lösen müsse, bevor er mit der Forchbahn fährt, denn ansonsten droht «Strafe». Von Küsnacht kennen die Asylbewerber nicht viel, ist es doch ohne Auto fast unmöglich, ins Dorf zu gelangen. Als er hört, dass Küsnacht eine der wohlhabendsten Gemeinden des Kantons sei, kann Mboyo Lokengi Dieumerci sich ein ungläubiges Schmunzeln nicht verkneifen. Der 24-Jährige hat nach eigenen Angaben in seinem Heimatland, der DR Kongo, Politikwissenschaften studiert. Gerne würde er arbeiten, um seiner Mutter, die im Kongo geblieben ist, Geld zu schicken. An die Möglichkeit, dass sein Gesuch abgelehnt wird, mag er gar nicht erst denken. Eines weiss er aber genau: Rückkehr ist keine Option für ihn, denn in weiten Teilen des Kongos herrscht Bürgerkrieg. Auch für Mohammed Mussa ist eine Rückkehr kein Thema. Der junge Afrikaner stammt aus dem Niger und gehört der Ethnie der Hausa an. «A bad place», nennt er sein Heimatland, da Hausa dort verfolgt würden. Die Schweizer nimmt er oft als distanziert wahr, doch er hat auch schon positive Erfahrungen gemacht: «Eine ältere Dame im Zug hat mir ein Sandwich spendiert», erzählt er mit strahlenden Augen.
«Ich will kein Parasit sein und nehme jeden Job», stellt Mussa klar, als er gefragt wird, wie er sich seine Zukunft vorstellt. In Kaltenstein vermisst er einen Basketballkorb oder Ähnliches. «Es tötet den Körper», beurteilt er die Art der Unterbringung.
Kaum Privatsphäre Die Asylsuchenden in Kaltenstein haben sich ihr Leben in der Schweiz anders vorgestellt, als sie sich vor Monaten auf dem Weg gemacht haben – nach Europa ins vermeintliche gelobte Land. Nun hausen sie in hölzernen Kajütenbetten, mit einer kleinen Küche, einem spartanisch eingerichteten Aufenthaltsraum, drei Duschen und einer Waschmaschine. Privatsphäre existiert hier nicht, denn jedem bleibt nur eine Matratze in einem der Betten sowie ein Schliessfach als eigenes kleines Reich. Kontrolle muss auch in Kaltenstein sein, so überprüfen Gemeinde- und Kantonspolizei regelmässig, ob sich sogenannte «Fremdschläfer» in die Zivilschutzanlage verirrt haben. Die Anzahl der Männer schwankt, denn bei manchen werden die Anträge abgelehnt, andere sind eines Tages einfach nicht mehr da. Der, dessen Antrag angenommen wird, erhält einen B-Ausweis. Deutschkurse und die Integration in den Arbeitsmarkt sind die nächsten Stationen, auf dem Weg in ein unabhängiges Leben in der Schweiz. Ob viele der Menschen in Kaltenstein dies erleben dürfen, ist mehr als fraglich.
Asylsuchende in Küsnacht
Mit der Unterbringung von insgesamt mehr als 60 Asylsuchenden erfüllt die Gemeinde Küsnacht das Kontingent, das ihr vom Kanton zugewiesen worden ist. Asylbewerber leben nicht nur in Kaltenstein, sondern auch im Dorf. Die Betreuung wird von der ORS Service AG übernommen, die auch Asylsuchende anderer Gemeinden betreut.
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