Küsnachter
Simon Schreiber und seine Gruppe mit dem fast fertigen Haus.
«Regionale Chügeli» haben die Nase vorne
Schnell noch ein paar «Röhrli» aufs Dach, die Fassade rot verkleiden und dann das: «Du häsch d'Türä zuäkläbt!» Fünf Minuten vor Abgabeschluss ging es in der Kantonsschule Küsnacht beim Hausbau drunter und drüber ...
Philippa Schmidt
In ihrer Studienwoche beschäftigen sich Schüler der 5. Klassen der Kantonsschule Küsnacht mit dem Thema «Technik für die Energieversorgung der Zukunft». Während sich andere 5.-Klässler für Bereiche wie «CSI Küsnacht» oder «Gentechnologie» entschieden haben, besuchen die 21 Mädchen und Burschen, die von den Physiklehrern betreut werden, unter anderem ein Minergie-Haus, eine Kompogasanlage oder bauen eben selbst ein möglichst umweltfreundliches Haus – oder besser gesagt Häuschen. 12 Zentimeter breit und 15 Zentimeter lang soll das Bauwerk nämlich nur werden. Bewohnen wird es eine Playmobilfrau: Maria mit ihrem Hund. Der Vierbeiner hat bei dem ganzen Hausbau durchaus einen Zweck zu erfüllen oder vielmehr die Hundetüre, denn durch diese werden die Kabel für eine ausgeklügelte Konstruktion geführt.
Laborant Max Rupp hat nunmehr schon zum fünften Mal fünf Lämpchen mit installierten Thermometern gebastelt. Nachdem alle fünf Gruppen ihr Häuschen abgegeben haben, werden diese sechs Minuten durch die Lämpchen aufgeheizt. Das Modell, welches die Wärme am besten speichert, geht als Sieger aus dem Wettkampf hervor. Als Lehrerin Elisabeth Germann kurz vor 13 Uhr den Startschuss zum fröhlichen Häuslebauen gibt, sind die Nachwuchs-Architekten noch guter Dinge – schliesslich haben sie für ihr Traumhaus fast zwei Stunden Zeit. Physiklehrer Christian Grütter hatte den Teenagern vor der Mittagspause die wichtigsten Grundlagen zu Minergie-Häusern erklärt. Wissen, das die 17- und 18-Jährigen nun auch in ihr eigenes kleines Traumhaus einfliessen lassen können.
Gut gedämmt ist halb gewonnen Bei der begrenzten Materialauswahl sind aber nicht nur gute Kenntnisse über Wärmedämmung, sondern auch Improvisationstalent gefragt. Während in einer reinen Mädchengruppe hölzerne Grillspiesschen zu Fensterrahmen verarbeitet werden – Holz leitet Wärme schlecht – konzentriert sich Gruppe 3 auf die «Chügeli»- Produktion. «Die ‹Chügeli› aus Zeitungspapier sind nicht so weit weg von den modernen Dämmstoffen», erklärt Felix Helmrich. Er habe einen Film gesehen, in dem das bei einem richtigen Haus gemacht worden sei, so der Schüler weiter. Dies koste nicht so viel Geld und sei ideal in Ländern wie beispielsweise Kasachstan. Er könne sich durchaus vorstellen, in einem Entwicklungsland als Ingenieur zu arbeiten, antwortet der dunkelhaarige Jugendliche auf die entsprechende Frage.
Nicht nur die Dämmung, auch das Design fliesst in die Wertung mit ein. Während einige Schüler sich auf die «Wurstel-Technik» verlassen und Zeitungspapier eher schnell als gründlich auf Karton kleben, schneiden und kleben andere akkurat Schicht auf Schicht. An ausgefallenen Design-Ideen mangelt es den Jugendlichen nicht: So hat eines der Modelle einen dreieckigen Grundriss, wohingegen ein anderes in Pyramidenform entsteht und ein drittes wiederum mit einer Collage auf der Aussenwand punktet. Gedämmt sind sie alle mit Zeitungspapier, Alufolie und zum Teil auch mit schwarzem Papier, denn Schwarz nimmt Wärme auf und speichert sie. «Meistens weiss man, was gut isoliert ist, aber manchmal wird man auch überrascht», schmunzelt Lehrerin Germann.
Die Gruppe von Simon Schreiber lässt sich vom morgendlichen Besuch an der Hochschule für Technik Rapperswil inspirieren. Dort hatten die Schüler im Institut für Solartechnik die Unterschiede zwischen Flach- und Röhrenkollektoren gelernt. Der 17-Jährige gestaltet nun aus Pappe solare Flachkollektoren für das Dach. Auch ein Windrad aus Trinkröhrchen darf bei diesem energetischen Musterbau nicht fehlen. Mangels Wind und Sonne im Physikraum der Kanti Küsnacht sind die Apparaturen jedoch blosse Deko. Das weiss auch Simon, er hofft denn auch eher auf «Pluspunkte fürs Design».
«Nahezu ein Topmodell» Nach eifrigem Gebastel, Geklebe und Geschnipsel stehen schliesslich fünf mehr oder weniger fertige Häuschen auf dem Lehrertisch. Mithilfe einer digitalen Mess-Software, die an die Wand projiziert wird, verfolgen Schüler wie Lehrer die Temperaturentwicklung in den Häusern. Nach einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen setzen sich die «regionalen Chügeli», wie Felix Helmrich sie nennt, schliesslich durch. Das schwarze pyramidenförmige Haus ist derart gut isoliert, dass es gewinnt: Als Lohn winken den Siegern Kinokarten.
Ein kleines Trostpflaster für die Gruppe von Simon Schreiber ist die Tatsache, dass ihre Strategie in der Design-Wertung aufgeht. «Sowohl farblich wie auch handwerklich nahezu ein Topmodell», urteilt Regina Bötschi, Lehrerin für Bildnerisches Gestalten, und setzt das Modell auf Rang eins. Während der gesamten Projektwoche müssen die Schüler zudem im Planspiel «Keep cool» ihre Ressourcen verwalten und ausbauen. Sie vertreten Schwellenländer, OPEC-Staaten oder auch Entwicklungsländer. Da kann es schon einmal vorkommen, dass eine Staatengruppe einer anderen morgens einen Vertrag mit allerlei Bedingungen und Fallstricken vorlegt. «Mir gefällt der Bezug zur Aktualität», beurteilt Anna Nyfeler die Studienwoche. Die Schülerin könnte sich auch gut vorstellen, selbst mit erneuerbaren Energien zu arbeiten, allerdings nicht als Ingenieurin, sondern eher im Bereich Politik oder Ökonomie.
«Die Zeugnisse sind gemacht, und die Schüler lehnen sich zurück. Aber mit dem Sonderwochenkonzept sind sie ganz anders gefordert», erklärt Physiklehrer Christian Grütter die Idee, die dahintersteckt. «Diese Woche war eine der spannendsten in meiner Schulzeit», habe ihm eine Schülerin nach dem Matura-Apéro schon gesagt, berichtet Grütter. Gesponsert wird die Woche von IngCH, Engineers Shape our Future, einer Unternehmensvereinigung, die das Technikverständnis in der Öffentlichkeit fördern will. Folglich geht es auch darum, junge Menschen für den Ingenieursberuf zu begeistern.
Erneuerbare Energien im Fokus Doch dies ist nur eine Seite der Studienwoche, auch das Umweltbewusstsein und das Verständnis der Schüler für erneuerbare Energien sollen gefördert werden. Letztes Jahr hätten sie noch ein Krenkraftwerk und ein Zwischenlager für radioaktive Abfälle besichtigt», erzählt Grütter, der auch als Prorektor tätig ist. Doch auch an der Kanti war der Reaktorunfall in Fukushima ein Thema. «Wir wollten mehr auf erneuerbare Energien umschwenken, aber wir müssen auch aufzeigen, dass es ein schwieriger Weg ist», schildert der Physiker, wie die Vorfälle in die Planung mit eingeflossen sind.
Nach einer Woche Physikunterricht der anderen Art stehen die Chancen gut, dass auch das musisch-neusprachliche Gymnasium den einen oder anderen Ingenieur oder auch eine Ingenieurin hervorbringt. Und wer weiss, vielleicht auch einige Architekten – nach dem Studium klappt es bestimmt auch mit den Türen.
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