Küsnachter

Urs Rengel erklärt den Energieverbrauch anhand von Schokolade. Foto: nak.
«Unrealistisch wie der Stern von Betlehem»
Urs Rengel, Direktor der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ), hielt im Rahmen eines Informationsanlasses des Quartiervereins Zollikerberg ein Referat zum Thema «Energiewende – Fluch oder Segen».
Nadine Klopfenstein
«Alle kennen den Begriff der 2000-Watt-Gesellschaft. Doch keiner weiss genau, was das ist», sagt Urs Rengel, blickt in die Menge der Zuhörer im katholischen Kirchgemeindesaal Zollikerberg und führt weiter aus: «Die meisten denken, das habe etwas mit Strom zu tun. Das ist so nicht richtig.» Der Direktor der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich kennt sich mit der Materie Strom sehr gut aus. Schliesslich ist das EKZ eines der grössten Stromverteilerzentren der Schweiz. Doch Rengel beschäftigt sich nicht nur mit Strom, sondern auch mit Energie. Als Verwaltungsratsmitglied des Kernkraftwerks Gösgen sieht er sich seit dem letzten Jahr mit der Frage konfrontiert: Wie weiter nach dem Ausstieg aus dem Atomstrom?
2000-Watt-Gesellschaft Einer Lösung begegnet er dabei immer wieder: der 2000-Watt-Gesellschaft. Doch Rengel ist skeptisch. «Bei dieser Idee geht es um die Energiemenge pro Person in einem Jahr», sagt der Direktor des EKZ, und erklärt: «Das heisst, jeder von uns darf nicht mehr als 6300 Watt Energie im Jahr brauchen. Das ist ein Drittel des heutigen Verbrauchs.» Für Rengel ein utopisches Ziel. Dies vor allem auch, weil der Verbrauch pro Kopf immer weiter steigt. Einerseits sei dies auf das Bevölkerungswachstum zurückzuführen, andererseits auf die Komfortsteigerung breiter Schichten, erklärt der Fachmann. «Wenn wir in einer 2000-Watt-Gesellschaft leben wollen, können wir pro Tag 1,3 Stunden Zug fahren. Aber dann dürfen wir uns den Rest des Tages nicht mehr bewegen oder etwas essen.» Rengel betont, dass die 2000-Watt-Gesellschaft so nicht realisierbar sei.
Mit dem bundesrätlichen Beschluss, bis 2050 aus der Atomenergie auszusteigen, müssen neue Lösungen zur Energiegewinnung gefunden werden. Rengel begegnet dieser Herausforderung pragmatisch: «Die Kernkraft macht momentan neun Prozent unserer ganzen Energiemenge aus. Plakativ gesehen, sollte es möglich sein, Kernenergie zu ersetzen.» Der Fachmann demonstriert dies an einem Modell aus Tafelschokoladen in verschiedenen Farben und macht damit den kleinen Teil der Kernenergie an unserem gesamten Energiebedarf sichtbar.
Rengel ist der Meinung, dass es möglich wäre, die Kernenergie durch eine intelligentere Nutzung der gängigen Energiereserven wie Gas, Benzin, Diesel und Heizöl zu substituieren. In diesem Bereich werde aktiv geforscht, um den Wirkungsgrad der Energiegewinnung zu erhöhen. Doch kommerziell sei das Verfahren noch nicht einsetzbar. Doch was tun, wenn das massive Energiesparen eine Utopie und die Forschung noch nicht einsetzbar ist? Gemäss dem EKZ-Direktor könnten bessere Gebäudeisolationen bereits die Hälfte des Verbrauchs aus Kernenergie einsparen. Darüber hinaus verkleinern moderne und effizientere Geräte, zentrale Heizsysteme und leichtere Autos den Energieverbrauch erheblich.
Atomausstieg auf Raten Der Fachmann erklärt: «Die Schweiz hat sich nicht nur für einen Ausstieg aus der Atomenergie starkgemacht. Sie hat sich auch dazu entschlossen, ab 2050 die Stromproduktion nur mit erneuerbaren Energien zu realisieren. Dieser Weg ist unrealistisch. Wie der Stern von Bethlehem.» Rengel sieht als einzige Möglichkeit, den Ausstieg aus der Kernenergie bis 2050 zu realisieren, indem man wieder auf fossile Energieträger ausweicht. «Es ist effizienter und besser, im Übergang einen höheren CO2-Ausstoss zu akzeptieren, bis wir alles in erneuerbaren Energien realisieren können.» Der Direktor des EKZ betont, dass ein direkter Umstieg von Atom- zu erneuerbaren Energien weder realisierbar noch finanzierbar sei.
Nach den Ausführungen von Urs Rengel erhielt das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Meinungen zu äussern. Der Tenor war klar: Nicht alle Anwesenden stehen hinter dem Entscheid des Bundesrats, aus der Kernenergie auszusteigen. Rengel kennt diese Reaktion und stellt sachlich fest: «Wenn die Politik beschliesst, dass wir aussteigen müssen, dann lohnt es sich nicht, darüber zu diskutieren. Das ist eine demokratische Entscheidung.»
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