Küsnachter

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Filmperle: So nah und doch so fern ...

Die Japanerin Aiko und der Schweizer David lieben sich. Doch dass Liebe nicht nur schön, sondern auch eine komplizierte Angelegenheit ist, zeigt der Erlenbacher Joris Noordermeer in seinem Debüt-Film «Sommererwachen».

Philippa Schmidt

Jung und Alt tummelten sich Anfang Februar im Gutskeller des Erlenguts, um bei der Veranstaltung «Persönlich» zu hören, was den erst 21-jährigen Joris Noordermeer dazu bewogen hat, einen 86-minütigen Spielfilm zu drehen. Während Noordermeer die junge Generation der Schweizer Regisseure repräsentierte, stellte der erfahrene Filmemacher und Gemeinderat Walo Deuber die Fragen. Dass die Öffentlichkeit noch etwas ungewohnt für ihn ist, zeigte Noordermers anfängliche Zurückhaltung. Doch Deuber schaffte es geschickt, ihn aus der Reserve zu locken, sodass seine Begeisterung für das Medium Film und die Freude über die positiven Reaktionen auf Sommererwachen bald ersichtlich wurden.


Die Mischung machts
Wer «Sommererwachen» sieht, mag kaum glauben, dass der Film eine Maturaarbeit und nicht die Diplomarbeit eines Filmstudierenden ist. Der Gymnasiast David und die Studentin Aiko lernen sich in Zürich kennen. Geraume Zeit nach dem Scheitern der Beziehung entscheidet sich David, Aiko in Japan zu besuchen, um sie zurückzugewinnen. Ganz alleine fliegt der Maturand in die Millionenmetropole Tokio und wird überflutet von einer Vielzahl von fremdartigen Eindrücken. Derweil erfährt der Zuschauer in Rückblenden, wie sich die Liebesgeschichte zwischen Aiko und David entwickelt und was zu ihrem Scheitern geführt hat. Auf der Suche nach Aiko reist der zunehmend verzweifelte David durch Japan und erlebt Momente der Einsamkeit, aber auch des ungläubigen Staunens.


Vieles sei learning by doing gewesen, erzählt Joris Noordermeer im persönlichen Gespräch. Ein bisschen Fachliteratur, ein bisschen Intuition und die Betreuung von Florian Bachmann, seinem Lehrer für Bildnerisches Gestalten an der Kantonsschule Stadelhofen, bilden die Basis für Noordermeers filmerisches Können: Das Ergebnis offenbart ein erstaunliches Talent. Sommererwachen schlug das Erlenbacher Publikum denn auch in seinen Bann, wie die Reaktionen nach der Vorführung zeigten. Dass ein 19-Jähriger als Regisseur, Kameramann und Cutter fungiert und dann erst noch einen Film über die Liebe dreht, erscheint riskant – doch in diesem Fall hat sich das Risiko gelohnt.
Dank seinem Alter schafft es Noordermeer, die Lebenswelt seiner Generation authentisch darzustellen. Weit erstaunlicher ist es, wie sensibel und mit welcher Reife sich Noordermeer dem Thema «Liebe und Beziehung» angenähert hat. Walo Deuber versuchte dem jungen Filmemacher zu entlocken, ob diesen Szenen persönliche Erfahrungen zugrunde liegen, doch wirklich rausrücken wollte der Erlenbacher nicht mit der Sprache. Die heraufziehenden Wolken am Beziehungshimmel veranschaulicht, Noordermeer gekonnt mit einer Szene ums Feuermachen, bei der Aiko beweisen will, dass sie dies auch alleine machen kann – es kommt zum Konflikt. Das Ende ist feinfühlig und überraschend zugleich – mehr sei hier noch nicht verraten ...


Erlenbacher Road Movie
Nicht nur zwischenmenschliche Gefühle, auch Bewegung spielt in Sommererwachen eine grosse Rolle. Nachdem David die junge Frau vergeblich in Tokio gesucht hat, wird ihm mit Schrecken bewusst, dass es sich bei «Rishiri» nicht um einen Stadtteil Tokios, sondern um die nördlichste Insel des Kaiserreichs handelt. So entwickelt sich Sommererwachen zum Road Movie, das den Zuschauer in eine faszinierende, fremdartige Kultur eintauchen lässt.
Dass Noordermeer diese Szenen vor Ort gefilmt hat, ist der Tatsache zu verdanken, dass der Jungregisseur 2008 ein Austauschjahr in Japan verbracht hatte. Neben Joris Noordermeer haben auch die beiden Hauptdarsteller Benjamin Grossmann-Hensel (David) und Frances Raquel Narváez (Aiko) mit ihrem einfühlsamen Spiel einen grossen Anteil am Erfolg des Films. Bleibt zu hoffen, dass Joris Noordermeer dem Filmemachen die Treue hält. Dieses Wochenende wird noch kein Oscar nach Erlenbach vergeben – doch das kann sich ja ändern.

Vorführungen: 24.2. um 20 und 26.2. um 15 Uhr im Kino Orion Dübendorf sowie am 14.4. um 16 Uhr an den Schweizerischen Jugendfilmtagen. Infos und DVD-Vorbestellung: www.sommererwachen.ch.