
und kann es halten.
Nicole Isele
Beim Gang durch das Atelier stechen sie einem sofort ins Auge – die sogenannten «Rhythmogramme». Sie verkörpern die abstrakte Linie der «Zeitfragmente» und erinnern an Elektrokardiogramme. «Mich haben immer schon die Zeit und die Vergänglichkeit beschäftigt. Der Pulsschlag ist die Uhr, die jeder Mensch hat. Und das EKG ist die Visualisierung des Lebens, wenn man so will», erklärt Tibor Franaszek. Die Bilder sind so symmetrisch und feingliedrig gemalt, dass sie beinahe als Fotografien oder Spraybilder durchgehen könnten. Doch der Künstler betont, es sei alles handgemalt. Das Geheimnis der Gleichmässigkeit ist ganz einfach: «Ich höre beim Malen auf meinen Pulsschlag.»
Malen mit Lava
Ein weiteres Faszinosum des Tibor Franaszek sind Urmaterien: «Alles, was wir haben, ob es dem Menschen dienlich ist oder nicht, ist daraus entstanden.» Und so ist es kein Zufall, dass er ausgerechnet pulverisiertes Lavagestein in seine Ölfarben mischt. Analog dazu thematisiert die zweite realistische Werkgruppe architektonische Spuren von vergangenen Kulturen, wie etwa die Akropolis und andere ähnliche Tempelfragmente. Durch die Auseinandersetzung mit diesen geschichtsträchtigen Motiven ergibt sich eine Spannung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Mit dem künstlerischen Prozess und mit jedem Betrachten entsteht ein neues Verständnis – oder wie Franaszek es nennt: «Eine Perlenkette von Gegenwart.»
Aber auch pflanzliche Motive, Bäume und Sträucher sind Thema in den «Zeitfragmenten». Der Wald ist für den Ungarn, der seit 44 Jahren in der Schweiz lebt, voller Präsenz. Die Kontinuität der Vegetation wird darin sichtbar. Ein Bild fällt auf, weil es nirgends so richtig dazugehören möchte. Es ist ein Hochstuhl in «Baywatch»-Manier, wie er in Amerika hundertfach an der Pazifikküste prangt. Tibor Franaszek sieht diesen Stuhl symbolisch für seine Rolle in seinem Schaffen: «Kunst ist Beobachten. Ich liebe die Einfachheit, die man nur durch genaues Hinsehen erfassen kann.»
Kunst entsteht durchs Publikum
Der 64-Jährige ist noch einer von der alten Schule. Er hat das Kunsthandwerk von der Pike auf gelernt. In Budapest an der Kunsthochschule war es durchaus an der Tagesordnung, sich eine Woche mit einem Modell auseinanderzusetzen. Dieser sensible und detailgetreue Umgang mit Objekten spiegelt sich in seinen Werken wieder.
Was der Ausstellung eine besondere Note verleiht, sind die extravaganten Räumlichkeiten im Goldbachcenter. Die Exponate sind in einem 40 Meter langen und 6,5 Meter breiten Raum mit schwarzem Boden arrangiert. «Es war eine spannende Herausforderung, die Schau an diese Architektur anzupassen», so der Künstler. Die Lichtquellen in Spektralfarben und die Klanginstallationen unterstreichen das aussergewöhnliche Ambiente zusätzlich. Was Tibor Franaszek von der Vernissage im Goldbachcenter erwartet? «Ich verspreche mir Resonanz und zwar in vielerlei Hinsicht. Kunst ist immer Kommunikation. Der Künstler fertigt das Produkt, was jedoch nur ein Teil der Kunst ist. Die Bilder entstehen erst durch das Publikum. Entscheidend ist, was jeder Einzelne in der Betrachtung daraus macht.» Man darf gespannt sein!
Die Ausstellung von Tibor Franaszek im Goldbachcenter, Seestrasse 39 in Küsnacht dauert vom 7. bis 26. März. Öffnungszeiten: Mo–Fr, 8–19 Uhr. Vernissage: Samstag, 6. März, 17–19 Uhr mit einer Einführung von Kunstvermittler Peter Killer um 17.30 Uhr. Finissage: 26. März, 17–19 Uhr.