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08.04.2017 - 11:52 Uhr

Alissia verliert sich in der digitalen Welt

Morgenappell beim Unternehmen «SPACE»: In die Handfläche jedes Mitarbeitenden ist ein Smartphone implantiert. Fotos: Pascal WiederkehrAlissia wird schnell mit «Requests», also Anfragen, bombadiert.Im Personalbüro wird Alissia ermahnt, sich stärker in den sozialen Medien zu beteiligen – auch in ihrer Freizeit.Ein seltener Moment der Ruhe: Blick in den Weltraum.Die visionären Gründerinnen von «SPACE» thronen über ihren Arbeitnehmern.«Follower» im echten Leben: Alissia wird regelrecht von ihren Fans verfolgt.

Jeden Tag, jede Sekunde online: Das Stück «Alissia in SPACE» der Kantonsschule Küsnacht zeichnet eine Zukunft, in der alle völlig transparent sind und es keine Geheimnisse gibt.

«Guten Morgen, liebe Spacerinnen, es ist 8.45 Uhr, was für ein wunderbarer Tag», verkündet eine junge und vollständig gelb gekleidete Frau auf Rollschuhen. In der Hand hält sie ein Mikrofon. Um sie herum sind weiss gekleidete, ebenfalls junge Menschen. Sie begrüssen sich mit einer Art Ritual, wiederholen immer wieder das Wort space – also Weltraum. Neben den weissen Kleidern und ihrem Alter haben sie noch etwas gemeinsam: Ihnen scheint das Lächeln im Gesicht eingefroren zu sein.

Im Theaterstück «Alissia in SPACE» der Kantonsschule Küsnacht, das am Donnerstag Premiere feierte, geht es um die namensgebende Alissia, die eine Praktikumsstelle beim angesagten Informatikunternehmen «SPACE» ergattert hat. Deren Motto lautet PTP – was für Passion, Transparency, Participation, also Leidenschaft, Transparenz und Beteiligung steht. Und das Motto wird gelebt. Jeder Mitarbeiter trägt das in die Hand implantierte «AllEins» – eine Mischung aus Computer und Smartphone. Die sozialen Medien, alle E-Mails und das Internet in einer Hand – was kann man sich Besseres vorstellen? Als Alissia bei der Mitarbeitereinführung ihr bisheriges Handy und ihren alten Laptop zeigt, wird sie von ihren Kollegen belächelt.

Heslihalle wird zum Theatersaal
Am Anfang scheint alles super. «Alissia, kennsch scho eusi Bungalows», fragt Skye aus der Personalabteilung – das Stück ist komplett in Dialekt geschrieben. «Dort kannst du übernachten, wenn es mal spät werden sollte oder wenn du schnell einen Power-Nap machen möchtest», fügt sie an. Zwischendurch ertönt teilweise atonale, Gänsehaut erzeugende Musik, erzeugt von einem rund 80-köpfigen Chor und dem Orchester. Dahinter befindet sich eine Leinwand, auf der Filmausschnitte gezeigt werden, und auf den an der Decke angebrachten Ballons sind Projektionen zu sehen.

Die Heslihalle in Küsnacht wurde von Szenograf Peter Hauser in einen Theatersaal umgewandelt. Die Inszenierung ist Teil des Kulturprojekts «Synapse 17» zum Thema Vernetzung, zu dem auch die Werkschau «überall ist hier» gehört (der «Küsnachter» berichtete). Geschrieben haben es die sechs Schülerinnen Denia Stettler, Fee Blass, Leonie Kyburz, Naomi Rhomberg, Sophie Olvany und Tabea Trachsler im Rahmen des Wahlkurses «Schreiben für die Bühne». Geleitet wurde der Kurs von der freischaffenden Dramaturgin und Autorin Maja Bagat. «Wir hatten während eines halben Jahres jeweils eineinhalb Stunden pro Woche, um die Geschichte von Alissia zu erschaffen», erzählt Bagat. «Es ging darum, ein Thema aufzugreifen, das die Jugendlichen persönlich betrifft», sagt Bagat. Parallel dazu begannen der Theaterkurs sowie Chor und Orchester mit ihrem Teil der Arbeit. Bagat: «Man hat sehr selten die Gelegenheit, mit so vielen Menschen ein Stück inszenieren zu können.»

Rund 150 Schülerinnen und Schüler der Kanti stehen inklusive Orchester und Chor gleichzeitig auf der Bühne, davon 14 Darstellerinnen und Darsteller. Auch für die Technik sind sie verantwortlich – immer unter der Anleitung von Profis. Neben Bagat sind dies unter anderem die Komponisten David Lichtsteiner und Tobias Krebs sowie Janina Offner und Christine Faissler für die Regie sowie Michael Kessler als Chor- und Orchesterleiter.

Vom Job überfordert
Ähnlich wie die Protagonistin im Buch «The Circle» des Amerikaners Dave Eggers, welches laut Maja Bagat als Inspiration gedient habe, ist auch Alissia schnell von ihrer neuen Stelle überfordert. Die Abgrenzung zwischen Job und Privatleben fällt ihr zunehmend schwer. Als die junge Frau – im Stück gespielt von drei Darstellerinnen – dann auch noch ins Personalbüro gerufen wird, versteht sie die Welt nicht mehr. Der Vorwurf: Ein ganzes Wochenende hätten ihre Arbeitskollegen nichts von ihr gehört. Keinen Beitrag in den sozialen Medien, keinen Kommentar, kein Like, einfach gar nichts. Aus diesem Grund ist ihr «Participation Ranking» ins Bodenlose gesunken. Um sich zu verbessern, verliert sich Alissia zusehends in der virtuellen Welt. Als sie dann für ein spezielles Programm zur totalen Transparenz ausgewählt wird und per implantierter Kamera ihren gesamten Tag live direkt ins Internet übertragen soll, verschwimmen Realität und Virtualität komplett.

Doch sie ist nicht die Einzige, die Mühe mit dem Leistungsdruck dieser digitalen und transparenten Gesellschaft hat. Immer wieder verkündet die junge Frau auf Rollschuhen, die im Stück die Stimme genannt wird, Namen von Mitarbeitern, die sich eine «Auszeit» nehmen. Die anderen Angestellten quittieren das brav lächelnd. Wie jeden Tag heisst es von neuem: «Guten Morgen, liebe Spacerinnen, es ist 8.45 Uhr, was für ein wunderbarer Tag.» (pw.)

«Synapse 17» vom bis 10. April: Weitere Informationen zu «Alissia in SPACE» und zur Expo «überall ist hier» unter www.synapse17.ch.

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