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08.06.2017 - 17:20 Uhr

«Ist unsere Religion zu wenig selbstbewusst?»


Stefan Urech, SVP-Gemeinderat und Kreisparteipräsident 4+5, David Guggenbühl, Vizepräsident Kirchgemeinde St. Peter und Organisator der monatlichen Turmgespräche im St. Peter, sowie Balthasar Glättli, Nationalrat und Fraktionspräsident der Grünen Partei der Schweiz (v. l.). Foto: Lorenz Steinmann

Balthasar Glättli. Der Nationalrat der Grünen beherrscht den Dialog mit der Bevölkerung via Medien. Er ist präsent auf Tele Züri, ebenso etwa in der «NZZ». Er ist einer der fleissigsten (und pointiertesten) Twitterer unter der Bundeshauskuppel, und er gilt zusammen mit der SP-Politikerin Min Li Marti gar als eines der politischen Traumpaare. Doch womöglich wegen dieser Dauerpräsenz wirkt Glättli in der heutigen sechsten Ausgabe der Turmgespräche überaus vorsichtig in seinen Aussagen. Am persönlichsten wird der 45-Jährige, als er von seiner ersten intensiven Begegnung mit der Religion erzählt. Glättli: «Ich hatte mit sechs Jahren Leukämie und lag lange im Kinderspital. Weil ich schon lesen konnte, las ich die Kinderbibel».
Wo begegnet er der Religion, wo empfindet er dabei Himmel oder Hölle? Glättli hat gemischte Gefühle. «Die Religion kommt seit 15 bis 20 Jahren in die Politik zurück», so sein Urteil. Dabei missbrauche die Politik die Religion. «Die Haltung der CVP etwa ist schade bis beängstigend», die Religion sei Fundament und Ausgrenzung zugleich, ganz nach dem Motto «Bist du nicht für mich, bist du gegen mich». Für Balthasar Glättli gilt die Aussage des Künstlers Joseph Beuys als eigene Lebenshaltung: «Die Würde eines Menschen kann nur der Kampf um die Würde des anderen Menschen sein.»

Osternestli heimgeben verboten
Doch wie wichtig ist nun die Religion für die Schweiz, hakt David Guggenbühl von der organisierenden Kirchgemeinde St. Peter nach. «Es sind eher Sitten und Gebräuche anstatt die innere Überzeugung», findet Glättli. Für ihn ist der Umgang mit der Religion in der Schweiz verkrampft. Eine These, welche die anwesenden Lehrpersonen (Stefan Urech und Aileen Guggenbühl) durchaus nachvollziehen können. «In den Schulen hat man Angst vor dem Thema Religion», macht Aileen Guggenbühl die Erfahrung. Ein Beispiel: Zwar werden in den Primarschulen Osternestli gebastelt, die Schüler dürfen diese aber nicht nach Hause nehmen. Grund: Sonst werde Andersgläubigen unsere Religion auferzwungen. Urech stellt fest, dass man heute alle Religionen in der Schule durchnehme – ausser das Christentum. «Bei einer Schulvertretung hatte ich 17 Schüler aus 15 Ländern, dabei hatten wir alle etwas gemeinsam: Wir leben alle in einer christlichen Stadt», so der 29-jährige SVP-Gemeinderat.

«Sind wir bald niemand mehr?»
Glättli erinnert an die Religionsfreiheit, stimmt aber zu, dass man die eigene Religion durchaus selbstbewusst leben solle. Doch wie soll das gehen? Urech sieht einen Wertezerfall, wenn der Individualismus überall bevorzugt werde. «So sind wir bald niemand mehr, denn in anderen Religionen wird der Individualismus viel weniger gelebt», prognostiziert der SVP-Vertreter.
Malt er zu schwarz oder sind weltweit Tendenzen härterer religiöser Auseinandersetzung spürbar? Der Medizinstudent Michael Beglinger erinnert daran, dass alle Religionen etwas gemein haben: die Nächstenliebe. Doch wie Glättli eingangs sagte: «Die Politik missbraucht die Religion.» Lukas Tobler, Philosophiestudent und Teilzeit-Lehrer an der Autonomen Schule in Zürich, hat durch seine Lehrtätigkeit mit Flüchtlingen aus vielen Nationen unterschiedlicher Religionen zu tun. Er plädiert, Religionsthemen unverkrampft anzusprechen und sie zu diskutieren. «Ich finde es schade, dass es verboten ist, in Schulen christliche Werte zu vermitteln.» So werde der Graben nur noch grösser. Tobler erlebt in seinem Schulalltag, dass die Religion vordergründig Ursache von Problemen ist, doch letztlich sei die eingetrichterte Ideologie das Problem. Ideologie kann auch als Weltanschauung ausgelegt werden. Dabei, so die Auffassung des Chronisten, müssen weltweit die Medien ihre Pflicht als demokratisches und faires Kommunikationsmittel wahrnehmen – wenn die Regierungen sie denn zulassen.
Sind die aktuellen Terroranschläge Vorboten wiederkehrender Religionskriege? Erasmus von Rotterdam hinterfragte schon 1515 die Lehre vom gerechten Krieg in seiner Schrift «Klage des Friedens» (siehe Text unten). Er forderte starke Trennung der Kirche von allem Militärischem. Diese Forderung ist aktueller denn je. (ls.)

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Erasmus von Rotterdam hinterfragte «These vom gerechten Krieg»

«Himmel oder Hölle – wo begegnet Politikern die Religion», lautete die leicht angepasste Einstiegsfrage, die der St.-Peter-Pfarrer Ueli Greminger stellte. Doch wie immer bei den Turmgesprächen rückte Greminger kurz den Gelehrten, Theologen und Schriftsteller Erasmus von Rotterdam (1466–1536) ins Zentrum. Erstens soll bei den Turmgesprächen das Wirken dieses Gelehrten gewürdigt und in Erinnerung gerufen werden und zweitens war Erasmus selber durchaus ein politischer Mensch. Er hinterfragte als einer der ersten die Lehre vom gerechten Krieg, also vom sinnvollen Krieg, dessen These es heute noch gibt. Dabei sah Erasmus die Konfessionskriege voraus – und erklärte sich schon ums Jahr 1515 herum zum Pazifisten. In seiner Schrift «Klage des Friedens» forderte Erasmus eine starke Trennung der Kirche von allem Militärischem und die grösstmögliche Anstrengung weltlicher Herrscher, gewalttätige Konflikte zu vermeiden. (ls.)

Die achtteilige Diskussionsrunde mit profilierten Gästen im Turm der Kirche St. Peter steht unter dem Motto «Religion – Himmel oder Hölle». Sie will den Reformator Erasmus von Rotterdam würdigen und die gesellschaftliche Stellung der heutigen Kirche thematisieren. Die Turmgespräche sind in voller Länge und gekürzt auf der eigens aufgeschalteten Website www.turmgespraeche.ch nachzuhören. Im Kirchenschiff St. Peter sind bis Ende Jahr 14 Wissenstafeln über die Reformation, den Bezug zu Zürich und Erasmus von Rotterdam ausgestellt.

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