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14.09.2017 - 11:27 Uhr

Das Bild der Heimat darf auch mal wackeln


Ein ungewöhnliches Fotoprojekt feiert heute in der Photobastei Vernissage: Bewohner der «Herberge zur Heimat» geben Einblick in ihren Alltag im Männerheim und in ihre Lebensthemen.

Die Institution «Herberge zur Heimat» ist ein Platz mitten in Zürich, wo benachteiligte und sozial ausgegrenzte Männer jeden Alters und jeder Herkunft ein vorübergehendes oder dauerhaftes Zuhause finden. «Sie stecken in schwierigen Lebensabschnitten, deren Aspekte für Aussenstehende meist nicht zugänglich sind oder schlicht nicht wahrgenommen werden», beschreibt es Geschäftsleiter Maurus Wirz. Dies ist denn auch der Beweggrund für das Fotoprojekt «Heimat ist auch ein Ort», mit dem sich Interessierte nun in der Photobastei auseinandersetzen können: Es will den Heimbewohnern eine Stimme und ein individuelles Gesicht geben.
An dem Projekt unter der Leitung des Künstlers und Autors Christian Wittwer, der sich auch mit seinen journalistischen Sozialreportagen einen Namen gemacht hat, haben 6 von 49 Bewohnern der «Herberge zur Heimat» mitgemacht. Jeder von ihnen erhielt eine Digitalkamera geschenkt, mit der er sechs Monate lang möglichst detailliert seinen Tagesablauf bildlich festhalten sollte.

Alle haben durchgehalten

Das Projekt startete als Experiment: «Wir wussten nicht, ob die Motivation so lange anhalten würde», schaut Wirz zurück. Dass es – nicht zuletzt dank regelmässigen, motivierenden Zwischengesprächen mit Christian Wittwer – geklappt hat, findet er bewundernswert. «Das ist eine grosse Leistung!», bilanziert er. Und meint damit nicht nur den Durchhaltewillen der Männer, sondern auch ihre Bereitschaft zum Outing, die mit der öffentlichen Ausstellung einhergeht. In der Tat stellen sich die Teilnehmer (mit einer Ausnahme) mit ihrem Namen und ihrer Biografie hin. Dies erfordert viel Mut, da Menschen wie sie in der breiten Öffentlichkeit fälschlicherweise oft als «Randständige oder Obdachlose» stigmatisiert werden.

Die Ausstellung zeige sehr eindrücklich, so Wittwer: Für die Bewohner des Männerheims sei Heimat ein Ort, wo man zur Ruhe kommen und das Gefühl haben kann, akzeptiert zu sein. Aus den Fotos, die im Laufe der Monate zusammenkamen, wählte er als künstlerischer Leiter je sieben pro Teilnehmer aus. Zu sehen seien nun «meist sehr emotionale, eigenwillige Aufnahmen». Unscharfes oder Verwackeltes war dabei für ihn kein Ausschlusskriterium. Die meisten Bilder, so Wittwer, seien nicht spektakulär, aber authentisch. «Sie widerspiegeln die psychische Verfassung des Fotografierenden und seine persönlichen Lebens-Themen». Manchmal kommen die Fotos auch wie trendige Reportagebilder daher. Und einige haben sogar eine künstlerische Qualität, die den Fotografierenden selbst gar nicht bewusst war, wie Wittwer erzählt.

Als Person wertgeschätzt

Interessierten Aussenstehenden gibt die Ausstellung authentische und sehr persönliche Einblicke in den Alltag der Heimbewohner. Und was bringt die Ausstellung den Betroffenen selbst? Er denke, die meisten von ihnen habe das Projekt dazu motiviert, sich verstärkt mit der eigenen Person und Geschichte auseinanderzusetzen, sagt Wittwer. Vor allem im Zusammenhang mit dem Erstellen der jeweiligen Lebensläufe. Wirz teilt diese Einschätzung. Andererseits komme wohl auch ein gewisser Stolz dazu, sich mit den Fotografien öffentlich präsentieren zu können. «Sie fühlen sich als Person wertgeschätzt, in ihrer Situation wahr- und angenommen.» Besonders berührt hat Wirz, dass einer der Männer auch deshalb mitmachte, um damit etwas für all jene anderen Heimbewohner zu tun, die sich nicht so gut zu ihrem Leben mit all dessen Brüchen mitteilen können.

In den Biografien, die in der Ausstellung präsentiert werden, sind diese Bruchstellen allerdings nicht immer so klar umrissen wie etwa bei Martin Gyger. «Ich musste drei Mal operiert werden und konnte nicht mehr arbeiten. Ich bekam dann eine IV-Rente. Da hatte ich plötzlich viel zuviel Zeit! So hat das mit der Sauferei begonnen», schildert der 55-jährige. Aus seiner weiteren Beschreibung wird aber auch deutlich: In der «Herberge zur Heimat» gibt es Menschen, die hierher gekommen sind, um sich und ihr Leben neu zu «sortieren» – und dies auch schaffen können. (mai. / Foto: Hanspeter Bollier)

Vernissage: Do, 14. September, 18 Uhr, Photobastei, Sihlquai 125, 8005 Zürich. Ausstellung bis 24. September. Öffnungszeiten: Mi–Sa 12–21 Uhr, So 12–18 Uhr. www.potobastei.ch; www.herberge-zh.ch; www.culture-nature.com/heimat

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