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04.12.2017 - 18:23 Uhr

Walker Späh will neuen Fluglärm-Index


Ältere und daher laute Flugzeuge – im Bild eine russische Antonov AN-124 über Kloten – sind hier inzwischen selten. Walker Späh möchte deshalb den ZFI entsprechend anpassen. Foto: Simon Heinz

Als politisches Instrument wirkungslos, aber als Messmethode brauchbar: Die Volkswirtschaftsdirektorin will den ZFI modernisieren.

Rund 269 000 Flugbewegungen fanden 2016 auf dem Flughafen Kloten statt, knapp 4000 mehr als 2015 und 2014. Die schlechte Nachricht ist: Auch der Zürcher Fluglärmindex ZFI wurde erneut überschritten – und zwar um 17 110 Personen, indem statt der «erlaubten» 47 000 sogar 64 110 Personen vom Fluglärm gestört werden.

Die gute Nachricht ist: Das stimme so nicht. Denn der ZFI habe «Geburtsfehler», so Carmen Walker Späh, Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich, am vergangenen Freitag vor den Medien. Und sie hofft, diese im Auftrag des Kantonsrates bald beheben zu können.

Anlass war die Präsentation des Flughafenberichtes, in dem der Kanton, dem seit der Flughafen-Privatisierung noch ein rundes Drittel von dessen Aktien gehört, alljährlich schreibt, ob und wie zufrieden er mit dem Airport ist – sowohl volkswirtschaftlich als auch lärmtechnisch.

Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Ernst Stocker (SVP) nahm der ZFI bei Carmen Walker Späh eine prominente Position ein, indem sie ihm einen ausführlichen Teil der Medienkonferenz widmete. «Nach zehn Jahren ZFI ist es Zeit für Ehrlichkeit», sagte sie im Zürcher Walcheturm. Im Klartext: Der Lärmschutz gemäss ZFI ist gar nicht umsetzbar.

Der Zielkonflikt im Flughafengesetz sei eigentlich unüberwindbar. Paragraf 1 des Flughafengesetzes verpflichtet den Regierungsrat, dass er den Flughafen Zürich zur Sicherstellung seiner volks- und verkehrswirtschaftlichen Interessen fördert; andererseits soll die Regierung die Bevölkerung vor schädlichen oder lästigen Auswirkungen des Flughafenbetriebs schützen. Doch die Bevölkerung wächst genau dort am meisten, wo geflogen wird.

Index ohne Konsequenzen

Diese Entwicklung ist politisch und wirtschaftlich gewollt und so im kantonalen Richtplan eingetragen. 80 Prozent des Bevölkerungswachstums soll hier aufgenommen werden, um die Zersiedelung der übrigen Gebiete zu verhindern. Indem aber der Kanton dort «urbane Wohnlandschaften» fördere, treibt er gleichzeitig den ZFI in die Höhe.

Der hier auch schon kritisierte Papiertiger ist nach wie vor zahnlos, seine Überschreitung hat kaum sichtbare Konsequenzen. Er wird nun aber immerhin als das verkauft, was er ist: ein Messinstrument für Lärm, das mit Menschen statt mit Dezibel rechnet. Allerdings hat der ZFI «Geburtsfehler», welche Walker Späh nun ausräumen will: Einerseits ist die konkrete Zahl der belärmten Menschen irreführend, weil manche – zum Beispiel in Opfikon – doppelt berechnet werden, wenn sie Tag und Nacht Fluglärm erdulden müssen: Sie gehören zu den «highly annoyed» (stark Belästigte tagsüber) genauso wie zu den «highly sleep disturbed» (den stark im Schlaf Gestörten).

Leisere Flugzeuge berücksichtigen

Vor allem aber berücksichtige die bisherige Methode den Fortschritt der Technik nicht. «Und den Lärm an der Quelle zu bekämpfen ist nicht nur erste Priorität des Kantons bei der Lärmbekämpfung, sondern auch der ICAO» (die Internationale Zivilluftfahrts-Organisation der UNO), so Mark Dennler, Abteilungsleiter Flughafen/Luftverkehr im Kantonalen Amt für Verkehr (AFV) – noch vor raumplanerischen Massnahmen, optimierten Flugverfahren und zuletzt Betriebseinschränkungen.

Dennler erwähnt die neuen und erheblich leiseren Flugzeugtypen Airbus A380, 350, 320 Neo, Boeing 787 oder die C-Serie von Bombardier, dank denen er mit einer Entlastung von 10 bis 15 Dezibel rechnet – wobei eine Senkung von 3 Dezibel für das menschliche Ohr in etwa eine Halbierung des Lärms bedeutet. «Künftig soll man die Lärmwerte von Flugzeugen in der Berechnung des ZFI austauschen können. Diese Änderung muss aber vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) bewilligt werden», sagt Dennler. «Das sind Milliardeninvestitionen in leisere Flugzeuge, die so nirgends abgebildet sind», sagte Walker Späh. Deshalb hofft sie darauf, dass der Kantonsrat sie mittels eines eingereichten Postulats beauftragt, den ZFI anzupassen (siehe Kasten).

Abschaffung ist keine Option

Eine Abschaffung des ZFI, wie sie flughafenfreundliche und Wirtschaftskreise seit längerem fordern, steht für Walker Späh nicht zur Diskussion: «Er ist Bestandteil des Gegenvorschlags zur Volksinitiative ‹Für eine realistische Flughafenpolitik›», so Walker Späh, «und wurde 2007 vom Volk angenommen.»

Und auch dass der Kanton Zürich mit dem ZFI ein eigenes Lärmmodell verwendet, hat für Walker Späh seine Berechtigung: «Die Zürcherinnen und Zürcher tragen fast 90 Prozent des Fluglärms selber.» Daher ist Walker Späh auch etwas ungehalten über unsere nördlichen Nachbarn: Denn das Betriebsreglement 2014, welches aus ihrer Sicht deutliche Verbesserungen brächte, wird in Berlin seit Jahren «aus politischen Gründen» blockiert, wie sie betont, weil es sich vor den Wahlen kein Politiker mit der Wirtschaftsregion Süddeutschland verscherzen wollte. Je nach Verlauf der Koalitionsverhandlungen könnte die Schweiz einen neuen Anlauf starten, Deutschland zur Ratifizierung zu bewegen. Ansonsten werden wir wohl die Teile des BR2014, für welche es Deutschland nicht braucht, umsetzen», so Walker Späh; beispielsweise Optimierungen beim Ostanflug. Noch nicht zufrieden ist der Kanton mit der ungenügenden Pünktlichkeit und den teilweise daraus folgenden, verspäteten Abflügen nach 23 Uhr. 2016 waren dies insgesamt 2486 Bewegungen, im Vorjahr 2385. Bis 23.30 Uhr kann der Flughafen diese als «Verspätungsabbau» selber bewilligen (2304, Vorjahr 2187).

Während des Nachtflugverbots zwischen 23.30 und 6 Uhr flogen letztes Jahr 217 Maschinen; 74 Ambulanz-, 15 Vermessungsflüge sowie 129 Linien- oder Charterflüge (wegen technischer Probleme beziehungsweise wetterbedingt). Vier Flüge meldete das aufsehende Amt für Verkehr dem Bazl in Bern, weil es mit der Begründung nicht einverstanden war oder weil gar keine Ausnahmebewilligung vorlag.

Mit Geschäftsführung zufrieden

Verbesserungen verspricht sich Dennler nach Umsetzung des bundesrätlichen Sachplans Infrastruktur SIL2: Er sieht unter anderem verlängerten Pisten 28 und 32, Südabflüge geradeaus bei Bise und bei Nebel sowie die Erweiterung einen neuen Rollweg zur Piste 14 um die Piste 28 herum vor. Damit müssten die späten Maschinen nicht mehr die Landepiste 28 kreuzen, um selber starten zu können.

Die bereits dagegen ergriffenen Massnahmen würden erst zu wirken beginnen, so Dennler. Allerdings gebe es im System Luftverkehr auch sehr viele Abhängigkeiten: «Nicht an jeder Verspätung hier ist der Flughafen Zürich auch schuld.»

Neben dem Lärm sind auch die Flugrouten und -zeiten unter Beobachtung: 2016 stellte der Kanton knapp 4100 Abweichungen von den Flugrouten fest (1 Prozent weniger als 2015). 1400 davon wurden genauer abgeklärt (-21 Prozent), und fünf Abweichungen mussten Bern gemeldet werden (der Kanton selber hat keine Sanktionsmöglichkeiten). Die meisten Abweichungen betrafen den Steigflug (863) und den Kurvenflug (720).

Wenig zu bemängeln gab es bei den anderen Kapiteln des regierungsrätlichen Flughafenberichtes: Die gute Erreichbarkeit Zürichs habe erhalten werden können, die Information seitens Flughafen sei koordiniert und vorbildlich, der Umweltschutz (nach Bundesvorgaben, aber nicht darüber hinaus) erfüllt, die Finanzen gesund und der Flughafen in Rankings meist auf den vorderen Plätzen zu finden.

 

Was ist der Zürcher Fluglärm-Index ZFI?

Beim Zürcher Fluglärm-Index (ZFI) wird – wie bei vielen anderen Indices auch – nicht etwa flächendeckend mit Mikrofonen am Boden der Lärm gemessen. Vielmehr nehmen die Lärmspezialisten der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt Empa, welche den ZFI entwickelt hat, die Lärmdaten von Flugzeugtypen und zeichnen damit die Flugwege nach. «Man kann sich eine Blase ums Flugzeug vorstellen, die den Lärm darstellt», erklärt Mark Dennler, Abteilungsleiter Luftverkehr im Kantonalen Amt für Verkehr. Ein lautes Flugzeug hat eine grössere Blase als ein leises; die Fläche am Boden, welche die Blase berührt, ist damit grösser.

Diese Zahlen werden mit der Anzahl Menschen im überflogenen Gebiet sowie mit der Zeit, in der die Flüge stattfinden, verrechnet, wobei Flüge vor 6 und nach 21 Uhr dreimal stärker gewichtet werden («Highly sleep disturbed», HSA), um dem Lärmempfinden gerecht zu werden. (Die tagsüber belärmten werden «Highly annoyed», stark belästigte Personen, genannt.) Deshalb sind sich die 4 Prozent nächtliche Flüge für fast 40 Prozent der Belärmten verantwortlich. Der ZFI steigt aber nicht nur, wenn mehr geflogen wird, sondern auch, wenn zusätzliche Menschen in belärmte Gebiete ziehen. 2016 war die Zunahme des ZFI (+38 Prozent gegenüber 2007, als er eingeführt wurde) zu 17 Prozent dem Bevölkerungswachstum geschuldet, der Flugbetrieb erhöhte ihn um 21 Prozent. Der Richtwert – also die Grenze, ab welcher der Regierungsrat seinerzeit Massnahmen versprach – liegt bei 47 000 belästigten Personen. Er wurde errechnet aus der Anzahl Flugbewegungen (325 000) und der Bevölkerungszahl des Jahres 2000, den Flugzeugtypen und den Flugrouten des Jahres 2004 und dem geltenden vorläufigen Betriebsreglement.

Der ZFI steht zunehmend in der Kritik, weil er die neuen, leiseren Flugzeuge nicht berücksichtigt. Denn während die Anzahl Flugbewegungen seit 2000 um 18 Prozent gesunken ist, wuchs die Bevölkerung um 23 Prozent im Kanton, sogar um 31 Prozent im Glattal und liess auch den ZFI steigen. Dieses Manko möchte der Regierungsrat beheben.

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