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29.03.2018 - 11:51 Uhr

Die umstrittene Schlatter-Osterhasen-Kur


Osterhasen-Teller für Oliver mit Schoggi-Eiern und kleinen Zucker-Eili. Foto: ho.

Der pensionierte Pressefotograf Bruno Schlatter aus Altstetten wird gelegentlich zum Geschichtenerzähler. Letzten Winter erschien sein erfolgreiches Buch «Die himmelblaue Weihnachtstasse» im Wörterseh-Verlag. Jetzt hat er exklusiv für unseren Verlag eine Ostergeschichte geschrieben.

Oliver, unser Sohn (5), will keine Suppe zum Mittagessen. Alles Zureden hilft nichts. Auch die hausgemachten Ravioli, eines seiner Lieblingsessen, rührt er nicht an. Er ist nicht etwa krank. Nein, er zwängelt, er nervt.
* * *
«Ich will jetzt meinen Osterhasen essen», brüllt er und grosse Tränen rollen über seine Kinderbacken. Wir sind ratlos. Der Kleine stampft auf den Boden und verlässt den Tisch und holt seine grosse Kartonschachtel voll von süssen Ostersachen, die er über das Osterwochenende von Grosseltern, Tanten und Verwandten bekommen hatte. Wir kauften ihm das lang ersehnte kleine Fahrrad, doch der Dauerregen liess eine gemeinsame Ausfahrt über die Ostertage nur kurz zu. So waren es halt die Osterhasen und all die anderen fantasievollen Schleckereien, die der Bub begeistert in eine grosse Schachtel packte. Und genau diese immer noch prall gefüllte Schachtel platziert er demonstrativ auf den Tisch neben die weisse Gratinform mit den Ravioli, liebevoll hausgemacht vom Teig bis zur Füllung von Maria Schlatter. Er packt einen schon ausgepackten grossen weissen Schoggihasen und beisst ihm demonstrativ das Ohr ab. Maria will ihm schon den Hasen entreissen, da habe ich sie, die Idee, die noch heute als revolutionär, aber auch sehr umstritten in unserem Bekanntenkreis kommentiert wird.
* * *
«Stopp!», schreie ich. Ich rückte meinen Stuhl näher zum Kind und frage ihn sanft und freundlich: «Lieber Oliver, ich mache dir einen Vorschlag, du darfst die ganze Woche zu jedem Essen alle deine tollen Ostersachen essen, bis die Schachtel leer ist», aber nur das, sonst nichts anderes! Was meinst du?

Die Mutter rollt entsetzt die Augen, der Kleine strahlt, er kann sein Glück kaum fassen, ist einverstanden und glücklich. Wir essen unsere Suppe und die Ravioli, mit einem Blick den Bub im Auge. Der aber knabbert ungerührt, geradezu triumphierend weiter am Osterhasen und gönnt sich dazwischen ein paar kleine Nougat- Eier. So geht das Essen harmonisch zu Ende.
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Maria aber ist gar nicht begeistert von meinem Erziehungs-Experiment und gibt zu bedenken: «Der arme Bub bekommt Bauchweh und sicher Durchfall!»
«Schoggi gibt höchstens Verstopfung, das weiss man doch», lautet meine kurze Antwort. Sie aber geht zu unserem Nachbarn und Freund Ferdi, selber Vater von drei Kindern, und erzählt im brühwarm die Idee meiner Hasenkur für den armen Bub. Ferdi, ist Psychiater, hat aber auch einige Semester Medizin studiert, er weiss sicher Rat und findet die Kur völlig daneben, hofft Maria. Nachbar Ferdi lächelt aber verschmitzt und gibt Entwarnung: «Nach zwei bis höchsten drei Tagen kann Oliver
die Hasen nicht mehr sehen und freut sich auf ein normales feines Essen.»
* * *
Am Abend, wir essen Ghackets mit Hörnli, ebenfalls ein Lieblingsessen von Oliver. Für ihn habe ich einen extragrossen Teller aufgetischt und ihn überladen mit Schoggi-Eiern und dem schon obligaten Schoggi-Hasen. Als Farbklecks ein paar farbige kleine Zucker-Eili. Doch meine erhoffte Rechnung geht nicht auf, er würdigt unser Essen kaum eines Blickes und macht sich frohgemut an sein süsses Nachtessen. Geschlafen hat er gut, weder Verstopfung noch das Gegenteil.
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Am frühen Morgen meint Maria bestimmt: «Zum Morgenessen gibts aber sicher seine Ovo und nur wenn er will einen Mini-Hasen, wenn überhaupt.» Der Bub wollte! Nur ins Znünitäschli kommt nichts Süsses, meint sie bestimmt und murmelt noch hinterher «Deine Schnappsidee, das dürfen wir niemandem sagen.»
Das Telefon nach dem Mittagessen mit einer leicht besorgten Mutter. Er will keine von den feinen «Brätchügeli» mit Reis und Rahmsauce, sonst immer ein sicherer Wert, er besteht auf einem kleinen Paket mit vier Häslein und den Eiern aus Marzipan.
* * *
Also muss ein «supergluschtiges» Nachtessen her, um den Kampf gegen die Schoggihasen zu gewinnen. Wir probieren es mit seinem absoluten Lieblingsgericht: Cordon bleu mit Pommes frites und Rüebli. Alles schön auf einer weissen Platte mit Silberrand serviert. Der wunderbare Duft des etwas herauslaufenden Käses aus den Cordons bleus und die goldgelben Pommes mit den leuchtend orangen Butter-Rüebli geben ein herrliches Bild ab. Daneben platziere ich die immer noch gut gefüllte Schachtel mit den Oster-Süssigkeiten. «Greif zu, suche dir einen Hasen aus», ermuntere ich Oliver und ebenso lieb frage ich Maria «Darf ich dir so ein wunderbares Cordon bleu servieren?» Oliver scheint ungerührt und greift in seine Schachtel. Sehe ich da ein Zögern? Und siehe da, er schaut mit grossen Augen auf sein Lieblingsfleisch. «Er legt wortlos den Schoggihasen in die Schachtel und fragt zaghaft: «Kann ich auch ein Cordon bleu haben?» Und jetzt schlägt meine pädagogische Stunde - endlich.

«Siehst du dort den farbigen Sack? Da steckst du jetzt alle deine Ostersachen hinein, ich schnüre ihn zu, und wir stellen ihn vor die Haustür.» Ohne mit der Wimper zu zucken, steht Oliver auf, versenkt die Osterhasen-Bande im Plastiksack, und fragt, als ob nichts geschehen wäre: «Wo ist mein Cordon bleu»? Dass ich den Sack zuschnüre und ihn vor die Türe stelle, begleitet vom Satz «Heute Nacht kommt der Osterhase und bringt den Sack armen Kinder, die werden sich freuen», interessiert Oliver gar nicht mehr. «Kann ich jetzt noch etwas Pommes haben bitte?», strahlt er uns an und spiesst fröhlich ein Rüebli auf seine Gabel.
* * *
Das sich Olivers Verlangen nach Schoggi seit diesen Ostern bis heute auf ein vernünftiges Mass eingependelt hat, ist eine Tatsache. Und er erinnert sich, mittlerweile 40 Jahre alt, immer noch an die Hasen-Kur, wie er sie lachend nennt. (Bruno Schlatter-Gomez)

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