Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich

16.05.2018 - 13:48 Uhr

«Stadion: SP handelt gegen Treu und Glauben»


«Ich brauche generell viel Auslauf»: Der 61-jährige Gerold Lauber (CVP) blickt auf sein Wirken zurück. Foto: ls.)

Gerold «Geri» Lauber ist nach zwölf Jahren in Pension gegangen. Der ehemalige Vorsteher des Schul- und Sportdepartements über seine Zweifel an der Wahlstrategie der Bürgerlichen, die Liebe zum FCZ, warum er sich über die SP nervt – und was er von der Walliser Olympiakandidatur hält.

Sie sind ab morgen Donnerstag pensioniert. Zeitgleich ist die CVP nicht mehr im Stadtrat und auch nicht mehr im Gemeinderat vertreten. Tut Ihnen das weh?
Ja, das bedaure ich sehr. Es ist ein trauriger Abschied dieser Partei, die nach der Anerkennung der katholischen Kirche als Staatskirche 1964 den politischen Höhepunkt erlebte. Vor allem das Ausscheiden aus dem Parlament kam sehr überraschend.
Was hat die CVP denn falsch gemacht, dass sie die 5-Prozent-Hürde nicht geschafft hat?
Eigentlich nichts. Ich finde es demokratisch nach wie vor sehr fragwürdig, dass es die 5-Prozent-Hürde gibt. Da geht es um reine Machterhaltung der sonst so demokratiebewussten grossen Parteien wie der SP und der SVP. Richtig ist auch, dass die Stadtpartei/Fraktion der CVP und ich uns in letzter Zeit etwas entfremdet haben.
Hand aufs Herz: Sind Sie im Stadtrat nicht einfach zum linken Politiker mutiert?
(lacht). Sicher nicht. Aber ich brauche generell viel Auslauf in der politischen Mitte. Und die Aufgabe als Stadtrat ist es halt, sich für alle Anliegen einzusetzen. Generell habe ich Mühe mit der Einteilung der Welt in links und rechts.
Trotzdem: Bei den Wahlen ums Stadtpräsidium unterstützten Sie die SP und nicht die FDP. Das tönt nicht nach Liebe zur bürgerlichen Politik.
Ich habe im Stadtrat beide Personen gut kennengelernt. Ich finde, dass Corine Mauch gute Arbeit leistet als Stadtpräsidentin; ich habe sie schon vor vier Jahren unterstützt. Ich habe mich gefragt, wohin die bürgerliche Wende denn führen soll. Zürich ist eine attraktive Stadt mit hoher Lebensqualität. Sich politisch auf Fragen nach Parkplätzen, Verkehr und Sicherheit zu beschränken, greift zu kurz. Die Attraktivität bringt Familien mit Kindern in die Stadt, das ist erfreulich, aber auch eine Herausforderung.
In Ihren «Tagblatt»-Kolumnen fielen Sie mit träfen Sprüchen und pointierten Meinungen auf.
Mein Fazit: Sie wurden ganz offensichtlich gelesen. Ich habe sie stets selber geschrieben. Die Themensuche war nicht immer einfach, sollten eben persönlich bleiben und nicht über interne Tagesthemen berichten. Zwischendurch hat mein «persönlich» auch für nationale Schlagzeilen gesorgt, so etwa die über die Herren Trump oder Erdogan.
Es gab sogar politische Vorstösse.
Ja, die SVP wollte via Schriftliche Anfrage wissen, was der Stadtrat von meinen Kolumnen halte. Dieser hielt sich kurz: Das sei eben meine persönliche Meinung, dazu äussere er sich nicht. Das wiederum hat die SVP verärgert.
Trotzdem stachen Sie aus dem Stadtratsgremium nie besonders hervor. Warum?
Das ist Ihre Feststellung. Richtig ist sicher: Ich hatte nie den Drang, besonders aufzufallen oder die Mikrofone zu suchen. Der öffentliche Auftritt hingegen wurde mir je länger je vertrauter und stiess so öfter auf positive Resonanz – wenn man denn meinen Walliser Dialekt verstand (lacht). An einem Anlass wurde mir von einem Journalisten gar eine zweite Karriere als Comedian vorausgesagt.
Und, steigen Sie nun in Geschäft der Kabarettisten ein?
(lacht). Oh nein, der Weg dorthin wäre lang, und ernsthafte Weiterbildung und Prüfungen werde ich zu meiden wissen.
Warum?
Ehrlich gesagt, habe ich genug Prüfungen in meinem Leben hinter mir (schmunzelt). Es warten zahlreiche andere Aufgaben auf mich: Renovationen in und ums Haus, Heuen hoch über dem Urnersee, Kartoffelacker im Goms, klafterweise Brennholz rüsten, Enkel hüten und faulenzen. Ein vages Ziel schwebt mir noch vor: Latein lernen, Grundkenntnisse und ohne Prüfung, das habe ich verpasst.
Sport spielte nicht nur als Vorsteher des Schul- und Sportdepartements eine wichtige Rolle. Die zwölf Amtsjahre scheinen bei Ihnen fast keine Spuren hinterlassen zu haben. Greifen Sie nun nochmals Ihre Marathonbestzeit von 3 Stunden 20 an?
(schaut prüfend an sich herunter). Es hiess mal, pro Amtsjahr als Stadtrat müsse ich mit einem Kilo zusätzlich rechnen. Stimmt bei mir nicht, ich bin immer noch zirka gleich schwer wie mit 20 Jahren. Doch die Bestzeit von 3:20 werde ich wohl nicht mehr knacken, was mir aber egal ist. Viel wichtiger ist, gesund zu bleiben, ich versuche dies durch mehr Sport. Zum 60sten schenkte mir die Familie ein Mountainbike, auf dieses werde ich mich vermehrt schwingen, irgendwo in den Alpen.
Nochmals zu Ihren zwölf Amtsjahren zurück: Sie schafften Sie es, die Wartelisten für Tagesschulplätze auf null zu reduzieren. Gibt es im Schulbereich nun gar keine Wartelisten mehr?
Ja, das haben wir tatsächlich geschafft, Wartelisten gibt es schon lange nicht mehr. Die Anzahl Betreuungsplätze haben wie seit 2006 von 6300 auf 17 000 fast verdreifacht. Es besteht hierzu auch ein rechtlicher Anspruch, aufgrund der vom Volk angenommenen Initiative «Kinderbetreuung konkret» und des Volksschulgesetzes.
Bis in sieben Jahren soll es aber rund ein Viertel mehr Schüler geben. AL, sowie neuerdings auch FDP und CVP, kritisieren, dass die Schulraumplanung zu langsam und zu kompliziert sei.
Es stimmt, dass pro Jahr bis zu 1000 Schüler, das heisst 50 Klassen hinzukommen. Das ist eine der erwähnten Herausforderungen. Zürichs Fläche wird nicht grösser, die Nachfrage steigt. Wir werden wohl auch umdenken müssen. Beim Schulhaus in der Greencity in Wollishofen müssen wir zum Beispiel anders planen, der Fussabdruck wird kleiner und der Pausenplatz kommt aufs Dach.
Aber dass es oft zu langsam geht, da stimmen Sie zu?
(zögert kurz). Es gibt Prognosen, und nach diesen wird geplant. Das Schul- und Sportdepartement bestellt Schulraum, das Hochbaudepartement sorgt für die Umsetzung. Das dauert halt. Die Forderung, man könne die Planungszeit halbieren, halte ich für unrealistisch.
Und die Idee von Normschulhäusern?
Mit den Zürich-Modularbauten haben wir genormten Schulraum. Für dauernde Schulhäuser scheint mir das nicht realistisch. Areal, Topografie, Nachbarschaft und Bedürfnisse sind immer sehr unterschiedlich. Deshalb als Idee nachvollzieh-, aber kaum realisierbar.
Die Schulkreispräsidenten haben sehr viel Macht, mehr Macht als der Schulvorsteher. Ist das nicht ein Handicap?
(seufzt). Ich habe bereits vor zwölf Jahren die Strukturen hinterfragt. Die jetzige Situation ist zu akzeptieren und kann wohl auch mittelfristig kaum verändert werden im Rahmen des kantonalen Rechts. Die Strukturen sind sehr kompliziert: Stadtrat, 7 Schulpräsidien und pro Kreis 25 Schulpfleger, alle vom Volk gewählt. Das lässt sich kaum erklären und ist sicher nicht optimal. Ich halte aber auch fest: Die Zusammenarbeit zwischen mir und dem Schulamt einerseits und den Präsidentinnen und Präsidenten andererseits ist heute sehr gut.
Zu Ihrer Zuständigkeit gehören auch Sportplätze und -hallen. Vor allem beim Fussball passiert aber wenig bis nichts.
Ihre Einschätzung ist völlig falsch. Wir haben in den letzten Jahren für Millionen Allwetterplätze für den Fussball gebaut, viele Anlagen erneuert, Schwimmbäder und Mehrfachhallen gebaut, Skateranlagen erstellt. In ähnlichem Umfang planen wir aufgrund des Wachstums Sportinfrastruktur für die nächsten Jahre. Verschiedene Fussballanlagen werden in den kommenden Jahren ausgebaut, mit Kunstrasenfeldern ergänzt und mit neuen Garderobengebäuden versehen, um nur ein Beispiel zu nennen.
Wenn es so viel mehr Schüler gibt, gibt es bei den Schulschwimmbädern nicht einen Engpass?
Viele der Schulschwimmbäder sind aus den 60er-Jahren und müssen saniert werden. Auch dies ist eine Herausforderung. Am obligatorischen Unterricht in der Stadt möchten wir unbedingt festhalten. Aber: Der Bund erklärt nur den Turnunterricht (noch) für obligatorisch!
Eine Pendenz bleibt nach Ihrem Rücktritt: Ein neues Fussballstadion.
(seufzt). Noch bin ich zuversichtlich, dass es klappen wird. Aber die Einwände der SP, dass es deutlich mehr Genossenschaftswohnungen geben soll, sind unfair.
Warum?
Im aktuellen Projekt sind mehr Genossenschaftswohnungen eingeplant als im letzten und mehr als die SP bislang akzeptierte. Diese Haltung geht für mich gegen Treu und Glauben, hat etwas Erpresserisches, wenn auch nicht im strafrechtlichen Sinn. Die SP hat die letzten Wahlen gewonnen, nun lebt sie die Position der Stärke aus. Das kommt nicht gut – nach den letzten ist vor den nächsten Wahlen!
Unabhängig vom Stadion: Sind Sie eigentlich mehr für den FCZ oder für GC?
(lacht). Jetzt, als Privatperson, kann ich mich outen: Vorteil FCZ.
Schlussfrage an Sie als Walliser: Was halten Sie von deren Olympiakandidatur?
Die Walliserinnen und Walliser stimmen am 10. Juni ab. Der Ausgang ist offen. Ich würde ein Ja einlegen. Bund, Kanton und Sitten werden die Verträge unterzeichnen, es wird eine juristische Person gegründet, die für die Organisation und Durchführung verantwortlich wird, und – entscheidend – es wären Spiele zurück im Schnee und in den Alpen. Ob Letzteres aber bei den Verantwortlichen im IOC nicht nur Lippenbekenntnis ist, wird sich weisen. Ich zweifle, diese Hürden sind höher als die Walliser Alpen. (ls./pm.)

< Grosse Rochade im Stadtrat

Anzeigen

Galerien

Aktuelle Ausgaben

Züriberg vom 24. Mai 2018
Zürich 2 vom 24. Mai 2018
Zürich Nord vom 24. Mai 2018
Zürich West vom 24. Mai 2018
Küsnachter vom 17. Mai 2018
Küsnachter Amtlich vom 17. Mai 2018

Sonderzeitungen

Abenteuer Stadt Natur 2018
Tonhalle
Lionstag
Abenteuer Stadt Natur 2017
Literaturforum booXkey
Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Stadt-Anzeiger Glattfelder Kilchberger