Züriberg Zürich 2 Zürich Nord Zürich West Zürich West mit Quartierecho Küsnachter Küsnachter Amtlich

11.06.2019 - 17:00 Uhr

Als das Establishment Prügel verteilte


«Der Rahmen der öffentlichen Debatte war 1957 eng, eine Analyse unmöglich», sagt Rafael Lutz, der Buchautor, zum damaligen Zeitgeist. Er hat die Ereignisse um die Auseinandersetzungen aufgearbeitet. (Foto: ls.)

Ein neues Buch beleuchtet ein dunkles Kapitel aus dem Kalten Krieg: Eine von der Polizei und der Politik gebilligte und durchaus orchestrierte Prügelei beim Bahnhof Zürich-Enge 1957.

Tatort Bahnhof Enge. Ein gegen 400-köpfiger Mob wartet auf eine Handvoll junger Leute, die von den «Weltfestspielen der Jugend und Studenten» aus Moskau zurückkehrt. Die Stimmung ist aufgeheizt durch martialische Medienvorschauen, ein Jahr nach dem Niederschlagen des Ungarnaufstands durch die damalige Sowjetunion (UdSSR). Als der Zug direkt aus Moskau am 11. August 1957 eintrifft, eskaliert die Situation. Die Rückkehrer werden angegriffen, verprügelt und mit Waffen bedroht. Koffer werden angezündet und die «Moskauwallfahrer» in Zeitungen wie der «NZZ» und den «Luzerner Neusten Nachrichten» an den Pranger gestellt. Nicht wenige Teilnehmer haben bei der Rückkehr die Kündigung ihres Arbeitgebers im Briefkasten.
Bemerkenswert ist, dass das ganze politische Establishment bei der Hetze gegen die Teilnehmer mitmacht sowie die Medien – zumindest im Vorfeld und dem Zeitgeist entsprechend. Auch die Sozialdemokraten billigen die Übergriffe. Alles unter dem Stichwort «Antikommunismus» und «Kalter Krieg».
Nachträglich wurde die «Krawallnacht» von einigen Zeitungen wie dem «Tages-Anzeiger» kritisiert. Trotzdem: Aus heutiger Sicht mutet diese «orchestrierte Prügelei» absurd und skandalös an. «Der Rahmen der öffentlichen Debatte war 1957 eng, eine Analyse unmöglich», sagt Rafael Lutz dazu. Er ist der Autor des neuen Buches «Heisse Fäuste im Kalten Krieg». Den Tipp zur Recherche hat ihm der Zürcher Psychoanalytiker Mario Gmür (72) gegeben, der für das Thema durch seine russisch-jüdische Mutter sensibilisiert wurde.

Hetze gegen Festivalteilnehmer
Das Buch beschreibt erstmals im Detail, was genau an jenem Sommerabend vor 62 Jahren geschah. Lutz, der als Redaktor bei der Zeitung «Der Tösstaler» arbeitet, hat viele Archive durchforstet und mit Zeitzeugen gesprochen. Als «genial» bezeichnet er die vorgefundenen Unterlagen im Stadtarchiv Zürich. Speziell waren die vielen Polizeirapporte, die er bei der Stadtpolizei, der Kantonspolizei, der Kriminalpolizei und der Bundespolizei vorfand. «Immerhin sind sie noch vorhanden», so Lutz. Es sei unklar, ob wirklich alles noch aufbewahrt sei von damals. Positiv für Lutz war, dass er nur wenige Gesuche stellen musste, um an die Dokumente zu gelangen.» Besonders schockierend war für den 31-jährigen Soziologen die Tatsache, dass fast alle Zeitungen über Wochen gegen die Festivalteilnehmer hetzten und viele selbst die Gewalt billigten.
«Einige feierten dies sogar regelrecht», so Lutz. «Dabei wurden an jenem Abend auch Passagiere vermöbelt, die «nicht im Entferntesten etwas mit dem Festival zu tun hatten», wie man in einem «Tages-Anzeiger»-Artikel 30 Jahre später lesen konnte. Lutz: «Die Behörden entschuldigten sich für das Verhalten der Radaubrüder bei einem jungen Amerikaner, der danach so verwirrt war, dass er sein Hotel nicht mehr fand.»
Warum denn war damals Sowjetunion das Feindbild Nummer 1? Laut Rafael Lutz war schon ab 1918 die Angst im Westen vor einer russischen Weltrevolution gross. Und obwohl Russland massgeblich zum Sieg über Hitler-Deutschland 1945 beitrug, wurden die Feindseligkeiten laut Lutz rasch grösser. «Prägend war vor allem der blutige Ungarn-Aufstand 1956. Ungarn hat ganze Generationen von Schweizer Politikern beeinflusst». So etwa die spätere Bundesrätin Elisabeth Kopp und SP-Gewerkschafter Walter Renschler. Dabei sei der Sowjet-Kommunismus damals oft gleichgesetzt worden mit Nationalsozialismus. «Alle Heimkehrer beim Bahnhof Enge wurden als Komplizen des totalitären Sowjetsystems verunglimpft», so sein Fazit. Lutz findet, dass der Kampf gegen die vermeintlich bösen Kommunisten immer mehr auf Kosten der Freiheit der eigenen Bevölkerung geführt wurde. Das habe sich gesellschaftlich durchgezogen bis zum Fall der Mauer 1989.

Aufruf in Twitter-Manier
Doch zurück zur antikommunistischen Krawallnacht. Eine besondere Rolle spielte das legendäre Leuchtschriftband am Bahnhofplatz – an der Fassade des damaligen Habis-Royal-Hauses. Zu lesen waren handfeste Kurztexte wie «Die Schweizer Moskauwallfahrer kommen heute Abend um 22.25 in Zürich-Enge an. Wie wird sie die Zürcher Bevölkerung empfangen?» Die Texte – ganz in heutiger Twitter-Manier – führten zu entsprechend hohem Aufsehen.
Was erhofft sich Rafael Lutz von seinem Buch? «Eine offizielle Entschuldigung bei den Betroffenen wäre fantastisch, aber ich mache mir keine Illusionen», so Lutz. Möglich sei aber, dass dank diesem Buch «die unterdrückten Moskaureisenden ins kollektive Gedächtnis gerückt werden, das haben sie verdient». Zudem wünscht er sich, dass «die Ausgrenzung Andersdenkender ein breiter diskutiertes Thema in der öffentlichen Debatte wird». (ls./ Foto: ls.)

Rafael Lutz: Heisse Fäuste im Kalten Krieg. Antikommunistischer Krawall beim Bahnhof Zürich Enge 1957. Mit Texten von Ueli Mäder und Mario Gmür, 132 Seiten, gebunden, 14 Fotografien s/w, Preis: 29 Franken. Eine Lesung mit Rafael Lutz, Ueli Mäder und Mario Gmür findet am Sonntag, 7. Juli in der Reithalle Bern statt.

< Miniaturmalerei steht im Fokus

Anzeigen

Galerien

Aktuelle Ausgaben

Züriberg vom 19. September 2019
Zürich 2 vom 19. September 2019
Zürich Nord vom 19. September 2019
Zürich West vom 19. September 2019
Küsnachter vom 19. September 2019
Küsnachter Amtlich vom 19. September 2019

Sonderzeitungen

Abenteuer Stadt Natur 2019
Ausstellungsführer Neuer Norden 2018
Neuer Norden 2018
Abenteuer Stadt Natur 2018
Literaturforum booXkey
Partnerpublikation der Lokalinfo AG
Stadt-Anzeiger Glattfelder Kilchberger Klotener Anzeiger Volketswiler Nachrichten